Schlagwortarchiv für: Ausgabe 07/2023

Jetzt bloß nicht wegducken!

Als „ChatGPT“ plötzlich in aller Munde war, bekamen die Mitarbeitenden eines mittelständischen Unternehmens von ihrer Geschäftsführung folgende Mail: „KI (Künstliche Intelligenz) und entsprechende Tools haben seit einiger Zeit unser aller Aufmerksamkeit. Wir ermuntern alle, sich neugierig und offen mit den Möglichkeiten von KI zu befassen, Tools auszuprobieren und auch Vorschläge zu unterbreiten. Dabei sollte der sorgsame Umgang gleichzeitig oberste Priorität haben (…)“.

Zudem verwies die Geschäftsführung auf eine Guideline, die sich im Anhang der Mail befand, sowie auf eine extra eingerichtete Mailadresse, an die Mitarbeitende ihre Fragen rund um KI schicken konnten.

Als ich diese E-Mail zu Gesicht bekam, war ich beeindruckt. Augenscheinlich entschied sich die Unternehmensleitung – trotz aller Unsicherheiten – für einen offenen Umgang mit dem Thema Künstliche Intelligenz.

Natürlich wird KI schon seit Längerem in der Wirtschaftswelt eingesetzt. Aber bis zum Herbst 2022 ist der durchschnittliche Mitarbeitende eher nicht mit ihr in Berührung gekommen. Mit dem Aufkommen der „Generative Pre-trained Transformer“ (GPT)-Reihe von KI-Modellen hat sich das geändert. Nun kann KI auch den „normalen Büroangestellten“ die Arbeit erleichtern: zum Beispiel bei der Textverarbeitung, der Datenanalyse, der Recherche von Themen, bei der E-Mail-Kommunikation oder der Erstellung von Präsentationen.

Einen Rahmen setzen, um die Diskussion zu ermöglichen

Mit der Veröffentlichung von ChatGPT hat das Thema Künstliche Intelligenz in den Unternehmen einen unglaublichen Schub bekommen, gerade weil jetzt auch das Top-Management in den Organisationen hellhörig geworden ist. KI ist nun nicht mehr nur das Thema der IT-Nerds. Wirklich alle Fachexperten, die sich mit KI beschäftigen, sagen: Die Veränderungen der Arbeitswelt werden enorm sein.

Eine wesentliche Frage für alle Spitzenmanagerinnen und Unternehmenslenker muss deshalb sein, wie man die Mitarbeitenden an diese Veränderungen heranführt: Was müssen sie wissen? Wie fördert man die Neugierde für KI? Wie unterstützt man das spielerische Ausprobieren? Was braucht es, um die Zusammenarbeit von KI und Mensch bestmöglich zu gestalten? Wie adressiert man Ängste? Es geht jetzt darum, zumindest den Rahmen zu setzen, damit die Diskussion in den Unternehmen rund um KI möglich wird – und eben vielleicht auch das Ausprobieren und Lernen. Für fatal halte ich es, die Datenschutzproblematik, die es zweifelsohne gibt, vorzuschieben, um den Umgang der Mitarbeitenden mit KI gar nicht erst möglich zu machen.

Es gibt aber glücklicherweise schon heute eine Menge Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden an die KI-Technologie heranführen.

Die Berliner Stadtreinigung hat beispielsweise Ende September die „Future Work Week“ veranstaltet zum Thema „Digitales Arbeiten“, bei der es in den zahlreichen Sessions auch ganz viel um den Umgang mit Künstlicher Intelligenz ging.

Das Drogerieunternehmen dm hat im August mitgeteilt, dass es einen unternehmenseigenen KI-Chatbot für die Mitarbeitenden entwickelt hat. dmGPT bietet einen ähnlichen Funktionsumfang wie ChatGPT und nutzt die gleiche Technologie im Hintergrund. dmGPT läuft jedoch ausschließlich auf der dm-Infrastruktur. „Die Nutzerinnen und Nutzer können individuell Aufgaben an dmGPT abgeben, sei es die Bearbeitung von Texten, die Unterstützung bei der Programmierung, das Ausbessern von Programmfehlern oder die Erstellung von Konzepten.“

Ebenso hat Bosch ein eigenes KI-Sprachmodell angekündigt. BoschGPT soll unter anderem auf der Basis aller Informationen in der hauseigenen Datenbank den Mitarbeitenden Antworten geben. Bislang ist das Bosch-Wissen in der Datenbank nur über Schlagwörter auffindbar.

Solche unternehmenseigenen KI-Modelle werden mit Sicherheit zunehmen. Sie werden normale Werkzeuge für die Mitarbeitenden. Und das ist gut so. Denn so wird ein notwendiger Anfang gesetzt, damit sich die Mitarbeitenden mit den nächsten Entwicklungen leichter vertraut machen können. [JCW]

 

Als Chefredakteur von changement! schaut Jan C. Weilbacher kritisch auf Themen rund um Transformation und Change Management. (Bild Jan C. Weilbacher)

Ihre Meinung an chefredaktion@changement-magazin.de

 

Fünf Fragen an Helen Reck, Konzernvorständin, HUK-COBURG

Bislang hat sich im Change Management noch kein Konzept als ultimativ richtig erwiesen. Veränderungen in Organisationen verlaufen höchst unterschiedlich. Deshalb sind die Erfahrungen, Erlebnisse und Eindrücke der Verantwortlichen auch so verschieden. Uns interessiert die persönliche Perspektive von erfolgreichen Managern und Managerinnen. Diesmal stellt sich Helen Reck unseren fünf Satzeröffnungen.

Meine bislang größte/wichtigste Business Transformation war …

… die Neuaufstellung eines großen Konzerns, dem mehr als die Hälfte seiner Einnahmequellen wegfielen. Er stand mit dem Rücken zur Wand. Wir haben ein profitables, neues Geschäftsmodell entwickelt.

Veränderungen von Unternehmen sind aus meiner Erfahrung im Wesentlichen geprägt durch …

… Schon immer war positive Veränderung geprägt von guter Analyse, smarten Köpfen und – in der Umsetzung – durch all die Menschen, die sie treiben. Aber heute reicht das allein nicht aus. Ein Problem „in sich“ zu betrachten, ist nicht genug. Denn Rahmenbedingungen können sich unglaublich schnell ändern. Man denke nur mal an die jüngsten Beispiele: KI, Corona, Krieg, Lieferengpässe – Entwicklungen kamen in kürzester Zeit und teilweise fast über Nacht. Und Nachhaltigkeit bei fast jeder Fragestellung mitzudenken, gilt sowieso.

Deswegen klappt es nicht mehr, ein sauberes Konzept zu erarbeiten und dieses auszurollen. Veränderungsumsetzung ist nicht „linear planbar“. Man muss mit seinen Maßnahmen anpassungsfähig bleiben, sich verändernde Rahmenbedingungen kontinuierlich mitdenken und entsprechend agil vorgehen.

Die Veränderungsgeschwindigkeit steigt exponentiell an. Positiv umformuliert:

Veränderung wird nie wieder so langsam vonstattengehen wie heute.

Deswegen: Aufspringen und einfach machen.

Die wichtigsten Erfolgsfaktoren von Change Management sind für mich …

1) Den Kundennutzen verstehen

Am wichtigsten ist es, den Kundennutzen zu verstehen. Das bedeutet, mit einer sauberen Analyse zu beginnen.

Welches Problem lösen, welchen Kundennutzen stiften wir?
Diese Analyse ist nur der erste Schritt. Mathematisch ausgedrückt: Sie ist notwendig, aber bei Weitem nicht hinreichend.

2) Die Mitarbeitenden mitnehmen

Zur Umsetzung braucht es Menschen. Das heißt eigentlich immer: viel kommunizieren. Überzeugen (nicht überreden) und über die Ebenen hinweg nachhalten. Sonst ereilt Unternehmensstrategien das gleiche Schicksal wie das australische Wetterphänomen Virga: Virga ist ein Regen, der sich aus den Wolken löst, aber nie den Erdboden erreicht.

Übertragen auf den Unternehmenskontext: Unternehmensstrategien bleiben dann irgendwo zwischen Vorstandssitzungszimmer und operativer Ebene hängen und verdunsten – und erreichen nie die Arbeitsebene, wo sie umgesetzt werden sollten.

3) Einen langen Atem bewahren und dranbleiben

Veränderungen sind meistens Langstreckenläufe, keine Sprints. Wobei agile Sprints meiner Erfahrung nach gut dazu geeignet sind, die Motivation in einem solchen Langstreckenlauf hochzuhalten.

Nicht alles gelingt. Was ich bei Veränderungen in meiner Verantwortung künftig anders machen werde oder was ich durch Lernen aus früheren Fehlern heute bereits anders mache, ist …

… Ich habe vor fast 20 Jahren meinen Werdegang bei der Unternehmensberatung McKinsey begonnen. Was man als Beraterin unter anderem lernt, ist ein Handwerkszeug, das jede und jeder braucht: grundlegende strategische Analyse. Berater können manchmal dazu neigen zu denken: „Jetzt haben wir doch analysiert und aufgeschrieben, was man machen muss, jetzt muss man das doch nur noch umsetzen.“

Dieses „nur noch“ ist falsch. 90 Prozent der Arbeit fängt dann erst an. Erfolgreiche Veränderung kann immer nur durch und mit Menschen klappen, die diese umsetzen. Diesen Faktor kann man gar nicht zu hoch einschätzen.

Mein persönlicher Tipp an eine Führungskraft, die Verantwortung für ein Veränderungsprojekt übernimmt, lautet:

  1. Das Wichtigste ist: beim Geschäft bleiben bzw. beim Problem, das es zu lösen gilt. Veränderung darf kein Selbstweck sein.
  2. Co-Creation: das heißt, erarbeite die Lösung mit den Betroffenen zusammen, das macht das Ergebnis lebensfähig – und auch robuster gegenüber sich ändernden Rahmenbedingungen, weil mehrere Blickwinkel zusammenkommen.
  3. Keine Angst vor KI: neue Tools nutzen und einfach mal ausprobieren.

… und last, but not least: genug schlafen. Das würde ich jedem empfehlen, nicht nur einer Führungskraft im Veränderungsprojekt.

 

 

Autorin

Dr. Helen Reck
verantwortet als Konzernvorständin bei der HUKCOBURG „People & Culture“, Recht, Compliance und den Operations-Bereich Konzernservices. Ihr Ressort hat sie konsequent an der Geschäftsstrategie der HUK-COBURG ausgerichtet. Begonnen hat sie ihre Karriere als Unternehmensberaterin bei McKinsey& Company. Später war sie unter anderem Head of HR bei der internationalen Großkanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer.
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Ihnen hat das Format „5 Fragen an…“ gefallen? Hier finden Sie einen weiteren Beitrag dazu: „5 Fragen an Anna-Theresa Korbutt, Hamburger Verkehrsverbund“.

Lange ist das Thema Lernen in den Unternehmen vernachlässigt worden. Im Zuge der zunehmenden Veränderungsgeschwindigkeit ist mittlerweile aber auch auf den Top-Managementebenen angekommen, dass nur eine lernende Organisation eine überlebens- und zukunftsfähige Organisation ist. Hier sind deshalb fünf mögliche erste Schritte, um eine förderliche Lernkultur zu etablieren.

„Wir brauchen eine Lernkultur“ ist dieser Tage immer wieder zu hören. Und eigentlich geht mit diesem Satz das Problem schon los. Denn eine Lernkultur haben alle Organisationen. Die Frage ist eher, ob diese Lernkultur für die individuellen und organisationale Entwicklung förderlich ist.

Förderlich bedeutet, dass sich Organisationen und die Menschen, die diese Organisationen tragen, stetig weiterentwickeln müssen. Das ist keine neue Idee, aber sie wird in Zeiten der digitalen Netzwerkgesellschaft in einer Welt, die von permanenten disruptiven Ereignissen geprägt ist, nicht nur wichtiger, sondern existenziell notwendig.

Die Lebensdauer von Unternehmen ist in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch geschrumpft. Die Hälfte aller börsennotierten Unternehmen verschwindet innerhalb eines Jahrzehnts. Nur eine lernende Organisation ist eine überlebens- und zukunftsfähige Organisation. Was ist also zu tun, um eine förderliche Lernkultur zu etablieren?

1. Lernen muss Thema des Top-Managements sein

Viel zu häufig arbeiten sich irgendwo unter HR angesiedelte „Learning & Development-Bereiche“ an kleinen Maßnahmen ab, um die Lernkultur zu gestalten. Die Schlagkraft ist gering und die Wirksamkeit eingeschränkt. Eine Lernkultur betrifft die gesamte Organisation und geht weit über die klassische Personalentwicklung hinaus.

Da heute oft nicht klar ist, was Menschen morgen können müssen, muss Lernen selbstverantwortlicher werden und kann nicht mehr nur durch die Personalentwicklung gesteuert werden. Daher:

Lernen sollte in der Unternehmensstrategie verankert sein und dementsprechend prioritär behandelt werden.

Ein schönes Beispiel ist die öffentliche Aussage des Microsoft-CEOs Satya Nadella, die die angestrebte Lernkultur und -haltung des Unternehmens beschreibt: „Don’t be a know-it-all. Be a learn-it-all.“

2. Die Lernkultur analysieren und Ableitungen treffen

Analyse

Jede Organisation hat ihre eigene Lernkultur. Diese zu verstehen, ist notwendig, um zu entscheiden, an welchen Stellen Veränderungen des organisationalen Lernens notwendig und möglich sind. Auch hier gilt, dass eine reine Analyse der Personalentwicklungsinstrumente einer Organisation nicht ausreicht. Wer Kultur verstehen will, muss sich mit drei Ebenen beschäftigen:

  • Grundannahmen: Welche Glaubenssätze haben die Menschen in der Organisation über das Lernen?
  • Werte und Normen: Wie kommt das Lernen in Leitlinien, Strategien, Ziele und anderen handlungsleitenden Praktiken zum Ausdruck? Werden diese gelebt und wenn ja, wie?
  • Artefakte: Wie manifestiert sich die Lernkultur sicht- und hörbar beispielsweise in Strukturen, Routinen, Prozessen, Lernformaten?

Stellhebel identifizieren

Nachdem der Ist-Stand klar ist, geht es darum, wirksame Stellhebel zu identifizieren. Hierbei gilt es, die Organisation ganzheitlich zu betrachten, um lernförderliche Maßnahmen zu identifizieren:

  • Führung: Wie können Führungskräfte ihr Team bei der Weiterentwicklung unterstützen und selbst eine Vorbildrolle einnehmen?
  • Produkte und Services: Welche Lernformate und digitalen Services muss die Organisation zielgruppenspezifisch anbieten?
  • Orte und Räume: Wie können Orte so gestaltet werden, dass sie Lernen fördern?
  • Verantwortung und Struktur: Wie können Strukturen (auch zeitlich) geschaffen werden, die Lernen zum integralen Bestandteil der Arbeit machen?
  • Prozesse und Methoden: Wie können lernförderliche Prozesse und Methoden etabliert werden?
  • Ressourcen und Fähigkeiten: Wie können Mitarbeitende dabei unterstützt werden, „Lernen zu lernen“?
  • Orientierung und Selbststeuerung: Wie können Mitarbeitende empowert werden, das eigene Lernen selbstorganisiert in die Hand zu nehmen?

3. Etablierung psychologischer Sicherheit und einer Fehlerkultur

Fehler- und Lernkultur gehen Hand in Hand. Jegliches Feedback-Format wird seinen Erfolg verfehlen, wenn keine psychologische Sicherheit besteht. Das bedeutet eine Arbeitsatmosphäre, in der Menschen offen kommunizieren, Fehler zugeben und Fragen stellen dürfen.

Um in unsicheren Zeiten lernen zu können, muss es möglich sein, Fehler zu machen und daraus lernen zu dürfen. Dies zu erreichen, ist Führungsaufgabe. Führungskräfte müssen verstehen, wie wichtig psychologische Sicherheit und Umgang mit Fehlern für das effektive Lernen im Team sind. Und sie müssen Möglichkeiten kennenlernen, diese im Team zu etablieren. Darüber hinaus sind Prozesse und Methoden zu identifizieren, die die Fehlerkultur in der Organisation stärken können (zum Beispiel regelmäßige Feedback-Formate).

4. Empowerment und Selbstverantwortung stärken

Ohne Empowerment funktioniert keine Selbstorganisation. Es geht darum, Mitarbeitende dabei zu unterstützen, herauszufinden, was sie lernen müssen und was die besten Formate und Prozesse dafür sind. Die meisten von uns müssen das „Lernen lernen“.

Aber es geht auch darum, das Entwicklungspotenzial in jeder Person zu erkennen und individuelle Stärken zu fördern. Dieses Zutrauen in die eigene Lernfähigkeit ist eine notwendige Voraussetzung in Bezug auf jeden Menschen und wird häufig als „Growth Mindset“ beschrieben. Zusätzlich haben Führungskräfte die Aufgabe der Lern- und Entwicklungsunterstützung und damit eine große Verantwortung. Auch ist es notwendig, Orientierung zu geben, zum Beispiel in Form einer klar kommunizierten Lernstrategie.

5. Strukturen und Lernprozesse anpassen

Natürlich dürfen auch vielfältige Lernformate und -angebote nicht fehlen. Eine funktionierende Lerninfrastruktur gehört genauso dazu wie zielgruppenorientierte Lernprodukte. Wichtig bei alldem ist, dass der Rahmen und die Zeit für das Lernen gegeben sind und es Prozesse und Standards gibt, um das (selbstorganisierte) Lernen zu organisieren und evaluieren zu können.

Insgesamt wird deutlich: Lernkulturentwicklung ist wie jedes Kulturprojekt kein Sprint, sondern ein Marathon. Doch es lohnt sich, die Kilometer in Angriff zu nehmen, um langfristig erfolgreich zu sein und seine Mitarbeitenden zu binden.

 

 

 

Autorin

Johanna Voigt
ist Co-Leiterin des Bereichs „Enable Development & Leadership“ bei der Transformationsberatung HRpepper Management Consultants. Ihre Vision ist es, Lernen in der vernetzten Arbeitswelt zu ermöglichen, die von dauerhafter Veränderung geprägt ist. In ihrer Beratungstätigkeit begleitet sie Organisationen von der Lernstrategieentwicklung bis zur Umsetzung konkreter Befähigungsformate.
»Johanna bei LinkedIn

Die Führungskraft ist entscheidend

Inga Dransfeld-Haase ist Präsidentin des Bundesverbands der Personalmanager:innen sowie Mitglied des Vorstands der BP Europa SE. Im Interview spricht sie über die Personalarbeit in Bezug auf Frontline-Mitarbeitende, wie man Beschäftigte in Raffinerien, Schmierstofffabriken und Tankstellen erreicht und welche Relevanz die Transformation des Energieunternehmens für die Kompetenzentwicklung hat.

Mit Blick auf die Mitarbeitenden wird häufig zwischen „Blue Collar“ und „White Collar“ unterschieden. Macht eine solche Unterscheidung der Zielgruppen im Rahmen der Personalarbeit aus deiner Sicht überhaupt Sinn?

Ich mag diese Unterscheidung nicht so gerne. Mir ist es lieber, nach den Bedürfnissen zu differenzieren und zu fragen: Was ist notwendig? Die Produktionsmitarbeitenden lassen sich nicht alle in einen Topf packen und sind keine harmonische Gruppe, sondern es sind Mitarbeitendengruppen mit zum Teil unterschiedlichen Bedürfnissen und Erwartungen, wobei sicherlich – wie bei allen anderen Beschäftigten – Respekt, Wertschätzung und Augenhöhe im Miteinander die Basis bilden.

Hinter dem Begriff „Blue Collar“ verbirgt sich für mich eine Vielzahl von unterschiedlichen Gruppen. Ich würde dazu nicht nur die Produktion zählen, sondern auch Service und technische oder handwerkliche Tätigkeiten. Bei BP sprechen wir deshalb auch von Frontline Workern.

Und ja, natürlich gibt es Dinge, die die Arbeit in diesen Bereichen prägt und die es bei klassischen Bürotätigkeiten in der Regel nicht gibt. Ich denke an die Notwendigkeit des Vorortseins, die Schichtdienste und die nicht ständige Erreichbarkeit. In der Regel haben Frontline-Mitarbeitende eine klar geregelte Tätigkeit, der sie acht Stunden nachgehen, und anschließend geht es nach Hause. Die Bedürfnisse sind häufig etwas anders als bei den kaufmännischen Berufen.

So können in Ländern, in denen BP Tankstellen betreibt, Mitarbeitende nicht sagen, dass sie noch mal schnell die E-Mails fertig machen, bevor sie sich um die Kunden kümmern. Und in den großen Raffinerien und Schmierstoffwerken mit sehr vielen Mitarbeitenden arbeiten Menschen mit unterschiedlichen Kulturen und Bildungsniveaus zusammen und dies muss entsprechend berücksichtigt werden.

Insgesamt bringt diese Zielgruppe für die Personalarbeit eine gewisse Komplexität und auch Limitierungen mit sich – beispielsweise in Bezug auf die Kommunikation oder das Change Management –, wenn es darum geht, wirklich alle vor Ort zu erreichen.

Meiner Erfahrung nach wird den Blue-Collar-Mitarbeitenden und ihren Bedürfnissen in der Personalarbeit der Unternehmen immer noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Wie siehst du das?

Es hat sich eine ganze Menge zum Positiven gewandelt. Im Verband haben wir im Zuge der Corona-Pandemie und ihrer Auswirkungen von der „Verletzlichkeit der Ressource Mensch“ gesprochen und dieser Begriff hat sich festgesetzt. Das heißt, der Einzelne ist wichtig.

In der Krise ist deutlicher geworden, wer wirklich systemrelevant ist, um Betriebe am Laufen zu halten.

Es hat ein generelles Umdenken stattgefunden und der Blue-Collar-Bereich hat eine Aufwertung erfahren.

Es mag immer noch sein, dass in manchen Unternehmen die Bedürfnisse der Frontline-Mitarbeitenden nicht adäquat und ausreichend adressiert werden. Das hat aus meiner Sicht viel damit zu tun, dass diejenigen, die in der Personalarbeit Konzepte erstellen, nicht genügend in der Erlebniswelt der Produktionsmitarbeitenden unterwegs sind.

 

Verbandsprofil

BPM

Der Bundesverband der Personalmanager:innen (BPM) ist mit knapp 5.000 Mitgliedern eine berufsständische Vereinigung für Personaler:innen aus Unternehmen, Verbänden und anderen Organisationen. Der Verband fördert den Wissensaustausch und die Vernetzung unter HR-Professionals, leistet aktiv Imagearbeit für Personalmanager:innen und vertritt ihre Interessen gegenüber Politik und Medien.

 

Wie kann man diesem Dilemma begegnen?

Es ist wichtig, dass die Mitarbeitenden in die Konzeption einbezogen werden, dass sie ihre Perspektiven einbringen können oder gar Konzepte codesignen.

Bei BP wissen wir beispielsweise ganz genau – auf Basis des Austauschs mit den Mitarbeitenden –, wie viel Zeit Beschäftigte in Schichtarbeit wirklich haben und über welche Medien sie erreichbar sind – oder eben nicht. Die Instrumente können je nach Zielgruppe sehr unterschiedlich sein.

Du hast gesagt, dass sich einiges gewandelt hat in Bezug auf Blue Collar. Gilt das auch für das Thema Führung und die Führungskräfteentwicklung in dem Bereich? Gerade in der Produktion war es doch lange so, dass vor allem die fachlich Besten in Führungspositionen gekommen sind. Auf soziale Fähigkeiten wurde in den meisten Organisationen lange nicht geschaut.

Die Einschätzung, dass der Produktionsbereich in Sachen Führung nachrangig behandelt wurde, kann ich nicht teilen. Bei Nordzucker, wo ich vor BP tätig war, gab es schon sehr früh selbstorganisierte Teams in der Produktion und einen modernen Führungsansatz. Das Zuckergeschäft ist ein Kampagnengeschäft, das heißt, es wird an circa 120 Tagen rund um die Uhr 24 Stunden lang produziert und im Anschluss folgt die Instandhaltungsphase.

Die Frage, wie die Arbeit in der Instandhaltung organisiert wird, ist also eine ganz entscheidende, um im nächsten Jahr wieder produzieren zu können. Trotzdem – oder genau deswegen – hat man die Verantwortung dafür den Teams gegeben. Damit verbunden waren beispielsweise Themen wie: Wann ist wer in Urlaub? Wann muss die Vorarbeit geleistet sein? Wann wird die Turbine bestellt und geliefert? Welche Tage wird kollektiv freigenommen?

Ein zweites Beispiel, das ich geben will, ist die Werte- und Kulturentwicklung in einem Unternehmen. Es lohnt sich sehr, auch vom Blue-Collar-Bereich zu lernen, ihn einzubeziehen und sich die Art der Kommunikation dort genau anzuschauen. Denn diese ist oft sehr geradeaus, direkt auf den Punkt, nah am Menschen und nicht so „verkopft“.

Unterscheidet ihr bei BP bezüglich der Führungskräfteentwicklung zwischen den Zielgruppen Blue und White Collar?

Wir haben zunächst einmal eine Lernplattform für alle, eine Art „Netflix des Lernens“, mit unterschiedlichen Karrierepfaden, die transparent machen, wie man sich weiterentwickeln kann. Im Rahmen unserer Transformation vom Öl- und Gasunternehmen hin zum integrierten Energieunternehmen liegt ein wesentlicher Schwerpunkt auf dem Lernen. Deshalb spielt diese Plattform in der Transformation eine wichtige Rolle für uns. Und jeder BP-Mitarbeitende bekommt ein Leadership-Training mit dem Namen „Leading myself“ als Basis angeboten. Die Philosophie dahinter ist:

Wenn ich mich selbst nicht gut führen kann, kann ich höchstwahrscheinlich andere auch nicht gut führen.

Daneben gibt es Lerninhalte zu „Leading others“ sowie „Leading organizations“, um das Wesentliche zu nennen.

Zusätzlich haben wir Leadership-Programme mit verschiedenen Modulen. Dazu gehören unter anderem Angebote für Menschen mit erster Führungserfahrung. Dabei unterscheiden wir bewusst nicht zwischen Blue und White Collar.

Wie viele Mitarbeitende hat BP Europa insgesamt und wie hoch ist in etwa der Anteil der Blue Collar?

In den sieben Ländern für die Marken BP, Aral und Castrol sind es circa 9.000 Mitarbeitende und davon ist etwa die Hälfte dem Bereich Frontline zuzurechnen.

Wenn es um die Kommunikation bei Veränderungsvorhaben geht, ist eine bekannte Herausforderung hinsichtlich der Zielgruppe der Produktionsmitarbeitenden die richtige Wahl der Kommunikationsinstrumente und -formate. Wie erreicht man sie am besten? Worauf ist zu achten deiner Erfahrung nach?

Das wesentliche Instrument ist meiner Ansicht nach die Führungskraft. Sie hat eine wichtige Rolle als Kommunikator und Kulturgestalter. Sie muss auch Informationen filtern, bewerten und abfedern, damit nicht sämtlicher Druck nach unten durchschlägt. Sie gibt Orientierung, erklärt den Weg nach vorn und verdeutlicht im besten Falle jedem Einzelnen, welchen Beitrag er leisten kann, um die Unternehmung besser zu machen.

In der Kommunikation ist also vor allem die klassische Kaskade wichtig?

Ja, durchaus. Gerade mit Blick auf die Produktionsbereiche sind jedoch ebenso die Betriebs- und Belegschaftsversammlungen, die Town Halls, von großer Bedeutung. Dort kommen unter anderem Betriebsrat und Führungskräfte mit den Mitarbeitenden zusammen, um beispielsweise die Strategie und die aktuelle Ergebnislage zu erläutern. Auch hier gibt es die Gelegenheit, Botschaften zu setzen, Mitarbeitererlebnisse positiv zu gestalten und Vertrauen zu schaffen – als Ergänzung zur individuellen Führungsbeziehung und den konzernweiten virtuellen Town Halls für alle Mitarbeitenden.

Herausfordernd kann die Kommunikation werden, wenn man sich bestimmte Kontexte anschaut. Nehmen wir als Beispiel eine einzelne Tankstelle und einen Webcast des CEO aus London zur neuen Strategie. Mitarbeitende in diesem Arbeitsumfeld sind dann recht weit von der Konzernzentrale entfernt und haben wenig bis gar nichts mit anderen Geschäftsfeldern in der Welt zu tun. Damit wird die Kommunikation im Change bzw. in Transformationen entsprechend anspruchsvoller.

Im Vergleich dazu ist die Kommunikation in einem Produktionswerk leichter. Dort kann die Geschäftsführung eine Belegschaftsversammlung durchführen und diese aufzeichnen lassen. Und die Mitarbeitenden haben die Möglichkeit, mit ihrer Führungskraft und ihren Kolleginnen und Kollegen über das Erlebte zu sprechen. Auch das ist wichtig.

Welche Formate und Instrumente siehst du noch als wichtig in der Kommunikation, wenn die Zielgruppe Produktionsmitarbeitende sind?

Neben der Führungsbeziehung als wichtigen Kommunikationsweg sollte man sich weitere Kanäle überlegen, die idealerweise jederzeit verfügbar sind. Das können Broschüren sein, Screens, E-Mails und/ oder Intranet-Meldungen.

Das Smartphone ist sicherlich gerade im Blue-Collar-Bereich ein interessantes Kommunikationsmedium.

Wenn ein Betrieb seine Mitarbeitenden allerdings aus Kostengründen nicht mit Geschäftshandys ausstatten kann, ist vielleicht „Bring your own Device“ eine Möglichkeit. Eine wichtige Voraussetzung ist dabei, dass die Auseinandersetzung der Mitarbeitenden mit den Kommunikationsinhalten der Firma auch als Arbeitszeit gewertet wird.

BP befindet sich mitten in der Transformation zum integrierten Energieunternehmen. Spiegelt sich das Transformationsvorhaben schon in der Kompetenzentwicklung wider – beispielsweise im Blue-Collar-Bereich?

Ja, seit einiger Zeit ist unser Ansatz Skills-basiert. Wir schauen nicht mehr, was in der einzelnen Funktion gebraucht wird, sondern clustern bezogen auf Kompetenzen. Es sind vier Schwerpunktbereiche, die wir mit unseren Clustern im Fokus haben: Commercial, Digital, Nachhaltigkeit und Agilität.

Ein Beispiel: Kommerzialität ist für uns sehr wichtig. Ob jemand an unserer Tankstelle Benzin tankt oder sein E-Auto lädt, ist für uns letztlich kein großer Unterschied. Wir bieten die notwendigen Lösungen an. Für die Kundenzufriedenheit spielt jedoch auch der Convenience-Bereich eine ausschlaggebende Rolle. Ein Kunde lädt in 20 Minuten sein Auto und währenddessen trinkt er bei uns einen Kaffee und erledigt seinen Tageseinkauf. Du siehst: Alle Mitarbeitenden im Tankstellengeschäft brauchen Commercial-Skills, um diese Interdependenzen zu erkennen und entsprechende Angebote zu entwickeln.

BP hat in Gelsenkirchen eine sehr große Raffinerie. Was ist für die Mitarbeitenden dort hinsichtlich der Kompetenzentwicklung in den genannten Bereichen überhaupt relevant?

All das Genannte. Unsere Produktionsbetriebe werden digitaler. Und auch im Bereich Commercial sollte man Bescheid wissen, beispielsweise wie sich Einkaufspreise entwickeln und wie der Verkaufspreis zustande kommt – und von welchen Faktoren dieser abhängig ist.

Und Nachhaltigkeit ist die Grundlage unserer Strategie. Mit Blick auf die Dekarbonisierung sollte zum Beispiel klar sein, welchen Beitrag wir je Geschäftsbereich leisten.

Und schließlich: Die Agilität spielt auch in der Raffinerie eine große Rolle, beispielsweise wenn eine Großrevision der Raffinerie ansteht und die ganze Mannschaft gefordert ist.

Müssen die Mitarbeitenden in Gelsenkirchen die Transformationsstory von BP kennen?

Das ist wichtig, absolut. Leadership- und kulturelle Werte, die Identität von BP, was die Strategie ist und wo wir hinwollen – das alles kennt wirklich jeder Mitarbeitende. Wir haben bei unserer jährlichen Mitarbeiterbefragung erfreulicherweise zu alldem hohe Zustimmungsraten.

Für den Frontline-Bereich wurden die Fragen angepasst, einfacher und kürzer gestaltet, damit die Mitarbeitenden wirklich nur das für ihren Bereich Relevante beantworten müssen.

Die Ergebnisse der Befragung werden besprochen und daraus abgeleitete Themen in Workshops bearbeitet. Das Fragenset ist stabil, um die Vergleichbarkeit sicherzustellen.

Und neben der jährlichen Befragung gibt es noch „Pulse Live“, eine monatliche, kürzere Umfrage, bei der wir einzelne, ausgewählte Fragen stellen können, um zu sehen, was die Belegschaft konkret bewegt, und um Veränderungen im Jahresverlauf zu erkennen.

Was wäre bezogen auf die Gruppe der Blue-Collar-Mitarbeitenden ein Ratschlag, den du allgemein als Präsidentin des BPMs geben würdest?

Die Sichtbarkeit des Einzelnen liegt mir am Herzen.

Und Personaler und Personalerinnen sollten – genauso wie Führungskräfte – nahbar bleiben.

Auch mal vor Ort sein, mal eine Runde mitarbeiten und Gespräche führen, in jedem Fall zuhören.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jan C. Weilbacher.

 

 

Autorin

Inga Dransfeld-Haase
ist Vorständin für Arbeit und Soziales bei dem Energieunternehmen BP Europa SE. Sie ist zudem seit 2019 Präsidentin des Bundesverbands der Personalmanager:innen (BPM). Vor ihrem Wechsel zu BP Europa SE im Jahr 2020 war Inga Dransfeld-Haase als Head of Corporate Functions für die Nordzucker AG tätig.
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