Mehr denn je gehört das Thema „Mentale Gesundheit“ auf jede Organisationsagenda. Und es sollte alle im Unternehmen angehen. Schließlich hat Mental Health nicht nur Auswirkungen auf das individuelle Wohlbefinden, sondern auch auf den Unternehmenserfolg. Nora Dietrich skizziert in fünf Schritten einen Weg zur gesunden Organisation.
Das Thema „Mentale Gesundheit“ ist endlich in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Und damit auch die Frage: Sollten Organisationen einen Teil der Verantwortung für unsere Gesundheit übernehmen?
Blickt man auf die Megatrends, lässt sich diese Frage nur mit „Ja“ beantworten. Denn die Megatrends „Gesundheit“ und „New Work“ prägen unsere Lebens- und Arbeitswelten der Zukunft und fordern an ihrer Schnittstelle vor allem eines: Corporate Health. In Zeiten des Fachkräftemangels und einer Generation, die ein gesundes Arbeiten einfordert, wird ein Arbeitsumfeld, das Mental Health fördert, nicht nur zum Leistungshebel, sondern auch zum Talentmagnet.
1. Gefragt: Den Puls nehmen
Bevor Einzelmaßnahmen entwickelt werden, geht es darum, das Unsichtbare sichtbar zu machen: Wie belastet sind die Mitarbeitenden derzeit? Fühlen sie sich in ihrer Gesundheit und Work-Life-Balance unterstützt? Welche Stressoren belasten sie besonders? Fragen wie diese zielen auf die Verhaltensprävention.
Anonyme Umfragen unter den Mitarbeitenden zeigen nicht nur Bedürfnisse auf, sondern werfen meist auch ein erstes Licht auf die zugrunde liegenden Kulturfaktoren, die die Gesundheit fördern oder beeinträchtigen.
Fragen bedeutet jedoch, den eigenen Anteil ehrlich zu reflektieren: Wo tragen wir als Unternehmen zur Belastung bei? Wo profitieren wir von ungesunden Verhaltensweisen, weil sie zum Beispiel zu einem höheren Output führen? Welche Strukturen beeinträchtigen die Gesundheit? Bei diesen Themen geht es um die Verhältnisprävention.
Ein guter Start für eine ehrliche Status-quo-Erhebung ist die „Gefährdungsbeurteilung Psyche“. Nach § 1 Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) sind Unternehmen dazu verpflichtet, eine umfassende Analyse durchzuführen, die sowohl die Stärken als auch die Entwicklungspotenziale bezüglich der mentalen Gesundheit aufzeigen und anhand derer das Unternehmen messbar wird.
2. Gefunden: Inventur machen
Auch wenn mentale Gesundheit für viele ein relativ neues Thema ist, haben die meisten Organisationen bereits erste Initiativen, Trainings oder ein „Employee Assistance Program“ (EAP) im Repertoire. Doch oft fehlt es den Mitarbeitenden an Wissen darüber.
Im zweiten Schritt stellt sich deshalb die Frage: Was bietet ein Unternehmen bereits an? Und was (noch) nicht? Eine Gesundheitslandkarte mit allen bestehenden Formaten und Ressourcen hilft nicht nur dabei, diese erneut transparent an die Teams zu kommunizieren, sondern zeigt auch auf, welche Lücken es basierend auf den Bedürfnissen künftig zu schließen gilt.
Somit wird die perfekte Basis geschaffen, um sich der Vision zu widmen. Hierzu müssen sich insbesondere die Entscheidungsträger mithilfe von HR vor allem folgende Fragen stellen: Was bedeutet Gesundheit für uns? Wie sieht eine „gesunde Organisation“ aus? Und wie messen wir unseren Fortschritt?
3. Gestaltet: Kräfte mobilisieren
Mentale Gesundheit am Arbeitsplatz ist kein Do-it-yourself-Projekt.
Und noch weniger eine reine HR-Angelegenheit. Es ist ein Thema, das uns alle bewegt. Um den Sprung in eine gesunde Organisation zu schaffen, braucht es ein diverses Team, das dieses Thema über alle Hierarchiestufen hinweg vorantreibt.
Mitarbeitende: Oft gibt es hoch engagierte Mitarbeitende, die sich als Ersthelfer:innen ausbilden lassen, „Mental Health Awareness Days“ mitorganisieren oder als Sprachrohr für die Teams fungieren. Hier gilt es, zuzuhören und Weiterbildungsmaßnahmen zu ermöglichen.
Führungskräfte: Um „mental gesund“ führen zu können, braucht es einen „Werkzeugkoffer“ für die Führungskräfte, der ihnen beispielsweise hilft, Antworten auf folgende Fragen zu finden:
- Woran erkenne ich Belastungen im Team?
- Wie führe ich fürsorgliche Gespräche?
- Auf welche Ressourcen kann ich verweisen?
- Und wo liegen die Grenzen meiner Rolle?
Es ist wichtig, genau diese Grauzonen zu kennen und konkrete Skills an die Hand zu bekommen, um nicht aus Angst, das Falsche zu sagen, gar nichts zu sagen.
Senior Leadership: Kein Team kann unrealistische Workloads „wegmeditieren“. Es braucht ein klares Commitment von oben, „Gesundheit“ kulturell, strukturell und strategisch zu denken. Es lohnt sich zum Beispiel, das Thema in der nächsten „CEO Town Hall“ zu diskutieren, KPIs auf „herausfordernde Machbarkeit“ zu überprüfen oder Führungskräfte künftig auch auf Basis der jeweiligen Teamgesundheit zu evaluieren („Wie trägst du zu einer Wellbeing-Kultur bei?“). Das Thema „Mentale Gesundheit“ macht eine kontinuierliche Organisationsentwicklung notwendig, die von oben getragen werden muss.
4. Geteilt: Zur Menschlichkeit einladen
Laut einer Studie von Mind Share Partners fühlen sich nur knapp 40 Prozent aller Mitarbeitenden sicher, über ihre mentale Gesundheit am Arbeitsplatz zu sprechen. Um mit dem Stigma zu brechen, braucht es nahbare Geschichten. Wenn Mitarbeitende sehen, dass auch Führungskräfte und Manager:innen Stress erleben oder Unterstützung brauchen, ebnet das den Weg für eine echte Vertrauenskultur. Denn es ist Verletzlichkeit, die dazu einlädt, Verletzlichkeit zu zeigen. Dazu gehört auch, sich regelmäßig zu erkundigen, wie es den Teammitgliedern wirklich geht, ein offenes Ohr zu haben und gemeinsam nach Lösungsräumen zu suchen.
5. Gelebt: Vorbild sein
Veränderung braucht Vorbilder. Wenn Führungskräfte spät abends oder aus dem Urlaub heraus E-Mails schicken, ist es egal, wie oft im Unternehmen über Grenzen und gesunde Arbeitsmodelle gesprochen wird. Nur wenn Führungskräfte selbst gesunde Arbeitsweisen vorleben, wird das Team es gleichtun.
Laut einer aktuellen Deloitte-Studie nehmen erst 30 Prozent aller Führungskräfte eine Vorbildrolle für gesundes Arbeiten ein. Ob regelmäßige Pausen, der pünktliche Feierabend oder das 1-zu-1-Telefongespräch während eines Spaziergangs: Gesundheit kann viele Gesichter haben, wichtig ist nur, dass wir sie bewusst in unseren Alltag integrieren.
Menschen zeigen ein neues Verhalten in der Regel nicht, weil die Führungskraft etwas sagt, sondern sie schauen vor allem danach, was andere tun – zum Beispiel Führungskräfte.
Das Thema „Mentale Gesundheit“ erfordert nicht sofort große Budgets, aber es erfordert den Mut, menschlich zu sein.
Autor
Nora Dietrich
ist psychologische Psychotherapeutin und Expertin für mentale Gesundheit am Arbeitsplatz. Als Beraterin begleitet sie Teams bei der Frage, was sie brauchen, um die bestmögliche Arbeit zu machen und trotzdem gesund zu bleiben. Als Speakerin inspiriert sie Organisationen, mentale Gesundheit als Hebel für die Zukunft zu verstehen und die Arbeitswelt durch mehr Menschlichkeit zu verändern (www.noradietrich.com).
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