Für die einen Allheilmittel, für die anderen völlig überbewertet: Tools und Methoden im Change. Wir fühlen Expertinnen und Experten auf den Zahn und wollen ihre Sicht der Dinge sowie einige Tipps erfahren. Diesmal fragen wir Simon Berkler.

Mal ehrlich, Organisationen sind doch kaum zu verändern, oder?

Organisationen – egal wie klein oder groß – sind lebendige soziale Systeme und als solche ganz generell nur begrenzt steuerbar. Niemand kann Organisationen „von außen“ verändern, auch Organisationsentwickler nicht – das machen die Organisationen schon selbst. Veränderungsprozesse können aber dabei unterstützen, da sie Räume bieten, in denen Beobachtungen und Bewertungen miteinander abgeglichen und daraus hilfreiche Handlungsoptionen abgeleitet werden. Was aus meiner Sicht hilft: den Veränderungsbedarf in Scheiben schneiden. Also, nicht ein großer Change-Prozess alle drei Jahre, sondern stattdessen ein stetiges und systematisches Arbeiten an der Organisation in kleinen Portionen. Damit wird die Organisation letztlich selbst zum lebenden Change-Prozess.

Wie wichtig sind Methoden und Tools, wenn es darum geht, zum Beispiel eine Kulturentwicklung voranzubringen?

Gegenfrage: Was ist eigentlich Kulturentwicklung? Kultur lässt sich nicht unmittelbar entwickeln. Sie ist die „unentscheidbare Entscheidungsprämisse“, wie Niklas Luhmann sie nannte. Kultur ist – genauso wie auf individueller Ebene die „Haltung“ oder das „Mindset“ – immer da und entzieht sich einer direkten Bearbeitung. Was man verändern kann, sind die Verhältnisse (Strukturen, Programme, Entscheidungswege) und bis zu einem gewissen Grad auch das Verhalten der handelnden Personen.

Aus dieser Perspektive können Methoden und Tools dann hilfreich sein, wenn sie auf der Personenebene neues Verhalten ermöglichen und auf der Systemebene dieses neue Verhalten strukturell und prozessual unterstützen sowie autorisieren. Auf einer unmittelbaren Kulturebene sind Tools und Methoden vor allem dann hilfreich, wenn es darum geht, Kultur überhaupt besprechbar zu machen.

Die Transformationsbegleitung von Organisationen, die regenerativ wirtschaften wollen, ist eines deiner Schwerpunktthemen. Mit welchem Ansatz schafft man es, das notwendige Bewusstsein bei Managerinnen und Managern zu fördern?

Da gibt es leider keine „Silver Bullet“. Wir erleben derzeit große gesellschaftliche Transformationen auf vielen verschiedenen Ebenen gleichzeitig, und das führt zu individueller und kollektiver Überforderung. Häufig ist es hilfreich, Brücken zu bauen: Wie können wir die Kraft der „älteren“ Systeme nutzen, um ins Neue zu kommen? Beispiel: Wie können wir eine nachhaltige oder regenerative Wirkung mit ökonomischen Vorteilen verbinden? Manchmal ist es aber auch wirksamer, auf einer emotionalen Ebene der persönlichen Betroffenheit anzusetzen. Und manchmal hilft es schon, die beschriebene Überforderung und Erschöpfung miteinander anzuschauen und ihr Vorhandensein erst einmal anzuerkennen. Das kann der Start in einen Musterwechsel sein.

Was sind die hartnäckigsten Denk- und Verhaltensmuster, die es dabei aufzubrechen gilt?

Eines der größten Hindernisse ist, dass wir glauben, auf alle Fragen direkt Antworten haben zu müssen. Bei größeren paradigmatischen Veränderungen, wie dem Übergang zu einem regenerativeren Wirtschaftsmodell, muss das zwangsläufig zur Paralyse führen. Es geht nicht darum, sofort alle Zielkonflikte auflösen zu können. Es geht aber sehr wohl darum, neue Fragen zu stellen, damit überhaupt neue Antworten entstehen können. Das ist dann angewandte Unsicherheits- und Paradoxiekompetenz, könnte man sagen.

Eine weitere Herausforderung in unseren beschleunigten Gesellschaften ist es, in längerfristigen Zeithorizonten zu denken und zu handeln. Die Wirtschaft ist auf kurzfristige Belohnungen ausgerichtet und die globalen Finanzmärkte belohnen ein solches Verhalten vielfach. Sobald wir eine geweitete zeitliche Perspektive einnehmen, wird deutlich, dass Investitionen, die wir heute nicht in eine nachhaltige oder regenerative Umstellung tätigen, morgen als Kosten auf uns zurückfallen werden – multipliziert mit dem Faktor X. Allein schon betriebswirtschaftlich ist das Unsinn. Aber das wird natürlich erst deutlich, wenn wir nicht mehr in Quartalen, sondern in Generationen denken.

TheDive ist bekannt für den Transformationsansatz „Loop-Approach“. Und es gibt den „Stellar-Approach“ von euch, ein Ansatz zum regenerativen Wandel. Beide Ansätze fokussieren sich zunächst auf Teams. Braucht Transformation nicht immer auch ein Top-down-Vorgehen neben einem Bottom-up-Ansatz?

Klar, in größeren Transformationsarchitekturen müssen immer unterschiedliche Arbeitsstränge aufeinander abgestimmt werden. Neben der Teamentwicklung gibt es häufig weitere Stränge wie Führungskräfteentwicklung, Strategie- und Governance-Arbeit, Geschäftsmodellinnovation, Ausbildung und „Capacity Building“, Change-Kommunikation und Ähnliches.

Dass Teamentwicklungen oft im Zentrum unserer Ansätze stehen, hat mehrere Gründe: Erstens wird der Großteil der Arbeit in Organisationen in Teams gemacht. Hier werden jeden Tag Tausende Entscheidungen getroffen, die die Organisation in die ein oder andere Richtung bewegen.

In Teams ist es am wahrscheinlichsten, dass neue Praktiken entstehen.

Zweitens können wir gar nicht oft genug auf die Wichtigkeit des eigenen „Circle of Influence“ für systemische Veränderung hinweisen: Jedes Team hat einen eigenen Gestaltungsspielraum, den es nutzen kann. Und drittens sind wir Fans des „fraktalen Arbeitens“: Um Systeme zu bewegen, muss man nicht zwangsläufig mit dem gesamten System arbeiten. Es geht eher darum, die wirksamsten Akupunkturpunkte zu finden.

Man lernt ja doch hin und wieder die ein oder andere neue Methode, ein Vorgehen oder einen neuen Ansatz in Bezug auf Change und Transformation kennen. Wann hattest du diesbezüglich das letzte Mal ein Aha-Erlebnis?

Nicht ganz neu, aber ich habe mich im Rahmen meines letzten Buchprojekts wieder vertieft mit Three Horizons von Bill Sharpe und dem Two Loop Model des Berkana Institute auseinandergesetzt. Beide Modelle versuchen zu erklären, wie Systemwandel entsteht.

Wer oder was inspiriert dich?

Menschen, die sich trauen, bestehende Muster zu hinterfragen. Manchmal inspirieren mich allerdings andere Lebewesen auf diesem Planeten mehr als die Menschen. Oder sie geben mir jedenfalls mehr Hoffnung.

 

 

Autor

Dr. Simon Berkler
ist promovierter Medienwissenschaftler, systemischer Organisationsentwickler und Mitgründer von TheDive. Sein Fokus liegt auf der lebensdienlichen Weiterentwicklung des Wirtschaftssystems. 2024 hat er gemeinsam mit Ella Lagé das Buch „Der Stellar-Approach – Wie deine Organisation zum regenerativen Wandel der Wirtschaft beiträgt“ im Campus Verlag veröffentlicht.
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Die Kraft der Bilder

Die Visualisierung spielt in der Veränderungsarbeit mittlerweile eine große Rolle. Sie ist oftmals sogar der Schlüssel für eine erfolgreiche Beratung, weil sie zum Beispiel für Kunden mehr Klarheit und Struktur bringt oder selbst bei komplexen Themen einen emotionalen Zugang ermöglicht.

Im Rahmen von Facilitation ist die Visualisierung eine unverzichtbare Methode geworden, insbesondere wenn es darum geht, einen Beratungs- und Transformationsprozess – beispielsweise in Workshops – zu unterstützen. Komplexität reduzieren, Übersicht schaffen, das Wesentliche herausstellen – genau das leisten visuelle Tools. Sie bringen Inhalte in eine erzählerische Form und machen diese schnell und leicht verständlich. Ob Prozessdarstellungen, Strategie- und Zielbilder oder Graphic Recording: Visualisierungen helfen, aus abstrakten Konzepten greifbare und ansprechende Formate zu entwickeln.

Möglichkeiten der Visualisierung und ihre Vorteile

1. Strategiebilder: vom Diagramm zum erzählerischen Bild

Die Entwicklung einer Strategie ist anspruchsvoll – doch die zusätzliche Herausforderung liegt in ihrer Vermittlung. Die gängige Strategievermittlung sieht oft so aus: Präsentationen mit übervollen Charts, voller Strategiehäuser und Prozesskaskaden. Eine grau-blaue Welt in Kästen und Pfeilen.

Dies fördert Desinteresse oder Überforderung bei denjenigen, die man doch für die Implementierung der Strategie eigentlich aufklären, mitnehmen und emotional ansprechen wollte.

Mit Visualisierungen zu einer besseren Strategiekommunikation. Wegweiser in 3 Richtungen: Welcome to our strategy, Our vision, The big why

Bild 1: Mit Visualisierungen zu einer besseren Strategiekommunikation / Copyright: Christina Ackermann

Strategiebilder bieten hier eine echte Alternative: Sie fassen Vision, Mission, Ziele und Werte in einem Bild zusammen und ermöglichen einen Blick auf das große Ganze. Gleichzeitig laden sie dazu ein, in Details wie Maßnahmen oder Wertschöpfungsketten einzutauchen.

Graphic Recording eines Vortrags

Bild 2: Graphic Recording eines Vortrags / Copyright: Straumann Group

Sie schaffen damit zusätzlich Wiedererkennbarkeit und Identifikation und können vielfältig eingesetzt werden – als Poster, in Präsentationen, auf der Website oder als Animation. Einige Unternehmen gehen einen Schritt weiter und lassen die Strategiebilder auf Wände malen – ein starkes Signal, das zeigt: „Das ist uns wichtig.“

2. Big Pictures: Orientierung im Unternehmen

Nicht nur in Transformationsprozessen, sondern auch im Alltag können „Big Pictures“ Orientierung bieten. Sie stellen Unternehmensstrukturen, Produktportfolios und Wertschöpfungsketten anschaulich dar – mit einem besonderen Fokus auf Sinn und Zweck. Mitarbeitende finden sich und ihren Tätigkeitsbereich im Bild wieder, was Identifikation und Zugehörigkeit fördert. Solche Darstellungen können analog und digital genutzt oder in Animationsfilmen eingebettet werden. Ein echtes Erfolgsmerkmal: Wenn Mitarbeitende das Bild so wertschätzen, dass es in Büros oder Besprechungsräumen einen festen Platz erhält.

3. Graphic Recording: Gegen die Vergänglichkeit von Workshops

Workshops hinterlassen oft flüchtige Eindrücke – Keynotes, Übungen und Dialogrunden verschwimmen schnell. Eine visuelle Dokumentation, die die Inhalte live während der Veranstaltung festhält, hilft, die Ergebnisse zu sichern. Die visuellen Zusammenfassungen sind leicht verständlich, können geteilt und weiterverarbeitet werden und schaffen einen klaren roten Faden.

Wer arbeitet wo mit wem? The Big Picture eines Unternehmens

Bild 3: Wer arbeitet wo mit wem? Big Picture eines Unternehmens / Copyright: C3 GmbH

Wie Visualisierung die Beratungsarbeit bereichert

Berater:innen, die selbst zum Stift greifen, können bereits mit einfachen Flipcharts Struktur und Übersicht schaffen.

Für komplexere Formate wie Graphic Recording oder Strategiebilder lohnt es sich, Expert:innen hinzuzuziehen.

Die Transformationsreise als Wandbild

Bild 4: Die Transformationsreise als Wandbild / Copyright: Landeskrankenhilfe V.V.a.G.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Visualisierung manchmal als ein „nice to have“ hinzugenommen wird, wenn das Budget dafür noch ausreicht. Oder man bucht sich ein Graphic Recording hinzu, um ein Event noch spektakulärer zu machen – aber das Zeichnen läuft dann irgendwo im Hintergrund ab. So verpasst man die Chance, die Zeichnung als Vermittlungsmedium zu nutzen, wie zum Beispiel durch eine gemeinsame Betrachtung des Bildes am Ende eines Workshops.

Typische Fallstricke vermeiden

Eine häufige Fehlannahme ist, dass ein Strategiebild allein den Erfolg garantiert. Ohne eine durchdachte Storyline, in die das Bild eingebettet und die mit den Werten des Unternehmens verbunden ist, wirkt es schnell oberflächlich.

Das Potenzial eines Graphic Recordings verpufft, wenn es lediglich als Hintergrundelement eingesetzt wird.

Stattdessen sollte es aktiv in die Veranstaltung integriert werden.

Visualisierung bringt Ordnung in die Komplexität moderner Beratungsarbeit. Sie reduziert nicht nur Komplexität, sondern motiviert, schafft Klarheit und fördert die Identifikation mit Prozessen und Zielen. Ob analog oder digital, am Flipchart oder in Form eines professionellen Strategiebildes: Visualisierung ist ein essenzielles Werkzeug, das Beratung und Transformationsmanagement auf ein neues Niveau hebt.

 

 

Autorin

Christina Ackermann
ist systemische Organisationsentwicklerin und Information Designerin. Als Beraterin unterstützt sie Unternehmen in Transformationsprozessen und entwickelt für die Strategiekommunikation Konzepte. Sie ist Co-Autorin von „Real Book of Work“ sowie Trainerin der becomebetter academy, wo sie mit Wort und Stift systemtheoretische Sichtweisen auf Organisationen vermittelt (Kontakt: hello@visualstrategies.de).
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Für die einen Allheilmittel, für die anderen völlig überbewertet: Tools und Methoden im Change. Wir fühlen Expertinnen und Experten auf den Zahn und wollen ihre Sicht der Dinge sowie einige Tipps erfahren. Diesmal fragen wir Anne Tessmer.

Mal ehrlich, Organisationen sind doch kaum zu verändern, oder?

Zugegeben, in manchen Momenten zweifle ich selbst daran, zum Beispiel, wenn alte Ansichten und Arbeitsweisen zäh wie Kaugummi kleben.

Wir sind mit über 40.000 Mitarbeitenden auf dem Weg von einem maschinen- zu einem zunehmend software- und KI-basierten Lösungsanbieter. Das bringt viele Veränderungen mit sich – technologische, organisationale und kulturelle. Und nicht alle verlaufen im gleichen Tempo und manchmal auch nicht in die gleiche Richtung. Dazu kommt Druck von außen, oben, innen.

Es ist klar, dass sich immer wieder die Frage stellt: In welche Richtung gehen wir als Abteilung, als Team und als Einzelne Veränderungen mit oder gar voraus? Je höher die Unsicherheit, desto stärker kleben wir am Vertrauten.

Und dann erlebe ich wieder, wie unsere Arbeit etwas in Bewegung bringt, dass „der Elefant tanzt“, wie Louis Gerstner sagen würde – mal holprig mit Kaugummi an der Sohle, mal mit Spaß und Experimentierfreude.

Viele unserer Veränderungen starten im Kleinen, in einzelnen Regionen oder Fachbereichen. Entscheidend ist, das Potenzial für die Gesamtorganisation greifbar zu machen und „Welle für Welle“ zu lernen und zu verbessern.

„Transformation driven by communication“ ist der Fokus deiner Arbeit bei KION. Was sind für dich die Hauptaufgaben der Kommunikation in der Transformation?

Gemeinsame Sicht und Sprache: KION besteht als Organisation aus vielen Teilsystemen – lokal, funktional, markenspezifisch. Handlungsdruck spüren die Stakeholder an vielen Stellen. Damit wir unsere Ressourcen effektiv bündeln können, müssen wir aus verschiedenen Perspektiven auf dasselbe Zielbild schauen. Das erfordert ein gemeinsames Narrativ, dessen Sprache von allen verstanden wird. Dieses Narrativ wirkt wie ein Relevanzfilter für den Handlungsdruck und hilft, sich als Team mit dem eigenen Beitrag zu verorten.

Wichtig sind außerdem Plattformen für Dialog: Das Narrativ lebt aus den Veränderungsgeschichten der Stakeholder. Die Kommunikation gibt Impulse zum Teilen von Erfahrungen und sichert Raum für Resonanz und Rückfragen. Dazu schaffen wir Plattformen, zum Beispiel im Intranet und auf Veranstaltungen.

Und wir sind Katalysator für Ko-Kreation: Wir fördern das gemeinsame Gestalten der Veränderung. Kontrollhaltung von oben, Konsumhaltung von unten – diese Spirale gilt es zu durchbrechen. Räume für Ko-Kreation entstehen zum Beispiel in Team-Workshops.

Ein integraler Bestandteil unserer Arbeit ist dabei das Zuhören: Was bewegt die Stakeholder? Das zu verstehen, ist entscheidend, nicht nur zu Beginn der Veränderung. Dazu geben wir Change Verantwortlichen Tools an die Hand. Wer Widerstände früh erkennt, kann sie besser abmildern oder integrieren.

Gibt es dabei Instrumente oder Formate, auf die du immer wieder ganz besonderen Wert legst?

Eines unserer Ziele als globales Team „Change Management“ ist es, die Change-Fitness der Organisation insgesamt zu verbessern und Verantwortliche in ihren Rollen im Change zu unterstützen. Wir arbeiten mit einem Set von Standard-Instrumenten – von Impact-Analysen über Story-Entwicklung bis zu Evaluationsmethoden. Die Tools schaffen einen Rahmen, in dem Projekt-Teams schnell wirksam arbeiten können.

Das wertvollste Instrument im Change ist für mich allerdings ein simples: das Fragen. Es ändert unsere Haltung von „wissend“ zu „lernend“. Und weil Zuhören verbindet, bin ich ein Fan von Check-in-Fragen. Sie schaffen schnell eine Vertrauensatmosphäre.

Man lernt ja doch hin und wieder die ein oder andere neue Methode, ein Vorgehen oder einen neuen Ansatz in Bezug auf Change und Transformation kennen. Wann hattest du diesbezüglich das letzte Mal ein Aha-Erlebnis?

Was mich zuletzt begeistert hat, ist Tape Art als Facilitation-Werkzeug. Es unterstützt Visualisierung und Orientierung, triggert durch Bewegung im Raum Perspektivwechsel und macht dabei auch noch Spaß – ein nicht zu unterschätzender Faktor im Change.

Gestartet hast du deine Karriere im Bereich „PR und Marketingkommunikation“. Siehst du da Parallelen zur Change-Kommunikation – oder ist das gar nicht zu vergleichen?

Beide wollen Verhalten verändern. Entscheidender Unterschied: Marketingkommunikation zielt auf Konsum ab, während Change-Kommunikation aus der Konsumhaltung herausholt und Mitgestaltung ermöglicht.

In beiden Bereichen sollten wir mehr über das eigene Produkt bzw. das eigene Projekt hinausdenken. Es gab 2024 zum Beispiel eine Autowerbung, in der kurz ein Auto zu sehen war, das rechtzeitig vor einer Schwangeren bremste. Der weitere Spot handelte vom zukünftigen Leben ihres Kindes. So ein starkes „Why“ brauchen wir auch im Change: das „Wozu“, das gemeinsame Zielbild, das uns bewegt und uns zum Handeln antreibt.

Du unterstützt unter anderem Projekt-Teams in globalen Change-Projekten. Was ist dabei besonders wichtig, um in deiner Rolle wirksam sein zu können?

Change über das einzelne Projekt hinaus zu betrachten, das ist mir wichtig. Das heißt für unsere Arbeit mit den Projekt-Teams, dass alle die übergreifende Transformation verstehen und ihr Projekt als Beitrag darin verorten. Zum anderen bringen wir die Meilensteine und Stimmungen in den verschiedenen Projekten zu einem Gesamtbild zusammen, sodass deutlich wird, wie sich Projekte gegenseitig beeinflussen.

Unsere Stakeholder sind in zehn oder mehr Change-Projekte gleichzeitig involviert. Umso wichtiger, dass das übergreifende Narrativ und die vielen Change Storys stimmig zusammenwirken. Denn:

Widersprüche verstärken Widerstände.

Wer das erkennt, plant ganzheitlich. Um diese Sicht zu stärken und voneinander zu lernen, bauen wir eine Change Community auf.

Wer oder was inspiriert dich?

Menschen, die für eine Sache brennen und dafür beharrlich an Grenzen rütteln. Zum Glück habe ich viele solcher Menschen um mich.

Ganz konkret denke ich auch an meine Freundin Nina Mülhens, die mit ihrem Start-up Digital-SchoolStory das Schulsystem durchbricht, Spaß am Lernen und Gestalten fördert.

Ein weiteres Vorbild in Sachen Ausdauer und Vertrauen in die Beteiligten ist mein Bruder Michael Berentzen, der einen der größten Change-Prozesse der Geschichte unterstützt, den synodalen Weg der katholischen Kirche. Und das ist wirklich ein gewaltiger Elefant, der hier einen Kopfstand wagt.

 

changement! Heft 01/2025

 

Autorin

Anne Tessmer
leitet das Team Change Management in der KION Group, einem globalen Anbieter von Supply-Chain-Lösungen, Gabelstaplern und Lagertechnik. Daneben engagiert sie sich beim Bildungs-Start-up DigitalSchoolStory für ein neues Lernen, das auf Kreativität, Gestaltungsmut und Zusammenarbeit basiert..
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Mehrere Generationen, unterschiedliche kulturelle Hintergründe, verschiedene sexuelle Orientierungen: Die Belegschaft von Unternehmen zeichnet sich häufig durch eine enorme Vielfalt aus. Allerdings braucht es eine Strategie, um ihre Potenziale wirklich ausschöpfen zu können. Catharina Crasser skizziert erste Schritte, die Organisationen auf dem Weg zur Diversitätsstrategie beachten sollten.

Diversity & Inclusion (D&I) ist ein zentraler Bestandteil moderner Unternehmensstrategien. Ziel des Diversity Managements ist es, die Vielfalt und die unterschiedlichen Lebensrealitäten der Mitarbeitenden wahrzunehmen, anzuerkennen und so ihre vollen Potenziale auszuschöpfen. Studien zeigen, dass Unternehmen mit einer aktiven D&I-Strategie innovativer sind, motiviertere Mitarbeitende haben und als attraktive Arbeitgeber wahrgenommen werden.

Nahezu unabhängig von der Unternehmensgröße können sich Organisationen durch das Zusammendenken von Personalentwicklung und Organisationsentwicklung auf den Weg zu einer Diversitätsstrategie machen. Die folgenden fünf Schritte dienen als erste Anregung, wie das gelingen kann.

1. Motivation und Nutzen herausarbeiten

Zunächst ist es wichtig, den Nutzen von „Diversity & Inclusion“ (D&I) sowohl für das Unternehmen als auch für die Mitarbeitenden zu formulieren. Dabei geht es nicht nur um ethische und soziale Aspekte, sondern auch um den wirtschaftlichen Vorteil einer vielfältigen und inklusiven Arbeitsumgebung. Für ein gemeinsames Verständnis aller Beteiligten braucht es daher eine gründliche Ist-Analyse. Hierbei sollten unter anderem das bestehende Leitbild des Unternehmens, die bisherige Positionierung und bereits durchgeführte D&I-Aktivitäten betrachtet werden. Eine ehrliche Bestandsaufnahme zeigt den aktuellen Stand der Organisation und identifiziert Bereiche mit Anknüpfungspunkten und Handlungsbedarf. Auch der Blick auf den Kontext, wie etwa Branchentrends, hilft, das künftige D&I-Programm in einen größeren Zusammenhang zu stellen und zielgerichtet zu entwickeln.

2. Bedarfe ermitteln

Um geeignete Maßnahmen für die Bedarfe und Herausforderungen der Mitarbeitenden zu erarbeiten, sollten für die umfassende Datenerfassung Befragungen durchgeführt werden. Dies gelingt durch eine weiterreichende Erhebung, die sowohl quantitative Methoden wie Umfragen als auch qualitative Ansätze wie Interviews oder Fokusgruppen umfasst. Dabei sollten viele Perspektiven einbezogen werden, um ein möglichst ganzheitliches Bild der Erwartungen und Anforderungen zu erhalten.

Ein hilfreicher Tipp ist, externe Unterstützung zu nutzen – etwa durch Studierende, die im Rahmen von Abschlussarbeiten oder Praktika wertvolle Erkenntnisse beisteuern. Eine offene Einladung zur Mitwirkung, sei es durch Befragungen oder durch die aktive Teilnahme an Workshops und Initiativen, fördert die Akzeptanz und das langfristige Engagement der Mitarbeitenden.

Weiter ist es wichtig, interne Expert:innen von Beginn an zu identifizieren – sowohl fachlich qualifizierte Mitarbeitende als auch solche, die aufgrund eigener Erfahrungen wertvolle Einblicke in das Thema D&I geben können. Durch diese Einbindung wird das Programm praxisnah und relevant für die gesamte Organisation.

3. Schwerpunkte setzen

Um den Rahmen abzustecken, in der die D&I-Strategie realistisch umsetzbar ist, gilt es die bestehenden Stärken sowie vorhandene Lücken im Bereich der Diversität innerhalb des Unternehmens zu analysieren. Welche Dimensionen von Diversität (zum Beispiel Geschlecht, Behinderung, ethnische Herkunft, Alter) sollen vorrangig adressiert werden? Die vorangestellte Datenanalyse hilft, Schwerpunkte zu setzen und sowohl den Blick auf die Diversitätsdimensionen als auch auf spezifische Bedürfnisse und Möglichkeiten jeder Abteilung im Blick zu behalten.

Eine klare Zielsetzung ist die Grundlage für eine erfolgreiche D&I-Strategie. Entscheidend ist, dass diese Ziele durch die Entwicklung von Kennzahlen überprüfbar sind, um Fortschritte der implementierten Maßnahmen kontinuierlich zu bewerten und Anpassungen vornehmen zu können. Dies hilft nicht nur bei der Erfolgskontrolle, sondern dient auch als „Frühwarnsystem“, um Herausforderungen sowie Optimierungspotenziale frühzeitig zu erkennen.

4. Prozess skizzieren und Vorgehensweise definieren

Nachdem praxistaugliche Schwerpunkte definiert wurden, sollte geklärt werden, wie die Strategie erarbeitet wird: Wird sie durch interne Workshops entwickelt, in denen alle relevanten Stakeholder beteiligt sind? Basiert die Teilnahme auf Freiwilligkeit oder auf Verpflichtung und welche Führungskräfte stehen in der Verantwortung? Wird eine externe Beratung hinzugezogen, um eine objektive Sichtweise
einzubringen?

Darauf aufbauend wird der Aufgabe nachgegangen, wie die Umsetzung konkret erfolgen soll: Werden die Maßnahmen zentral vorgegeben oder sollen sie gemeinsam mit den Mitarbeitenden erarbeitet werden?

Ein kooperativer Ansatz, bei dem alle relevanten Gruppen aktiv in die Entwicklung und Umsetzung eingebunden werden, fördert nicht nur die Akzeptanz, sondern auch eine passgenauere Lösung.

Die Entscheidung für eine oder mehrere Methoden muss organisationsspezifisch abgewogen werden und hängt von der Unternehmensstruktur sowie von den zeitlichen, personellen und finanziellen Ressourcen ab, die zur Verfügung stehen. Hierbei muss eine realistische Einschätzung über die erforderlichen Mittel getroffen werden, um den Prozess mit den notwendigen Maßnahmen erfolgreich umzusetzen. Für die Gewährleistung der Struktur und die Nachvollziehbarkeit sollten zudem Verantwortlichkeiten klar und transparent definiert werden.

5. Nachhaltige Verankerung sicherstellen

Um eine nachhaltige Verankerung von D&I-Maßnahmen zu erreichen, ist eine offene und transparente Kommunikation essenziell. Mitarbeitende sollten von Anfang an in den Prozess eingebunden und über die Ziele und Fortschritte informiert werden. Dies schafft Verständnis, stärkt das Engagement und fördert Akzeptanz. Unternehmen sollten sowohl auf Widerstände als auch auf positive Resonanz flexibel reagieren können. Regelmäßige Feedback-Prozesse sind entscheidend, um Rückmeldungen aus der Belegschaft zu sammeln und Maßnahmen kontinuierlich zu verbessern.

 

changement! Heft 01/2025

 

Autorin

Catharina Crasser
ist Senior-Beraterin und Co-Geschäftsleiterin der D² Denkfabrik Diversität. Sie verfügt über fundierte Expertise in der Diversitätsforschung, insbesondere zu Gender und Intersektionalität, und berät Unternehmen bei der nachhaltigen Verankerung von D&I-Maßnahmen
(Kontakt: catharina@denkfabrik-diversitaet.de).
»Catharina bei LinkedIn

Wie die Systemtheorie hilft, den Change im Unternehmen erfolgreich umzusetzen

Niklas Luhmann, einer der bedeutendsten Soziologen des 20. Jahrhunderts, bietet mit seiner Theorie wertvolle Ansätze, um zu verstehen, wie soziale Systeme funktionieren – sei es in einzelnen Teams oder im Unternehmen als Ganzes. Seine Systemtheorie kann all jenen als praktisches Werkzeug dienen, die alltägliche Formen der Zusammenarbeit besser begreifen und Organisationen dazu befähigen wollen, sich aus eigener Kraft zu wandeln und zu erneuern.

„Wissen fürchtet sich nicht vor der Wirklichkeit, es ist ihr Spiegelbild.
Heute geht es darum, Komplexität zu erschließen und lauffähig zu machen.“

Wolf Lotter in „Zusammenhänge“ (2020)

Komplexität bedeutet, dass Systeme immer mit mehr Möglichkeiten konfrontiert sind, als sie tatsächlich verarbeiten können. Komplexität ist eine unvermeidliche Tatsache, die als Ressource aktiv genutzt werden kann.

Porträt von Niklas Luhmann

Niklas Luhmanns Systemtheorie liefert dazu eine gedankliche Struktur, komplexe Zusammenhänge greifbarer zu durchdringen, indem sie Systeme als Gesamtheit begreift und deren Verflechtungen analysiert.

Ein System ist mehr als die Summe seiner Einzelteile

Anstatt isolierte Einzelteile zu betrachten, begreift die Systemtheorie ein System als ein großes Ganzes und zeigt, dass das Verhalten eines Systems mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Die moderne Systemtheorie nach Niklas Luhmann sieht soziale Gebilde wie Gesellschaft, Organisationen oder Teams als geschlossene, komplexe Systeme, die sich selbst fortlaufend organisieren.

Die Kernpunkte seiner Theorie sind:

  • Gesellschaft als autonomes System
    Luhmann betrachtet Gesellschaft als ein eigenständiges, geschlossenes System, das sich durch Selbstorganisation stabilisiert und mit der Umwelt interagiert, ohne diese direkt steuern zu können.
  • Autopoiesis und Kommunikation
    Luhmanns Konzept der Autopoiesis beschreibt, wie Systeme durch eigene Elemente und Strukturen fortlaufend sich selbst reproduzieren. Soziale Systeme bestehen für ihn aus Kommunikation.

Für Luhmann ist die Kommunikation das Basiselement, das Unternehmen erschafft, erhält und verändert.

  • Differenzierung in Teilsysteme
    Gesellschaftliche Systeme differenzieren sich in funktionale Teilsysteme wie Politik, Wirtschaft, Recht oder Wissenschaft. Jedes dieser Systeme folgt eigenen Regeln und Logiken und kommuniziert auf Basis eigener Codes, die definieren, was als wahr und relevant für das jeweilige System gilt.
  • Operative Geschlossenheit
    Soziale Systeme sind operativ geschlossen, das heißt, sie funktionieren nur nach eigenen Prinzipien und Regeln. Sie bleiben jedoch strukturell offen und stehen in einem indirekten Austausch mit ihrer Umwelt – indem sie externe Einflüsse innerhalb ihrer eigenen Regeln verarbeiten.

Luhmanns Systemtheorie ist eine der einflussreichsten soziologischen Theorien, da sie gesellschaftliche Strukturen und Dynamiken umfassend beschreibt, ohne moralische oder normative Wertungen vorzunehmen. Dieser analytische Blick auf soziale Gebilde gibt Prozessverantwortlichen ein praktisches Meta-Tool an die Hand, das hilft, eine Perspektive zu entwickeln, zwischen Fokus und Weite zu balancieren und Komplexität gezielt zu reduzieren, ohne sie zu übersehen.

„Das Sozialsystem ist mehr als die Summe seiner Individuen.
Es entwickelt eigene
Regeln und Strukturen,
die auf der Ebene der
Einzelakteure nicht zu finden sind.“

Niklas Luhmann in „Soziale Systeme“ (1984)

Praxisbeispiel: Veränderungsprozesse und Unternehmenskultur

Ein Familienunternehmen in Bayern wandte sich zum Beispiel aufgrund von Herausforderungen in der Unternehmenskultur an uns. Unsere Interviews offenbarten, dass eine allgemeine Unsicherheit herrschte, wie das Unternehmen nach dem Generationswechsel der Inhaberschaft weitergeführt werden würde.

Das „System Unternehmen“ war gestört: Während der alte Inhaber als konstante Entscheidungsprämisse für die Belegschaft berechenbar gewesen war, fehlten in Bezug auf den neuen Inhaber klare Kommunikations- und Erfahrungswerte.

Personen sind strukturelle Entscheidungsprämissen von Organisationen.

Nach Luhmann erhalten sie das System durch Kommunikation aufrecht. Hier war der Austausch zwischen den Teilsystemen „Belegschaft“ und „Geschäftsführung“ aufgrund des Generationenwechsels unterbrochen, was die bisher nonverbal gewohnten Entscheidungswege in Unsicherheit überführte.

Mithilfe von Luhmanns Systemtheorie und Ansätzen der neueren Systemtheorie konnten wir das Unternehmen begleiten, den Kommunikationsfluss neu zu initiieren. So entstand für alle Mitarbeitenden und die Geschäftsleitung ein klares gemeinsames Zielbild, das Unsicherheiten auflöste und ein Verständnis für die gemeinsame Zukunft schuf.

Balance zwischen Struktur und Flexibilität in Organisationen

Eine der großen Herausforderungen für Organisationen ist die richtige Balance zwischen Struktur und Flexibilität. Strukturen verleihen Stabilität, während flexible Prozesse Anpassungen ermöglichen. Luhmann zeigt, dass starre Strukturen den Wandel blockieren können. Erst durch Raum für Flexibilität und dynamische Prozesse kann Innovation gedeihen. Systemisches Denken und Handeln schaffen eine Grundlage für kontinuierliches Lernen, klare Kommunikation und effektive Zusammenarbeit und werden damit zu strategischen Partnern für Unternehmen sowie jede Form organisierter Zusammenarbeit.

„Ein System bewältigt die Komplexität seiner Umwelt,
indem es seine eigene Komplexität erhöht und
nur die Informationen verarbeitet,
die es innerhalb
seiner eigenen Grenzen und Logiken steuern kann.“

Niklas Luhmann in „Soziale Systeme“ (1984)

Praktische Anwendung der Systemtheorie im Change Management

Luhmanns Systemtheorie bietet Führungskräften und Change-Begleitern wertvolle Denkansätze für das Change Management. Sie hilft, komplexe Veränderungen besser zu verstehen und zu begleiten.

Schematische Darstellung der Systemtheorie (Quelle: HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik)

Es gibt einige zentrale Prinzipien, deren Berücksichtigung in Veränderungsprozessen hilfreich sein können.

1 Verständnis für operative Geschlossenheit

Luhmann betont, dass Systeme operativ geschlossen sind und Veränderungen nur nach internen Regeln und Strukturen verarbeiten. Führungskräfte lernen daraus, dass Veränderungen nicht von außen aufgezwungen, sondern so gestaltet werden sollten, dass sie in die interne Logik des Systems integriert werden.

2 Kommunikation als zentraler Veränderungsfaktor

Kommunikation ist das Fundament sozialer Systeme. Change-Begleiter sollten daher auf klare, konsistente und zielgerichtete Kommunikation achten, um sicherzustellen, dass der Wandel nachvollzogen und im Alltag verankert werden kann.

3 Reduktion von Komplexität und Strukturierung des Wandels

Die Systemtheorie zeigt, dass Organisationen Komplexität reduzieren, um handlungsfähig zu bleiben. Führungskräfte sollten daher Veränderungen schrittweise und strukturiert einführen, anstatt die Organisation mit zu vielen Neuerungen zu überfordern.

4 Akzeptanz von Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit

Die Systemtheorie erklärt, dass soziale Systeme oft nur bedingt vorhersehbar sind. Flexible Change-Strategien, die auf die Dynamik der Organisation eingehen, sind daher notwendig.

5 Eigenverantwortung innerhalb der Teilsysteme fördern

Da Organisationen in Subsysteme differenziert sind, die eigene Logiken und Kulturen haben, ist es sinnvoll, die Verantwortung für Veränderungen innerhalb dieser Subsysteme zu stärken.

6 Sinnstiftung und Sinnvermittlung im Wandel

Die Systemtheorie zeigt, dass Sinn für Systeme essenziell ist, um Orientierung zu schaffen.

Führungskräfte sollten den Wandel daher als sinnstiftenden Prozess vermitteln, damit Mitarbeitende ihren Platz im System und ihren Beitrag zur Veränderung klar erkennen.

7 Umweltfaktoren und externe Einflüsse berücksichtigen

Obwohl Organisationen operativ geschlossen, aber strukturell offen sind, sollten Führungskräfte externe Entwicklungen als Impulse verstehen und diese mit der internen Logik der Organisation abstimmen.

8 Reflexion über bestehende Entscheidungs- und Kommunikationsstrukturen

Veränderungsprozesse bieten Gelegenheit, bestehende Strukturen zu hinterfragen und gegebenenfalls neu zu gestalten. Die Systemtheorie regt Führungskräfte an, die Flexibilität der bestehenden Strukturen zu überprüfen, um Veränderungen voranzutreiben.

Zusammengefasst bietet Luhmanns Systemtheorie Führungskräften und Change-Begleitern wertvolle Perspektiven, um Veränderungsprozesse als integralen Bestandteil der selbstorganisierenden Dynamik einer Organisation zu verstehen und nachhaltig zu gestalten. Ein tiefes Verständnis der Kommunikationslogik und der internen Funktionsweise des Systems ist entscheidend, um Wandel souverän zu begleiten und zielgerichtet umzusetzen.

Luhmanns Systemtheorie kann auf Teams, Abteilungen, Bereiche und ganze Unternehmen angewendet werden.

Sie erlaubt es, soziale Systeme als funktional ausdifferenzierte Einheiten zu begreifen, die sich durch stete Kommunikation selbst regulieren und ihre Strukturen laufend anpassen.

„Organisationen erhalten sich durch die Kommunikation ihrer eigenen Entscheidungen.
Sie sind autopoietisch, insofern sie ihre eigene Struktur und Form
durch Kommunikation
immer wieder neu erschaffen.“

Niklas Luhmann in „Organisation und Entscheidung“ (2000)

Die Relevanz von Systemdenken in dynamischen Organisationen

Organisationen, die relevante Entwicklungen ihrer Umwelt ignorieren, setzen sich ungewollten Risiken aus. Führungskräfte und Change Manager können mithilfe von Luhmanns Konzepten die Dynamiken von Kommunikationsprozessen und Organisationsstrukturen besser verstehen und Veränderungsprozesse gezielt gestalten.

Wer diese Wechselwirkungen begreift, kann den Wandel in Organisationen strategisch steuern, Stabilität und Flexibilität miteinander in Einklang bringen und eine klare Zielvision vermitteln, die die Motivation der Mitarbeitenden stärkt.

In komplexen Strukturen bietet Niklas Luhmanns Systemtheorie praktische Ansätze, um Organisationen dabei zu helfen, den Wandel mutig und reflektiert zu gestalten. Das systemische Denken hilft dabei, den Blick auf das Wesentliche zu richten, Ruhe in Veränderungsprozesse zu bringen und die passenden Interventionen zum richtigen Zeitpunkt einzuleiten.

 

changement! Heft 09/2024

 

Autoren

Laura Hüer
ist Senior-Projektmanagerin bei der systemischen Unternehmensberatung S&P Consulting SE. Sie leitet das Kompetenzteam Unternehmenskultur und -werte und begleitet vor allem Kunden in ihren Change- und Wachstumsprozessen. S&P arbeitet seit über drei Jahrzehnten nach Erkenntnissen der systemischen Organisationstheorie, inspiriert durch Luhmanns Arbeit (https://www.spconsulting.de/).
»Laura bei LinkedIn

Robert A. Sedlák
ist seit über 35 Jahren Unternehmensberater. Er ist Gründer von S&P Consulting SE und Gastprofessor an der East China Normal University (ECNU). Durch die jahrelange und enge Zusammenarbeit mit dem Luhmann-Experten Professor Rudolf Wimmer hat er
praxisorientierte Methoden entwickelt, die Organisationen in die Lage versetzt, ihre Selbsterneuerungskraft zu stärken (https://www.spconsulting.de/).
»Robert bei LinkedIn

Für viele Unternehmen wird es immer wichtiger, dass sie Teil von Ökosystemen werden. Diese bieten trotz einer komplexer werdenden Wirtschaftswelt die Chance auf zusätzliche Wachstumshebel und Innovationen – auch wenn die eigenen Ressourcen und Fähigkeiten begrenzt sind. Bernhard Lingens beschreibt, auf welche Schritte es besonders ankommt, damit aus dem Buzzword ein Werkzeug wird, das echten Mehrwert stiftet.

Ökosysteme haben in den vergangenen Jahren einen wahren Hype durchlebt – mitunter gefolgt von umso stärkeren Enttäuschungen. Die Gründe liegen meist in den ersten Schritten. Ökosystem-Initiativen benötigen organisationale Vorarbeiten und die richtigen Prioritäten – dann können sie gelingen. Und das ist eine gute Botschaft. Denn im Kern sind Ökosysteme so relevant wie nie. Sie ermöglichen Innovation jenseits der Grenzen der eigenen Ressourcen und Fähigkeiten. Und schaffen damit zusätzliche Wachstumshebel in Zeiten, in denen Trends im Kontext der Digitalisierung zum Handeln zwingen, die internen Ressourcen jedoch oftmals knapp sind. Doch was sind nun die ersten Schritte auf dem Weg zum Ökosystem?

1. Den Grund für die Initiative kennen und die verschiedenen Ökosystem-Konzepte verstehen

Es klingt trivial. Aber gerade, weil Ökosysteme so ein Hype-Thema geworden sind, möchten Firmen oftmals Ökosysteme um des Ökosystems willen. Sobald dann die Probleme und Herausforderungen kommen, ist die Freude vorbei und die Initiativen werden enttäuscht beendet.

Es ist wie mit uns Menschen: Wollen wir jeden Morgen um 7 Uhr aufstehen und erst einmal bei jedem Wetter joggen gehen? Ein paar Tage lang machen wir das. Aber längerfristig und bei Starkregen nur dann, wenn wir wissen, wofür wir trainieren. Das „Trainingsziel“ bei Plattform-Ökosystemen (digitale Marktplätze, getrieben durch Netzwerkeffekte) ist, ganze Märkte abzubilden. Marktdominanz ist daher kein Nebeneffekt, sondern ein Kernziel. Und das erfordert langjährige Marketing- und Business-Development-Aktivitäten.

Innovations-Ökosysteme ermöglichen Innovation jenseits der Kernfähigkeiten des Unternehmens, erzeugen aber starke externe Abhängigkeiten und Koordinationsaufwendungen – und scheitern in der Mehrzahl der Fälle an der inhärenten Komplexität und Ungewissheit. Dieses Risiko gehen Firmen nur ein, wenn sie wissen, wofür: Welche Herausforderungen hat die Firma, die wir mit Ökosystemen lösen wollen? Welche Potenziale bestehen?

Im ersten Schritt müssen daher die Chancen und Risiken der verschiedenen Ökosystem-Konzepte sowie der Grund für ihre Anwendung klar verstanden werden.

2. Commitment schaffen – vor allem beim Top-Management

Der zweite Schritt ergibt sich aus dem ersten. Ökosystem-Initiativen sind langfristig und gehen mit starken Herausforderungen einher. Die Firma und vor allem ihr Top-Management müssen das wollen. Und das bedeutet in der Regel, Antworten auf nicht leichte Fragen wie die folgenden zu geben, die die Organisation früher oder später stellen wird:

  • Wieso müssen wir einen Change und eine Ausbildung im Vertrieb machen?
    Weil dieser die Kundenschnittstelle werden soll für die aus dem Innovations-Ökosystem entstehenden Produkte!
  • Wieso muss die Produktentwicklung eine agile Transformation durchmachen?
    Weil sie als Modullieferant mit externen Partnern schnell und effizient Produkte entwickeln muss!
  • Wieso müssen wir über Jahre so viel Geld in Marketing investieren?
    Weil wir den Netzwerkeffekt für das Plattform-Ökosystem in Gang bringen müssen.

Wenn das Top-Management all diese Fragen nicht mit Überzeugung beantworten und die nötigen Änderungen und Entscheidungen vorantreiben kann, wird die Initiative scheitern. Jeder will Ökosysteme – doch nur, wenn auch die Herausforderungen der Konzepte akzeptiert werden, ist es echtes Commitment.

3. Das Kundenproblem verstehen und das Wertversprechen definieren

Innovations-Ökosysteme sind ineffizient – wegen der Koordinationsaufwendungen und Abhängigkeiten. Daher muss die Kundschaft entweder mehr zahlen für das resultierende Produkt oder es ist so überlegen, dass es sich breit im Markt durchsetzt und somit über den Absatz die nötigen Erträge liefert.

Plattform-Ökosysteme bringen gute Renditen, wenn über den Netzwerkeffekt die Skalierung zur Marktdominanz erbracht wird.

In beiden Konzepten steht und fällt die Initiative daher mit einem starken Wertversprechen an die Kunden, bei Plattformen zusätzlich auch noch für die Anbieter.

Literaturtipp

Bernhard Lingens (2024): Business-Ökosysteme verstehen, aufbauen und managen: Der Praxisratgeber für Strategieentwicklung, Innovation und Transformation, Carl Hanser Verlag

 

Der Startpunkt liegt also bei den Kunden und ihren Problemen. Die richtige Frage lautet: Welches Kundenproblem möchte ich lösen und ist der aus der Lösung resultierende Business Case stark genug, um die inhärenten Herausforderungen der Ökosystem-Konzepte zu kompensieren? Erst wenn wir hierauf eine Antwort definiert und getestet haben, können wir uns dem nächsten Schritt widmen.

4. Rollen definieren und Strukturen schaffen

Auf Basis des Wertversprechens ergeben sich die nötigen Rollen für dessen Umsetzung. Wer ist die Kundenschnittstelle und bringt die Lösung an die Kunden? Wer liefert welche Module ins Ökosystem? Diese Fragen basieren jedoch nicht auf „Wünsch dir was“. Damit das Ökosystem funktionieren kann, müssen alle Spieler dieser Mannschaft auch für ihre Rollen geeignet sein:

  • Wer hat die nötigen Fähigkeiten und Ressourcen?
  • Und sind die jeweiligen Abteilungen auch methodisch in der Lage sowie basierend auf ihrer Kultur und Identität willens, die zugedachten Rollen zu spielen?

Darüber hinaus gilt: Je weniger Rollen man selbst im Ökosystem übernimmt, desto weniger Investment und Risiko hat man. Auf der anderen Seite ergibt sich auch weniger Einfluss und ein kleineres Stück vom Kuchen – das ist eine strategische Abwägung.

5. Die Partner überzeugen und integrieren

Wie überzeugt man Partner, im Ökosystem mitzuwirken? Durch den Business Case und einen klaren Plan, wie man diesen umsetzen möchte. Und genau dafür braucht es das starke Wertversprechen als Startpunkt. Danach hängt das Vorgehen aber vom Konzept ab: Im Innovations-Ökosystem integriert der Orchestrator erst einmal nur den wichtigsten Partner und optimiert den angedachten Bauplan für das Ökosystem auf dessen Wünsche hin, falls nötig.

Beim Plattform-Ökosystem werden so viele Partner wie möglich so schnell wie möglich integriert – schließlich geht es um rasche Skalierung zur Marktdominanz und das Ankurbeln des Netzwerkeffekts. Hier sind einheitliche Regeln und klare Schnittstellen der Schlüssel, was auch eine Anforderung an die IT ist.

 

changement! Heft 09/2024

 

Autor

Prof. Dr. Bernhard Lingens
ist Experte für Innovationsmanagement und Ökosysteme. Er leitet den Bereich für Innovation am IMA der Universität Luzern, wo er auch Mitglied des Direktoriums ist. Zudem ist er Adjunct Associate Professor an der Aalborg Business School sowie Research Affiliate an der Universität St. Gallen. Er arbeitet außerdem als Senior Manager Innovation and Ecosystem Management bei Detecon Schweiz.
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Für die einen Allheilmittel, für die anderen völlig überbewertet: Tools und Methoden im Change. Wir fühlen Expertinnen und Experten auf den Zahn und wollen ihre Sicht der Dinge sowie einige Tipps erfahren. Diesmal fragen wir Sven Latzel.

Mal ehrlich, was genau ist eigentlich Facilitation?

Facilitation steht im Wortsinne dafür, etwas zu erleichtern. Durch Interaktionsgestaltung bietet der Facilitator Raum und Methoden, um entstehen zu lassen, was im Gruppenprozess als bestmögliches Ergebnis entstehen kann. Man schafft einen Rahmen, in dem gemeinsam gelernt wird, Erkenntnisse gesammelt und Entscheidungen getroffen werden sowie Neues gestaltet wird.

Wichtig ist dabei immer, die eigene Bedürfnislosigkeit zu erhalten.

Das heißt sich nicht inhaltlich oder emotional zu involvieren, um furchtlos und mit freiem Denken im Sinne des Auftrags agieren zu können.

Man lernt ja doch hin und wieder die ein oder andere neue Methode, ein Vorgehen oder einen neuen Ansatz in Bezug auf Change und Transformation kennen. Wann hattest du diesbezüglich das letzte Mal ein Aha-Erlebnis?

Bei der Frage fällt mir sofort der Provokative Ansatz ein. Er geht auf Frank Farelly zurück und zielt ursprünglich auf Coaching- und Therapiekontexte ab, lässt sich aber auch super in Gruppen anwenden. Es geht darum, die Glaubenssätze des Gegenübers achtsam und liebevoll zu überzeichnen, um dem Gegenüber die Gelegenheit zu geben, selbst die gelegentliche Absurdität und Widersprüchlichkeit der eigenen Überzeugungen zu erkennen.

Besonders das Modell der drei F, die nachhaltigen Veränderungen im Weg stehen, haben mich berührt. Sie stehen für:

  • Fixierung: „So sind wir! So waren wir schon immer!“
  • Faulheit: „Das bringt doch nichts! Wozu der Aufwand, es passt doch alles!“
  • Feigheit: „Das schaffen wir nie! Das können wir nicht!“.

Die zugehörigen Aussagen sollen hier nur der Veranschaulichung dienen.

Ein Beispiel aus meiner Praxis: Ein kleines Unternehmen, dessen Leitungsrunde sich selbst „Elefantenrunde“ nannte, hatte sich aufgemacht Richtung New Work und dezentraler Methoden. Die „Elefantenrunde“ stand diesem Trend schon durch den Namen im Weg und es brauchte Jahre, bis die Firma ihn streichen konnte. Für mich ein klares Beispiel für Fixierung.

Was verstehst du unter einer „vitalen Arbeitskultur“, für die du dich starkmachst? Und warum brauchen Organisationen eine solche?

Eine vitale Arbeitskultur ist anpassungsfähig, ähnlich wie das Ökosystem eines Gartens oder eines Waldes. Jedes Element – Team, Rolle, IT-System, physischer Raum – hat seinen eigenen Platz, an dem es genug Sonne (Aufmerksamkeit) und Wasser (Ressourcen) bekommt und in Wechselwirkung mit den anderen Elementen steht.

Wenn Elemente sich aufgrund ihrer Lebensdauer und der äußeren Umstände überholt haben, dürfen sie eingehen und erneuert werden.

Eine vitale Arbeitskultur hat unserer Erfahrung nach acht wesentliche Aspekte: Effizienz, Qualität, Freude, Identifikation, Diversität, Resilienz, Verbundenheit und Lernfähigkeit. Pflegt eine Organisation diese Aspekte, ist sie regenerationsfähig, bleibt lebendig und anpassungsfähig.

Man kann übrigens auch das Gegenteil beleuchten, um es noch mal zu verdeutlichen: nämlich eine „tote“, erstarrte Arbeitskultur. Diese zeichnet sich aus durch fehlendes Vertrauen, ungelöste Spannungen und Stagnation bei gleichzeitiger Ressourcenverschwendung.

Gibt es Methoden oder Tools, die ganz besonders mit der Förderung einer vitalen Arbeitskultur in Verbindung stehen?

Ja, die gibt es! Auf unserem eigenen Erkenntnispfad haben sich einige Methoden und Modelle als besonders wirksam herausgestellt. Um ein paar zu nennen: der Organisationskompass, der Verantwortungsdialog, das „House of Change“, die Methoden aus „Art of Hosting“ und viele mehr.

Besonders mit dem Verantwortungsdialog arbeite und experimentiere ich im Moment, da er den „Sweetspot“ einer guten Verteilung von Zuständigkeiten und Macht ermöglicht. Es geht dabei darum, sehr offen über das Wollen, Können, Dürfen und Müssen von Personen in Rollen zu sprechen.

Besonders „das Dürfen“ (die Organisation erlaubt der Rolle die Verantwortung durch Privilegien und Ressourcen) und „das Müssen“ (die Rolle muss bestimmte Dinge bewirken, damit die Organisation lebensfähig ist) sind spannend, da sie den Beteiligten oft nicht in der Tiefe klar sind.

Wenn man dabei sauber arbeitet, kann man eine Organisation entwickeln, in der Menschen „müssen“, was sie „wollen“.

Du bist auch Experte für agile Methoden. „Agilität“ wird von sehr vielen sehr kritisch gesehen zurzeit, vor allem weil die wenigsten Unternehmen es konsequent machen. Woran liegt das?

Zuallererst sehe ich immer wieder, dass Agilität mit sehr starren Frameworks wie Scrum gleichgesetzt wird.

Daraus ergeben sich erhebliche Spannungen zwischen dem, was die Organisation wirklich braucht und dem, wie die Methoden konzipiert sind.

Die Prinzipien aus dem agilen Manifest haben sicher schon vielen Unternehmen dabei geholfen, ihre Sicht- und Handlungsweise positiv zu verändern. Groß angelegte agile Transformationen, die Macht dogmatisch neu auf dem Reißbrett verteilen, ohne die Menschen zu beteiligen, können allerdings kaum gelingen.

Hier kann das Prinzip Partizipation zum frühestmöglichen Zeitpunkt „der Kommunikationslotsen“ helfen. Wenn es gelingt, die Erkenntnisse aus der Agilität gemeinsam mit allen Betroffenen in neue Strukturen zu gießen, steht einer erfolgreichen Transformation aus unserer Sicht nichts mehr im Wege.

Wer oder was inspiriert dich?

Meine größte Inspiration sind die Momente, in denen ich sehen kann, wie Menschen um mich zu neuen Einsichten und Erkenntnissen gelangen. Das Verstehen in den Augen anderer zu sehen, ist ein riesiges Geschenk, für das ich immer wieder dankbar bin.

Es erinnert mich an meine eigenen Aha-Momente, die stets mein Leben wieder ein bisschen verändert haben.

 

changement! Heft 08/2024

 

Autor

Sven Latzel
arbeitet als Facilitator für kulturelle und digitale Transformationen. Er ist Gesellschafter und Geschäftsführer der Beratungsfirma „Vitale Arbeitskultur“. Seit diesem Jahr veröffentlicht er außerdem als Gründer des Startups facilify.app Tools, die Facilitator:nnen bei ihrer täglichen Arbeit unterstützen. (Kontakt: kontakt@vitale-arbeitskultur.de).
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Wann sind Mitarbeitende bereit, eine Veränderung mitzutragen? Das reine Informieren reicht in den seltensten Fällen aus. Wichtig ist viel mehr, die Menschen frühzeitig zu involvieren und eine plausible Geschichte zu erzählen, die das „Warum“ deutlich macht. Das kann eine Change Story leisten, die das gemeinsame Verständnis der Beteiligten dokumentiert.

Führungskräfte, die Veränderungen anschieben, denken oft, dass es reicht, Mitarbeitende zu informieren, wenn alles beschlossen und geplant ist. In dieser Annahme stecken drei große Fehler: erstens reicht reines Informieren nicht, wenn es gilt, Menschen auf einer Veränderungsreise mitzunehmen. Zweitens müssen die Mitarbeitenden frühzeitig involviert werden, damit sie Veränderung auch mittragen. Und drittens kann reine Information Menschen nur beschränkt zum Change bewegen.

„Es muss sich etwas ändern“ – das ist oft die einfache Antwort auf komplexe Herausforderungen. Das ist verständlich, denn Organisationen, ihre Menschen, ihre Kultur, ihre Prozesse haben ein gehöriges Beharrungsvermögen. Da ist es einfach zu sagen „Wir haben diese Probleme, weil wir so sind, wie wir sind“.

Wenn Veränderungen als Bedrohung gesehen werden

Meistens verbinden aber viele Menschen ein Sicherheitsgefühl mit dem Ist-Zustand und empfinden deshalb Veränderungen als Bedrohung. Wenn sie mit einer Veränderung konfrontiert werden, dann wird diese als etwas von außen Kommendes wahrgenommen. „Die da oben“ haben was beschlossen, und „wir“ müssen es ausbaden. Wie bekommen Führungskräfte aber die Mitarbeitenden an Bord? Helfen kann dabei eine Change Story. Bevor sie erarbeitet werden kann, sind allerdings wichtige Punkte zu beachten.

1. Mit den richtigen Fragen anfangen

Führungskräfte haben meist das Bedürfnis, die volle Kontrolle zu behalten. Dabei übersehen sie oft, dass Mitarbeitende näher an den alltäglichen Herausforderungen sitzen und deshalb nicht nur guten Input geben können, sondern auch viel stärker von Veränderungen betroffen sind.

Es ist deshalb wichtig und richtig, die Mitarbeitenden frühzeitig einzubinden.

Natürlich kann nicht jede Organisation alle gleich intensiv einbinden und natürlich gibt es Veränderungen, bei denen aus rechtlichen oder anderen Gründen der Kreis der Beteiligten klein gehalten werden muss. Aber es besteht immer die Möglichkeit, frühzeitig viele durch das Nachfragen einzubinden. Denn fragen ist auch Kommunikation.

2. Erzählen statt informieren

Nicht umsonst sind aus fast jedem Kulturkreis Sagen, Legenden oder Geschichten überliefert, aber nur in den seltensten Fällen Geschäftsberichte oder Strategiepapiere. Während Letztere qualitativ hochwertigere Informationen beinhalten, haben Erstere entscheidende Vorteile: Das Erzählen bindet Informationen in einem plausiblen Sinnzusammenhang ein. Und lädt die Zuhörer dazu ein, sich als Teil der Geschichte zu fühlen. Wichtig zu wissen ist: Menschen machen sich selbst einen Reim auf das, was sie mitbekommen – wenn sie keine Geschichte haben, in die sie Gehörtes, Gelesenes und Gefühltes einordnen können. Kontext und Hintergrund sind also wichtige und unverzichtbare Elemente der Botschaft.

3. Das „Warum“ muss jeder und jede verstehen

Je klarer die Gründe, desto leichter werden sie verinnerlicht. Natürlich gibt es für Veränderungen meistens gute Gründe, aber die sind oft hinter Floskeln und Charts versteckt, oder es gibt viele unterschiedlich große Gründe, oder es gibt auch nur einen Anlass. Jetzt will aber jeder und jede verstehen, was da vor sich geht, und an der Kaffeemaschine wird analysiert und debattiert, bis ein einfacher und verständlicher Grund Konsens wird. Der muss nicht richtig sein, aber wenn er sich leichter erzählen lässt als die komplexe Wahrheit, dann setzt sich dieser Grund in der Erzählung durch. Um zu sehen, wie das funktioniert, reicht ein Blick auf die Methoden populistischer Politiker. Das Einzige, das gegen eine einfache Unwahrheit hilft, ist eine genauso einfache Wahrheit: das „Warum“.

4. Hauptsache irgendwas, statt nichts sagen

„Was ändert sich eigentlich?“

Wenn Veränderungen zu Verunsicherung führen, dann hilft es, wenn möglichst deutlich wird, was sich dann wirklich ändert. Das können genau umrissene Veränderungen sein, wie die Umstellung auf agiles Arbeiten oder Stellenabbau oder auch eher Haltungsänderungen. Manchmal wissen wir aber noch nicht genau, was sich ändert, dann können wir über die Prozesse reden, die wir nutzen, um die Veränderung zu gestalten. Es ist ganz entscheidend, dass gesagt wird, was gesagt werden kann und auch gesagt wird, wenn etwas (noch) nicht gesagt werden kann.

5. Antworten auf die wichtigste Frage vorbereiten

Irgendwann fragen sich alle Menschen in Veränderungsprozessen: „Was bedeutet das für mich?“

Denn jede große Veränderung muss irgendwann einmal auch Alltag für die Beteiligten werden – den Weg dahin und wie die neue Realität für den Einzelnen aussehen soll, will jeder weitestgehend wissen. Wenn Menschen sich als Objekt und nicht als Subjekt der Geschichte verstehen, dann fallen sie in eine Opferrolle und machen nicht aktiv mit. Im Gegenteil: Sie versuchen, die Veränderung auszusitzen oder sogar zu blockieren. Daher ist es essenziell, passende Antworten vorzubereiten und zu kommunizieren

 

changement! Heft 08/2024

 

Autor

Sepp Baumeister
nutzt seit über 30 Jahren als Texter, Creative Director, Creative Strategist die Kraft von Storytelling, um Einstellungen, Haltungen und Umstände zu beeinflussen. Bei Timmermann erzählt er als „Head of Communication Creation“ in Veränderungsprozessen die Dinge zusammen (Kontakt: sepp.baumeister@timmermannpartners.com).
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Für die einen Allheilmittel, für die anderen völlig überbewertet: Tools und Methoden im Change. Wir fühlen Expertinnen und Experten auf den Zahn und wollen ihre Sicht der Dinge sowie einige Tipps erfahren. Diesmal fragen wir Sven Zeising.

Mal ehrlich, Tools und Methoden werden im Change überschätzt! Richtig?

Tools sind Werkzeuge, die im Change eingesetzt werden, um zu analysieren, umzusetzen oder zu monitoren. Methoden sind Strategien oder Denkraster, die als Blaupause dienen, um Veränderungen zu strukturieren und die Komplexität zu managen. Ich nutze Tools gerne, da sie mein Denken strukturieren und Bewegung im Klientensystem erzeugen. Zum Beispiel ist es sinnvoll, zu Beginn eines Transformationsprozesses die Stakeholder-Landschaft zu analysieren, um Interventionen besser zu priorisieren.

Aber: „A fool with a tool is still a fool.“ Der beste Werkzeugkasten benötigt den passenden Kontext und einen kompetenten Impulsgeber, der flexibel agieren kann. Mit Methoden ist es ähnlich: Es gibt interessante Modelle, die helfen, die Nicht-Linearität von Transformationen zu verdeutlichen. Systemische Methoden ermöglichen es, Unternehmen als Systeme zu betrachten und Wechselwirkungen, Beharrungstendenzen und die Grenzen dieser Systeme zu verstehen.

Auch das SCARF-Modell liefert spannende Einblicke aus der Neurowissenschaft, um Entscheider und Entscheiderinnen für bestimmte Dynamiken in Restrukturierungsprojekten zu sensibilisieren. Es gibt viele Methoden, die den Rahmen für Change-Prozesse erleichtern. Einige wie Psychological Safety und viele New-Work-Modelle erleben gerade eine Renaissance.

Du sprichst immer wieder von „Energizing Humans“. Was braucht es, um Menschen in Organisationen zu energetisieren?

Zukunftsfähigkeit entsteht durch Energie, Engagement und Gestaltungswillen der Mitarbeitenden. Selbstführung, Resilienz und Gesundheit sind wichtige Faktoren, die von den Gestaltenden in Veränderungsprozessen gestärkt werden sollten.

Viel Change auf unterschiedlichen Ebenen zur gleichen Zeit kann Mensch und Organisation Energie bringen – oder auch nehmen. Ich sehe mich in meiner Rolle als „Perspektivenkellner“ in Anlehnung an Gunther Schmidt, der den Begriff des „Realitätenkellners“ geprägt hat.

Neben dem soziologischen Blick auf Organisationen spielt das psychologische Modell eine Rolle.

Es konzentriert sich auf Verhalten, Haltung und Identität. Ich bin als Berater, Begleiter oder in HR dann wirkungsvoll, wenn ich verschiedene Perspektiven im Blick habe und je nach Bedarf anbiete, um Dinge in Bewegung zu bringen.

Können Formate dabei helfen?

Ja, es gibt viele Formate, die hilfreich sein können. Einige sind heutzutage öffentlich im Netz verfügund nutzbar, wie etwa Liberating Structures, 9 Spaces oder Management 3.0. Diese Formate fokussieren sich auf strukturelle Impulse, andere blicken auf Teams und den Menschen und bieten zum Beispiel Achtsamkeitsübungen oder Modelle zur Stärkung von Teamresilienz. Oft ankopplungsfähig sind Formate rund um „Psychological Safety“ oder stärkenorientierte Formate.

Sollten Unternehmen bei Transformationen generell noch stärker auf die kollektive Intelligenz setzen?

Ich persönliche bin ein Freund von Co-Creation. Die Transformationsansätze hängen jedoch von Ziel und Kontext ab. Müssen Unternehmen in kurzer Zeit restrukturieren, ist ausgeprägte Partizipation aufgrund von Zeitknappheit oft eingeschränkt. In vielen anderen Fällen, wie der unternehmerischen Zukunftsgestaltung oder auch der Vorbereitung auf sich ändernde Marktdynamiken und Kundenbedürfnisse, kann die kollektive Intelligenz durch partizipative und co-kreative Ansätze enorm wertschöpfend genutzt werden.

Welche Methoden haben sich für dich hierbei bewährt?

Ich arbeite aktuell zusammen mit meinem Team in einem mittelständischen familiengeführten Konzern an dessen Zukunftsgestaltung mit Fokus auf organisationale und kulturelle Dimensionen. Dabei kombinieren wir Top-down- und Bottom-up-Ansätze und nutzen im Zeitverlauf immer mehr die kollektive Intelligenz der Mitarbeitenden. Themen wie Führung, Zusammenarbeit und Kultur werden in gemischten Workstreams bearbeitet. Insbesondere auf der Ebene von Change und Kommunikation bieten wir Dialogräume an, die mehr Beteiligung und Mitgestaltung ermöglichen. Die Rückmeldung auf diese neue Art ist sehr kraftvoll.

Welche Rolle spielt HR aus deiner Sicht, wenn es um die Gestaltung von Change geht?

Die People-Funktion spielt eine zentrale Rolle in der unternehmerischen Gestaltung und Begleitung von Zukunft. Einerseits muss unser „operativer Maschinenraum“ reibungslos funktionieren, andererseits müssen wir uns als strategischer Begleiter und Impulsgeber etablieren. Wir sollten die richtigen Fragen stellen dürfen, können und wollen.

Wie wäre es, wenn wir Change mit einem Fokus auf Menschen und Organisationen strukturieren und unsere Führungskräfte befähigen? Gleichzeitig sollten wir als Seismografen für die Kulturentwicklung agieren. Da Change ein ständiger Begleiter sein wird, sollten wir als HR jetzt die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, um Wirkung zu erzielen.

Man lernt ja doch hin und wieder die ein oder andere neue Methode, ein Vorgehen oder einen neuen Ansatz in Bezug auf Change und Transformation kennen. Wann hattest du diesbezüglich das letzte Mal ein Aha-Erlebnis?

Kürzlich habe ich mich mit der Organisational Network Analysis beschäftigt. Diese Methode visualisiert formale und informale Netzwerke in Unternehmen und kann bei der Erstellung einer Stakeholder-Map helfen, indem sie informelle Führungskräfte identifiziert, die den Change unterstützen können. Auch bin ich immer wieder positiv überrascht, welchen Mehrwert die Nutzung von Tools wie Miro, Trello und Slack in der Kommunikation, der Strukturierung und der Co-Kreation von Zukunft bietet.

Wer oder was inspiriert dich?

Mich inspirieren mutige Menschen, die versuchen, Unternehmen neu zu erfinden und besser aufzustellen. Ich folge „Thought Leadern“ auf LinkedIn, tausche mich mit ihnen aus, lese Artikel, Bücher und höre Podcasts. Dabei hinterfrage ich immer, wer echten Change vorantreibt und wer eher nur an der Oberfläche arbeitet. Mutige Organisationen, die neue Wege gehen, sollten wir als Change-Community unterstützen, damit Change nicht nur aus netten Plakaten besteht, sondern Substanz gewinnt.

Change ist kein Selbstzweck. Es geht um die Schaffung einer gemeinsamen Zukunft.

 

changement! Heft 07/2024

 

Autor

Sven Zeising
ist Betriebswirt und Organisationspsychologe, Leiter der Fachgruppe Change des Bundesverbands der Personalmanager:innen und aktuell „Head of People & Culture“ bei der Vorwerk Stiftung. Er lebt mit seiner Familie in Langenfeld bei Düsseldorf und gewinnt Energie durch Freunde, Sport und Bergerlebnisse.
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Eine KI, die dem Menschen dient

Die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz hat in den vergangenen Jahren einen enormen Schub bekommen – mit gravierenden Auswirkungen für Wirtschaft und Gesellschaft. Wichtiger denn je ist deshalb eine klare Strategie für den Übergang in die neue KI-gestützte Arbeitswelt und es gilt, den Fokus zu verschieben: von einer Rationalisierungslogik hin zu einer menschenzentrierten KI. Anderenfalls drohen Frustration, Entfremdung und soziale Unsicherheit.

Das Thema Künstliche Intelligenz (KI) hat in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Entwicklung durchlaufen und ist längst aus der Science-Fiction in unseren Alltag übergegangen. Was einst 1936 mit der Turing-Maschine als visionäre Technologie begann, hat heute nahezu alle Branchen erreicht: Fertigungsstraßen steuern autonom Produktionsmaschinen und -prozesse, Chatbots beantworten Serviceanfragen in hoher Geschwindigkeit, und Handelsalgorithmen führen eigenständig Transaktionen an den globalen Finanzmärkten durch.

Klassische KI zielte darauf ab, Prozesse effizienter zu gestalten, Kosten zu senken und menschliche Fehler zu eliminieren. Diese Ziele sind prinzipiell sinnvoll, haben jedoch oft zu einem Ansatz geführt, bei dem Effizienzgewinne und Kostensenkungen mit der Rationalisierung menschlicher Arbeitskraft gleichgesetzt wurden: Maschinen erledigen die Arbeit – der Mensch schaut, wenn überhaupt, nur noch zu oder übernimmt eine Kontrollfunktion. Eine solche Denkweise birgt langfristig Risiken sowohl für Unternehmen als auch für die Gesellschaft.

Wenn der Mensch zunehmend durch Algorithmen und Maschinen ersetzt wird, geraten nicht nur Arbeitsplätze in Gefahr, sondern auch wertvolle Fähigkeiten.

Fähigkeiten, die Maschinen nicht leisten können: Empathie, soziale Interaktion und komplexes Problemlösungsdenken. Zudem bliebe das menschliche Bedürfnis nach sinnstiftender Arbeit zunehmend auf der Strecke, was zu einer allgemeinen Entwertung von Arbeit führen könnte.

Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt

Eine Arbeitswelt, in der Menschen nur noch repetitive oder überwachende Aufgaben ausführen, während Maschinen die wesentliche Arbeit übernehmen, kann zu Frustration und Entfremdung führen. Die Folgen könnten gravierend sein: Eine Generation von Mitarbeitenden, die keine intrinsische Motivation in ihrer Arbeit findet, ist für Unternehmen ebenso problematisch wie eine Gesellschaft, die Arbeit nicht mehr als sinnstiftend wahrnimmt. Das Resultat könnte eine Zunahme sozialer Unsicherheit sein, was den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdet.

Ohne eine klare Strategie für den Übergang in diese neue KI-gestützte Arbeitswelt, die den Menschen ins Zentrum stellt, droht möglicherweise eine Gesellschaft, in der ein Großteil der Bevölkerung entweder in prekären Beschäftigungsverhältnissen arbeitet oder ganz aus dem Arbeitsmarkt gedrängt wird. Daher ist es entscheidend, den Fokus von einer Rationalisierungslogik hin zu einer menschenzentrierten KI zu verschieben. Eine solch gestaltete KI ergänzt menschliche Fähigkeiten, fördert kreative und soziale Kompetenzen und bedingt eine Arbeitsumgebung, die Menschen in neue, wertschöpfende Tätigkeiten einbindet und gleichzeitig ihre Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit wahrt, wenn nicht sogar stärkt.

Beispielsweise analysieren KI-basierte Assistenzsysteme in der Medizin große Datenmengen und unterstützen Ärztinnen und Ärzte bei der Diagnose, ohne deren Entscheidungshoheit zu ersetzen. Adaptive Lernplattformen ermöglichen personalisierte Lernpfade, die den Lernprozess unterstützen und fördern, während Lehrkräfte weiterhin die zentrale Rolle spielen. Es existieren auch KI-basierte Spracherkennungssoftwares, die gesprochene Sprache in Echtzeit in Text umwandeln, um beispielsweise Menschen mit Hörbeeinträchtigungen zu unterstützen und ihre Teilhabe zu erleichtern.

Solche Beispiele zeigen deutlich, dass technologisches und menschliches Potenzial gemeinsam Fortschritte erzielen können, wenn sie Hand in Hand gehen.

Ethische Leitlinien und rechtliche Regelungen

Damit menschenzentrierte KI erfolgreich entwickelt und umgesetzt werden kann, sind klare Rahmenbedingungen notwendig. Es braucht eine gemeinsame Strategie, die von allen Seiten im Unternehmen unterstützt wird.

Erstens sind ethische Leitlinien und rechtliche Regelungen notwendig, die den verantwortungsvollen Einsatz von KI sicherstellen. Hierzu gehören Datenschutz, Transparenz und faire Entscheidungsprozesse, um Diskriminierung und Missbrauch zu verhindern. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist der „AI Act“ der EU, der verbindliche Standards für den Einsatz von KI festlegt und sicherstellen soll, dass KI-basierte Systeme transparent und sicher gestaltet werden und die Grundrechte schützen.

Zweitens ist die frühzeitige Einbindung von Interessenvertretungen und der Mitarbeitenden in die Entwicklung und Implementierung von KI-basierten Systemen entscheidend. Nur wenn die Bedürfnisse und Bedenken derjenigen berücksichtigt werden, die direkt mit der KI arbeiten, kann diese Technologie ihre volle Wirkung entfalten.

Drittens:

Unternehmen müssen kontinuierlich in die Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden investieren.

Damit diese die neuen Technologien nicht nur bedienen, sondern auch aktiv mitgestalten können. Dies bedeutet nicht, dass alle Mitarbeitenden technologische Expertise beispielsweise im Bereich neuronaler Netze aufbauen müssen, sondern eher, dass sie die Grundkonzepte kennen und dadurch eine sinnvolle Einbettung KI-basierter Systeme in alltägliche Nutzungspraktiken gestalten können.

Es gilt, generell zu erwähnen, dass KI-basierte Automatisierung nicht per se verteufelt werden sollte. Sie kann sogar einen wertvollen Beitrag zur Bewältigung des Fachkräftemangels leisten – sollte allerdings aus einer menschenzentrierten Perspektive heraus entwickelt werden. Letztlich kann eine menschenzentrierte KI nur in einem Umfeld langfristige Vorteile schaffen, in dem technologische Innovationen als Mittel zur Förderung von Wohlstand und sozialem Fortschritt betrachtet werden.

Der Übergang zu einer menschenzentrierten Perspektive auf KI erfordert daher nicht nur technologische Investitionen, sondern auch einen kulturellen Wandel in Unternehmen und Gesellschaft. Es geht darum, eine Zukunft zu gestalten, in der die KI dem Menschen dient – und nicht umgekehrt.

 

changement! Heft 07/2024

 

Autor

Thomas Ludwig
ist Professor für „Bildungstechnologien für die digitale Transformation“ an der FernUniversität in Hagen. Er leitet dort den interdisziplinären Forschungsschwerpunkt „Arbeit – Bildung – Digitalisierung“ und verantwortet die wissenschaftlich-technische Arbeitsgruppe des Zukunftszentrums KI NRW (Kontakt: thomas.ludwig@fernuni-hagen.de).
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