Schlagwortarchiv für: Ausgabe 02/2025

Für die einen Allheilmittel, für die anderen völlig überbewertet: Tools und Methoden im Change. Wir fühlen Expertinnen und Experten auf den Zahn und wollen ihre Sicht der Dinge sowie einige Tipps erfahren. Diesmal fragen wir Simon Berkler.

Mal ehrlich, Organisationen sind doch kaum zu verändern, oder?

Organisationen – egal wie klein oder groß – sind lebendige soziale Systeme und als solche ganz generell nur begrenzt steuerbar. Niemand kann Organisationen „von außen“ verändern, auch Organisationsentwickler nicht – das machen die Organisationen schon selbst. Veränderungsprozesse können aber dabei unterstützen, da sie Räume bieten, in denen Beobachtungen und Bewertungen miteinander abgeglichen und daraus hilfreiche Handlungsoptionen abgeleitet werden. Was aus meiner Sicht hilft: den Veränderungsbedarf in Scheiben schneiden. Also, nicht ein großer Change-Prozess alle drei Jahre, sondern stattdessen ein stetiges und systematisches Arbeiten an der Organisation in kleinen Portionen. Damit wird die Organisation letztlich selbst zum lebenden Change-Prozess.

Wie wichtig sind Methoden und Tools, wenn es darum geht, zum Beispiel eine Kulturentwicklung voranzubringen?

Gegenfrage: Was ist eigentlich Kulturentwicklung? Kultur lässt sich nicht unmittelbar entwickeln. Sie ist die „unentscheidbare Entscheidungsprämisse“, wie Niklas Luhmann sie nannte. Kultur ist – genauso wie auf individueller Ebene die „Haltung“ oder das „Mindset“ – immer da und entzieht sich einer direkten Bearbeitung. Was man verändern kann, sind die Verhältnisse (Strukturen, Programme, Entscheidungswege) und bis zu einem gewissen Grad auch das Verhalten der handelnden Personen.

Aus dieser Perspektive können Methoden und Tools dann hilfreich sein, wenn sie auf der Personenebene neues Verhalten ermöglichen und auf der Systemebene dieses neue Verhalten strukturell und prozessual unterstützen sowie autorisieren. Auf einer unmittelbaren Kulturebene sind Tools und Methoden vor allem dann hilfreich, wenn es darum geht, Kultur überhaupt besprechbar zu machen.

Die Transformationsbegleitung von Organisationen, die regenerativ wirtschaften wollen, ist eines deiner Schwerpunktthemen. Mit welchem Ansatz schafft man es, das notwendige Bewusstsein bei Managerinnen und Managern zu fördern?

Da gibt es leider keine „Silver Bullet“. Wir erleben derzeit große gesellschaftliche Transformationen auf vielen verschiedenen Ebenen gleichzeitig, und das führt zu individueller und kollektiver Überforderung. Häufig ist es hilfreich, Brücken zu bauen: Wie können wir die Kraft der „älteren“ Systeme nutzen, um ins Neue zu kommen? Beispiel: Wie können wir eine nachhaltige oder regenerative Wirkung mit ökonomischen Vorteilen verbinden? Manchmal ist es aber auch wirksamer, auf einer emotionalen Ebene der persönlichen Betroffenheit anzusetzen. Und manchmal hilft es schon, die beschriebene Überforderung und Erschöpfung miteinander anzuschauen und ihr Vorhandensein erst einmal anzuerkennen. Das kann der Start in einen Musterwechsel sein.

Was sind die hartnäckigsten Denk- und Verhaltensmuster, die es dabei aufzubrechen gilt?

Eines der größten Hindernisse ist, dass wir glauben, auf alle Fragen direkt Antworten haben zu müssen. Bei größeren paradigmatischen Veränderungen, wie dem Übergang zu einem regenerativeren Wirtschaftsmodell, muss das zwangsläufig zur Paralyse führen. Es geht nicht darum, sofort alle Zielkonflikte auflösen zu können. Es geht aber sehr wohl darum, neue Fragen zu stellen, damit überhaupt neue Antworten entstehen können. Das ist dann angewandte Unsicherheits- und Paradoxiekompetenz, könnte man sagen.

Eine weitere Herausforderung in unseren beschleunigten Gesellschaften ist es, in längerfristigen Zeithorizonten zu denken und zu handeln. Die Wirtschaft ist auf kurzfristige Belohnungen ausgerichtet und die globalen Finanzmärkte belohnen ein solches Verhalten vielfach. Sobald wir eine geweitete zeitliche Perspektive einnehmen, wird deutlich, dass Investitionen, die wir heute nicht in eine nachhaltige oder regenerative Umstellung tätigen, morgen als Kosten auf uns zurückfallen werden – multipliziert mit dem Faktor X. Allein schon betriebswirtschaftlich ist das Unsinn. Aber das wird natürlich erst deutlich, wenn wir nicht mehr in Quartalen, sondern in Generationen denken.

TheDive ist bekannt für den Transformationsansatz „Loop-Approach“. Und es gibt den „Stellar-Approach“ von euch, ein Ansatz zum regenerativen Wandel. Beide Ansätze fokussieren sich zunächst auf Teams. Braucht Transformation nicht immer auch ein Top-down-Vorgehen neben einem Bottom-up-Ansatz?

Klar, in größeren Transformationsarchitekturen müssen immer unterschiedliche Arbeitsstränge aufeinander abgestimmt werden. Neben der Teamentwicklung gibt es häufig weitere Stränge wie Führungskräfteentwicklung, Strategie- und Governance-Arbeit, Geschäftsmodellinnovation, Ausbildung und „Capacity Building“, Change-Kommunikation und Ähnliches.

Dass Teamentwicklungen oft im Zentrum unserer Ansätze stehen, hat mehrere Gründe: Erstens wird der Großteil der Arbeit in Organisationen in Teams gemacht. Hier werden jeden Tag Tausende Entscheidungen getroffen, die die Organisation in die ein oder andere Richtung bewegen.

In Teams ist es am wahrscheinlichsten, dass neue Praktiken entstehen.

Zweitens können wir gar nicht oft genug auf die Wichtigkeit des eigenen „Circle of Influence“ für systemische Veränderung hinweisen: Jedes Team hat einen eigenen Gestaltungsspielraum, den es nutzen kann. Und drittens sind wir Fans des „fraktalen Arbeitens“: Um Systeme zu bewegen, muss man nicht zwangsläufig mit dem gesamten System arbeiten. Es geht eher darum, die wirksamsten Akupunkturpunkte zu finden.

Man lernt ja doch hin und wieder die ein oder andere neue Methode, ein Vorgehen oder einen neuen Ansatz in Bezug auf Change und Transformation kennen. Wann hattest du diesbezüglich das letzte Mal ein Aha-Erlebnis?

Nicht ganz neu, aber ich habe mich im Rahmen meines letzten Buchprojekts wieder vertieft mit Three Horizons von Bill Sharpe und dem Two Loop Model des Berkana Institute auseinandergesetzt. Beide Modelle versuchen zu erklären, wie Systemwandel entsteht.

Wer oder was inspiriert dich?

Menschen, die sich trauen, bestehende Muster zu hinterfragen. Manchmal inspirieren mich allerdings andere Lebewesen auf diesem Planeten mehr als die Menschen. Oder sie geben mir jedenfalls mehr Hoffnung.

 

 

Autor

Dr. Simon Berkler
ist promovierter Medienwissenschaftler, systemischer Organisationsentwickler und Mitgründer von TheDive. Sein Fokus liegt auf der lebensdienlichen Weiterentwicklung des Wirtschaftssystems. 2024 hat er gemeinsam mit Ella Lagé das Buch „Der Stellar-Approach – Wie deine Organisation zum regenerativen Wandel der Wirtschaft beiträgt“ im Campus Verlag veröffentlicht.
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Die Kraft der Bilder

Die Visualisierung spielt in der Veränderungsarbeit mittlerweile eine große Rolle. Sie ist oftmals sogar der Schlüssel für eine erfolgreiche Beratung, weil sie zum Beispiel für Kunden mehr Klarheit und Struktur bringt oder selbst bei komplexen Themen einen emotionalen Zugang ermöglicht.

Im Rahmen von Facilitation ist die Visualisierung eine unverzichtbare Methode geworden, insbesondere wenn es darum geht, einen Beratungs- und Transformationsprozess – beispielsweise in Workshops – zu unterstützen. Komplexität reduzieren, Übersicht schaffen, das Wesentliche herausstellen – genau das leisten visuelle Tools. Sie bringen Inhalte in eine erzählerische Form und machen diese schnell und leicht verständlich. Ob Prozessdarstellungen, Strategie- und Zielbilder oder Graphic Recording: Visualisierungen helfen, aus abstrakten Konzepten greifbare und ansprechende Formate zu entwickeln.

Möglichkeiten der Visualisierung und ihre Vorteile

1. Strategiebilder: vom Diagramm zum erzählerischen Bild

Die Entwicklung einer Strategie ist anspruchsvoll – doch die zusätzliche Herausforderung liegt in ihrer Vermittlung. Die gängige Strategievermittlung sieht oft so aus: Präsentationen mit übervollen Charts, voller Strategiehäuser und Prozesskaskaden. Eine grau-blaue Welt in Kästen und Pfeilen.

Dies fördert Desinteresse oder Überforderung bei denjenigen, die man doch für die Implementierung der Strategie eigentlich aufklären, mitnehmen und emotional ansprechen wollte.

Mit Visualisierungen zu einer besseren Strategiekommunikation. Wegweiser in 3 Richtungen: Welcome to our strategy, Our vision, The big why

Bild 1: Mit Visualisierungen zu einer besseren Strategiekommunikation / Copyright: Christina Ackermann

Strategiebilder bieten hier eine echte Alternative: Sie fassen Vision, Mission, Ziele und Werte in einem Bild zusammen und ermöglichen einen Blick auf das große Ganze. Gleichzeitig laden sie dazu ein, in Details wie Maßnahmen oder Wertschöpfungsketten einzutauchen.

Graphic Recording eines Vortrags

Bild 2: Graphic Recording eines Vortrags / Copyright: Straumann Group

Sie schaffen damit zusätzlich Wiedererkennbarkeit und Identifikation und können vielfältig eingesetzt werden – als Poster, in Präsentationen, auf der Website oder als Animation. Einige Unternehmen gehen einen Schritt weiter und lassen die Strategiebilder auf Wände malen – ein starkes Signal, das zeigt: „Das ist uns wichtig.“

2. Big Pictures: Orientierung im Unternehmen

Nicht nur in Transformationsprozessen, sondern auch im Alltag können „Big Pictures“ Orientierung bieten. Sie stellen Unternehmensstrukturen, Produktportfolios und Wertschöpfungsketten anschaulich dar – mit einem besonderen Fokus auf Sinn und Zweck. Mitarbeitende finden sich und ihren Tätigkeitsbereich im Bild wieder, was Identifikation und Zugehörigkeit fördert. Solche Darstellungen können analog und digital genutzt oder in Animationsfilmen eingebettet werden. Ein echtes Erfolgsmerkmal: Wenn Mitarbeitende das Bild so wertschätzen, dass es in Büros oder Besprechungsräumen einen festen Platz erhält.

3. Graphic Recording: Gegen die Vergänglichkeit von Workshops

Workshops hinterlassen oft flüchtige Eindrücke – Keynotes, Übungen und Dialogrunden verschwimmen schnell. Eine visuelle Dokumentation, die die Inhalte live während der Veranstaltung festhält, hilft, die Ergebnisse zu sichern. Die visuellen Zusammenfassungen sind leicht verständlich, können geteilt und weiterverarbeitet werden und schaffen einen klaren roten Faden.

Wer arbeitet wo mit wem? The Big Picture eines Unternehmens

Bild 3: Wer arbeitet wo mit wem? Big Picture eines Unternehmens / Copyright: C3 GmbH

Wie Visualisierung die Beratungsarbeit bereichert

Berater:innen, die selbst zum Stift greifen, können bereits mit einfachen Flipcharts Struktur und Übersicht schaffen.

Für komplexere Formate wie Graphic Recording oder Strategiebilder lohnt es sich, Expert:innen hinzuzuziehen.

Die Transformationsreise als Wandbild

Bild 4: Die Transformationsreise als Wandbild / Copyright: Landeskrankenhilfe V.V.a.G.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Visualisierung manchmal als ein „nice to have“ hinzugenommen wird, wenn das Budget dafür noch ausreicht. Oder man bucht sich ein Graphic Recording hinzu, um ein Event noch spektakulärer zu machen – aber das Zeichnen läuft dann irgendwo im Hintergrund ab. So verpasst man die Chance, die Zeichnung als Vermittlungsmedium zu nutzen, wie zum Beispiel durch eine gemeinsame Betrachtung des Bildes am Ende eines Workshops.

Typische Fallstricke vermeiden

Eine häufige Fehlannahme ist, dass ein Strategiebild allein den Erfolg garantiert. Ohne eine durchdachte Storyline, in die das Bild eingebettet und die mit den Werten des Unternehmens verbunden ist, wirkt es schnell oberflächlich.

Das Potenzial eines Graphic Recordings verpufft, wenn es lediglich als Hintergrundelement eingesetzt wird.

Stattdessen sollte es aktiv in die Veranstaltung integriert werden.

Visualisierung bringt Ordnung in die Komplexität moderner Beratungsarbeit. Sie reduziert nicht nur Komplexität, sondern motiviert, schafft Klarheit und fördert die Identifikation mit Prozessen und Zielen. Ob analog oder digital, am Flipchart oder in Form eines professionellen Strategiebildes: Visualisierung ist ein essenzielles Werkzeug, das Beratung und Transformationsmanagement auf ein neues Niveau hebt.

 

 

Autorin

Christina Ackermann
ist systemische Organisationsentwicklerin und Information Designerin. Als Beraterin unterstützt sie Unternehmen in Transformationsprozessen und entwickelt für die Strategiekommunikation Konzepte. Sie ist Co-Autorin von „Real Book of Work“ sowie Trainerin der becomebetter academy, wo sie mit Wort und Stift systemtheoretische Sichtweisen auf Organisationen vermittelt (Kontakt: hello@visualstrategies.de).
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Fünf Fragen an Jochen A. Werner, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender, Universitätsmedizin Essen

Bislang hat sich im Change Management noch kein Konzept als ultimativ richtig erwiesen. Veränderungen in Organisationen verlaufen höchst unterschiedlich. Deshalb sind die Erfahrungen, Erlebnisse und Eindrücke der Verantwortlichen auch so verschieden. Uns interessiert die persönliche Perspektive von erfolgreichen Managern und Managerinnen. Diesmal stellt sich Jochen A. Werner unseren fünf Satzeröffnungen.

Meine bislang größte/wichtigste Business Transformation …

… die Transformation der Universitätsmedizin Essen zum „Smart Hospital“ in all ihren Facetten. Mittlerweile haben wir unsere Vision vom digitalisierten Krankenhaus der Zukunft längst weiterentwickelt zum „Green Hospital“ und „Human Hospital“. Die Digitalisierung dient als Grundlage dafür, die Patientenversorgung nicht nur besser, sondern auch menschlicher zu machen, indem wir Prozesse beschleunigen und administrative Aufwände reduzieren.

Als ich 2015 an die Universitätsmedizin Essen kam, traf ich auf exzellente Fachexpertise, quer durch viele medizinische Disziplinen. Was aber fehlte, das war ein klares Profil, eine authentische DNA, eine unternehmerische Vision. Gemeinsam mit zahlreichen engagierten Beschäftigten haben wir die Zukunftsvision des „Smart Hospital“ entwickelt und vor allem entschlossen umgesetzt. Change-Prozesse unterscheiden sich gerade in der konkreten Realisierung von Organisation zu Organisation.

Gute Strategien gibt es viele, gute Umsetzungen wenige.

Ein Jahrzehnt später wurde die Universitätsmedizin Essen vom Magazin „Newsweek“ jüngst auf Platz 16 der weltweit besten „Smart Hospitals“ gewählt, in Europa sind wir auf Platz 4. Und beim Wettbewerb „NRW-Wirtschaft im Wandel“ zählen wir in der Kategorie „Mittelstand und Konzern“ zu den zehn Preisträgern, die den Strukturwandel Nordrhein-Westfalens hin zu einem vielfältigen und zukunftsstarken Wirtschaftsstandort in vorbildhafter Weise umsetzen. Ich denke, wir haben in Summe deutlich mehr richtig als falsch gemacht.

Veränderungen von Unternehmen sind aus meiner Erfahrung im Wesentlichen geprägt durch …

… menschliches Miteinander, das die zentrale Triebfeder für Veränderungen ist.

Es braucht eine offene, positive Grundstimmung, es braucht Vertrauen.

Und es braucht wie in allen Transformationsprozessen die Erkenntnis, Fehler zu machen und die Bereitschaft, aus ihnen zu lernen. Für den gemeinsamen Erfolg müssen insbesondere in sehr hierarchischen Einrichtungen wie einer Universitätsmedizin tradierte Verhaltensweisen mit ihren Denk- und Führungskulturen aufgebrochen und neu definiert werden. Nur dann können Prozesse frei und kreativ neu gedacht werden, um Veränderungen herbeizuführen.

Die drei wichtigsten Erfolgsfaktoren von Change Management sind für mich …

… Kommunikation, Transparenz und Vertrauen – und zwar in dieser Reihenfolge aufeinander aufbauend. Kommunikation ist wie immer in tiefgreifenden Veränderungsprozessen die Schlüsseldisziplin, weil Menschen überzeugt, mitgenommen, im Idealfall als Botschafter gewonnen werden müssen. Natürlich gilt diese Grundüberzeugung in eher ruhigen Zeiten, aber eben ganz besonders in Phasen des Umbruchs und der Veränderung, die immer auch Unsicherheiten auslösen. Wenn diese nicht aufgefangen werden durch eine klare, transparente Kommunikation – und da wären wir dann auch schon beim zweiten Faktor Transparenz – dann leidet am Ende das Vertrauen, das es schließlich braucht, um neue Wege zu gehen und die letzte Meile zu bewältigen.

Nicht alles gelingt. Was ich bei Veränderungen in meiner Verantwortung künftig anders machen werde oder was ich durch Lernen aus früheren Fehlern heute bereits anders mache, ist …

… zu akzeptieren, dass Fehler zum Change dazugehören. Dies hört sich zunächst banal an, ist für unsere Mentalität aber ein Quantensprung, denn die Medizin ist grundsätzlich ein System der Null-Fehler-Toleranz. Als Mediziner, der ich nun mal von Hause aus bin, konnte ich gut verstehen, dass es für Führungskräfte und Mitarbeitende in einem Change-Prozess nicht ganz so einfach ist, Fehler zu akzeptieren, sogar als unvermeidbar anzusehen. Aber:

Neue Wege zu gehen, führt zwangsläufig auch zu Fehlern oder falschen Einschätzungen.

Entscheidend ist der offene Umgang damit. Nur so kann eine angstfreie Fehlerkultur etabliert werden, in der Misslungenes analysiert und darauf aufbauend ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess entwickelt wird.

Mein persönlicher Tipp an eine Führungskraft, die Verantwortung für ein Veränderungsprojekt übernimmt, lautet:

Machen! Ängste, Sorgen, Bedenken und Gegenargumente müssen – keine Frage – immer gehört und ernst genommen werden. Sie können schließlich auch dazu führen, die angedachte Veränderung zu reflektieren und noch besser zu machen. Auf keinen Fall aber darf man sich von den klassischen Bedenkenträgern, die es nun mal in jedem Unternehmen gibt, ausbremsen lassen. Vielleicht muss man hin und wieder einen Schritt zurückgehen oder kleinere Schritte machen. Aber Stillstand ist tödlich in einem Transformationsprozess, denn dadurch geht das Momentum der Veränderung schnell verloren.

 

 

Autor

Prof. Dr. Jochen A. Werner
ist Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Essen, deren digitale Transformation er seit 2015 vorantreibt. Zuvor war er Direktor der Marburger Universitäts-HNO-Klinik, anschließend Ärztlicher Geschäftsführer der Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH. Jochen A. Werner ist Mitglied der Leopoldina. Er sieht Digitalisierung als entscheidenden Hebel, um die Gesundheitsversorgung der Zukunft gleichermaßen leistungsfähig, finanzierbar und vor allem menschlicher zu machen.
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Ihnen hat das Format „5 Fragen an…“ gefallen? Hier finden Sie einen weiteren Beitrag dazu: „5 Fragen an Daniel Krauss, Flix“.

„Das Morgen ist das Einzige, wofür Führung verantwortlich ist“

Der Manager Oliver Sowa und der Berater Reinhard K. Sprenger kennen und schätzen sich seit vielen Jahren. Beide schauen – aus unterschiedlichen Perspektiven – ähnlich auf das Thema Führung. Sie halten nichts davon, Mitarbeitende motivieren zu wollen. Stattdessen gelte es, als Führungskraft zuallererst Rahmenbedingungen und Institutionen eines Unternehmens ins Visier zu nehmen. Ein Gespräch über den Nutzen des Weglassens und die wesentliche Aufgabe von Leadership.

Herr Sowa, Sie und Herr Sprenger kennen sich seit vielen Jahren und es ist bekannt, dass sie sich beide gegenseitig sehr schätzen. Wie ist denn der Kontakt zwischen Ihnen damals entstanden?

Oliver Sowa: Das war vor etwa zehn Jahren. Ein Trainer, der uns über längere Zeit begleitet hatte, empfahl mir damals, doch mal Kontakt zu Reinhard Sprenger aufzunehmen. Ich habe ihn dann angerufen und wir verabredeten uns für ein Strategiemeeting im Februar 2015 mit unseren Führungskräften. Dieses Treffen fand im Spreewald statt – und so begann unsere Zusammenarbeit.

Und wie ging es dann weiter?

Oliver Sowa: Herr Sprenger hat uns in den Jahren danach in verschiedenen Formaten begleitet.

Es war also Liebe auf den ersten Blick?

Oliver Sowa: Für mich schon. Gleich zu Beginn gab es einen Schlüsselmoment und ich kann den konkret an einem Chart festmachen, das Reinhard Sprenger damals gezeigt hat in Bezug auf Führung. Wir hatten bis dahin immer auf das Individuum geschaut, auf das Steuern und Motivieren von Menschen.

Reinhard Sprenger hat uns einen völlig anderen Blick vermittelt, das war eine ganz andere Perspektive. Er hat uns klargemacht, dass, wenn man ein Unternehmen transformieren möchte, zuerst die Institutionen und Rahmenbedingungen verändern muss – nicht die Menschen. Er sagte, wenn wir uns wirklich für die Menschen interessieren, dann sollten wir uns um die Institutionen kümmern.

Was bedeutet das konkret?

Oliver Sowa:

Es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Demotivation vermeiden.

Motivation aktiv herbeiführen zu wollen, ist oft naiv oder sogar kontraproduktiv. Stattdessen sollte man alles eliminieren, was Menschen blockiert oder behindert.

Das war ein Aha-Moment und wir haben direkt nach diesem ersten Treffen angefangen, alles aufzuschreiben, was unseren Mitarbeitern die Motivation raubt bzw. rauben könnte: Urlaubsanträge, Bürokratie, Abteilungssilos, überholte Bezahlsysteme – all diese Dinge. Das ist nur so gesprudelt. Wir haben unsere Strukturen und Institutionen alle auf den Prüfstand gestellt – und vieles abgeschafft.

Herr Sprenger, von so einem positiven Einfluss gleich bei der ersten Begegnung kann man als Berater eigentlich nur träumen, oder?

Reinhard K. Sprenger: Ja, ich blicke mittlerweile auf fast 40 Jahre an Bemühungen zurück, Veränderungen anzustoßen. Und ich muss sagen:

Die meisten meiner Spiele habe ich verloren – zumindest, wenn man auf das Thema Motivation schaut.

Es braucht eben ganz bestimmte Voraussetzungen, damit der Samen auf einen fruchtbaren Boden fallen kann. Und die waren bei Oliver Sowa gegeben: eine Unternehmenssituation, die nach Veränderung verlangte; ein neugieriger und begeisterungsfähiger Mensch wie Oliver Sowa und eine Eigentümerfamilie, die einen langen Atem hatte und sich den notwendigen Themen wiederkehrend und mit Ernsthaftigkeit widmete. Es war also eine günstige Konstellation. Und sicherlich spielte auch die Unternehmensgröße von Beutlhauser eine Rolle, um sich nicht im Sumpf der Bürokratie zu verlieren.

Das systemische Denken, der Fokus auf die Verhältnisse und weniger auf das Verhalten, ist mittlerweile zumindest in der Beratungswelt populär. Waren Sie, Herr Sprenger, vielleicht einer der ersten systemischen Berater – obgleich Sie sich nie so genannt haben?

Reinhard K. Sprenger: Mein erstes Buch „Mythos Motivation“ wurde damals tatsächlich von akademischen Systemikern, Fritz Simon und Dirk Baecker, als das erste systemische Managementbuch bezeichnet – obwohl ich damals von Systemtheorie wenig Ahnung hatte. Es war einfach nur der Praxis-Blick.

Ich bin heute davon überzeugt, dass man zunächst die Institutionen eines Unternehmens angucken muss und erst dann auf die Individuen. Es ist kein Entweder-oder, sondern eine Frage der Priorisierung.

Herr Sowa, Sie haben nach dem Treffen und der Begegnung mit Reinhard Sprenger begonnen, gemeinsam mit den anderen Kollegen in der Geschäftsführung aufzuschreiben, was den Beschäftigten in Ihrem Unternehmen Motivation raubt. Wie sind Sie danach vorgegangen?

Oliver Sowa: Früher war der normale Weg die klassische Kaskade: Wir reden mit unseren „Directs“ und die wiederum reden mit ihren Leuten und so weiter. Diesmal aber mischten wir uns ein und wollten mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern direkt reden.

Wir haben Workshops mit den Leuten gemacht – bereichs- und hierarchieübergreifend – und alles auf den Tisch gelegt. Und die Dinge, bei denen sich alle einig waren, dass das so keinen Sinn mehr macht, wurden abgeschafft. Heute arbeiten wir ganz anders als vor zehn Jahren. Wir haben gemerkt, welche Institutionen und Strukturen den Menschen die Motivation nehmen. Ich habe dadurch verstanden, was Führung wirklich bedeutet.

Können Sie einmal ein konkretes Beispiel nennen, was Sie geändert haben?

Oliver Sowa: Ich nenne mal drei Beispiele. Wir sind Investitionsgüterhändler und waren früher klassisch vertikal organisiert nach Kundendienstleitung, Vertriebsleitung und Mietparkleitung. Jetzt gibt es nur noch eine Regionalleitung, die das komplette Business in der jeweiligen Region verantwortet. Wir haben also Abteilungssilos weitgehend abgeschafft.

Das Zweite ist das Thema Vergütung. Früher waren unsere Verkäufer stark provisionsabhängig. Das führte zu Konflikten, etwa zwischen Vertrieb und Service. Wir haben das System auf Festgehälter umgestellt – und plötzlich verschwanden diese Konflikte.

Oder nehmen Sie die Urlaubsanträge – die wurden früher durch die Führungskraft genehmigt, die oft die Arbeitssituation gar nicht überblicken konnte. Heute regeln die Teams das selbstständig und die Führungskraft wird nur informiert.

Das sind drei Beispiele, die zeigen, dass der systemische Ansatz funktioniert.

Herr Sprenger, warum tun sich viele Unternehmen so schwer mit solchen Veränderungen?

Reinhard K. Sprenger: Die meisten Führungskräfte versuchen, Probleme durch das Hinzufügen von etwas zu lösen – neue Prozesse, neue Meetings, neue Tools. Im Management kommt immer was dazu.

Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen: Es lohnt sich mehr, Dinge wegzulassen: überflüssige Regeln, Institutionen, die keinen Mehrwert bringen, Strukturen, die vom Kunden ablenken. Doch „weniger tun“ klingt unattraktiv in einer Welt, in der Manager und Managerinnen ihr Handeln permanent legitimieren müssen. Sie müssen zeigen, dass ihr Beitrag als Hinzufügung für den Erfolg des Unternehmens wichtig ist – in Geschäftsberichten oder vor dem Aufsichtsrat. Deshalb ist das Reduzieren, das psychoorganisatorisch sinnvoll wäre, in weiten Teilen der Wirtschaft nicht populär.

Die Unternehmen hierzulande erleben viele Veränderungen, insbesondere weil die Umwelt, in der sie sich bewegen, sich so sehr wandelt. Was beobachten Sie in Bezug auf das Thema Führung? Wie hat sich Führung in den Unternehmen in den vergangenen Jahren verändert?

Reinhard K. Sprenger: Das lässt sich so einfach nicht sagen. Es scheint mir aber, dass die sogenannten „Social Skills“ verbreiteter sind als vor 30 Jahren. Damals wurde fast ausschließlich auf der Basis von Fachkompetenz befördert. Heute spielt diese immer noch eine Rolle, aber weit weniger als früher. Was das systemische Denken angeht, bin ich weiterhin skeptisch, ob es das personenzentrische Denken relativiert hat.

Dass wir etwas wegnehmen und ausmisten müssen, statt etwas hinzuzufügen; dass wir das Unternehmen konsequent von außen nach innen denken müssen – all das wird immer noch kaum verstanden und geschweige denn gelebt. Denn das systemische Denken ist zunächst einmal kontraintuitiv, weil wir gewohnt sind, den einzelnen Menschen und dessen Eigenschaften anzugucken.

Gesamtgesellschaftlich – auch in den Unternehmen – ist es so, dass man fast nur noch moralisierend argumentieren kann. Im politischen Diskurs ist das überdeutlich. Manche Politiker liefern nüchterne Sachargumente, aber sie schaffen es nicht, die Menschen emotional zu erreichen. Mit Blick auf Transformation heißt das, nicht nur zu erklären und zu sagen, was der Nutzen der Veränderung ist, sondern es geht darum, die Leute auch persönlich „zu packen“. Jeder Sprechakt, den wir tätigen, entscheidet über das kommunikative Klima auf diesem Planeten.

Ich frage mich, ob wir nicht auch einfach eine Überforderung von Führung sehen. Die Welt wird immer komplexer, die Veränderungszyklen immer kürzer. Plötzlich treten Ereignisse auf, die niemand vorhersehen konnte. Sehen Sie diese Überforderung auch auf den oberen Managementebenen?

Oliver Sowa: Ja, die Veränderungszyklen werden kürzer, die Einschläge werden mehr. Aber am Ende des Tages reagieren die Managerinnen und Manager, wie sie es gelernt haben. Ich nenne es mal: personenzentrisch. Dadurch wird das Elend immer größer, weil die eigentlichen Probleme nicht gelöst bzw. nicht erkannt werden. Und dann kommt man noch mit den alten Werkzeugen aus dem letzten Jahrtausend.

Hätten wir bei Beutlhauser nicht aufgeräumt, wären wir mit unserer SAP S/4HANA-Einführung gegen die Wand gefahren und hätten die Digitalisierung nicht geschafft. Wir haben radikal entrümpelt: überflüssige Prozesse abgeschafft, klare Zuständigkeiten etabliert und die Zusammenarbeit neu organisiert – Ordnung und Struktur in der analogen Welt geschaffen. Dadurch konnten wir die digitale Transformation erfolgreich umsetzen, weil die Basis stimmte.

Reinhard K. Sprenger: Wenn man auf ganz Deutschland schaut, dann ist unabweisbar: Das Land sitzt in der Erfolgsfalle, weil es lange Zeit eine stetige Aufwärtsentwicklung erlebt hat. Das hat dazu geführt, dass wir hierzulande schon lange nicht mehr führen, sondern nur noch den Status quo managen. Führung im eigentlichen Sinne – also die Ausrichtung auf die Zukunft – wurde vernachlässigt. Das Morgen ist aber im Grunde das Einzige, wofür Führung verantwortlich ist. Statt Neues zu wagen und nach vorne zu schauen, hat man am Alten festgehalten – und kam beispielsweise auf die Idee, Abgaswerte zu manipulieren.

Jetzt muss vieles nachgeholt werden. Und wir müssen uns fragen: Was bedeutet das für unsere Zukunft? Können wir beispielsweise noch von den Stetigkeitserwartungen der Vergangenheit ausgehen? Können wir weiterhin unflexible Großstrukturen bauen oder müssen wir nicht experimenteller sein und viel mehr Entscheidungen von kurzer, allenfalls mittlerer Reichweite treffen? Es gilt, grundsätzlich die Basisannahmen unserer bisherigen Erfolge mit Fragezeichen zu versehen.

Oliver Sowa: Bei einem solchen Vorgehen bin ich dabei. Vorher sollte aber das getan werden, was ich vorhin beschrieben habe, das Ausmisten. Und es braucht Entscheidungskompetenz dort, wo man nah am Kunden und wo Fachkompetenz ist. Und als Geschäftsführung muss ich zuhören und verstehen, welche Rahmenbedingungen es braucht und was den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen aus dem Weg geräumt werden muss.

Entscheidungskompetenz in die Teams zu verlagern, geht oft einher mit dem Zweck, Unternehmen agiler aufzustellen. In vielen Unternehmen sehen wir zumindest „Inseln der Agilisierung“. Dazu gehören Produktteams, die crossfunktional und iterativ arbeiten. Herr Sprenger, wie schauen Sie auf diese Bemühungen der Unternehmen, agil zu werden?

Reinhard K. Sprenger: In Unternehmen herrscht oftmals ein Schwarz-Weiß-Denken. Die sogenannte Ambiguitätskompetenz, also das Sowohl-als-auch, ist leider nicht sonderlich verbreitet. Ich bin beispielsweise ein großer Verfechter der Hierarchie. Sie hat eine Menge Vorteile in gewissen Situationen, zum Beispiel, wenn es schnell gehen muss. Wir dürfen die Hierarchie aber nicht gegen die Agilität ausspielen. Sondern wir sollten in der Lage sein, Widersprüche und Mehrdeutigkeiten zu akzeptieren und je nach Situation flexibel zu agieren. Es geht nicht darum, Hierarchie abzuschaffen oder Agilität überall durchzusetzen. Der Kunde sollte immer der zentrale Orientierungspunkt sein.

Gerade wenn Unternehmen tiefe strukturelle Änderungen durchmachen, herrscht nicht selten eine Zeit lang Unklarheit bei den Mitarbeitenden, insbesondere bezüglich der Frage, wer Entscheidungen trifft bzw. welche Entscheidungen sie treffen dürfen. Herr Sowa, wie ist das in Ihrem Unternehmen, ist allen klar, wer die Entscheidungen trifft?

Oliver Sowa: 95 Prozent der Entscheidungen müssen nah am Kunden getroffen werden. Das ist bei uns auch so. Wenn es um substanziellere Themen geht, muss das in der Hierarchie weiter oben geregelt werden. Entscheidend sind die Transparenz und die Kommunikation diesbezüglich. Und wenn Entscheidungen nicht getroffen werden, muss man da rein und fragen: Warum? Was hindert dich daran, die Entscheidung zu treffen? Was brauchst du?

Und wie ist das beim Thema Homeoffice? Das ist ja eines der großen Themen der vergangenen Jahre. Vorstände vieler Unternehmen fordern nach Corona eine Rückkehr der Mitarbeitenden ins Büro, teils sehr rigide. Sie wollen gerade nicht die Entscheidung bei den Beschäftigten belassen. Wie bewerten Sie das?

Oliver Sowa: Wir erleben oft, dass solche Diskussionen in Extremen geführt werden – und das macht wenig Sinn. Es gibt Aufgaben, die man hervorragend im Homeoffice erledigen kann, und es gibt solche, bei denen physische Präsenz unabdingbar ist. Bei uns entscheiden die Teams selbst, wie sie sich organisieren. Manche Menschen können auch kein Homeoffice machen, weil sie die räumlichen Voraussetzungen
gar nicht haben. Manche kommen gut allein zu Hause klar, andere kommen gerne fünf Tage ins Büro – so wie ich. Ich hasse Homeoffice. Es ist ein Sowohl-als-auch und man sollte es erwachsenen Menschen nicht vorschreiben, wo sie zu arbeiten haben. Doch ich sage ebenfalls: Wenn jemand immer fünf Tage die Woche zu Hause ist, wird es schwierig.

Wieso? Auch wenn er oder sie Top-Leistungen bringt?

Oliver Sowa: In Ausnahmen mag es solche Jobs geben. Bei uns fällt mir kein solcher Job ein. Es braucht in der Regel das Miteinander und den persönlichen Kontakt. Wenn man inhaltlich was bewegen will, muss auch die Beziehungsebene stimmen. Menschen sind Beziehungswesen. Und diese Beziehungen werden insbesondere informell gestärkt, zum Beispiel in der Kaffeeküche.

Reinhard K. Sprenger: Wir haben Beutlhauser ja explizit als Kooperationsarena definiert. Und wenn Sie ein Unternehmen als Kooperationsarena verstehen – und nicht als bloße Addition von Einzelleistungen –, dann dementiert Homeoffice die Fundamentalidee der Zusammenarbeit, denn die ist auf physische Präsenz angewiesen. Zusammenarbeit lebt vom direkten Austausch, von der Atmosphäre, die nur vor Ort entsteht.

Homeoffice kann eine sinnvolle Ausnahme sein, aber niemals die Regel.

Wer das nicht anerkennt, hat vermutlich schon vor Homeoffice-Zeiten nicht gerne zusammengearbeitet.

Veränderung ist ein ständiger Begleiter in Unternehmen. Es gibt den Begriff „Change Leadership“, der noch mal besonders das Navigieren der Führungskraft durch den Wandel betont. Können Sie beide etwas mit dem Begriff anfangen oder ist das für Sie Unsinn, weil Führen in der Veränderung schlicht zum Kern von Leadership gehört?

Reinhard K. Sprenger: Wie Sie sagen, das klingt nach einem weißen Schimmel. Für mich heißt Führen in allererster Linie, mit dem Blick auf die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zu stören. Es gilt, immer wieder den Status quo infrage zu stellen, eine Nervositätsgemeinschaft zu formen. Sonst brauchen wir keine Führung.

Oliver Sowa: Ich erinnere mich an ein Training, das ich in den 90ern als junger Mann im Rahmen eines Managementprogramms besucht habe: „Führen in Zeiten der Veränderung“. Das war 1999 – und die werden heute noch verkauft.

Und vermutlich kauft sie auch jemand.

Oliver Sowa: Ja, aber damit macht man das ganze Elend nur noch schlimmer.

Ängste und Unsicherheiten sind gerade ein großes Thema. Deutschland steckt wirtschaftlich in einer schwierigen Phase, viele Menschen fürchten um ihre Jobs. Wie begegnet gute Führung dieser Herausforderung Ihrer Meinung nach?

Oliver Sowa: Das Wichtigste ist, die Sorgen und Nöte der Menschen ernst zu nehmen.

Führungskräfte müssen präsent sein, den Dialog suchen und Zusammenhänge erklären.

Nicht in großen Meetings mit PowerPoint, sondern im direkten Austausch.

Aber das allein reicht nicht: Es geht ebenfalls darum, die Ursachen dieser Ängste systemisch anzugehen. Ohne Veränderungen in den Strukturen bleibt das alles oberflächlich. Wenn man also an den Gegebenheiten nichts ändert, dann sind auch die kurzfristigen Gespräche sinnlos, weil sich nichts verändert – und damit bleiben letztlich die Ängste der Mitarbeitenden bestehen.

Herr Sprenger, meine letzte Frage möchte ich Ihnen stellen: Was gibt Ihnen Zuversicht in Bezug auf das Thema Führung in Organisationen?

Reinhard K. Sprenger: Ich finde gut, dass Sie den Begriff der „Zuversicht“ gewählt haben. Denn ich bin durchaus zuversichtlich, aber nicht optimistisch. Optimismus ist naiv; Zuversicht bedeutet, sich von Schwierigkeiten nicht lähmen zu lassen. Ich bin und bleibe zuversichtlich, weil ich immer wieder Führungskräfte erlebe, die nicht nur reden, sondern die eigeninitiativ und unternehmerisch handeln – sehr oft gerade im deutschen Mittelstand. Sie arbeiten an einer gemeinsamen Zukunft und sie meinen es wirklich ernst. Solche Menschen habe ich erheblich häufiger kennengelernt als beispielsweise narzisstische Manager, von denen so oft in den Medien die Rede ist. Das macht mich zuversichtlich. Niemand sollte Deutschland vorschnell abschreiben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jan C. Weilbacher.

 

 

Autoren

Oliver Sowa
ist seit 2006 einer der Geschäftsführer der Beutlhauser-Gruppe mit Hauptsitz in Passau. Beutlhauser ist ein Handels- und Dienstleistungsunternehmen in den Bereichen Verkauf, Vermietung und Service von hochwertigen Investitionsgütern und Produkten sowie digitalen Lösungen. Es hat über 1.500 Beschäftigte an 27 Standorten. Als Autor und Keynote Speaker berichtet Oliver Sowa regelmäßig von seinen Erfahrungen der Transformation.

Dr. Reinhard K. Sprenger
berät Unternehmen in Führungsfragen. Er ist vielfacher Bestsellerautor; zuletzt erschien von ihm „Magie des Konflikts“ (DVA) und „Gehirnwäsche trage ich nicht“ (Campus). Sein Buch „Mythos Motivation“, das erstmals 1991 erschien, gilt als Klassiker.