Für die einen Allheilmittel, für die anderen völlig überbewertet: Tools und Methoden im Change. Wir fühlen Expertinnen und Experten auf den Zahn und wollen ihre Sicht der Dinge sowie einige Tipps erfahren. Diesmal fragen wir Anne Tessmer.
Mal ehrlich, Organisationen sind doch kaum zu verändern, oder?
Zugegeben, in manchen Momenten zweifle ich selbst daran, zum Beispiel, wenn alte Ansichten und Arbeitsweisen zäh wie Kaugummi kleben.
Wir sind mit über 40.000 Mitarbeitenden auf dem Weg von einem maschinen- zu einem zunehmend software- und KI-basierten Lösungsanbieter. Das bringt viele Veränderungen mit sich – technologische, organisationale und kulturelle. Und nicht alle verlaufen im gleichen Tempo und manchmal auch nicht in die gleiche Richtung. Dazu kommt Druck von außen, oben, innen.
Es ist klar, dass sich immer wieder die Frage stellt: In welche Richtung gehen wir als Abteilung, als Team und als Einzelne Veränderungen mit oder gar voraus? Je höher die Unsicherheit, desto stärker kleben wir am Vertrauten.
Und dann erlebe ich wieder, wie unsere Arbeit etwas in Bewegung bringt, dass „der Elefant tanzt“, wie Louis Gerstner sagen würde – mal holprig mit Kaugummi an der Sohle, mal mit Spaß und Experimentierfreude.
Viele unserer Veränderungen starten im Kleinen, in einzelnen Regionen oder Fachbereichen. Entscheidend ist, das Potenzial für die Gesamtorganisation greifbar zu machen und „Welle für Welle“ zu lernen und zu verbessern.
„Transformation driven by communication“ ist der Fokus deiner Arbeit bei KION. Was sind für dich die Hauptaufgaben der Kommunikation in der Transformation?
Gemeinsame Sicht und Sprache: KION besteht als Organisation aus vielen Teilsystemen – lokal, funktional, markenspezifisch. Handlungsdruck spüren die Stakeholder an vielen Stellen. Damit wir unsere Ressourcen effektiv bündeln können, müssen wir aus verschiedenen Perspektiven auf dasselbe Zielbild schauen. Das erfordert ein gemeinsames Narrativ, dessen Sprache von allen verstanden wird. Dieses Narrativ wirkt wie ein Relevanzfilter für den Handlungsdruck und hilft, sich als Team mit dem eigenen Beitrag zu verorten.
Wichtig sind außerdem Plattformen für Dialog: Das Narrativ lebt aus den Veränderungsgeschichten der Stakeholder. Die Kommunikation gibt Impulse zum Teilen von Erfahrungen und sichert Raum für Resonanz und Rückfragen. Dazu schaffen wir Plattformen, zum Beispiel im Intranet und auf Veranstaltungen.
Und wir sind Katalysator für Ko-Kreation: Wir fördern das gemeinsame Gestalten der Veränderung. Kontrollhaltung von oben, Konsumhaltung von unten – diese Spirale gilt es zu durchbrechen. Räume für Ko-Kreation entstehen zum Beispiel in Team-Workshops.
Ein integraler Bestandteil unserer Arbeit ist dabei das Zuhören: Was bewegt die Stakeholder? Das zu verstehen, ist entscheidend, nicht nur zu Beginn der Veränderung. Dazu geben wir Change Verantwortlichen Tools an die Hand. Wer Widerstände früh erkennt, kann sie besser abmildern oder integrieren.
Gibt es dabei Instrumente oder Formate, auf die du immer wieder ganz besonderen Wert legst?
Eines unserer Ziele als globales Team „Change Management“ ist es, die Change-Fitness der Organisation insgesamt zu verbessern und Verantwortliche in ihren Rollen im Change zu unterstützen. Wir arbeiten mit einem Set von Standard-Instrumenten – von Impact-Analysen über Story-Entwicklung bis zu Evaluationsmethoden. Die Tools schaffen einen Rahmen, in dem Projekt-Teams schnell wirksam arbeiten können.
Das wertvollste Instrument im Change ist für mich allerdings ein simples: das Fragen. Es ändert unsere Haltung von „wissend“ zu „lernend“. Und weil Zuhören verbindet, bin ich ein Fan von Check-in-Fragen. Sie schaffen schnell eine Vertrauensatmosphäre.
Man lernt ja doch hin und wieder die ein oder andere neue Methode, ein Vorgehen oder einen neuen Ansatz in Bezug auf Change und Transformation kennen. Wann hattest du diesbezüglich das letzte Mal ein Aha-Erlebnis?
Was mich zuletzt begeistert hat, ist Tape Art als Facilitation-Werkzeug. Es unterstützt Visualisierung und Orientierung, triggert durch Bewegung im Raum Perspektivwechsel und macht dabei auch noch Spaß – ein nicht zu unterschätzender Faktor im Change.
Gestartet hast du deine Karriere im Bereich „PR und Marketingkommunikation“. Siehst du da Parallelen zur Change-Kommunikation – oder ist das gar nicht zu vergleichen?
Beide wollen Verhalten verändern. Entscheidender Unterschied: Marketingkommunikation zielt auf Konsum ab, während Change-Kommunikation aus der Konsumhaltung herausholt und Mitgestaltung ermöglicht.
In beiden Bereichen sollten wir mehr über das eigene Produkt bzw. das eigene Projekt hinausdenken. Es gab 2024 zum Beispiel eine Autowerbung, in der kurz ein Auto zu sehen war, das rechtzeitig vor einer Schwangeren bremste. Der weitere Spot handelte vom zukünftigen Leben ihres Kindes. So ein starkes „Why“ brauchen wir auch im Change: das „Wozu“, das gemeinsame Zielbild, das uns bewegt und uns zum Handeln antreibt.
Du unterstützt unter anderem Projekt-Teams in globalen Change-Projekten. Was ist dabei besonders wichtig, um in deiner Rolle wirksam sein zu können?
Change über das einzelne Projekt hinaus zu betrachten, das ist mir wichtig. Das heißt für unsere Arbeit mit den Projekt-Teams, dass alle die übergreifende Transformation verstehen und ihr Projekt als Beitrag darin verorten. Zum anderen bringen wir die Meilensteine und Stimmungen in den verschiedenen Projekten zu einem Gesamtbild zusammen, sodass deutlich wird, wie sich Projekte gegenseitig beeinflussen.
Unsere Stakeholder sind in zehn oder mehr Change-Projekte gleichzeitig involviert. Umso wichtiger, dass das übergreifende Narrativ und die vielen Change Storys stimmig zusammenwirken. Denn:
Widersprüche verstärken Widerstände.
Wer das erkennt, plant ganzheitlich. Um diese Sicht zu stärken und voneinander zu lernen, bauen wir eine Change Community auf.
Wer oder was inspiriert dich?
Menschen, die für eine Sache brennen und dafür beharrlich an Grenzen rütteln. Zum Glück habe ich viele solcher Menschen um mich.
Ganz konkret denke ich auch an meine Freundin Nina Mülhens, die mit ihrem Start-up Digital-SchoolStory das Schulsystem durchbricht, Spaß am Lernen und Gestalten fördert.
Ein weiteres Vorbild in Sachen Ausdauer und Vertrauen in die Beteiligten ist mein Bruder Michael Berentzen, der einen der größten Change-Prozesse der Geschichte unterstützt, den synodalen Weg der katholischen Kirche. Und das ist wirklich ein gewaltiger Elefant, der hier einen Kopfstand wagt.
Autorin
Anne Tessmer
leitet das Team Change Management in der KION Group, einem globalen Anbieter von Supply-Chain-Lösungen, Gabelstaplern und Lagertechnik. Daneben engagiert sie sich beim Bildungs-Start-up DigitalSchoolStory für ein neues Lernen, das auf Kreativität, Gestaltungsmut und Zusammenarbeit basiert..
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