ChatGPT: So revolutionär wie die Erfindung des iPhones
Seit es ChatGPT gibt, ist die Nutzung von Künstlicher Intelligenz in der Arbeitswelt ganz konkret und für jeden möglich geworden. Peter Buxmann, Professor für Wirtschaftsinformatik an der TU Darmstadt, ist sich sicher, dass die Veränderungen enorm sein werden. Dennoch blickt er positiv in die Zukunft. Unser Arbeitsleben werde sich durch die Zusammenarbeit mit KI erleichtern, sagt er.
Herr Professor Buxmann, alle Welt redet über ChatGPT. Was für eine Art der Künstlichen Intelligenz ist das?
Es geht dabei um Sprachmodelle. GPT-3 war bereits ein sehr leistungsfähiges Sprachmodell. Das konnte aber nur von Spezialisten über eine Programmschnittstelle bedient werden. Im Herbst 2022 hat sich das dann mit ChatGPT geändert. Das Besondere ist zum einen, dass es eine, wie ich finde, sehr gute Dialogfähigkeit mitbrachte. Und zum anderen, dass jeder es mithilfe eines Prompters à la
Google nutzen konnte. Das ist eine Form der Demokratisierung der KI, wenn man so will.
Und ist GPT Ihrer Meinung nach so gut, wie viele sagen?
Ich habe GPT mit meinem Team ausprobiert und ich halte die Ergebnisse für sensationell gut. Das gilt vor allem für die Weiterentwicklung GPT-4. Für mich sind diese Entwicklungen so revolutionär wie die Erfindung des iPhones.
Auch GPT-4 ist ein Sprachmodell. Was macht ein Sprachmodell im Vergleich zu anderen KI -Arten aus?
Ein Sprachmodell basiert auf mehreren Algorithmen des maschinellen Lernens, die auf die Verarbeitung von Texten spezialisiert sind. Die KI wurde mit Milliarden von Texten trainiert. Auf dieser Grundlage kann die KI zum Beispiel Artikel generieren, Dialoge führen, Software schreiben oder Websites erstellen. Und sie lernt unter anderem dadurch, dass der Mensch ihren Output bewertet, sodass die Ergebnisse mit der Zeit immer besser werden. Zum Teil trainieren die Algorithmen sich auch gegenseitig.
Sie haben gesagt, Sie haben GPT mit Ihrem Team ausprobiert. Was hat Sie an den Ergebnissen so begeistert?
Ich fand einfach die Qualität der Texte und die Dialogfähigkeit herausragend. Wir haben das Modell fachliche Blog-Artikel schreiben, Marketing-Kampagnen erstellen und sogar Software entwickeln lassen. GPT-4 kann beispielsweise auch Gedichte schreiben und Mission Statements für Firmen verfassen – und das vor allem sehr, sehr schnell.
Ich habe ChatGPT auch ausprobiert und bin erstaunt über die Variabilität des Modells. Es kann seine Texte auch an verschiedene Zielgruppen anpassen oder sie aus unterschiedlichen Perspektiven verfassen: GPT kann als Experte schreiben oder auch mit den Worten eines Achtklässlers.
Ja, absolut. Sie können GPT genaue Anforderungen mitgeben, die es dann berücksichtigt. Es kann zum Beispiel ein Grußwort humorvoll oder sehr staatstragend schreiben. Die Vielfalt ist wirklich erstaunlich und zeigt das Potenzial.
Und Sie sagen, die Qualität der Texte ist sehr gut?
Ich finde schon. Wenn wir uns zum Beispiel einfache Marketingtexte anschauen, dann ist ChatGPT oder GPT-4 vermutlich schon nah dran an einem durchschnittlichen Texter. Und die Grenze wird sich mit der Zeit weiter nach oben verschieben. Der Anteil der Texterinnen und Texter, die qualitativ besser sind, wird immer kleiner. Und kürzlich hat GPT-4 auch bei einem Aufnahmetest für ein Jura-Studium in den USA angeblich unter den besten zehn Prozent der Teilnehmenden abgeschnitten.
Die spannende Frage ist nun, welche Veränderungen auf die Arbeitswelt zukommen. Interessanterweise sind es gerade die Wissensarbeiter und -arbeiterinnen, die von Sprachmodellen wie GPT besonders betroffen sind, also Bürojobs in Versicherungen, Banken, Rechtskanzleien, Werbeagenturen und in Verlagen beispielsweise. Welche Auswirkungen sehen Sie vor allem?
Ich glaube, dass alle Berufe, bei denen es darum geht, Texte oder Codes zu schreiben, sehr stark von Veränderungen betroffen sein werden. Ich kann mir unterschiedliche Effekte vorstellen. Es kann sein, dass einige Jobs wegfallen. Und es gibt auch bereits Studien, die zeigen, dass es bei Menschen Ängste vor Jobverlust aufgrund von KI gibt. Es werden aber genauso neue Jobs geschaffen, wie zum Beispiel den des Prompt Engineers.
Eine Studie des MIT unter anderem unter Marketingexperten, Personalern und Datenanalysten hat gezeigt, dass diese Personen ihre
berufsspezifischen Aufgaben mithilfe von GPT 35 Prozent schneller erledigen konnten. Auch die Qualität der Arbeit war besser und die Menschen waren im Durchschnitt zufriedener.
Diese Studie kenne ich ebenfalls. Interessanterweise wurde dafür „nur“ ChatGPT verwendet.
Ganz genau.
Was ist der Unterschied zwischen ChatGPT und GPT-3 bzw. GPT-4?
ChatGPT baut auf GPT-3 auf und wurde um einige Features erweitert, insbesondere hinsichtlich der Dialogfähigkeit. GPT-4 ist der Nachfolger von ChatGPT.
Und warum ist GPT-4 so viel besser als seine Vorgängermodelle?
GPT-4 unterscheidet sich insbesondere in drei wesentlichen Punkten von ChatGPT: Erstens hinsichtlich der Modellgröße, zweitens in Bezug auf Quantität und Qualität der Trainingsdaten und drittens durch die algorithmischen Verbesserungen. Laut Aussagen von OpenAI soll GPT-4 auch weniger Falschaussagen liefern und unerlaubte Themen besser erkennen und vermeiden. Außerdem ist die Verarbeitung von Bildern möglich. Sie geben der Software zum Beispiel eine selbst gezeichnete Skizze und GPT-4 kann daraus einen HTML-Code für eine Website erstellen.
Gibt es denn bei aller Begeisterung auch Dinge, die Sie bezüglich GPT skeptisch betrachten? Sehen Sie Gefahren?
Da gibt es einige Punkte. Zunächst muss man sich darüber im Klaren sein, dass ChatGPT und Co. weder Bewusstsein noch ein Verständnis über die Inhalte von Texten haben. ChatGPT schreibt dennoch überzeugende Texte, die aber nicht zwangsläufig richtig sein müssen. Die Ergebnisse sind plausible Fiktion. Das könnte unter anderem an dem Trainingsprozess liegen, bei dem auch Menschen involviert sind. Diese sind in der Regel keine Experten auf dem jeweiligen Fachgebiet, sie bewerten aber dennoch die Qualität der Ergebnisse. Dann wird zum Beispiel eine Antwort positiv bewertet, nur weil sie gut klingt. Wir haben bei uns im Team
auch ein paar absurde Textabschnitte von ChatGPT gesehen, die plausibel klangen, jedoch eher einer Dampfplauderei gleichkamen.
Die Firma hinter GPT, OpenAI, hat nicht nur dafür gesorgt, dass jeder die Software ausprobieren kann, sondern es gibt jetzt schon zahlreiche Unternehmen, die GPT über die von OpenAI angebotene API-Schnittstelle nutzen und in ihre Geschäftsprozesse integriert haben. Es wird zum Beispiel im Kundenmanagement oder bei der Produktion von Marketingtexten eingesetzt. Auch Microsofts Suchmaschine Bing greift auf GPT zurück. Das heißt, die Veränderungen in der Arbeitswelt finden nicht in zwei Jahren statt, sondern sie beginnen jetzt.
Absolut richtig. Viele innovative Firmen nutzen KI bereits. Wir arbeiten heute ebenfalls mit Unternehmen bezüglich des Einsatzes von ChatGPT und GPT-4 zusammen.
Was sind die Einsatzbereiche?
Bereiche wie das Beschwerdemanagement oder das Nachhaltigkeitsmanagement. Im Rahmen des Lieferkettengesetzes werden die Unternehmen unter anderem verpflichtet, hinsichtlich ihrer Sorgfaltspflichten bestimmte Texte zu generieren und wir schauen, wie ChatGPT dabei helfen kann. Unsere bisherigen Erfahrungen sind sehr gut.
Wir werden auch das Thema Kreativität neu denken müssen: Obwohl GPT kein Bewusstsein und auch kein Verständnis zum Beispiel für von ihm erstellte Marketingkonzepte hat, schafft die KI dennoch kreative Ergebnisse, die der Arbeit von Menschen häufig in nichts nachstehen. Letztendlich reiht die Software nur Zeichen aneinander. Es ist Statistik – und dennoch kann sie Neues erschaffen, auf das ein Mensch vielleicht nicht kommen würde.
Natürlich würde ich die KI nicht alleine an einem Slogan oder einem Mission Statement für ein Unternehmen arbeiten lassen. Denn viele Vorschläge sind unbrauchbar bis absurd. Aber von zehn Vorschlägen ist wahrscheinlich auch einer richtig gut. Deswegen sehe ich das größte Potenzial in der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Künstlicher Intelligenz.
Und haben Sie durch Ihre Arbeit mit den Unternehmen schon mitbekommen, dass es wegen GPT zu Stelleneinsparungen kommt?
In den Bereichen der Softwareentwicklung habe ich davon noch nichts gehört. Ich denke, es wird auch eher Bereiche betreffen, bei denen es um das reine Texten und/oder um Übersetzungen geht. Ein Unternehmen kenne ich, das Übersetzerinnen und Übersetzer aufgrund des Einsatzes von KI einspart: Es werden nur noch ganz spezielle Texte an Übersetzungsbüros gegeben, der Rest wird über Künstliche Intelligenz abgedeckt.
Was raten Sie einem mittelständischen Unternehmen, das daran interessiert ist, GPT zu nutzen? Was könnten die ersten Schritte sein?
Die Unternehmen sollten grundsätzlich offen für Neues sein und den Rahmen für ihre Innovationsfähigkeit gestalten. Denn mit GPT und ähnlichen Technologien haben wir wirklich etwas Bahnbrechendes. Ich bin eigentlich niemand, der auf jeden Hype aufspringt, aber GPT und verwandte Künstliche Intelligenz werden die Welt verändern. Das mittelständische Unternehmen, von dem Sie sprechen, sollte möglichst früh die Mitarbeitenden einbinden und eventuelle Ängste und Befürchtungen thematisieren. Weiterbildungen sind eine mögliche Maßnahme. Es kann auch lohnenswert sein, zum Beispiel so etwas wie einen Hackathon zu organisieren, in dem die Möglichkeiten und Grenzen gemeinsam ausprobiert werden. Man muss den Menschen zeigen, wie KI funktioniert oder ihnen zumindest die Freiräume geben, GPT selbst auszuprobieren. Texte werden in Zukunft in allen möglichen Bereichen in Zusammenarbeit mit KI erstellt. Die Software macht Vorschläge, die die Mitarbeitenden dann eventuell noch mal anpassen oder bearbeiten. Die Nutzung wird so normal werden wie die von Taschenrechnern.
Wohin kann die Reise gehen? Was wird in einigen Jahren hinsichtlich des Einsatzes von KI in der Arbeitswelt noch möglich sein?
Ich sehe keine natürlichen Grenzen. Die Verbesserungen der KI-Software gehen kontinuierlich weiter. Zurzeit bauen OpenAI und Microsoft eine Plattform auf, die es GPT-4 erlaubt, auf weitere Webangebote zuzugreifen. Das wird die Möglichkeiten und Leistungsfähigkeit weiter verbessern. Vermutlich werden sich früher oder später aber auch wettbewerbsrechtliche Fragen stellen.
OpenAI ist das Unternehmen, das hinter ChatGPT steht. Microsoft ist ein großer Partner und Investor. Der Name „OpenAI“ suggeriert, dass die Firma Open-Source-Produkte entwickelt. Ist dem so?
Die Sprachmodelle von OpenAI sind eine richtige Black Box, den Softwarecode gibt es nicht als Open Source. Sie können weder in die Algorithmen reinschauen noch in die Trainingsdaten und den Trainingsprozess. Wir nutzen etwas, von dem wir alle nicht wirklich wissen, wie es funktioniert.
Und schauen Sie trotzdem positiv in die Zukunft? Man könnte sich auch eine etwas dystopische Sicht zu eigen machen: Wir verlernen das Schreiben, wir sprechen keine Fremdsprachen mehr, wir bezweifeln bei allem die Echtheit, weil es von einer KI hergestellt sein könnte, Arbeitsplätze gehen verloren, die Gesellschaft spaltet sich.
Es gibt bestimmt auch negative Effekte. Beispielsweise wird es in manchen Bereichen zu Jobverlusten kommen. Es würde mich wundern, wenn das nicht passiert. Ich bin trotzdem eher optimistisch und denke, die KI wird dem Menschen bei der Arbeit und im Privaten einiges abnehmen und ihm das Leben erleichtern.
Die Geschichte hat gezeigt, dass das den Menschen immer wieder gelungen ist.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Jan C. Weilbacher
Autor
Peter Buxmann
ist Universitätsprofessor für Wirtschaftsinformatik an der Technischen Universität Darmstadt. Er ist zudem Mitglied in zahlreichen Aufsichts- und Leitungsgremien, unter anderem im Beirat des Weizenbaum-Instituts für die vernetzte Gesellschaft – das Internet-Institut in Berlin sowie im Aufsichtsrat der Eckelmann AG, wo er mit für die digitale Transformation zuständig ist. Seine Forschungsschwerpunkte sind Anwendungen und Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz, die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft sowie die Zukunft der digitalen Arbeit.
»Peter bei LinkedIn
Veränderungsbegleiter und -begleiterinnen werden bald noch mehr zu tun bekommen. Denn ohne Zweifel werden GPT und andere KI-Modelle die Arbeitswelt massiv verändern. Einen weiteren Beitrag zum Thema „Künstliche Intelligenz“ finden Sie hier: „Change durch KI: Es gibt Arbeit!“.