Vertrauen ist das Fundament für gute Teamarbeit – und damit auch eine wesentliche Voraussetzung des Unternehmenserfolgs. Doch eine Vertrauenskultur im Team entsteht nicht per Knopfdruck. Karin Lausch beschreibt sieben notwendige Schritte, die in jedem Team und von jeder Führungskraft beherzigt werden sollten.
Zukunftsfähiges Arbeiten ist selbstbestimmt, gesund, innovativ und produktiv. Vertrauen im Team, also psychologische Sicherheit, bildet dafür die notwendige Grundlage. Doch derzeit erleben wir eine noch nie dagewesene kollektive Vertrauenskrise und fallen zurück in Kontrollmechanismen und Bürokratie. Viele glauben, für mehr Leistung brauche es engere Zügel. Das wirft uns nicht nur wirtschaftlich zurück und sorgt für Frust und Kündigungen, sondern belastet auch noch unsere Gesundheit. Wir müssen verstehen, dass Vertrauen nicht das Problem, sondern die Lösung ist.
Das TRUST-ME-Modell hilft, psychologische Sicherheit im Team zu fördern. „TRUST ME“ ist ein Akronym und besteht aus den sieben Anfangsbuchstaben der folgenden Schritte.
1. Transparenz
Führungskräfte brauchen ein positives Menschenbild und eine Haltung, die davon ausgeht, dass ihre Mitarbeitenden mit der Wahrheit umgehen können – das können die meisten schließlich in ihrem Privatleben auch. Es gibt also keinen Grund für Intransparenz. Informationen werden im Team transparent gemacht und besprochen. Allerdings:
Kommunikation hört nicht mit dem Weitergeben der Informationen auf.
Jede Information löst Hoffnungen und Ängste bei Mitarbeitenden aus und diese steuern unbewusst einen großen Teil des Verhaltens. Teams, die regelmäßig über ihre Hoffnungen und Ängste sprechen, entwickeln nicht nur mehr psychologische Sicherheit, sondern auch bessere Lösungen. Ein gemeinsames Board mit den Spalten „Hopes“ and „Fears“ hilft, in gemeinsamen Runden vorhandene Ängste und Hoffnungen zu sammeln und gemeinsam zu verarbeiten.
2. Reflexion
Wir vertrauen uns dann, wenn wir das Gefühl haben, dass wir uns weiterentwickeln können. Wären Hopfen und Malz verloren, wäre auch kein Vertrauen da. Kontinuierliche Selbstreflexion im Team steigert daher auch die psychologische Sicherheit. Alle vier bis sechs Wochen gibt es einen geschützten Raum, auch Retrospektive genannt, in dem gemeinsam erarbeitet wird, was gut gelaufen ist und was das Team ganz konkret verändern möchte.
Wichtig: Die Retrospektive fällt nicht aus, auch wenn es mal stressig zugeht, oder es keine offensichtlichen Themen im Team gibt. Auf die Retro muss das Team sich verlassen können. Und Themen gibt es immer, auch wenn sie im ersten Moment nicht offensichtlich sind. Gerade in turbulenten Zeiten kann eine gemeinsame Retrospektive das Team davor bewahren, in Stressmuster zu verfallen und helfen, neue und wirksamere Wege zu identifizieren.
3. Unterstützung
„Willst du schnell gehen, geh’ allein, willst du weit gehen, geh’ gemeinsam.“ Die meisten Menschen verteilen unbewusst Ratschläge, wenn sie helfen wollen. Doch Ratschläge sind nichts weiter als Handlungsanweisungen aus der Vergangenheit anderer und haben wenig mit unserem eigenen Leben zu tun. Besser ist es, zu fragen: „Wie kann ich dich unterstützen?“ und dann wirklich gut zuzuhören. Diese Frage zeigt Wohlwollen und das ist einer der größten Förderer von Vertrauen. Wir spüren, dass unser Team es gut mit uns meint. Ein Check-in zu Beginn der Woche, in dem jedes Teammitglied äußern kann, wo es Unterstützung braucht und sich dafür mit anderen Teammitgliedern verabredet, ist ein gutes Ritual, um den Support im Team zu institutionalisieren.
4. Sinn
Sinn ist das, was alles zusammenhält. Wenn etwas Sinn ergibt, dann können wir vertrauen. Umgekehrt wird es noch deutlicher: Wenn etwas keinen Sinn ergibt, werden wir misstrauisch. Deshalb ist es wichtig, dass das Team den Sinn an der eigenen Arbeit und Arbeitsweise erkennt. Die Retrospektive hilft dabei, sinnlose Prozesse zu identifizieren. Wichtig ist dann aber auch, diese sinnlosen Prozesse abzubauen und den Mut zu haben, gemeinsam neue und vor allem sinnvollere Wege auszuprobieren. Ganz nach dem Motto „Kill your Darlings“ scheut sich das Team gemeinsam nicht davor, auch liebgewonnene Vorgehensweisen oder „heilige Kühe“ umzuschmeißen.
5. Termintreue
Hier geht es um Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Integrität. Verspricht jemand zum Beispiel 120 Prozent, liefert aber nur 100 Prozent, ist das Gift für die Vertrauenswürdigkeit. Verspricht die gleiche Person nur 80 Prozent und liefert 100 Prozent, ist das ein richtiger Booster und ein Zeichen ins Team, das sagt: „Auf mich könnt ihr euch verlassen.“ In beiden Fällen wurde die gleiche Leistung erbracht, aber das Erwartungsmanagement war ein anderes. Eine regelmäßige gemeinsame Planung und realistische Versprechen helfen den Teammitgliedern, einander zu vertrauen.
6. Menschlichkeit
Wir sind darauf trainiert, im Arbeitskontext nur Gutes von uns zu zeigen. Für alles andere war lange kein Platz. Dabei ist unsere Unvollkommenheit eine große Chance für mehr psychologische Sicherheit und Potenzialentfaltung im Team. Wir alle „strugglen“, haben Herausforderungen oder kommen mal an unsere Grenzen. In erfolgreichen Teams zeigen sich die Teammitglieder verletzlich und sprechen über Konflikte und ihre Unvollkommenheit, statt sie zu verstecken. Psychologische Sicherheit bedeutet nicht, dass es immer harmonisch zugeht, sondern zeigt sich gerade dann, wenn nicht. Wenn wir streiten und uns verletzlich zeigen können, ohne
Angst vor zwischenmenschlichen Konsequenzen zu haben, dann vertrauen wir uns wirklich.
7. Ehrlichkeit
Psychologisch sichere Teams sagen sich die Wahrheit, auch wenn sie mal unangenehm ist. Doch viele scheuen sich davor, weil sie den Konflikt nicht eingehen wollen. Wichtig dabei ist, zu akzeptieren, dass es die eine Wahrheit nicht gibt, sondern nur die eigene Wahrheit. Die Ich-Botschaft ist das beste Mittel, um die eigene Wahrheit mitzuteilen. Statt zu sagen: „Du hast mich schon wieder nicht informiert und das musst du in Zukunft ändern!“, können wir sagen: „Ich fühle mich nicht gut informiert und frage mich, wie wir das gemeinsam besser hinbekommen können.“ In beiden Fällen sind wir ehrlich. Doch die zweite Variante ist anschlussfähig und baut eine Brücke zur anderen Person, statt sie einzureißen.
Autorin
Karin Lausch
ist Leadership-Expertin und Executive Coach. Sie begleitet seit 14 Jahren Führungskräfte und Teams in ihrer Entwicklung. Seit Jahren schreibt sie für unterschiedliche Wirtschaftsmagazine, wie t3n, STRIVE Magazine oder Haufe New Management über die Zukunft der Arbeit und New Leadership.
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