Mal ehrlich: Porträt von Sven Latzel, Gesellschafter und Geschäftsführer der Beratungsfirma „Vitale Arbeitskultur“ sowie Gründer des Startups facilify.app.

Mal ehrlich: Facilitation und vitale Arbeitskultur

Für die einen Allheilmittel, für die anderen völlig überbewertet: Tools und Methoden im Change. Wir fühlen Expertinnen und Experten auf den Zahn und wollen ihre Sicht der Dinge sowie einige Tipps erfahren. Diesmal fragen wir Sven Latzel.

Mal ehrlich, was genau ist eigentlich Facilitation?

Facilitation steht im Wortsinne dafür, etwas zu erleichtern. Durch Interaktionsgestaltung bietet der Facilitator Raum und Methoden, um entstehen zu lassen, was im Gruppenprozess als bestmögliches Ergebnis entstehen kann. Man schafft einen Rahmen, in dem gemeinsam gelernt wird, Erkenntnisse gesammelt und Entscheidungen getroffen werden sowie Neues gestaltet wird.

Wichtig ist dabei immer, die eigene Bedürfnislosigkeit zu erhalten.

Das heißt sich nicht inhaltlich oder emotional zu involvieren, um furchtlos und mit freiem Denken im Sinne des Auftrags agieren zu können.

Man lernt ja doch hin und wieder die ein oder andere neue Methode, ein Vorgehen oder einen neuen Ansatz in Bezug auf Change und Transformation kennen. Wann hattest du diesbezüglich das letzte Mal ein Aha-Erlebnis?

Bei der Frage fällt mir sofort der Provokative Ansatz ein. Er geht auf Frank Farelly zurück und zielt ursprünglich auf Coaching- und Therapiekontexte ab, lässt sich aber auch super in Gruppen anwenden. Es geht darum, die Glaubenssätze des Gegenübers achtsam und liebevoll zu überzeichnen, um dem Gegenüber die Gelegenheit zu geben, selbst die gelegentliche Absurdität und Widersprüchlichkeit der eigenen Überzeugungen zu erkennen.

Besonders das Modell der drei F, die nachhaltigen Veränderungen im Weg stehen, haben mich berührt. Sie stehen für:

  • Fixierung: „So sind wir! So waren wir schon immer!“
  • Faulheit: „Das bringt doch nichts! Wozu der Aufwand, es passt doch alles!“
  • Feigheit: „Das schaffen wir nie! Das können wir nicht!“.

Die zugehörigen Aussagen sollen hier nur der Veranschaulichung dienen.

Ein Beispiel aus meiner Praxis: Ein kleines Unternehmen, dessen Leitungsrunde sich selbst „Elefantenrunde“ nannte, hatte sich aufgemacht Richtung New Work und dezentraler Methoden. Die „Elefantenrunde“ stand diesem Trend schon durch den Namen im Weg und es brauchte Jahre, bis die Firma ihn streichen konnte. Für mich ein klares Beispiel für Fixierung.

Was verstehst du unter einer „vitalen Arbeitskultur“, für die du dich starkmachst? Und warum brauchen Organisationen eine solche?

Eine vitale Arbeitskultur ist anpassungsfähig, ähnlich wie das Ökosystem eines Gartens oder eines Waldes. Jedes Element – Team, Rolle, IT-System, physischer Raum – hat seinen eigenen Platz, an dem es genug Sonne (Aufmerksamkeit) und Wasser (Ressourcen) bekommt und in Wechselwirkung mit den anderen Elementen steht.

Wenn Elemente sich aufgrund ihrer Lebensdauer und der äußeren Umstände überholt haben, dürfen sie eingehen und erneuert werden.

Eine vitale Arbeitskultur hat unserer Erfahrung nach acht wesentliche Aspekte: Effizienz, Qualität, Freude, Identifikation, Diversität, Resilienz, Verbundenheit und Lernfähigkeit. Pflegt eine Organisation diese Aspekte, ist sie regenerationsfähig, bleibt lebendig und anpassungsfähig.

Man kann übrigens auch das Gegenteil beleuchten, um es noch mal zu verdeutlichen: nämlich eine „tote“, erstarrte Arbeitskultur. Diese zeichnet sich aus durch fehlendes Vertrauen, ungelöste Spannungen und Stagnation bei gleichzeitiger Ressourcenverschwendung.

Gibt es Methoden oder Tools, die ganz besonders mit der Förderung einer vitalen Arbeitskultur in Verbindung stehen?

Ja, die gibt es! Auf unserem eigenen Erkenntnispfad haben sich einige Methoden und Modelle als besonders wirksam herausgestellt. Um ein paar zu nennen: der Organisationskompass, der Verantwortungsdialog, das „House of Change“, die Methoden aus „Art of Hosting“ und viele mehr.

Besonders mit dem Verantwortungsdialog arbeite und experimentiere ich im Moment, da er den „Sweetspot“ einer guten Verteilung von Zuständigkeiten und Macht ermöglicht. Es geht dabei darum, sehr offen über das Wollen, Können, Dürfen und Müssen von Personen in Rollen zu sprechen.

Besonders „das Dürfen“ (die Organisation erlaubt der Rolle die Verantwortung durch Privilegien und Ressourcen) und „das Müssen“ (die Rolle muss bestimmte Dinge bewirken, damit die Organisation lebensfähig ist) sind spannend, da sie den Beteiligten oft nicht in der Tiefe klar sind.

Wenn man dabei sauber arbeitet, kann man eine Organisation entwickeln, in der Menschen „müssen“, was sie „wollen“.

Du bist auch Experte für agile Methoden. „Agilität“ wird von sehr vielen sehr kritisch gesehen zurzeit, vor allem weil die wenigsten Unternehmen es konsequent machen. Woran liegt das?

Zuallererst sehe ich immer wieder, dass Agilität mit sehr starren Frameworks wie Scrum gleichgesetzt wird.

Daraus ergeben sich erhebliche Spannungen zwischen dem, was die Organisation wirklich braucht und dem, wie die Methoden konzipiert sind.

Die Prinzipien aus dem agilen Manifest haben sicher schon vielen Unternehmen dabei geholfen, ihre Sicht- und Handlungsweise positiv zu verändern. Groß angelegte agile Transformationen, die Macht dogmatisch neu auf dem Reißbrett verteilen, ohne die Menschen zu beteiligen, können allerdings kaum gelingen.

Hier kann das Prinzip Partizipation zum frühestmöglichen Zeitpunkt „der Kommunikationslotsen“ helfen. Wenn es gelingt, die Erkenntnisse aus der Agilität gemeinsam mit allen Betroffenen in neue Strukturen zu gießen, steht einer erfolgreichen Transformation aus unserer Sicht nichts mehr im Wege.

Wer oder was inspiriert dich?

Meine größte Inspiration sind die Momente, in denen ich sehen kann, wie Menschen um mich zu neuen Einsichten und Erkenntnissen gelangen. Das Verstehen in den Augen anderer zu sehen, ist ein riesiges Geschenk, für das ich immer wieder dankbar bin.

Es erinnert mich an meine eigenen Aha-Momente, die stets mein Leben wieder ein bisschen verändert haben.

 

 

Autor

Sven Latzel
arbeitet als Facilitator für kulturelle und digitale Transformationen. Er ist Gesellschafter und Geschäftsführer der Beratungsfirma „Vitale Arbeitskultur“. Seit diesem Jahr veröffentlicht er außerdem als Gründer des Startups facilify.app Tools, die Facilitator:nnen bei ihrer täglichen Arbeit unterstützen. (Kontakt: kontakt@vitale-arbeitskultur.de).
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