Porträt von Ina Remmers, nebenan.de

Ina Remmers: Balance zwischen Agilität und Stabilität

Ina Remmers über die Balance zwischen Agilität und Stabilität, die Schwierigkeit im Moment zu verweilen und über die Frage, was für sie Heimat bedeutet.

Was sagen Sie Menschen, die sich vor Veränderungen fürchten?

Dass ich sie verstehen kann. Dass es ganz normal ist. Neben Agilität brauchen wir auch Stabilität in unserem Leben. Die Balance ist die große Kunst. Ich glaube daran, dass wir eher bereit für Veränderungen sind – sie sogar suchen –, wenn die anderen Säulen unseres Lebens stabil sind. Ich bin bereit, beruflich alles auf eine Karte zu setzen, wenn ich mich sozial geborgen und aufgefangen fühle. Wenn alle Säulen ins Wanken geraten, bedeutet Veränderung Stress und ist bedrohlich. Genau das Gegenteil sollten wir anstreben.

Was würden Sie gerne an sich selbst ändern?

Ich würde gerne häufiger im Moment verweilen, statt gedanklich immer schon drei Schritte weiter zu sein. Vor allem Momente, die es wirklich wert sind, einfach mal aufgesogen zu werden. Als mein Mann mir im Urlaub nach einer schönen Wanderung am Strand einen Heiratsantrag machen wollte, wollte ich direkt weiter – schließlich stand die Abenddämmerung kurz bevor! Der Antrag musste warten. True Story. Das Gleiche gilt für berufliche Erfolge. Es hat in den vergangenen Jahren sehr viele Momente gegeben, in denen ich hätte sagen können: Das feiern wir jetzt. Mit einem netten Abendessen oder so. Habe ich aber nicht oft gemacht.

Was ist für Sie Heimat und was bedeutet sie Ihnen?

Wurzeln. Tatsächlich ein Gefühl von Erdung. Sprache, Dialekt, Gerüche, Traditionen. Dass man irgendwo ankommen kann. Getragen natürlich von den wichtigsten Menschen. Ich kenne einige, die dieses Gefühl von Heimat aus verschiedenen Gründen nie erleben konnten und die bis heute danach suchen.

Worin haben Sie großes Vertrauen?

In das Vertrauen. Und den Vertrauensvorschuss. Wir müssen die Tür bei uns selbst öffnen, damit andere hindurchgehen können. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, Fremden Vertrauen zu schenken – auch wenn mir das nicht leichtfällt. Das gilt auch für die Nachbarschaft: Dass ich bereit bin, darauf zu vertrauen, dass zum Beispiel meine Nachbarin mir das Kinderspielzeug, das sie sich ausleiht, wieder wohlbehalten zurückbringt, ohne dass ich dafür die Kopie ihres Personalausweises brauche.

Wann gelingt Zusammenarbeit und wann oft nicht?

Auch hier spielt Vertrauen eine wichtige Rolle. In Ruhe zuhören, Freiräume und klare Absprachen. Wenn (zu viel) Ego im Spiel ist, wird es eigentlich immer schwierig.

Wie finden Sie Ausgleich zu Ihrem Berufsalltag?

Ehrlicherweise denke ich so nicht. Mein Beruf ist auch mein Leben und vice versa. Ich ziehe Energie aus dem Privatleben für das Berufsleben und umgekehrt. Der Begriff des Ausgleichs trifft es daher für mich nicht. Die beruflichen Situationen, in denen ich das Gefühl hatte, dass das mit der gegenseitigen Energie nicht funktioniert, habe ich aktiv geändert. Gleichzeitig ist es mir auch wichtig, Privates und Beruf nicht ständig zu vermischen. Fokus und Prioritäten spielen eine größere Rolle als der Gedanke, etwas auszugleichen.

 

 

 

Autorin

Ina Remmers ist Gründerin und Geschäftsführerin von nebenan.de. Sie zog es vom Erzgebirge über die Schwäbische Alb bis nach Berlin, wo sie immer wieder neu Anschluss finden musste. Als wirklich soziales Netzwerk soll nebenan.de genau dies in den Nachbarschaften ermöglichen. Ina Remmers ist zudem Gründerin des Organspende-Vereins „Junge Helden“ und bei den German Startup Awards 2020 als „Beste Gründerin“ für nebenan.de ausgezeichnet worden.
»Ina bei LinkedIn