Interview mit Dr. Mathias Winde: Future Skills

Future Skills vermitteln

„Es muss ein Mindset-Change her“

Die Zukunftsmission Bildung mit ihrer Allianz für Future Skills hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Bedingungen für den Erwerb digitaler und weiterer zukünftig relevanter Kompetenzen zu verbessern. Mathias Winde vom Stifterverband erläutert, was sich hinter dem Begriff der „Future Skills“ verbirgt und was passieren muss, um sie flächendeckend in der Gesellschaft zu vermitteln.

Der Stifterverband und McKinsey haben 21 Kompetenzen als sogenannte Future Skills identifiziert. Was zeichnet ganz allgemein eine solche Kompetenz aus, sodass sie für die Zukunft unserer Wirtschaft und Gesellschaft besonders wichtig ist?

Alle Future Skills müssen ganz allgemein dazu beitragen, dass wir Menschen uns in der sich schnell transformierenden Gesellschaft zurechtfinden und mit gesellschaftlichen und globalen Herausforderungen umgehen können. Unter Kompetenzen verstehen wir dabei Fertigkeiten, Wissen, Werthaltungen und eine Bereitschaft, aktiv zu werden und zu handeln.

Für wen sind diese identifizierten Future Skills relevant?

Tatsächlich sind Future Skills für alle Menschen in Deutschland relevant.

Zum einen, um im Arbeitsleben Schritt halten zu können, zum anderen aber auch, um sich in der Gesellschaft einbringen und partizipieren zu können – und zwar lebenslang.

Warum braucht es in Deutschland überhaupt einen Fokus auf den Erwerb von Future Skills?

Weil sich die Arbeitswelt und die Gesellschaft stetig verändern, zum Beispiel aufgrund von neuen Technologien, aber auch aufgrund von globalen Krisen. Einerseits müssen wir in Deutschland wettbewerbsfähig bleiben: Mit zunehmendem Fachkräftemangel ist die kontinuierliche Weiterbildung der Menschen in unserer Gesellschaft umso wichtiger, weil wir Lücken schließen müssen, wo Arbeitskräfte fehlen.

Andererseits ist es wichtig, globale Zusammenhänge zu verstehen und die Auswirkungen unseres eigenen Handelns kritisch zu hinterfragen. Aus Arbeitnehmersicht bzw. aus der Sicht von Lernenden geht es darum, mit neuen Entwicklungen mithalten, aber auch kritisch mit ihnen umgehen zu können. Wir brauchen Menschen mit Zukunftskompetenzen also, um den Herausforderungen der Zukunft und auch schon denen der Gegenwart erfolgreich zu begegnen.

Ihr Framework ist unterteilt in vier Kategorien: Technologische Kompetenzen, Digitale Schlüsselkompetenzen, Klassische Kompetenzen, Transformative Kompetenzen. Könnten Sie jeweils beispielhaft eine Kompetenz aus einer Kategorie kurz erläutern?

Gerne. Unter „Technologische Kompetenzen“ fassen wir insbesondere Kompetenzen für Fachspezialisten, zum Beispiel für Bereiche wie KI, Robotik oder Quantentechnologie. Unter die Kategorie „Digitale Schlüsselkompetenzen“ fällt zum Beispiel die Data Literacy, also die Auseinandersetzung unter anderem mit der Frage, was Daten sind und wie sie verarbeitet oder visualisiert werden, um sie schließlich interpretieren zu können.

Future-Skills-Framework

Abbildung: Future-Skills-Framework

In der Kategorie „Klassische Kompetenzen“, die schon immer wichtig waren, haben insbesondere die Lösungsfähigkeit, die Kreativität und die respektvolle, diskriminierungssensible Kommunikation zwischen Menschen an Bedeutung zugenommen. Unter „Transformative Kompetenzen“ fassen wir Kompetenzen wie Meinungsbildung und Urteilsfähigkeit, bei der gesellschaftliche und globale Zusammenhänge und Krisen berücksichtigt werden – und das gilt genauso für die Entwicklung von Innovationen bzw. wie wir ins Handeln kommen.

Warum gibt es bei Ihrem Framework eine so starke Konzentration auf digitale und technische Kompetenzen? Könnte man nicht sagen, es reicht, wenn die Menschen lernbereit und neugierig sind?

Die Lernbereitschaft der Menschen ist natürlich zentral für die Zukunft unserer Wirtschaft und Gesellschaft.

Und nachdem jahrzehntelang zumindest im formellen Rahmen vorgegeben wurde, was wichtig zu wissen oder zu können ist, befinden wir uns jetzt in einer Zeit, in der jede oder jeder selbst hinterfragen muss, welche Kompetenzen für sie oder ihn relevant sind. Da muss also ein Mindset-Change her.

Aber der tiefgreifende, geradezu revolutionäre Wandel unserer Gesellschaft wird von digitalen Technologien getrieben – im Guten wie im Schlechten. Digitale Medien können Falschnachrichten ebenso transportieren wie die Arbeit erleichtern und soziale Verbesserungen schaffen. Die Reflexion darüber ist neu und ungeübt. Deshalb müssen wir ein grundsätzliches Verständnis von Digitalität und ihren Funktionsweisen schaffen, um positive Veränderungen zu unterstützen.

Wo müssen diese Kompetenzen vor allem vermittelt und gefördert werden? In Schulen und Universitäten?

Ja, unter anderem. Diese Kompetenzen sollten idealerweise in verschiedenen Bildungseinrichtungen, also Schulen, Hochschulen, Volkshochschulen, vermittelt werden. Auch Unternehmen, Behörden oder gemeinnützige Organisationen sollten Weiterbildungsprogramme einrichten oder solch eine Weiterbildung extern ermöglichen, um den Mitarbeitenden die Möglichkeit zu geben, ihre Kompetenzen stetig weiterzuentwickeln. Das sollte im eigenen Interesse der Einrichtungen liegen.

Wir müssen aber auch die Selbstlernfähigkeiten der Menschen in Deutschland stärken und dafür ist zu Beginn wichtig, dass uns allen bewusst wird, dass wir immerzu lernende Individuen sind, die den Lernprozess insbesondere außerhalb der formellen Bildung auch selbst steuern können.

Wie steht Deutschland bei der Förderung der Future Skills im Bildungsbereich Ihrer Einschätzung nach da?

Es gibt sicherlich Luft nach oben, aber wir haben uns auf den Weg gemacht. International gab es 2011 in Irland die erste Strategie für den Hochschulsektor, die sich damit befasste, wie sich die damals identifizierten sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte bewältigen lassen und welche Rolle Hochschulen in Bezug auf das Lehren und Lernen, Forschung, Wissenschaft und Engagement für die Gesellschaft erfüllen müssen.

Da Deutschland föderal organisiert ist, versuchen wir vom Stifterverband, mit unseren Aktivitäten bundesweit Brücken zu schlagen. Wir beschäftigen uns seit 2018 mit dem Thema und sind inzwischen Initiatoren von thematisch fokussierten „Communities of Practice“, die sich für die Verankerung von Future Skills in verschiedenen Bildungseinrichtungen engagieren. Gemeinsam erarbeiten wir zum Beispiel Diskussionspapiere, Handlungsempfehlungen oder eben Frameworks wie das „Future Skills Framework“.

Was wäre beispielhaft eine wesentliche Veränderung an Hochschulen oder Schulen, die dringend notwendig wäre?

Das wäre die Verankerung von Future Skills in Curricula.

Dazu müssen wir Lehrende in der Breite dafür gewinnen, den Erwerb von Future Skills in ihren Veranstaltungen zu ermöglichen.

Das können fachliche Inhalte sein, wie beispielsweise ein Kurs „Big Data in der Medizin“, oder auch neue, beispielsweise digitale, Lernmethoden. Einige Hochschulen haben Zentren für Schlüsselqualifikationen eingerichtet, aber das muss flächendeckender werden. Im Rahmen der „Zukunftsmission Bildung“ bringen wir diejenigen in den Hochschulen, die sich für Future Skills einsetzen, zusammen, tauschen uns über Best Practice aus und entwickeln gemeinsam mit Unternehmen ein Verständnis von Future Skills. Wir werden Hochschulen fördern, die besonders gut Zukunftskompetenzen vermitteln.

Und wie gut gewappnet ist man in den Unternehmen hierzulande bei der Entwicklung von Future Skills?

Das Bewusstsein ist da. Viele Unternehmen haben inzwischen, meist angegliedert an Personalabteilungen, Weiterbildungsangebote mit Mikro-Content. Im angelsächsischen Raum sind aber „Learning & Development“-Abteilungen in Unternehmen bereits viel verbreiteter. Insgesamt muss der Stellenwert von Weiterbildungen gegenüber dem Alltagsgeschäft noch größer werden: Es passiert nicht selten, dass Mitarbeitende doch nicht an einer Weiterbildung teilnehmen, weil ihnen in dem Zeitraum Alltagstermine eingestellt werden.

Können Sie abschließend noch mal zusammenfassen, was die wesentlichen Tätigkeitsfelder des Stifterverbandes sind, um Future Skills in unserer Gesellschaft zu stärken?

Das im Rahmen der „Zukunftsmission Bildung“ geplante Programm „Future Skills an Hochschulen“ zur Verankerung von Future Skills in Hochschulcurricula habe ich bereits erwähnt.

Darüber hinaus haben wir Förderprogramme für Hochschulen, um ausgewählte Future Skills wie „Data Literacy“ oder „Transformative Skills für Nachhaltigkeit“ in Lehrplänen zu verankern. In deren Rahmen können zum Beispiel konkrete Lernangebote für Studierende entwickelt werden.

Und wir betreiben digitale Lernorte wie die „Future Skills Journey“ und den KI-Campus, die beide Future Skills-Lernangebote kostenlos und kuratiert für die breite Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Sie bieten allen Menschen in Deutschland die Möglichkeit, sich selbstinitiativ rund um das Thema Zukunftskompetenzen weiterzubilden. Konzepte zur Integration der Lernangebote in die Lehre an Schule und Hochschule werden (künftig) ebenfalls erarbeitet.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jan C. Weilbacher

 

 

Autor

Dr. Mathias Winde
leitet beim Stifterverband das Handlungsfeld „Bildung und Kompetenz“ und ist Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung. Seine Themengebiete umfassen Future Skills und digitale Kompetenzen, Führung und Governance von Hochschulen sowie Hochschulfinanzierung. Er ist unter anderem Mitglied im „Arbeitskreis Hochschule Wirtschaft“ von BDA, BDI und HRK. Vorher arbeitete er als Researcher in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Innovation beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln und bei der IW Consult.
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