Für die einen Allheilmittel, für die anderen völlig überbewertet: Tools und Methoden im Change. Wir fühlen Expertinnen und Experten auf den Zahn und wollen ihre Sicht der Dinge sowie einige Tipps erfahren. Diesmal fragen wir Harald Schirmer.

Mal ehrlich, Tools und Methoden werden im Rahmen von Veränderungen überschätzt! Richtig?

Meine These wäre: Wenn Veränderung als sinnvoll, relevant, wirksam und wertvoll erlebt wird, braucht es nur wenig Begleitung. Tools und Methoden sind Werkzeuge, die uns helfen sollen, ein gewünschtes Ergebnis zu erreichen. Ihre Wirksamkeit hängt von der Auswahl und der Kompetenz der Anwender:innen ab. In Veränderungsprozessen wird oft zu schnell nach Tools gegriffen, bevor das gewünschte Ergebnis klar ist.

Aus kulturwirksamer Perspektive erlebe ich „einfache Werkzeuge“ gepaart mit positivem Menschenbild als besonders wirksam. Vorbildwirkung, Neugier erzeugen, Umgang mit Komplexität und „Selbstwirksamkeitserleben“ werden bei Veränderungsthemen unterschätzt. Die größte Aufgabe sehe ich jedoch im nachhaltigen Umgestalten der Regeln, Rollen und Prozesse in Richtung moderne Organisationsformen.

Du sagst oft, wenn es um das Gestalten von Veränderungen geht, ist „Change Management“ nicht der richtige Begriff. Du sprichst lieber von „Leading Change“. Was verstehst du darunter?

„Management“ wirkt bei strukturierter, geplanter Umsetzung klarer Ziele. „Leadership“ hingegen beschreibt den Umgang mit Komplexität, Dynamik und Vielfalt. Während Management „emotionslos“ Werkzeuge nutzen kann, erfordert Leadership eine positive Haltung gegenüber Leben, Menschen und Natur. Viele traditionelle Tools fokussieren sich auf hierarchisch, sequenziell zu erreichende Ziele. „Leading Change“ betont die Orchestrierung des gemeinsamen Weges unter Respektierung individueller Bedürfnisse. Die dadurch frei werdende Neugier und Selbstwirksamkeitserfahrung eröffnet einen großen Möglichkeitsraum. Am Ende geht es um Verhaltensänderungen, die ein fluides, vielschichtiges Vorgehen mit Transparenz und Beteiligung ermöglichen.

Welche beispielhafte Methode oder welches Tool verbindest du ganz besonders mit „Leading Change“?

Mir geht es mehr um die Vielfalt und Flexibilität der eingesetzten Methoden.

Es gibt kein „Best Practice“ im Komplexen.

Wichtig ist, viele Möglichkeiten zu kennen, um Hilfe zu bitten, intensiv zuzuhören und gemeinsam zu explorieren. Bewährte Mittel dafür sind beispielsweise Netzwerke, Hackathons, Moocathons, Microlearning, Open Calls, Knowledge Broker, Rule-Breaker-Workshops oder auch Working out Loud.

Du weist seit Jahren auf die Kraft von Netzwerken und Communitys in Organisationen hin. Wie steht es um das „vernetzte, bereichsübergreifende Arbeiten“ in Unternehmen im Vergleich zu früher?

Netzwerke und Communitys haben sich in vielen verschiedenen Projekten bewährt. Sie können Risiken und Kosten senken und Qualität, Innovationskraft und Arbeitgeberattraktivität steigern. Trotz dieser Erfolge ist die Zahl der verfügbaren Plattformen für echte „Social Collaboration“ gesunken. Viele Anbieter unterstützen heute eher Kleingruppen-Zusammenarbeit und „Social Communication“ – also statt gemeinsam an Themen zu arbeiten, wird über die Themen geredet. Die Corona-Pandemie hat zwar dezentrales, digitales und asynchrones Arbeiten gefördert, aber es besteht wieder oft der Wunsch, zum traditionellen Vor-Ort-Arbeiten zurückzukehren.

Flexibilität und Dynamik führen zu Komplexität. Wir sind als komplexe Lebewesen gut geeignet damit umzugehen, Netzwerke und „Leading Change“ helfen dabei. Das „maschinistisch“ geprägte Weltbild kann das nicht leisten.

 

Empfehlung

Beispielhafte Methoden zu „Leading Change“ erläutert Harald Schirmer auf seiner Website.

 

Was, würdest du sagen, ist der wichtigste Erfolgsfaktor, damit sich kollektive Intelligenz in einer Organisation entfalten kann?

Dass die kollektive Intelligenz wirksam werden „darf“. Dazu braucht es mehr Transparenz, mehr Beteiligung und die Möglichkeit, mit Netzwerken oder „allen“ co-kreativ zusammenzuarbeiten. Diese Form der Beteiligung kann in vier Stufen erklärt werden:

0: Fragebogen – kaum Einfluss, keine Verantwortung
1: Crowdsourcing – Vielfalt nutzen für Ideen, Problemlösung, Innovation, Risikoreduzierung
2: Co-Kreation – gemeinsam Entscheidungen vorbereiten
3: Augenhöhe – gemeinsam entscheiden und umsetzen

Die letzte Stufe führt zu einem Feuerwerk an passenden Lösungen, zu schnellem gemeinsamem Lernen und nachhaltigem Engagement.

Du beschäftigst dich auch viel mit der digitalen Transformation. Kann die Künstliche Intelligenz Netzwerken in Unternehmen einen Schub geben?

KI wird derzeit hauptsächlich zur individuellen Effizienzsteigerung in bestehenden Arbeitsprozessen eingesetzt. Mit generativer KI beginnen wir, Prozesse zu verändern, aber es gibt noch Verbesserungsbedarf bei der Qualität. KI könnte „Begegnungsräume“ schaffen, in denen sprachenunabhängig gearbeitet wird, und beim Verstehen von Verhalten sowie der Verbesserung von Methoden helfen.

Allerdings stehen wir vor Compliance- und Datenschutz- Herausforderungen sowie dem globalen Wettbewerb um Technologievorherrschaft. „Bring Your Own AI“ hat dabei großes Potenzial, birgt aber auch Risiken für Organisationen.

Man lernt ja doch hin und wieder die ein oder andere neue Methode, ein Vorgehen oder einen neuen Ansatz in Bezug auf Change und Transformation kennen. Wann hattest du diesbezüglich das letzte Mal ein Aha-Erlebnis?

Vor zwei Wochen erlebte ich als Teilnehmer eines „Prompt-Battles“, wie transparentes, gemeinsames Prompten mit einer generativen Bild-KI für alle Beteiligten sehr lehrreich und energetisierend sein kann. Ich bin kein Freund von Wettkämpfen im Arbeitsumfeld, da das meist mehr Verlierer als Gewinner erzeugt. Hier wurden jedoch in kurzer Zeit beeindruckend positive Ergebnisse erzielt. Grundsätzlich halte ich eine aktive, direkte Beschäftigung mit dem Thema unter Einbeziehung möglichst vieler Beteiligter für erstrebenswert.

 

 

Autor

Harald Schirmer
ist Organisationsentwickler mit Fokus auf kollaborative Netzwerke. Als „VUCArocker“ inspiriert er andere, mit Komplexität und Dynamik möglichst menschlich und respektvoll umzugehen. Zudem engagiert er sich für mehr Diversität, Transparenz und Beteiligung in unterschiedlichen Kontexten.
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Unternehmen sind heute kontinuierlich mit Veränderungen konfrontiert. Das ist für Mitarbeitende und Führungskräfte eine Herausforderung. Die Einrichtung eines Change Management Office kann allerdings in dynamischen Zeiten eine wertvolle Hilfe für die Organisation sein, indem es Transparenz schafft, bei Projekten unterstützt und Change-Know-how fördert. Kristin Baumann skizziert erste mögliche Schritte, um ein solches Office aufzubauen.

Veränderungen sind unser täglicher Begleiter geworden und erfolgen in einem rasanten Tempo und in allen Unternehmensbereichen. Viele Organisationen und deren Mitarbeitende sind allerdings veränderungsmüde. Um dem entgegenzuwirken und Klarheit in den Veränderungsdschungel zu bekommen, kann die Etablierung eines Change Management Offices (CMO) helfen. Je nach Ziel und Scope des CMO behält es die Übersicht über alle Veränderungen in der Organisation, unterstützt und berät bei Veränderungsprojekten und sorgt für den Aufbau von Know-how zu Change Management in der Organisation.

Außerdem vertritt das CMO die strategische Bedeutung von Change Management in der Führungsebene und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, Veränderungen erfolgreich umzusetzen. Im Folgenden werden fünf mögliche Schritte für den Aufbau eines CMOs in einer Organisation beschrieben.

 

In 5 Schritten zum Change Management Office: 1. Change-Management-Office-Struktur aufbauen, 2. Methoden, Tools und Templates entwickeln, 3. Führungskräfte und Stakeholder einbeziehen sowie Bewusstsein für Change und CMO steigern, 4. Know-how zu Change Management aufbauen, 5. Change Management in (Pilot-)Projekten einsetzen, um den Nutzen zu belegen

Abbildung: In fünf Schritten zum Change Management Office

1. Struktur aufbauen

Zunächst ist es wichtig, aufbauend auf der Ist-Situation und der Problemstellung, die Ziele und den Scope des CMOs festzulegen. Ist das Ziel, die Nutzung von Change Management in der Organisation zu erhöhen, einen Überblick über alle Veränderungsmaßnahmen in der Organisation zu erhalten oder Vorgaben für Projekte zur Nutzung von Change Management zu machen?

Weitere mögliche Ziele sind: Mitarbeitende zu schulen oder ein Center of Excellence zu sein, das Templates und Beratung zur Verfügung stellt. Wird das CMO auch Change-Management-Projekte leiten oder wird die Veränderung durch die Projektleiter:innen in ihren jeweiligen Projekten integriert? Wird das CMO alle Bereiche der Organisation und alle Projekttypen unterstützen?

Und wo wird das CMO verortet sein – zentral oder dezentral? All das sind Fragen, die die Struktur und die Zusammensetzung des Teams beeinflussen. Basierend auf den Zielen sollten dann die Rollen und Verantwortlichkeiten festgelegt und der Business Case ausgearbeitet werden.

2. Methoden, Tools und Templates entwickeln

Im zweiten Schritt sollten die Change-Management-Methoden gewählt werden, die am besten zur Organisation passen und so gestaltet werden, dass sie den Bedarf der Organisation optimal decken. Außerdem müssen Tools und Templates zur Umsetzung der Methoden entwickelt und in Bezug auf die im Unternehmen gängigen Projektmanagement- Tools und Templates abgestimmt werden. Dies kann sich beispielsweise auf übergreifende Schlüssel- Meilensteine, gleiche Template-Strukturen und den Abgleich von Prozessen beziehen. Wichtig ist ebenfalls, bereits anerkannte Strukturen und Arbeitsweisen zu nutzen.

3. Führungskräfte und Key-Stakeholder einbeziehen

Auch der Aufbau eines CMO in einer Organisation ist eine Veränderung, deshalb ist es notwendig, Führungskräfte und Key Stakeholder frühzeitig einzubinden, um den Nutzen und die Wichtigkeit des CMOs zu verdeutlichen. Wenn der richtige Sponsor für das Vorhaben ausgewählt und die wichtigsten Abteilungen wie Organisationsentwicklung, HR, PMO (Projekt Management Office) und IT involviert sind, ist bereits eine entscheidende Hürde genommen.

Dann gilt es, in der Organisation darüber zu informieren, was Change Management ist, warum man es braucht, was die Aufgaben eines CMO sind und was die Änderung für die Mitarbeitenden bedeutet. Hierfür eignen sich Townhall- und Bereichsmeetings, aber beispielsweise auch die Nutzung von Change-Botschafter:innen, Mitarbeitende, die Change Management bereits genutzt haben, Fürsprecher:innen sind und Einfluss auf die Organisation haben.

4. Change-Management-Know-how aufbauen

Change Management zu nutzen geht nur, wenn man weiß, wie. Daher ist es notwendig, Trainings für unterschiedliche Rollen aufzubauen und durchzuführen. Da vieles in der Theorie einleuchtet, uns in der Praxis aber dennoch vor Herausforderungen stellt, ist es außerdem empfehlenswert, Coachings in Projekten durch CMO-Mitarbeitende anzubieten und beratend zur Seite zu stehen.

Auch Communitys aufzubauen, in denen Wissen und Erfahrungen ausgetauscht werden, kann ein guter Weg sein, Wissen in der Organisation zu streuen.

5. Change Management in (Pilot-)Projekt(en) einsetzen

Um den Nutzen von Change Management zu belegen, werden im nächsten Schritt ein Projekt oder mehrere Projekte mit hoher Bedeutung und Sichtbarkeit ausgewählt, in denen der Sponsor bereits die Wichtigkeit von Change Management erkannt hat und die Wahrscheinlichkeit für den Erfolg des Einsatzes einer Veränderungsbegleitung hoch ist.

Auch sollten die erzielten Erfolge durch das Change Management gemessen und aufgezeigt werden. Dies kann sowohl qualitativ durch Interviews von Projektmanager:innen und Mitarbeitenden als auch quantitativ durch Zufriedenheitsbefragungen oder Nutzungsverhalten geschehen. Die Veröffentlichung von Zitaten der beteiligten Mitarbeitenden und Führungskräfte kann wiederum in der Organisation das interne Marketing für das Change Management stärken.

Ziel dieser fünf Schritte ist es, dass die Nutzung von Change Management zur Normalität in der Organisation wird, von Beginn an budgetär und zeitlich eingeplant und als wichtige Funktion angesehen wird. Change Management ist dann nicht mehr die Ausnahme, sondern der Standard in Projekten und Initiativen, was wiederum die Basis für den Aufbau eines Portfoliomanagements aller laufenden und zukünftigen Veränderungen in der Organisation darstellt.

Der erste Schritt hin zu Veränderung ist immer der schwerste. Das CMO kann helfen, Veränderung greifbar zu machen und in der Organisation die Wirksamkeit von Change Management unter Beweis zu stellen. Dann kann die nächste größere Veränderung auch ein Erfolg werden.

 

 

Autorin

Kristin Baumann
ist Leiterin des „Change & Culture Competence Center“ bei Assure Consulting. Als Change Managerin und Beraterin begleitet und unterstützt sie Unternehmen und deren Mitarbeitende in Veränderungsprojekten.
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Die Einführung einer Software in einem Unternehmen ist oft ein Change-Projekt. Denn nicht selten sollen sich auch Abläufe und Verhaltensweisen ändern. Aber damit die Einführung zum Erfolg wird und die Mitarbeitenden die Neuerungen akzeptieren, ist es notwendig, auf bestimmte Faktoren zu achten. Corinna Friebel-Fohrholz skizziert fünf Schritte, auf die es ganz besonders ankommt.

Endlich, nach einem mehrere Monate dauernden Auswahlprozess ist die Entscheidung für die neue Software gefallen und die Verträge sind unterzeichnet. Alle sind hoch motiviert und möchten am liebsten sofort mit dem Projekt starten. Aber damit die Einführung der Software zum Erfolg wird und es auch in schwierigen Situationen nicht zu Missverständnissen kommt, ist es absolut notwendig, sich innerhalb des Projektes kurz zu sortieren, zusammenzusetzen und die fünf nachfolgenden W-Fragen gemeinsam zu beantworten.

1. Warum

… machen wir dieses Projekt eigentlich?

Diese Frage klingt trivial und sollte eigentlich schon vor Beginn der Auswahl der Software bekannt sein. Leider ist das nicht immer der Fall. Auch wenn Ziele definiert wurden, kann es nicht schaden, diese erneut zu prüfen, eventuell anzupassen und noch mal an alle Beteiligten und Betroffenen offen zu kommunizieren.

Projektziele sollten prägnant und verständlich formuliert sein.

Übrigens, kein Projektziel ist: „Die Software XY ist innerhalb von sechs Monaten im Unternehmen ausgerollt“. Das ist eine Projektvorgabe bzw. der Handlungsrahmen für das Projekt.

Gute Projektziele sind konkret formuliert, erreichbar und ergebnisorientiert. Beispiel: „Ein Jahr nach Einführung der neuen Dispositionssoftware hat sich unsere Liefertreue auf 95 Prozent erhöht.“ Das SMART-Konzept kann bei der Formulierung helfen.

2. Wer

… ist eigentlich Teil von unserem Projektteam?

Spätestens jetzt ist es Zeit, das Projektteam aufzustellen und sich gegenseitig kennenzulernen. Idealerweise melden sich für das Einführungsprojekt engagierte Mitarbeitende freiwillig. Nichts ist schlimmer für die Motivation und die Akzeptanz als das Festlegen von Personen über den Kopf der Betroffenen hinweg.

So früh wie möglich muss die Frage der benötigten zeitlichen Kapazitäten mit den Linienverantwortlichen geklärt werden (siehe hierzu Punkt vier). Auch ist festzulegen, wie im Falle von zeitlichen Konflikten zu verfahren ist. In den meisten Einführungsprojekten wird diese Diskussion am Ende auf dem Rücken der Projektmitarbeitenden ausgetragen. Dies gilt es zu vermeiden. Neben Projektmitarbeitern aus dem eigenen Haus sollten verschiedene Personen des Softwaredienstleisters und je nach Projekt auch weitere Berater bzw. Experten im Projekt mitarbeiten. Onboarding-Prozesse stellen sicher, dass die nachfolgenden W-Fragen auch für diese Gruppe geklärt werden.

3. Was

… ist eigentlich meine Verantwortung im Projekt, welche Methoden muss ich beherrschen, um gute Projektergebnisse abzuliefern und was liegt außerhalb meines Verantwortungsbereichs?

Neben der zeitlichen Kapazität ist die Unwissenheit über den eigenen Aufgabenbereich in einem Projekt eines der Hauptprobleme von Projektmitarbeitenden. Fehlt die klare Abgrenzung von Verantwortlichkeiten, führt dies zu enttäuschten Erwartungen und dadurch zu Konflikten im Projekt. Insbesondere zwischen internen Projektmitarbeitenden und Dienstleistern ist dies häufig zu beobachten. Vor Projektstart sollten daher die Verantwortlichkeiten und Entscheidungswege klar abgegrenzt und an alle Projektbeteiligten kommuniziert werden. Hierfür bietet sich beispielsweise die RACI-Matrix an. Auch wenn es zunächst aufwendig erscheint, diese zu erstellen, es lohnt sich. Idealerweise wird eine solche Matrix auch Bestandteil des Projektvertrages.

4. Wann

… müssen sich meine Mitarbeitenden für das Projekt freihalten?

Diese Frage stellen Linienverantwortliche fast immer und fordern detaillierte Planungen ein. Allerdings erweckt zu viel Planung den Anschein von Genauigkeit, die in einem Projekt aber nicht gewährleistet werden kann.

Gerade zu Beginn eines Softwareprojektes können Aufwände nur sehr grob abgeschätzt werden.

Und in jedem Projekt passieren unvorhergesehene Dinge, die selbst der großzügigste zeitliche Puffer nicht abfangen kann. Zu viel Detailplanung am Anfang führt dazu, dass Pläne ständig angepasst werden müssen.

Daher gilt, weniger ist mehr. Auf weite Sicht sollten Phasen sehr grob in Form von Meilensteinen geplant werden. Für die kurzfristige Perspektive der nächsten sechs bis acht Wochen kann die Planung durchaus detaillierter – beispielsweise auf Wochenebene – sein. Auch wenn diese Art der Planung oft nicht das ist, was gewünscht wird, so entsteht dennoch ein Handlungsrahmen, in dem sich die Beteiligten bewegen können und der Aufwand für die Planung beherrschbar bleibt.

5. Wie

… wollen wir im Projekt kommunizieren und Betroffene abholen?

Gerade in großen Software-Einführungsprojekten, die mitunter über mehrere Monate bis Jahre laufen, besteht Kommunikationsbedarf. Eine gute Planung stellt sicher, dass Kommunikations- und auch Eskalationswege klar definiert sind und jeder nur relevante Informationen erhält. Zu viele E-Mails und Statusmeetings mit Informationen, die nicht für jeden von Interesse sind, führen schnell zu Frust.

Insbesondere sollte überprüft werden, auf welchem Weg die zukünftigen Nutzerinnen und Nutzer informiert werden. Innovative Ansätze wie regelmäßige kurze Videos im Mitarbeiterportal, Produktdemos, FAQs oder ein Interview mit einem Projektmitglied im hauseigenen Newsletter sind mitunter besser geeignet als lange Folienpräsentationen in Betriebsversammlungen. Nicht immer läuft in einem Einführungsprojekt alles rund. Auch für diesen Fall sollte im Projektteam Klarheit geschaffen werden. Insbesondere den Key Usern im Projekt kommt in der Kommunikation eine bedeutsame Rolle zu. Häufig arbeiten diese weiterhin im Tagesgeschäft mit. Durch unabgestimmte Kommunikation entstehen schnell Flurfunk und gegebenenfalls ein falscher Eindruck vom Projekt, der sich nur schwer revidieren lässt.

Sind diese fünf Fragen beantwortet, dokumentiert und von allen Projektbeteiligten verstanden, steht einem Projektstart nichts mehr im Wege. Insbesondere bei großen, lang laufenden Projekten sollte die gesamte Unternehmung über die wesentlichen Ergebnisse der Projektvorbereitungen informiert werden.

 

changement! Heft 05/2024

 

Autorin

Corinna Friebel-Fohrholz
ist Inhaberin und Geschäftsführerin der Glasholz GmbH. Sie hilft mittelständischen Unternehmen bei der Softwareauswahl und -einführung sowie bei der Erstellung einer passenden IT-Strategie. Dabei bringt sie umfassende Kenntnisse über den Software-Markt für diverse Branchen mit (www.glasholz.de).
»Corinna bei LinkedIn

Geduldig bleiben und lernen

Nicht wenige Unternehmen orientieren sich bei ihrer agilen Transformation an bestimmten Modellen wie Scrum. Marcus Raitner ist von Scrum fasziniert und hat in unterschiedlichen Rollen schon so manche Transformation einer IT-Organisation mitgemacht. Ein Gespräch darüber, was Frameworks leisten können, die Vorzüge von Scrum und welche Elemente bei jeder agilen Organisation vorhanden sein sollten.

Marcus, angenommen wir haben eine klassische Organisation, die in Abteilungen organisiert und stark hierarchisch geprägt ist. Das Projektmanagement läuft nach dem Wasserfall-Modell. Nun möchte sie sich agiler aufstellen. Hilft dieser Organisation ein Framework, das Leitplanken zum Vorgehen und/oder zu einem Zukunftsbild als Orientierung vorgibt?

Eine solche Situation, wie du sie beschreibst, gibt es häufig. Das Erste, was ich oft erlebe, ist, dass die Struktur nicht hinterfragt wird. Deshalb nimmt man die klassische, funktional organisierte Organisation und sagt: „Abteilung xy versucht jetzt agiler zu werden.“ Und diese Abteilung führt dann beispielsweise Kanban oder Scrum ein. Doch macht es überhaupt einen Unterschied, wenn diese eine Abteilung agiler wird?

Denn wenn man den ganzen Wertstrom und die Wertschöpfung in der Organisation betrachtet, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die eine Abteilung nur ein kleiner Ausschnitt in einer langen Kette von Übergaben ist.

Deshalb ist die spannende Frage: Was soll mit einer agilen Organisation überhaupt erreicht werden? Was ist das „Wozu“? Die Beantwortung dieser Frage sollte am Anfang stehen.

Es gibt einige Merkmale, die eine agile Organisation auszeichnen. Was wären für dich die wichtigsten, die entscheidenden Kernelemente einer agilen IT-Organisation?

Ein entscheidendes Element ist für mich immer die kontinuierliche Entwicklung eines gemeinsamen Produktes. Das kann ein IT-Produkt sein, das kann eine Software sein oder das, was die Organisation als Produkt versteht.

Du hast viele Jahre Erfahrung mit Scrum. Was fasziniert dich ganz allgemein daran?

Mich fasziniert daran das Bestreben, sich auf das Wesentliche zu fokussieren.

ich auf das zu konzentrieren, was Wert erzeugt. Es geht um die Entwicklung von bestmöglicher Software – mit dem genau richtigen Maß an Dokumentation. Es wird alles weggelassen, was nicht wertschöpfend ist: „Einfachheit – die Kunst, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren – ist essenziell“, heißt es deshalb in den Prinzipien des agilen Manifests.

Scrum war ursprünglich in der Softwareentwicklung im Einsatz. Doch sein Einfluss geht weit über den IT-Bereich hinaus.

Der Ursprung von Scrum liegt eigentlich nicht in der Softwareentwicklung. Der Begriff „Scrum“ wurde erstmals 1986 von Hirotaka Takeuchi und Ikujiro Nonaka in einem Artikel der „Harvard Business Review“ erwähnt, in dem sie einen neuen Ansatz für die Produktentwicklung beschrieben, der sich durch schnellere Iterationen, mehr Teamautonomie und  einen flexibleren Umgang mit Änderungen auszeichnete. Dieser Ansatz wurde mit dem Rugby-Begriff „Scrum“ verglichen, der die dynamische und teamorientierte Art der Produktentwicklung widerspiegeln sollte. Erst auf diesen Ideen ist das Scrum-Framework für die Softwareentwicklung entstanden, das 1995 erstmals vorgestellt worden ist.

Aber du hast natürlich auch Recht. Das, was wir heute als Scrum bezeichnen, wird als Softwareprodukt-Entwicklungsmethode gesehen.

Und nach meiner Beobachtung ist Scrum über die Softwareentwicklung hinaus sehr populär geworden. Die Prinzipien, Rollen und Artefakte sind Inspiration für die Gestaltung von Organisationen und Zusammenarbeit geworden. Insbesondere denke ich dabei an das iterative Vorgehen, die Verteilung von Verantwortung auf mehrere Schultern, die selbstorganisierten, interdisziplinären Teams. Scrum hat die Art, wie wir grundsätzlich zusammenarbeiten im Unternehmen, maßgeblich beeinflusst. Oder wie siehst du das?

Ja, das stimmt. Prinzipien aus Scrum haben sicherlich Einfluss gehabt auf die Art, wie Organisationen gebaut werden. Ich denke, das hat damit zu tun, dass die Prinzipien aus Scrum mit vielen Aufgabenstellungen in den Organisationen resonieren. Denn:

Das plangetriebene Vorgehen aus den 80ern und 90ern ist irgendwann zu langsam geworden.

Mittlerweile ist eher das empirische Vorgehen gefragt, was Scrum letztendlich ist. Für einen Sprint oder für einen Release wird eine Hypothese aufgestellt, es wird entwickelt und dann gibt es Feedback. Auf Basis dessen wird angepasst oder gar die Richtung geändert. Das ist Agilität im Kern, ein empirisches Vorgehen.

Und in einer zunehmend komplexen und schnelllebigen Welt macht dieses empirische Vorgehen mehr Sinn als ein klassisches plangetriebenes Vorgehen.

Inwieweit taugt Scrum als Orientierung gebendes Modell oder Framework für eine agile Transformation einer IT-Organisation?

Überall dort, wo ich einen Produktentwicklungscharakter habe – und das ist in der IT definitiv der Fall –, kann man nach Scrum arbeiten. Die Frage ist: Wo passt Scrum nicht?

Und wo passt es nicht?

Dort, wo man eher transaktional tätig ist. Zum Beispiel wenn Kundenanfragen oder Tickets abgearbeitet werden müssen, im Callcenter zum Beispiel.

Aber könnte man nicht umgekehrt sagen, dass es am Ende immer darum geht, Produkte an den Kunden zu liefern? Egal ob es IT- oder andere Produkte sind. Ein Unternehmen muss sich als Ganzes kundenzentriert ausrichten, um die bestmöglichen Produkte überhaupt bauen zu können.

Nehmen wir an, ein Unternehmen entwickelt und produziert Autos. Das kann man sicherlich bis zu einem gewissen Grad agil machen. Bei BMW habe ich das auch schon gesehen, dass das so passiert.

Aber irgendwann ist das Auto verkauft und dann wird After Sales wichtig oder Garantien werden in Anspruch genommen. Das ist dann transaktionales Business. Das kann man nicht im Produktentwicklungsprozess abbilden. Diese Kundenanfragen würde man nie in Sprints abarbeiten. Dafür ist eher Kanban geeignet.

Zu Kanban hast du auch eine große Nähe.

Wenn es um Agilität in der Automobilindustrie geht, kommt man an Kanban nicht vorbei.

Das ist ein klassischer Begriff aus dem Lean Management, wo die Methode herkommt.

Es gibt Menschen, die behaupten sogar, Scrum wäre Agilität mit Stützrädern und Kanban sei die reine Lehre. Denn Scrum bietet im Vergleich zu Kanban sehr viel Struktur: Sprints, bestimmte Rollen, Meetings und so weiter. Kanban hat das nicht, ist aber ebenfalls ein inkrementeller Entwicklungsprozess.

Du hast bezüglich Scrum vor allem von der Produktentwicklung gesprochen. Aber Scrum basiert doch auch auf bestimmten Prinzipien und Werten wie „Fokus“ und „Mut“. Denkst du, diese Werte können ebenfalls hinsichtlich der Zusammenarbeit und Führung in einer Organisation Orientierung geben?

Ja, Scrum basiert auch auf diesen Werten und davon kann man sich sicherlich inspirieren lassen. Dafür ist Scrum jedoch nicht gemacht. Ich finde, man darf es nicht übertreiben. Scrum will eine Produktentwicklungsmethode sein – nicht mehr und nicht weniger. Man kann sich vermutlich mehr aus dem „Agilen Manifest“ rausziehen, das einen breiteren „Scope“ hat.

So gut wie alle Firmen haben ihre IT-Organisation umgebaut oder haben das vor. Woran orientiert man sich bei einem solchen Umbau, bei dem es meist darum geht, agiler zu werden? Lässt man sich von vorhandenen Modellen inspirieren und entwickelt auf dieser Basis ein eigenes Framework?

Ich habe schon verschiedene Ansätze gesehen. Den Ansatz, den wir damals bei BMW verfolgt haben …

… das Programm „100 % Agile“ …

Ja, genau. Bei BMW haben wir unser eigenes Modell entwickelt. Wir hatten überlegt, was unsere Produkte sind und wie wir die IT entsprechend strukturieren sollen. So entstanden die unterschiedlichen Teams. Danach wurde überlegt, wie diese Teams zusammenarbeiten, nach welcher Methode. Im Kern war das sicherlich Scrum. Die spannende Frage war dabei aber vor allem: Wie arbeiten mehrere Teams zusammen, die am selben Produkt arbeiten? Also, wie skaliert das Ganze? Und wie sieht die Zusammenarbeit
im Großen über mehrere Produkte hinweg aus, wenn es Abhängigkeiten gibt? So wurde im Laufe der Zeit ein eigenes Modell entwickelt, was allerdings Geduld erfordert hat. Wenn man diese Geduld nicht hat, versucht man meistens, irgendein bekanntes Modell wie Spotify oder SAFe einzuführen.

Kannst du kurz noch mal sagen, was SAFe ist?

SAFe ist ein „Scaled Agile Framework“, ein allumfassender Werkzeugkasten für agile Skalierung.

Und dann gibt es beispielsweise noch LeSS, also Large-Scale Scrum. Dessen Anhänger behaupten oft, dass es auf Scrum basiert und ein „reines“ Framework bietet.

Wohingegen SAFe ein umfangreiches Corporate-Framework ist, das sehr viel Anklang in traditionellen Unternehmen findet und dort gut anschlussfähig ist. Doch viele „Agilisten“ sagen, mit SAFe springe man bei einer Transformation nicht weit genug. Ich bin dafür, dass man immer sein eigenes Modell entwickelt. Nur dadurch findet Lernen statt.

Was würdest du aber empfehlen, wie man mit solchen Modellen wie von Spotify oder SAFe umgeht als Unternehmen? Macht es Sinn, sich zumindest von diesen Modellen inspirieren zu lassen?

Absolut. Gerade in SAFe gibt es viele einzelne Praktiken, die wichtig und hilfreich sind, zum Beispiel der vierteljährliche Zyklus, in dem man das PI Planning macht, also das „Program Increment Planning“. Es gibt damit oberhalb des Sprintzyklus noch einen Unternehmenszyklus, bei dem man über Abhängigkeiten und Prioritäten spricht. Das ist sinnvoll.

Man kann sich also von solchen Modellen einzelne Methoden rausnehmen. Aber man muss erst einmal zu diesem Punkt kommen, an dem man feststellt, dass in Sachen Koordination von mehreren Teams eine Herausforderung besteht.

Man muss selbst den Schmerz einmal spüren?

Genau. Und dann findet Lernen statt, dann ist es nachhaltig.

Du hast schon die Transformation der IT-Organisation bei BMW erwähnt, das Programm mit dem Namen „100% Agile“. Das Vorhaben war damals auch in den Medien. Was war der Grund für das Vorhaben?

Wir sind weggegangen von diesem klassischen IT-Modell, das darauf beruht, dass die IT eigentlich stabil sein muss. Dieses Paradigma hat früher geherrscht. Aber damit ist man heute zu langsam. Man kann nicht immer, wenn sich etwas verändert, erst einmal ein Projekt aufsetzen. Denn das muss genehmigt werden, dann wird eine Projektorganisation aufgebaut. Das dauert viel zu lang, um eine Veränderung herbeizuführen.

Deswegen haben wir damals gesagt, dass wir gar keine Projekte mehr machen, sondern eine kontinuierliche Entwicklung der IT in Form von IT-Produkten – 100 Prozent agil. Eine Veränderung oder eine neue Anforderung wurde über den Weg des Backlogs und über die Product Owner reingebracht und schnell umgesetzt, ohne ein Projekt machen zu müssen.

Auch wenn es eine Zeitlang gedauert hat, bis wir den Zuschnitt in der IT und die IT-Produktlandkarte finalisiert hatten, war das der richtige Weg. Zudem war es wichtig, sich wirklich Zeit zu lassen, das gemeinsame Arbeitsmodell zu entwickeln. Ich glaube, zwischen der Entscheidung, eine agile Produktorganisation aufzusetzen, und der ersten Version des agilen Arbeitsmodells lagen zwei Jahre.

Und wenn du vom „gemeinsamen Arbeitsmodell“ sprichst, dann meinst du auch die Zusammenarbeit mit den Fachbereichen, mit dem Business?

Ja, genau. Es geht um ein Modell der Zusammenarbeit. Dazu gehören unter anderem die notwendigen Rollen, unterschiedliche Arten von Meetings, Entwicklungsmethoden. Auch das Business ist in diesem Modell berücksichtigt. Zum Beispiel gibt es bei BMW jeweils einen Product Owner aus der IT und einen Product Owner aus dem Business.

Und nach diesem Modell wird heute immer noch gearbeitet bei BMW?

Ja. Diese Art der Zusammenarbeit gibt es heute auch noch und sie ist sehr erfolgreich. Gerade die Nähe von IT und Business macht einen großen Unterschied. Es wurden aber auch Dinge wieder zurückgenommen im Laufe der Zeit, zum Beispiel die Trennung von fachlicher und disziplinarischer Führung, wie es sie auch beim Spotify-Modell gibt. Sie ist in Teilen wieder aufgehoben worden.

Warum?

Soweit ich weiß, wurde die Trennung als richtig angesehen. Aber in der Zusammenarbeit mit dem Rest der Organisation gab es wohl zu viele Herausforderungen. Die geteilte Führung war nicht anschlussfähig.

Angenommen, du müsstest jetzt eine IT-Organisation transformieren in Richtung agile Organisation. Was muss ein Framework liefern, damit es dir Orientierung bietet?

Mir persönlich hilft es, wenn es an klaren Prinzipien orientiert ist. In Scrum gibt es beispielsweise solche Prinzipien.

Was ich nicht gut finde, ist eine detaillierte Blaupause, die jeden Schritt vorgibt.

Das ist nicht hilfreich, weil das Framework dann nur eine Kopie ist.

Wichtig ist meiner Meinung nach, im Großen zu starten und sich mit der Frage zu beschäftigen, was man wirklich erreichen will. Dann sollte man auf die gesamte Organisation blicken oder zumindest auf einen breiten Ausschnitt, sodass man „end-to-end“ denken kann und sich nicht im Kleinen verliert.

Und schließlich muss man sich fragen, wo ein guter Startpunkt ist. Wie könnte vielleicht ein Pilot aussehen, eine Pilotphase, die sich nach den erarbeiteten Prinzipien orientiert? Das Team sollte interdisziplinär, möglichst end-to-end zusammengestellt sein. Und dann macht man eventuell einen zweiten Piloten und versucht beide miteinander zu vernetzen. Anschließend geht es in die Skalierung des Modells, bei dem das Lernen im Zentrum stehen sollte. Dabei hat die psychologische Sicherheit eine enorme Bedeutung: Kann ich mich hier was trauen? Darf hier auch mal was schiefgehen?

In vielen Organisationen hast du dieses Level an Sicherheit gar nicht und deshalb findet dort auch kein wirkliches Ausprobieren statt.

Du sagst, dass jeder sein eigenes Framework oder Vorgehen bei einer Transformation finden muss. Aber gibt es nicht dann doch bestimmte Elemente, die allgemeingültig sind, wenn eine agile Organisation angestrebt wird? In jeder agilen Organisation wird iterativ gearbeitet, arbeiten Teams selbstorganisiert und braucht es psychologische Sicherheit zum Beispiel.

Das stimmt schon. Ausgangspunkt ist die Komplexität, die wir erleben. Und diese Komplexität im Umfeld erfordert ein empirisches Vorgehen. Und sie erfordert ein interdisziplinäres Arbeiten, denn, wenn man es nicht tut, haben wir zu viele „Übergaben“. Die gilt es, zu vermeiden, um nicht Schnelligkeit einzubüßen. Und die psychologische Sicherheit braucht es, sonst traut sich niemand was. Ja, diese Elemente sind durchaus allgemeingültig: Auf diesem Level finde ich Frameworks sehr gut.

Können wir nicht daraus doch eine Blaupause bauen?

Ich würde es aber nicht Blaupause nennen, weil das implizieren würde, dass man es einfach kopieren kann. Und das geht nicht. Aber wir können durchaus von „Leitfaden“ sprechen.

Und die Elemente in diesem Leitfaden wären: iteratives Vorgehen, interdisziplinäres Arbeiten, psychologische Sicherheit?

Ja. Und dann würde ich noch die kontinuierliche Verbesserung der Arbeitsweise dazunehmen. Die Teams verbessern ihr Arbeitsmodell, nicht die Manager, kein Berater, sondern die Teams selbst. Das ist mit Sicherheit auch ein zentrales Prinzip.

Du hast ein neues Buch vor Kurzem veröffentlicht: „Manifest zur menschlichen Führung“. Es ist eine Erweiterung der ersten Veröffentlichung aus dem Jahr 2019. Welche Rolle kann Führung in so einem Framework spielen oder in so einer agilen Transformation? Oder spielt sie eigentlich erst später eine Rolle?

In der agilen Transformation wandelt sich auch die Führungsrolle – von der klassischen Schachmeisterrolle, die die Bauern über das Spielbrett bewegt, hin zur Gärtnerrolle, die die Rahmenbedingungen so gestaltet, dass die Teams gut arbeiten können. Führung zur Selbstführung. Kontext statt Kontrolle, wie das beispielsweise bei Netflix heißt. Diese Veränderung muss in der Transformation ebenfalls stattfinden, sonst ist sie nicht nachhaltig.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jan C. Weilbacher

 

changement! Heft 05/2024

 

Autor

Dr. Marcus Raitner
ist überzeugt, dass Elefanten tanzen können. Darum begleitet er Unternehmen als Agile Coach auf ihrem Weg zu mehr Agilität. Er leitet heute bei der Allianz Consulting die Practice Area „Agile“, die mit ihren Agile Coaches die agile Transformation der Allianz Gruppe weltweit unterstützt. Über die Themen Führung, Digitalisierung, Neue Arbeit, Agilität und vieles mehr schreibt Marcus Raitner seit 2010 in seinem Blog. Zuletzt erschien im Verlag Franz Vahlen sein neues Buch „Manifest für menschliche Führung: 6 Thesen und 14 Prinzipien für eine neue Führung im Zeitalter der Digitalisierung“.
»Marcus bei LinkedIn

Für die einen Allheilmittel, für die anderen völlig überbewertet: Tools und Methoden im Change. Wir fühlen Expertinnen und Experten auf den Zahn und wollen ihre Sicht der Dinge sowie einige Tipps erfahren. Diesmal fragen wir Philipp Forster.

Mal ehrlich, Tools und Methoden werden im Rahmen von Veränderungen überschätzt! Richtig?

Geht es denn ohne? Überschätzt sind sie dann, wenn wir die Überzeugung haben, mit einem Tool oder einer Methode jeder Herausforderung begegnen zu können. Je breiter unser Repertoire und je mehr der Fokus auf dem eigentlichen Thema liegen kann, desto weniger wichtig wird die Wahl der Methode.

Man lernt ja doch hin und wieder die ein oder andere neue Methode, ein Vorgehen oder einen neuen Ansatz in Bezug auf Change und Transformation kennen. Wann hattest du diesbezüglich das letzte Mal ein Aha-Erlebnis?

Was mich immer wieder fasziniert, ist die Kraft von Visualität.

Sie ermöglicht einen anderen Zugang zu schwierigen und komplizierten Themen und eröffnet unglaublich viele Möglichkeiten der Partizipation. Insbesondere denke ich da an ein Projekt, bei dem wir die neue Organisation, die Designprinzipien – die Gründe für die Anpassung – sowie deren Funktionsweise visuell anders dargestellt haben. Die Kraft liegt dabei nicht (nur) in der fertigen visuellen Repräsentation, sondern im Prozess des Entstehens, wenn Abstraktes verständlich erklärt werden soll und dies gemeinsam erarbeitet wird. Erst dann entwickelt sich ein echtes Verständnis für das Vorhaben und schärft sich der Blick auf weiße Flecken.

Viel ist gerade die Rede von Künstlicher Intelligenz. Werden Organisationsberatungen irgendwann überflüssig?

Mir ist es wichtig, zwei Themen zu unterscheiden:

Erstens: Künstliche Intelligenz wird definitiv die Art der Organisationsberatung verändern – im positiven wie im negativen Sinne. Es liegt an uns, das Positive zu nutzen. Jedoch sehe ich das Risiko in der Hoffnung auf einfache Lösungen oder Entscheidungsvermeidung, wenn wir von der KI wollen, dass sie für uns entscheidet. Das mag bei repetitiven Aufgaben darstellbar sein, bei anderen, insbesondere bei strategischen Entscheidungen, ist es nicht sinnvoll.

Zweitens: Wenn wir Veränderung verstehen als Verhaltensveränderung von Menschen, wird Künstliche Intelligenz Organisationsberatung nicht überflüssig machen. Auch wenn die Themen sich verschieben oder neue auftauchen – wie zum Beispiel die Zusammenarbeit mit KI –, werden Menschen eine Rolle in Organisationen spielen und sich immer wieder verändern (müssen).

Du bist unter anderem systemischer Berater. Was ist das „Systemische“ an deiner Beratung?

Wenn wir über Themen wie organisationale Resilienz, Adaptivität oder Diversität sprechen:

Ich bin davon überzeugt, dass wir uns mehr denn je von einfachen Lösungen für komplexe Probleme verabschieden müssen.

Vielmehr brauchen wir ein Verständnis des Kontexts, um mit bestehenden Mustern und Verstärkungsmechanismen arbeiten zu können und zu irritieren. Das geht für mich mit der Wertschätzung und Offenheit dem Bestehenden gegenüber einher und schließt für mich die normative Nutzung von Frameworks oder Typologien aus.

Du hast mal zu „Organizational Network Analysis“ geschrieben. Braucht es die Analyse von Netzwerken im Rahmen von Veränderungen?

Zunächst ist Organizational Network Analysis ein großer Methodenkoffer, der es uns erlaubt, mit anderen Linsen auf Organisationen zu blicken, also Projektionen von Organisationen zu erzeugen. Welche Dimensionen wir diesen Projektionen zugrunde legen, hängt von der Fragestellung ab. Es kann beispielsweise um Zusammenarbeit, Vertrauen, Kommunikation, Geschwindigkeit und vieles mehr gehen. Diese Möglichkeiten der Projektionen kommen der Realität oftmals deutlich näher als andere Darstellungsformen. Wenn wir zum Beispiel daran denken, wie Arbeit in Organisationen tatsächlich passiert und wie Organisationen unter anderem in Organigrammen oder Prozessen beschrieben sind. Daher sehe ich ONA als ein nützliches Instrument für die Gestaltung von Veränderungen, das viel zu selten genutzt wird.

Wie viel Analyse braucht es überhaupt noch im Vorfeld von Veränderungen in einer dynamischen Welt?

Die Kernfrage hinsichtlich Analyse ist nicht: Wie viel? Vielmehr ist es essenziell, den Vektor der Veränderung präzise beschreiben zu können. Dafür braucht es die passfähige Beschreibung des Problems. Ist diese nicht gegeben, sind die Lösungen genauso wenig passfähig. Das erzeugt Frustration, kostet viele Mühen und bindet eine Menge Ressourcen, ohne den erhofften Nutzen zu stiften.

Gleichzeitig kommt dem Thema Analyse gerade in einer dynamischen Welt eine besondere Rolle zu. Denn Systeme sind nicht ständig veränderungsbereit. Daher braucht es Werkzeuge, mit denen wir veränderungsgünstige Zeitpunkte wie auch stabile Systemzustände erkennen können. Das ermöglicht uns ein Navigieren im Nebel der Komplexität.

Wer inspiriert dich?

Inspiration entsteht für mich aus der Vielfalt von Perspektiven: „This is where the magic happens“. Alles andere ist für mich assoziiert mit Bewunderung. Daher ist es für mich nie die eine Person, die eine Theorie oder der eine Ansatz. Das empfinde ich als einschränkend. Vielmehr braucht es für Transformationen von Organisationen ein breites Spektrum an Expertisen und das Denken von unkonventionellen Wegen.

Welche Methode darf im gut gefüllten Methodenkoffer eines Beraters bzw. einer Beraterin nicht fehlen?

Ein Werkzeug zur Darstellung und zum Verständnis komplexer Systeme und deren Dynamiken. Dadurch verlassen wir die singulär-lineare Perspektive hin zur Rückkopplung zum System. Konkret sind das Methoden, wie ideografische Systemmodellierung, System Maps oder Estuarine Mapping. Diese helfen, Muster und Verstärkungsmechanismen zu erkennen und zu nutzen. Das bedingt auch, Veränderungen iterativ zu denken, um die Veränderungen durch Feedback-Schleifen beobachten zu können.

 

changement! Heft 04/2024

 

Autor

Philipp Forster
ist Partner und Co-Founder von emergize. Er begleitet Organisationen bei der Entwicklung marktkonformer, passfähiger Strukturen sowie komplexer Veränderungsprozesse. Dabei nutzt er visuelle Organisationsentwicklung und den emergenten Change-Ansatz als Vehikel.
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Mitarbeiterbefragung als Anfang des Wandels

Die Mitarbeiterbefragung ist ein klassisches und immer noch populäres Instrument, um Einschätzungen der Beschäftigten zu erheben. Gleichzeitig kann sie der Startpunkt für Veränderungsprozesse oder eine Transformation des Unternehmens sein. Welche Schritte beim Vorgehen berücksichtigt werden sollten, skizziert Simon Werther.

Die Zielsetzung sowie die folgenden Schritte zur Planung einer Mitarbeiterbefragung (MAB) sind entscheidend hinsichtlich der Frage, ob die MAB einen Startpunkt für organisationale Veränderungsprozesse und Kulturwandel darstellt oder danach doch alles beim Alten bleibt. Dabei kann sie immer nur ein Baustein in einer umfassenden Feedback-Landschaft sein, die mit zentralisierten und selbst gesteuerten Feedbackinstrumenten den Wandel unterstützt.

1. Präzisierung der Zielsetzung

Die konkrete Zielsetzung ist der Ausgangspunkt für die Durchführung einer Mitarbeiterbefragung als Startpunkt für Veränderungsprozesse. Welches primäre Ziel soll mit ihr erreicht werden? Welche Zielsetzung verfolgen unterschiedliche Stakeholder im Unternehmen mit der MAB?

Darüber hinaus ist eine Vision als Zielzustand hilfreich, auf den die Mitarbeiterbefragung einzahlt. Diese kann unter anderem beantworten, welche Veränderungen bzw. Verbesserungen innerhalb des Unternehmens mit der MAB erreicht und umgesetzt werden sollen.

2. Strategische Verankerung

Im nächsten Schritt geht es um die strategische Verankerung. Die strategische Verankerung einer Mitarbeiterbefragung ist für den langfristigen Erfolg – über die einmalige Durchführung hinaus – sehr wichtig. Gerade bei kontinuierlichen Befragungsformaten wie Pulsbefragungen und regelmäßig wiederkehrenden Mitarbeiterbefragungen spielt das eine besondere Rolle.

Wie hängt die MAB konkret mit der Strategie des Unternehmens zusammen? Auf welche strategischen Ziele zahlt die Mitarbeiterbefragung ein und inwiefern ist sie für den mittel- bis langfristigen Unternehmenserfolg von Bedeutung?

3. Zielgruppe und Stichprobe

Verschiedene Stakeholder innerhalb des Unternehmens sind in verschiedenen Phasen beteiligt, beispielsweise Datenschutzbeauftragte, Betriebsräte, Organisationsentwicklerinnen und -entwickler sowie Trainerinnen und Trainer für die späteren Rückmelde-Workshops. Die Identifikation, Koordination und Berücksichtigung dieser Stakeholder und die zielgruppenspezifische Ansprache und Kommunikation über alle Phasen der Mitarbeiterbefragung hinweg sind von großer Bedeutung.

Dabei spielt der Aufbau von Vertrauen eine sehr große Rolle.

Die Auswahl der Stichprobe unter Berücksichtigung der Zielsetzung und der strategischen Verankerung ist ebenfalls wichtig. Zwar erfolgen klassische Mitarbeiterbefragungen meistens als Vollbefragung aller Mitarbeitenden, doch gibt es gerade bei kontinuierlich wiederkehrenden Befragungsformaten wie Pulsbefragungen in Veränderungsprozessen und bei der Entwicklung umfassender Feedbacklandschaften gewichtige Argumente für Stichprobenziehungen, das heißt für eine Befragung einer zufällig oder systematisch festgelegten Auswahl aus allen Mitarbeitenden.

4. Festlegung zentraler Prinzipien

Die Festlegung zentraler Prinzipien für die MAB unter Einbeziehung aller zentralen Stakeholder ist ein weiterer wichtiger Schritt. Dabei sind die Entscheidungen aller vorherigen Schritte zu berücksichtigen, damit die Ziele der Mitarbeiterbefragung realistisch erreicht werden können.

Auf welchen Grundprinzipen baut die MAB auf? Ist die „Interventionsorientierung“ zum Erreichen umfassender organisationaler Veränderungen wichtig? Und sollen zum Beispiel „Freiwilligkeit“ und „Anonymität“ gelten? Handelt es sich um eine vollständig zentralisierte Prozesssteuerung oder können Führungskräfte und Teams eigene Inhalte einbringen? Und ist es möglich, die zeitlichen Zyklen individuell unterschiedlich umzusetzen?

5. Auswertung der Ergebnisse

Bei diesem Schritt müssen alle Fragen zur Auswertung und Darstellung der Ergebnisse beantwortet werden. Was passiert beispielsweise konkret mit den Antworten der Mitarbeitenden – und was passiert dementsprechend auf keinen Fall damit? Ist es möglich, die Antworten einzelner Mitarbeitender zu identifizieren? Und welche Auswertungsuntergrenze gilt, um das gegebenenfalls zu verhindern? Welche Stakeholder und welche Personen erhalten Einblick in welche Ergebnisse?

Gerade bei der Nutzung von digitalen Feedbackplattformen und von selbst gesteuerten Befragungsformaten sind diese Fragen von zentraler Bedeutung. Die Ergebnisse von MAB und anderen Befragungsformaten können technisch problemlos innerhalb weniger Stunden analysiert und eingesehen werden. Doch umso wichtiger ist die vorherige und konkrete Festlegung eines Rechte- und Rollenkonzepts.

6. Befragungs- und Folgeprozess

Die prozessuale Betrachtung ist der letzte Schritt in der Auseinandersetzung mit einer MAB. Dabei sind im Rahmen des Befragungsprozesses viele Fragen zur kommunikativen Begleitung, zu Informationsveranstaltungen im Vorfeld zu klären. Auch muss es ein Verständnis darüber geben, wie und wann an die Befragung erinnert werden soll.

In Bezug auf den Folgeprozess und die Rückmeldephase geht es um alle Punkte nach der eigentlichen Befragungsphase. Dazu gehört die Entscheidung, wer wann die Ergebnisse sieht. Auch muss klar sein, welche Plausibilitätschecks und Prüfschritte bei den Ergebnisberichten sowie bei den digitalen Dashboards durchgeführt werden.

Und es muss Einigkeit darüber bestehen, in welcher Form und zeitlichen Reihenfolge die Ergebnisse den verschiedenen Stakeholdern zur Verfügung gestellt werden. Wie sieht der Folgeprozess aus, das heißt, welche Rückmeldeworkshops finden in welchen Arbeitsgruppen und/oder Teams statt? Auch diese Frage muss im Vorfeld beantwortet werden. Genauso wie der Punkt der Dokumentation der abgeleiteten Maßnahmen. Wie werden sie dokumentiert bzw. nachgehalten? Und wie wird deren Umsetzung geprüft?

Gerade beim Folgeprozess und bei der Rückmeldephase zeigt sich, ob es sich um partizipative Organisationsentwicklung handelt oder ob die Mitarbeiterbefragung lediglich zur Erhebung von Kennzahlen dient. Darüber hinaus lässt sich am Folgeprozess und an der Rückmeldephase erkennen, ob eine Kultur der Beteiligung und der Wertschätzung gelebt oder zumindest angestrebt wird und wie Mitarbeitende aktiv befähigt werden.

 

changement! Heft 04/2024

 

Autor

Prof. Dr. Simon Werther
ist Diplom-Psychologe und Professor für Leadership an der Hochschule München. Im Rahmen der Forschungsgruppe „New Work“ beschäftigt er sich mit neuen Formen des Arbeitens. Er ist Mitgründer und wissenschaftlicher Beirat der HRinstruments GmbH, die digitalisierte Feedbacklandschaften und People Analytics sowohl für mittelständische Unternehmen als auch für Großkonzerne entwickelt.
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Für die einen Allheilmittel, für die anderen völlig überbewertet: Tools und Methoden im Change. Wir fühlen Expertinnen und Experten auf den Zahn und wollen ihre Sicht der Dinge sowie einige Tipps erfahren. Diesmal fragen wir Boris Billing.

Mal ehrlich, Tools und Methoden werden im Rahmen von Veränderungen überschätzt! Richtig?

Völlig richtig! Methoden und Tools sind Mittel zum Zweck. Dienen sie nicht dem Zweck, sind sie vielleicht „fancy“, aber sie helfen nicht. Richtig ausgewählt und gut eingesetzt, unterstützen sie sehr wahrscheinlich den Entwicklungs- oder Lösungsprozess. Aber niemals lösen Tools allein im Change-Prozess ein Problem.

Meine Erfahrung sagt mir, dass es in der Regel verschiedene Wege gibt, ein Ziel zu erreichen oder im Change Menschen mit auf die Reise zu nehmen.

Das Wichtigste ist aus meiner Sicht die Klarheit darüber, welches Problem wir lösen müssen oder welche „Challenge“ wir zu bearbeiten haben.

Ist das klar, sind die Wahl und der Einsatz der Tools eine eher handwerkliche Aufgabe.

Man lernt ja doch hin und wieder die ein oder andere neue Methode, ein Vorgehen oder einen neuen Ansatz in Bezug auf Change und Transformation kennen. Wann hatten Sie diesbezüglich das letzte Mal ein Aha-Erlebnis?

Gibt es denn wirklich viele neue Methoden? Mein Eindruck ist vielmehr, dass häufig bewährte, aber eben traditionelle Methoden einfach neu verpackt werden und einen neuen Anstrich erhalten. Kürzlich habe ich eine doch eher alte Methode wiederentdeckt: die systematische Müllabfuhr. Sie hat mir abermals geholfen, mich von alten Dingen zu trennen und Platz zu schaffen für die neuen, wichtigen Dinge. Sie geht auf Peter Drucker zurück und erfordert die Beantwortung der Frage: Was von all den Dingen, die wir als Team heute tun, würden wir nicht mehr neu beginnen, wenn wir es nicht schon täten? Eine tolle Methode, sich in Veränderungen gedanklich Platz zu schaffen und gemeinsam das Neue in Angriff zu nehmen.

Ein Hebel im Rahmen einer Transformation ist die Führungskräfteentwicklung. Was kann sie generell leisten, wenn ein Unternehmen sich wandeln muss?

Sehr viel! Und sie muss auch viel leisten. Wir wissen schon lange, dass erfolgreiches Change Management Handeln und Interventionen auf verschiedenen Ebenen erfordert. Eine davon ist es, die zukünftig relevanten Skills, Fähigkeiten und Kompetenzen sicherzustellen. Und das betrifft selbstverständlich auch die Führungskräfte. Sie müssen über das Repertoire verfügen, das in Zukunft von ihnen erwartet wird. Es gibt aber noch einen viel wichtigeren Aspekt. Change Management ist heute keine Disziplin mehr, die ich an eine Gruppe vermeintlicher Experten delegiere. Es ist originäre Leadership-Aufgabe. Also müssen wir die Führungskräfte ausbilden und unterstützen, diese Aufgabe wahrzunehmen. Dies erfordert aber ein anderes Selbstverständnis in HR-Einheiten. Sie müssen hierfür die richtigen Konzepte haben und sehr gut begleiten. Das funktioniert nur, wenn sie ganz nah dran sind am Business und diese Welt wirklich gut verstehen. Führungskräfteentwicklung ist dann sowohl Aus- und Weiterbildung in den wichtigen Change-Themen als auch Coaching und Beratung.

Wie haben sich Formate und Tools in der Führungskräfteentwicklung in den vergangenen Jahren verändert?

Tendenziell geht es weg von langen Entwicklungsprogrammen hin zu kurzen, fokussierten Lerneinheiten in ganz unterschiedlichen Formaten. Und natürlich – katalysiert durch die Pandemie und die vielen digitalen Varianten – zum Teil auch als asynchrone Lernmodule. Der Trend, maximal eintägige Veranstaltungen statt mehrtägige Workshops oder Trainings durchzuführen, ist vielfältig vorzufinden. Ich finde das nicht immer gut. Insbesondere wenn es um Persönlichkeitsentwicklung und soziale Kompetenzen geht, stoßen wir mit kurzen Formaten an Grenzen der Wirksamkeit.

Wer sich wirklich mit sich selbst auseinandersetzen will, muss in einen längeren, kontinuierlichen Prozess einsteigen.

Hilfreich sind in jedem Fall „On-demand-Formate“, die sich immer stärker verbreiten. Lern- und Reflexionsmöglichkeiten, die ich genau dann nutzen kann, wenn ich sie im Alltag benötige.

Interessanterweise beobachte ich noch eine weitere Entwicklung hinsichtlich der Bereitschaft der Führungskräfte, Zeit zu investieren. Ein länger angelegtes Programm zur Unterstützung der Reflexionsfähigkeit inhouse zu realisieren, ist häufig schwierig. Gleichzeitig sind gerade die mehrteiligen, bis zu zehn Tage an einem Stück andauernden Top-Leadership-Programme bei IMD, INSEAD, Harvard oder anderen Top-Instituten absolut gefragt. Die Bewertung von Formaten scheint also relativ zu sein.

Wie wird wohl Künstliche Intelligenz das Lernen der Führungskräfte verändern?

KI wird grundsätzlich das Lernen massiv verändern. Und ich bin überzeugt, dass wir große Chancen haben, davon zu profitieren. KI wird uns helfen, intelligentere Entscheidungen zu treffen. Aber dafür müssen wir dann andere Dinge lernen, beispielsweise zusammengestellte Informationen und vermeintlich synthetisierte Inhalte zu bewerten und zu qualifizieren. Das erleben wir heute schon im Umgang mit ChaptGPT. Wir müssen unseren Fokus darauf richten, Schlussfolgerungen zu ziehen, Implikationen abzuleiten und zu verifizieren und falsifizieren. Und das ist nur ein Aspekt zum Einfluss von KI auf das Lernen.

Wer oder was inspiriert Sie?

Am Ende des Tages sind es immer Menschen bzw. die Beziehung und der Austausch mit ihnen. Gute Gespräche mit Menschen, die gute Gedanken haben, inspirieren mich sehr. Menschen wie Antoinette Weibel, Professorin an der Universität St. Gallen, oder im Business-Umfeld Kai Anderson, heute verantwortlich für Mercers „Workforce Transformation Practice“. Beide inspirieren mich, weil sie nicht nur klare, reflektierte und gute Gedanken haben, sondern weil sie eindeutige Positionen haben und sich mit innovativen Vorstellungen auch gegen den Wind stellen.

Welches Buch oder welchen Podcast können Sie empfehlen?

Empfehlenswert ist zum Beispiel das Buch „Multipliers“ von Liz Wiseman, weil es eine moderne Haltung von Leadership sehr praxisnah beschreibt und sehr zukunftsgerichtet ist. Aber auch das neu erschienene „Work different“ von Kate Bravery, Ilya Bonic und Kai Anderson ist ein absolutes „Must read“ für all diejenigen, die sich mit neuen Formen der Arbeitswelt und von Leadership beschäftigen.

 

changement! Heft 03/2024

 

Autor

Boris Billing
führte über viele Jahre Development-Einheiten in Konzernen. Aktuell ist er in der Zürcher Kantonalbank als Business Partner und „Senior Leadership & Talent Advisor“ verantwortlich für die Begleitung der Top-Talente auf dem Weg in die Konzernleitung. Zuvor war er über 20 Jahre in der Beratung tätig.
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Wenn Unternehmen Teams neu strukturieren möchten, rufen ihre Mitarbeitenden selten laut „Hurra“ – denn hierdurch verändert sich für sie viel Gewohntes. Entsprechend sorgsam sollte man bei solchen Veränderungen vorgehen. Georg Kraus beschreibt sieben Schritte, die er Führungskräften bei Umstrukturierungen von Teams empfiehlt.

Immer wieder müssen oder wollen Unternehmen Teams in ihrer Organisation neu formieren. Bei ihren Mitarbeitenden stößt diese Nachricht selten auf große Begeisterung, denn mit der Umstrukturierung sind meist betriebswirtschaftliche Ziele verbunden wie:

  • Effizienzsteigerung,
  • Kostenreduzierung und
  • Steigerung der Reaktionsgeschwindigkeit

Jede Umstrukturierung wirft ein Team in seiner Entwicklung zurück.

Aus einem eingespielten Team wird sozusagen wieder ein frisch zusammengewürfelter Haufen Menschen, der sich erst wieder als Team finden muss. Damit sind meist auch Konflikte verbunden.

Das wissen die Mitglieder der aktuellen Teams. Sie wissen zudem: Durch die Umstrukturierung verändern sich neben den Arbeitsprozessen auch die jeweiligen Arbeitsinhalte – zumindest teilweise. Also brauchen die Teammitglieder neue Kenntnisse und Fähigkeiten. Außerdem verändern sich die Arbeitsbeziehungen, was unter anderem die Kooperation mit neuen Kollegen und Kolleginnen zur Folge hat. Zudem gehen bei einer solchen Reorganisation vermutlich einige Privilegien verloren, die jedes Teammitglied sich mühsam erarbeitet hat.

Aus all diesen Gründen hegen Mitarbeitende gegen eine Umstrukturierung ihrer Teams oft Bedenken, die sich nicht selten zu Widerständen verfestigen, wenn die Mitarbeitenden das Gefühl haben: „Meine Interessen werden nicht berücksichtigt.“ Entsprechend sorgfältig sollte man solche Change-Projekte planen und managen, auch damit bei Leistungsträgern nicht die Entscheidung reift: „Jetzt reicht es mir; ich wechsle den Arbeitgeber.“

Führungskräften, die sich eine Umstrukturierung von Teams vornehmen, können sieben Schritte empfohlen werden.

1. Professionelle Projektvorbereitung

Damit Sie Ihre Mitarbeitenden als Mitstreiter für den Umbau gewinnen, brauchen Sie eine klare Botschaft. Überlegen Sie sich deshalb, bevor Sie die Veränderung verkünden:

  • Warum ist eine Neuformierung der Teams nötig? Worin zeigt sich dies im Betriebsalltag?
  • Welche Konsequenzen hat dieser Change für die Mitarbeitenden – auf der prozessualen, fachlichen und emotionalen Ebene?
  • Welche Mehrbelastungen sind für sie damit verbunden?
  • Welchen Nutzen ziehen sie aus der Veränderung?

Entwickeln Sie zudem eine (vorläufige) „Roadmap“ für den Change-Prozess. Wie soll er ablaufen? Welche Unterstützung erfahren die Mitarbeitenden im weiteren Verlauf?

2. Klare Information, offene Kommunikation

Informieren Sie die Teammitglieder persönlich über die geplante Veränderung. Stellen Sie deren Notwendigkeit möglichst anhand von Beispielen aus ihrem Arbeitsalltag dar. Fragen Sie die Mitarbeitenden im Bedarfsfall auch: Was geschieht, wenn wir jetzt nicht aktiv werden? Wie sieht es dann in zwei, drei Jahren zum Beispiel mit der Wettbewerbsfähigkeit aus? Kommunizieren Sie aber auch offen, dass Sie wissen, die Reorganisation bringt viele Veränderungen und zumindest temporäre Mehrbelastungen für die Mitarbeitenden mit sich.

3. Die Bedenken erkennen und ernst nehmen

Fordern Sie nach der Information Ihre Mitarbeitenden auf, ihre Meinungen und Bedenken bezüglich des Vorhabens zu äußern, denn: Nur wenn Sie diese kennen, können Sie hierauf angemessen reagieren. Sprechen Sie im Dialog mit den Teammitgliedern auch eigeninitiativ die Knackpunkte aus deren Sicht an. So zum Beispiel, dass die Mitarbeitenden zum Teil neue Kollegen und Kolleginnen bekommen. Oder dass sie künftig als Team verstärkt virtuell zusammenarbeiten. Denn das zeigt den Mitarbeitenden: „Unsere Vorgesetzten denken bei ihren Entscheidungen auch an uns!“

4. Die Betroffenen in die Gestaltung einbinden

Achten Sie jedoch darauf, dass Sie nicht über das Change-Projekt selbst debattieren. Dieses ist beschlossen und wird realisiert! Binden Sie die Mitarbeitenden aber soweit möglich in die Projektgestaltung ein. Denn je mehr Ideen von ihnen in den Change einfließen, umso stärker identifizieren sie sich mit ihm. Erörtern Sie mit Ihren Mitarbeitenden zum Beispiel:

  • Wie sorgen wir dafür, dass in dem neuen Team ein echter Teamspirit entsteht?
  • Wie verständigen wir uns auf Regeln der Zusammenarbeit?
  • Wie gehen wir mit Irritationen in der Startphase um?
  • Wie checken wir im Projektverlauf, ob wir auf dem richtigen Weg sind?

5. Unterstützung beim Change gewähren

Sagen Sie den Mitarbeitenden die nötige Unterstützung beim Bewältigen der Veränderungen seitens des Unternehmens zu, zum Beispiel in Form von Schulungen bezüglich der Nutzung der neuen Technik oder Coachings bei Konflikten in der Zusammenarbeit. Versprechen Sie ihnen zudem, dass Sie bei Problemen stets als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Das ist Ihr Job als Führungskraft.

6. Flexibel auf den Bedarf reagieren

Aus dem neu formierten Team soll mit der Zeit ein Spitzenteam werden. Formulieren Sie mit den Teammitgliedern Etappenziele auf dem Weg dorthin, zum Beispiel die Verständigung auf neue Regeln oder das Entwickeln neuer (Verhaltens-)Routinen. Checken Sie das Erreichen der Etappenziele regelmäßig mit den Mitarbeitenden und passen Sie bei Bedarf das Projektdesign an. Denn der Erfolg und Verlauf von Change-Projekten, die auch die Kultur tangieren, lassen sich vorab nur bedingt planen. Entsprechend schnell entsteht bei den Betroffenen das Gefühl „Das funktioniert nicht“ oder „Früher war alles besser“.

7. Teilerfolge aufzeigen, Mitarbeitende loben

Sorgen Sie deshalb als Führungskraft dafür, dass die Veränderungsenergie nicht erlahmt. Zum Beispiel, indem Sie die Mitarbeitenden immer wieder auch auf kleine Erfolge hinweisen und für ihr Engagement loben. So zum Beispiel:

„Jetzt haben wir uns bereits auf neue Regeln für die Zusammenarbeit verständigt.“

„Jetzt nutzen wir die neue Digitaltechnik
schon viel effektiver.“

Und zeigen Sie sich auch mal spendabel. Geben Sie zum Beispiel mal einige Pizzen oder Flaschen Sekt aus, wenn ein Teilziel erreicht wurde oder Sie das Gefühl haben, das täte jetzt dem Teamgeist gut.

 

changement! Heft 03/2024

 

Autor

Dr. Georg Kraus
ist geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung Kraus & Partner in Bruchsal. Der diplomierte Wirtschaftsingenieur ist unter anderem Lehrbeauftragter an der Universität Karlsruhe, der IAE in Aix-en-Provence und der Technischen Universität Clausthal
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Für die einen Allheilmittel, für die anderen völlig überbewertet: Tools und Methoden im Change. Wir fühlen Expertinnen und Experten auf den Zahn und wollen ihre Sicht der Dinge sowie einige Tipps erfahren. Diesmal fragen wir Christian Müller.

Mal ehrlich, Tools und Methoden werden im Rahmen von Veränderungen überschätzt! Richtig?

Tools und Methoden bieten Hilfestellung und können Veränderungsvorhaben erleichtern. Ist jedoch das „Warum“ und „Wozu“ einer Veränderung nicht geklärt, bleiben Tools stumpfe Werkzeuge.

Man lernt ja doch hin und wieder die ein oder andere neue Methode, ein Vorgehen oder einen neuen Ansatz in Bezug auf Change und Transformation kennen. Wann hattest du diesbezüglich das letzte Mal ein Aha-Erlebnis?

Der Gießener Psychologie-Professor Dietrich Dörner führte in den 70er-Jahren ein Experiment durch. Er beauftragte seine Studierenden, die Lebensbedingungen der Stämme im fiktiven Tanaland durch Entwicklungshilfe zu verbessern. Trotz ihrer Intelligenz und guten Absichten scheiterten die jungen Entwicklungshelfer aufgrund ihrer eindimensionalen Denkweise und der mangelnden Fähigkeit, komplexe Systeme zu verstehen.

Das computerbasierte Experiment machte sichtbar, dass sich die Testpersonen auf isolierte Projekte konzentrierten, die sich später verselbstständigten und zu unerwünschten Ergebnissen führten (Lösungsprobleme). Das Experiment wies auf die Schwierigkeiten hin, Probleme in komplexen sozialen und ökologischen Systemen zu lösen.

Vermutlich würden die Ergebnisse heute nicht wesentlich anders ausfallen. Wir planen Veränderungen oft immer noch linear und monokausal, und ignorieren dabei die Eigenarten komplexer Systeme.

Was ist für Sie „Agilität“ in erster Linie? Eine Haltung? Ein Werteset? Ein Framework? Prinzipien der Zusammenarbeit?

Agilität ist ein Klammerbegriff für eine Vielzahl an Frameworks und Methoden, die bestimmte Grundprinzipien verbindet. Diese Prinzipien orientieren sich unter anderem am Agilen Manifest von 2001.

Für mich persönlich ist Agilität ein Vehikel für erfolgreiche Zusammenarbeit unter komplexen Rahmenbedingungen.

Experimente, Iterationen, Transparenz, Freiwilligkeit und Empirie schaffen die Grundlage für mehr Daten und unterstützen damit bessere Entscheidungen. Das kann helfen, nicht die Fehler zu wiederholen, die zum Untergang von Dietrich Dörners Tanaland führten.

Gibt es für Unternehmen überhaupt eine Alternative zum adaptiven bzw. agilen Arbeiten?

Die gibt es natürlich. Sie hängen vom individuellen Kontext ab. Wo die Rahmenbedingungen stabil sind, und wenig Veränderung geschieht, funktionieren formale Hierarchien, umfangreiche Planung und serielle Arbeitsschritte weiterhin. Fahrlässig wäre es, auf pauschale Lösungen zu setzen und einzelne Vorgehensweisen zum alleinigen Standard zu machen.

Unternehmen neigen dazu, ihre Handlungsoptionen zu limitieren. Ross Ashby hat schon 1956 festgestellt: „Je größer die Variabilität, die einem Kontrollsystem zur Verfügung steht, desto größer ist die Vielfalt der Störungen, die es kompensieren kann.“ Für mich gilt daher kein „Entweder-oder“, sondern ein „Sowohl-als-auch“ und vieles mehr.

Hinsichtlich der Begleitung von Veränderungsvorhaben arbeiten Sie unter anderem mit einer „Change Canvas“. Welchen Zweck hat sie und wie wird sie eingesetzt?

Die Change Canvas habe ich entwickelt, um den Beginn von Veränderungsinitiativen zu erleichtern. Dazu habe ich konkrete Fragen formuliert und in einer Canvas hinterlegt. Die Fragen sollen in erster Linie dazu anregen, sich mehr über das „Warum“ und „Wozu“ einer Veränderung Gedanken zu machen. Die „Change Canvas“ ist hervorgegangen aus den vielen Transformationen, die ich in den zurückliegenden Jahren begleiten durfte. Sie zeigt eine Essenz von Fragen, die meiner Erfahrung nach am Anfang zu besprechen sind.

Am Ende einer „Change Canvas“ steht immer ein konkreter erster Schritt. Der Schritt kann auch bedeuten, die Veränderung nicht zu beginnen und die initiale Idee wieder zu verwerfen.

Agile Leadership, Agile Transformation, Agiles Coaching: Denken Sie, der Begriff der Agilität ist irgendwann verbraucht?

Besonders aufgeladene Begriffe provozieren leicht zu hohe Erwartungen, was zwangsläufig zu Enttäuschungen führt. Der Begriff „Agilität“ ist inzwischen viel zu aufgeladen. Andere Modewörter werden ihn mit der Zeit ersetzen.

Die Grundprinzipien – nämlich vor allem Iteration, Adaption, Transparenz, Reflexion, Kollaboration, Empirie – werden bleiben und noch viel stärker in die Organisationen eindringen.

Ich beschäftige mich seit über einem Jahr intensiv mit den Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz in der Arbeitsorganisation. Da rollt eine Lawine auf uns zu, die das Potenzial hat, vieles von dem zu verändern, was uns bis heute in der Zusammenarbeit vertraut ist. Ich habe mir mehrere Szenarien angeschaut und konnte nicht erkennen, dass unsere streng hierarchischen und „siloartig“ aufgebauten Alpha-Organisationen auf die Bewältigung dieser kommenden Herausforderungen vorbereitet sind.

Man hört oft, Agilität sei eine Geisteshaltung, eine Frage des Mindsets. Wie trainiert man so was?

Die Gedankenwelt wird geprägt durch positive und schlechte Erfahrungen.

Wenn ich ein anderes Setting im Unternehmen schaffe und entsprechende Rahmenbedingungen kreiere, können neue Erfahrungen entstehen, die zu nachhaltigen Veränderungen führen. Freiwilligkeit, Respekt, Notwendigkeit und permanente Reflexion sind die Schlüsselbegriffe, um positive Erfahrungen zu ermöglichen. Zwang und Fremdbestimmung werden eher das Gegenteil provozieren.

Welche Personen inspirieren dich in Bezug auf deine Arbeit?

Mich inspirieren immer wieder die vielen unterschiedlichen Menschen in den Organisationen, die ich begleiten konnte. An der Seitenlinie stehend zu erleben, wie Menschen Selbstwirksamkeit entwickeln, ist ausgesprochen inspirierend und erfüllend zugleich.

 

changement! Heft 02/2024

 

Autor

Christian Müller
ist Inhaber der Unternehmensberatung proagile.de und hat sich darauf spezialisiert, Organisationen einen Spiegel vorzuhalten und auch jene Dinge auszusprechen, die klassische Beratungen gerne verschweigen. Wirksamkeit vor Gefälligkeit ist seine Maxime.
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Für die einen Allheilmittel, für die anderen völlig überbewertet: Tools und Methoden im Change. Wir fühlen Expertinnen und Experten auf den Zahn und wollen ihre Sicht der Dinge sowie einige Tipps erfahren. Diesmal fragen wir Hans Rusinek.

Mal ehrlich, Tools und Methoden werden im Rahmen von Veränderungen überschätzt! Richtig?

Als praxistheoretisch fundierter Berater und Forscher verstehe ich den Weg zu neuen Organisationsroutinen bzw. Praktiken als Gestaltung von drei zusammenhängenden Sets.

Da ist zum einen das Toolset, also der Zugriff auf Verhaltensarchitekturen. Mithilfe von Zielen und Anreizen wie bei der Methode OKR oder beim Einsatz digitaler Tools, wie zum Beispiel einer neuen Kollaborationssoftware, wird versucht, Menschen auf den Weg zur Veränderung zu lenken.

Da ist aber auch das Skillset, bei dem es beispielsweise um das Re- und Upskilling von Mitarbeitenden geht – ein massiv unterschätzter und kaum bespielter Bereich. Menschen sollen schließlich den Weg zur Veränderung auch beschreiten können.

Und da ist das Mindset, bei dem es darum geht, Zukunftsbilder, Narrative und Sehnsüchte anzubieten, die eine Belegschaft so mobilisieren, dass sie den Weg auch gehen will. Es ist vielleicht das beliebteste, aber eventuell auch das für sich allein genommen zahnloseste Set.

Wer nur auf eines der drei Sets blickt, überschätzt dieses zwangsläufig. Nur im Dreiklang entsteht Veränderung.

Literaturtipp

Hans Rusinek (2023):
„Work-Survive-Balance: Warum die Zukunft der Arbeit die Zukunft unserer Erde ist“, Verlag Herder

 

Man lernt ja doch hin und wieder die ein oder andere neue Methode, ein Vorgehen oder einen neuen Ansatz in Bezug auf Change und Transformation kennen. Wann hattest du diesbezüglich das letzte Mal ein Aha-Erlebnis?

Im vergangenen Jahr entschloss sich Shopify, alle wiederkehrenden Meetings aus den Kalendern zu löschen.

Das fand ich radikal. Ein Eingriff ins Toolset, eben in digitale Verhaltensarchitekturen, der wahnsinnig viel Freiraum schuf. 322.000 Stunden in Meetings, darunter viele, die eher organisationale Altlasten waren, verschwanden. Neue Regelmeetings können natürlich wieder eingestellt werden, aber die Beweislast, dass diese auch wirklich wichtig sind, wiegt schwer. Dies hat mich beeindruckt, weil ich Interrupted Work für einen zentralen Störfaktor in der Wissensarbeit halte.

Du bist Arbeitsforscher und beschäftigst dich unter anderem mit einer „enkeltauglichen Arbeitswelt“. Was wäre der erste Schritt, wenn Unternehmen sich mit einer nachhaltigen Arbeitswelt auseinandersetzen wollen?

Der erste Schritt wäre zu verstehen, dass die soziale Welt eben aus Praktiken besteht, aus tief verankerten Denk- und Verhaltensgewohnheiten, mit denen wir nun – wie auf Autopilot – unsere wirtschaftlichen Grundlagen gefährden. Das heißt, dass Unternehmen sich nicht allein auf vom Hier und Jetzt so ferne Narrative wie eine „Sustainability Vision 2050“ oder auf abstrakte Tools wie ESG-basierte Finanzinstrumente verlassen dürfen, sondern dass sie auf den unmittelbaren Arbeitsalltag schauen müssen: welche Verhaltensmuster hier repliziert werden, wie somit die Gegenwart in die Zukunft weitergeschrieben wird, welche Muster gebrochen werden müssen. Dies beginnt mit einer eingehenden Analyse des kulturellen Status quo und vor allem mit ganz praktischen Fragen: Was heißt Erfolg bei uns? Wo setzen wir uns Grenzen? Wer darf wie Zweifel äußern?

Du bist auch Design Thinker. Kann der Ansatz des Design Thinking vielleicht ebenfalls einen Beitrag leisten für eine nachhaltigere Zukunft?

Design Thinking ist eine Methode, die ich gerne verwende. Es sind dadurch Projekte entstanden, die zu meinen persönlichen Highlights gehören, wie zum Beispiel der „Child Growth Monitor“ der Welthungerhilfe. In meinem Buch „Work-Survive-Balance“ kommt die Methode trotzdem eher schlecht weg:

Allzu oft bauen sich Unternehmen mit der Design-Thinking-Methode eher Kreativitätsreservate.

Dort wird disruptives Arbeiten auf ein bis zwei Hackathons im Jahr eingehegt. Allzu oft führt die permanente Dringlichkeit der omnipräsenten Stoppuhr und ein recht oberflächliches Verständnis von Personas auch zu eher handzahmen Innovationen, die am Status quo nicht wirklich etwas ändern. Es kommt bei Design Thinking mit echtem Impact darauf an, in welche Praktiken dieser Ansatz eingebunden ist.

Und wird künstliche Intelligenz eher unterstützen oder uns behindern auf dem Weg zur nachhaltigeren Arbeitswelt?

Auch das ist eine Frage der Routinen, die wir um Technologien wie „Generative Machine Learning“ bauen: Für welche Art des Arbeitens wird uns nun mehr Raum gegeben? Eine Zeit lang feierten wir mit KI kreierte Bilder als neue Kunst, KI-basierte Gedichte als neue Poesie. Das weckte meinen Widerwillen: In einer sinnvollen Zukunft mit der KI geht es ja gerade nicht darum, uns diese Art des Arbeitens abzunehmen. Die KI soll uns von profanen, gleichförmigen Dingen entlasten, damit uns mehr Zeit für eine genuin menschliche Arbeit bleibt – all das, worin wir unsere Rolle in der Welt mit Verantwortung reflektieren. Ein mit ChatGPT kreierter Arbeitsvertrag, eine formale Absage-E-Mail oder das Zusammentragen der wichtigsten Argumente in einer Debatte, das scheint mir viel „abfeierungswürdiger“. Weil dann auf dieser Basis die menschliche Intelligenz mehr Raum bekommt und wir uns der Reflexions- und Verantwortungsarbeit widmen können, die jenseits eines kalten Kalkulierens liegt. Das ist zumindest die ethische und ökologische Chance, die in der KI liegt.

Welches Buch oder welchen Podcast kannst du empfehlen?

„Scaling People“ von der Stripe- und Google-Managerin Claire Hughes Johnson, „Vita Activa“ von Hannah Arendt und „Die Rettung der Arbeit“ von Lisa Herzog sind drei so unterschiedliche wie empfehlenswerte Bücher.

Welche Personen inspirieren dich in Bezug auf deine Arbeit?

Da gibt es zunächst Personen aus der Praxis, von denen ich in der Zusammenarbeit viel lerne, wie beispielsweise von Johannes Nöltner, dem als Organisationsentwickler bei Jobrad wertebasierte Kulturarbeit in einer hochdynamischen Umgebung gelingt. Dann gibt es Menschen aus der Forschung, deren Arbeit für eine bessere Arbeitswelt wegweisend sein sollte, wie die Professoren Antoinette Weibel und Thomas Beschorner hier in St. Gallen.

Und es gibt Menschen, die wie ich zwischen Wissenschaft und Praxis vermitteln, wie mein ehemaliger Kollege aus BCG-Zeiten Dominic Veken oder auch Judith Muster.

 

changement! Heft 01/2024

 

Autor

Hans Rusinek
forscht, berät und publiziert zum Wandel der Arbeitswelt. An der Universität St. Gallen forscht er zur Sinnfrage in der Arbeit und zu ihrer Rolle in modernen Organisationen. Er erfüllt zudem einen Lehrauftrag zu „Future of Work“ an der Fresenius Universität in Hamburg.
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