„Das Morgen ist das Einzige, wofür Führung verantwortlich ist“

Der Manager Oliver Sowa und der Berater Reinhard K. Sprenger kennen und schätzen sich seit vielen Jahren. Beide schauen – aus unterschiedlichen Perspektiven – ähnlich auf das Thema Führung. Sie halten nichts davon, Mitarbeitende motivieren zu wollen. Stattdessen gelte es, als Führungskraft zuallererst Rahmenbedingungen und Institutionen eines Unternehmens ins Visier zu nehmen. Ein Gespräch über den Nutzen des Weglassens und die wesentliche Aufgabe von Leadership.

Herr Sowa, Sie und Herr Sprenger kennen sich seit vielen Jahren und es ist bekannt, dass sie sich beide gegenseitig sehr schätzen. Wie ist denn der Kontakt zwischen Ihnen damals entstanden?

Oliver Sowa: Das war vor etwa zehn Jahren. Ein Trainer, der uns über längere Zeit begleitet hatte, empfahl mir damals, doch mal Kontakt zu Reinhard Sprenger aufzunehmen. Ich habe ihn dann angerufen und wir verabredeten uns für ein Strategiemeeting im Februar 2015 mit unseren Führungskräften. Dieses Treffen fand im Spreewald statt – und so begann unsere Zusammenarbeit.

Und wie ging es dann weiter?

Oliver Sowa: Herr Sprenger hat uns in den Jahren danach in verschiedenen Formaten begleitet.

Es war also Liebe auf den ersten Blick?

Oliver Sowa: Für mich schon. Gleich zu Beginn gab es einen Schlüsselmoment und ich kann den konkret an einem Chart festmachen, das Reinhard Sprenger damals gezeigt hat in Bezug auf Führung. Wir hatten bis dahin immer auf das Individuum geschaut, auf das Steuern und Motivieren von Menschen.

Reinhard Sprenger hat uns einen völlig anderen Blick vermittelt, das war eine ganz andere Perspektive. Er hat uns klargemacht, dass, wenn man ein Unternehmen transformieren möchte, zuerst die Institutionen und Rahmenbedingungen verändern muss – nicht die Menschen. Er sagte, wenn wir uns wirklich für die Menschen interessieren, dann sollten wir uns um die Institutionen kümmern.

Was bedeutet das konkret?

Oliver Sowa:

Es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Demotivation vermeiden.

Motivation aktiv herbeiführen zu wollen, ist oft naiv oder sogar kontraproduktiv. Stattdessen sollte man alles eliminieren, was Menschen blockiert oder behindert.

Das war ein Aha-Moment und wir haben direkt nach diesem ersten Treffen angefangen, alles aufzuschreiben, was unseren Mitarbeitern die Motivation raubt bzw. rauben könnte: Urlaubsanträge, Bürokratie, Abteilungssilos, überholte Bezahlsysteme – all diese Dinge. Das ist nur so gesprudelt. Wir haben unsere Strukturen und Institutionen alle auf den Prüfstand gestellt – und vieles abgeschafft.

Herr Sprenger, von so einem positiven Einfluss gleich bei der ersten Begegnung kann man als Berater eigentlich nur träumen, oder?

Reinhard K. Sprenger: Ja, ich blicke mittlerweile auf fast 40 Jahre an Bemühungen zurück, Veränderungen anzustoßen. Und ich muss sagen:

Die meisten meiner Spiele habe ich verloren – zumindest, wenn man auf das Thema Motivation schaut.

Es braucht eben ganz bestimmte Voraussetzungen, damit der Samen auf einen fruchtbaren Boden fallen kann. Und die waren bei Oliver Sowa gegeben: eine Unternehmenssituation, die nach Veränderung verlangte; ein neugieriger und begeisterungsfähiger Mensch wie Oliver Sowa und eine Eigentümerfamilie, die einen langen Atem hatte und sich den notwendigen Themen wiederkehrend und mit Ernsthaftigkeit widmete. Es war also eine günstige Konstellation. Und sicherlich spielte auch die Unternehmensgröße von Beutlhauser eine Rolle, um sich nicht im Sumpf der Bürokratie zu verlieren.

Das systemische Denken, der Fokus auf die Verhältnisse und weniger auf das Verhalten, ist mittlerweile zumindest in der Beratungswelt populär. Waren Sie, Herr Sprenger, vielleicht einer der ersten systemischen Berater – obgleich Sie sich nie so genannt haben?

Reinhard K. Sprenger: Mein erstes Buch „Mythos Motivation“ wurde damals tatsächlich von akademischen Systemikern, Fritz Simon und Dirk Baecker, als das erste systemische Managementbuch bezeichnet – obwohl ich damals von Systemtheorie wenig Ahnung hatte. Es war einfach nur der Praxis-Blick.

Ich bin heute davon überzeugt, dass man zunächst die Institutionen eines Unternehmens angucken muss und erst dann auf die Individuen. Es ist kein Entweder-oder, sondern eine Frage der Priorisierung.

Herr Sowa, Sie haben nach dem Treffen und der Begegnung mit Reinhard Sprenger begonnen, gemeinsam mit den anderen Kollegen in der Geschäftsführung aufzuschreiben, was den Beschäftigten in Ihrem Unternehmen Motivation raubt. Wie sind Sie danach vorgegangen?

Oliver Sowa: Früher war der normale Weg die klassische Kaskade: Wir reden mit unseren „Directs“ und die wiederum reden mit ihren Leuten und so weiter. Diesmal aber mischten wir uns ein und wollten mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern direkt reden.

Wir haben Workshops mit den Leuten gemacht – bereichs- und hierarchieübergreifend – und alles auf den Tisch gelegt. Und die Dinge, bei denen sich alle einig waren, dass das so keinen Sinn mehr macht, wurden abgeschafft. Heute arbeiten wir ganz anders als vor zehn Jahren. Wir haben gemerkt, welche Institutionen und Strukturen den Menschen die Motivation nehmen. Ich habe dadurch verstanden, was Führung wirklich bedeutet.

Können Sie einmal ein konkretes Beispiel nennen, was Sie geändert haben?

Oliver Sowa: Ich nenne mal drei Beispiele. Wir sind Investitionsgüterhändler und waren früher klassisch vertikal organisiert nach Kundendienstleitung, Vertriebsleitung und Mietparkleitung. Jetzt gibt es nur noch eine Regionalleitung, die das komplette Business in der jeweiligen Region verantwortet. Wir haben also Abteilungssilos weitgehend abgeschafft.

Das Zweite ist das Thema Vergütung. Früher waren unsere Verkäufer stark provisionsabhängig. Das führte zu Konflikten, etwa zwischen Vertrieb und Service. Wir haben das System auf Festgehälter umgestellt – und plötzlich verschwanden diese Konflikte.

Oder nehmen Sie die Urlaubsanträge – die wurden früher durch die Führungskraft genehmigt, die oft die Arbeitssituation gar nicht überblicken konnte. Heute regeln die Teams das selbstständig und die Führungskraft wird nur informiert.

Das sind drei Beispiele, die zeigen, dass der systemische Ansatz funktioniert.

Herr Sprenger, warum tun sich viele Unternehmen so schwer mit solchen Veränderungen?

Reinhard K. Sprenger: Die meisten Führungskräfte versuchen, Probleme durch das Hinzufügen von etwas zu lösen – neue Prozesse, neue Meetings, neue Tools. Im Management kommt immer was dazu.

Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen: Es lohnt sich mehr, Dinge wegzulassen: überflüssige Regeln, Institutionen, die keinen Mehrwert bringen, Strukturen, die vom Kunden ablenken. Doch „weniger tun“ klingt unattraktiv in einer Welt, in der Manager und Managerinnen ihr Handeln permanent legitimieren müssen. Sie müssen zeigen, dass ihr Beitrag als Hinzufügung für den Erfolg des Unternehmens wichtig ist – in Geschäftsberichten oder vor dem Aufsichtsrat. Deshalb ist das Reduzieren, das psychoorganisatorisch sinnvoll wäre, in weiten Teilen der Wirtschaft nicht populär.

Die Unternehmen hierzulande erleben viele Veränderungen, insbesondere weil die Umwelt, in der sie sich bewegen, sich so sehr wandelt. Was beobachten Sie in Bezug auf das Thema Führung? Wie hat sich Führung in den Unternehmen in den vergangenen Jahren verändert?

Reinhard K. Sprenger: Das lässt sich so einfach nicht sagen. Es scheint mir aber, dass die sogenannten „Social Skills“ verbreiteter sind als vor 30 Jahren. Damals wurde fast ausschließlich auf der Basis von Fachkompetenz befördert. Heute spielt diese immer noch eine Rolle, aber weit weniger als früher. Was das systemische Denken angeht, bin ich weiterhin skeptisch, ob es das personenzentrische Denken relativiert hat.

Dass wir etwas wegnehmen und ausmisten müssen, statt etwas hinzuzufügen; dass wir das Unternehmen konsequent von außen nach innen denken müssen – all das wird immer noch kaum verstanden und geschweige denn gelebt. Denn das systemische Denken ist zunächst einmal kontraintuitiv, weil wir gewohnt sind, den einzelnen Menschen und dessen Eigenschaften anzugucken.

Gesamtgesellschaftlich – auch in den Unternehmen – ist es so, dass man fast nur noch moralisierend argumentieren kann. Im politischen Diskurs ist das überdeutlich. Manche Politiker liefern nüchterne Sachargumente, aber sie schaffen es nicht, die Menschen emotional zu erreichen. Mit Blick auf Transformation heißt das, nicht nur zu erklären und zu sagen, was der Nutzen der Veränderung ist, sondern es geht darum, die Leute auch persönlich „zu packen“. Jeder Sprechakt, den wir tätigen, entscheidet über das kommunikative Klima auf diesem Planeten.

Ich frage mich, ob wir nicht auch einfach eine Überforderung von Führung sehen. Die Welt wird immer komplexer, die Veränderungszyklen immer kürzer. Plötzlich treten Ereignisse auf, die niemand vorhersehen konnte. Sehen Sie diese Überforderung auch auf den oberen Managementebenen?

Oliver Sowa: Ja, die Veränderungszyklen werden kürzer, die Einschläge werden mehr. Aber am Ende des Tages reagieren die Managerinnen und Manager, wie sie es gelernt haben. Ich nenne es mal: personenzentrisch. Dadurch wird das Elend immer größer, weil die eigentlichen Probleme nicht gelöst bzw. nicht erkannt werden. Und dann kommt man noch mit den alten Werkzeugen aus dem letzten Jahrtausend.

Hätten wir bei Beutlhauser nicht aufgeräumt, wären wir mit unserer SAP S/4HANA-Einführung gegen die Wand gefahren und hätten die Digitalisierung nicht geschafft. Wir haben radikal entrümpelt: überflüssige Prozesse abgeschafft, klare Zuständigkeiten etabliert und die Zusammenarbeit neu organisiert – Ordnung und Struktur in der analogen Welt geschaffen. Dadurch konnten wir die digitale Transformation erfolgreich umsetzen, weil die Basis stimmte.

Reinhard K. Sprenger: Wenn man auf ganz Deutschland schaut, dann ist unabweisbar: Das Land sitzt in der Erfolgsfalle, weil es lange Zeit eine stetige Aufwärtsentwicklung erlebt hat. Das hat dazu geführt, dass wir hierzulande schon lange nicht mehr führen, sondern nur noch den Status quo managen. Führung im eigentlichen Sinne – also die Ausrichtung auf die Zukunft – wurde vernachlässigt. Das Morgen ist aber im Grunde das Einzige, wofür Führung verantwortlich ist. Statt Neues zu wagen und nach vorne zu schauen, hat man am Alten festgehalten – und kam beispielsweise auf die Idee, Abgaswerte zu manipulieren.

Jetzt muss vieles nachgeholt werden. Und wir müssen uns fragen: Was bedeutet das für unsere Zukunft? Können wir beispielsweise noch von den Stetigkeitserwartungen der Vergangenheit ausgehen? Können wir weiterhin unflexible Großstrukturen bauen oder müssen wir nicht experimenteller sein und viel mehr Entscheidungen von kurzer, allenfalls mittlerer Reichweite treffen? Es gilt, grundsätzlich die Basisannahmen unserer bisherigen Erfolge mit Fragezeichen zu versehen.

Oliver Sowa: Bei einem solchen Vorgehen bin ich dabei. Vorher sollte aber das getan werden, was ich vorhin beschrieben habe, das Ausmisten. Und es braucht Entscheidungskompetenz dort, wo man nah am Kunden und wo Fachkompetenz ist. Und als Geschäftsführung muss ich zuhören und verstehen, welche Rahmenbedingungen es braucht und was den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen aus dem Weg geräumt werden muss.

Entscheidungskompetenz in die Teams zu verlagern, geht oft einher mit dem Zweck, Unternehmen agiler aufzustellen. In vielen Unternehmen sehen wir zumindest „Inseln der Agilisierung“. Dazu gehören Produktteams, die crossfunktional und iterativ arbeiten. Herr Sprenger, wie schauen Sie auf diese Bemühungen der Unternehmen, agil zu werden?

Reinhard K. Sprenger: In Unternehmen herrscht oftmals ein Schwarz-Weiß-Denken. Die sogenannte Ambiguitätskompetenz, also das Sowohl-als-auch, ist leider nicht sonderlich verbreitet. Ich bin beispielsweise ein großer Verfechter der Hierarchie. Sie hat eine Menge Vorteile in gewissen Situationen, zum Beispiel, wenn es schnell gehen muss. Wir dürfen die Hierarchie aber nicht gegen die Agilität ausspielen. Sondern wir sollten in der Lage sein, Widersprüche und Mehrdeutigkeiten zu akzeptieren und je nach Situation flexibel zu agieren. Es geht nicht darum, Hierarchie abzuschaffen oder Agilität überall durchzusetzen. Der Kunde sollte immer der zentrale Orientierungspunkt sein.

Gerade wenn Unternehmen tiefe strukturelle Änderungen durchmachen, herrscht nicht selten eine Zeit lang Unklarheit bei den Mitarbeitenden, insbesondere bezüglich der Frage, wer Entscheidungen trifft bzw. welche Entscheidungen sie treffen dürfen. Herr Sowa, wie ist das in Ihrem Unternehmen, ist allen klar, wer die Entscheidungen trifft?

Oliver Sowa: 95 Prozent der Entscheidungen müssen nah am Kunden getroffen werden. Das ist bei uns auch so. Wenn es um substanziellere Themen geht, muss das in der Hierarchie weiter oben geregelt werden. Entscheidend sind die Transparenz und die Kommunikation diesbezüglich. Und wenn Entscheidungen nicht getroffen werden, muss man da rein und fragen: Warum? Was hindert dich daran, die Entscheidung zu treffen? Was brauchst du?

Und wie ist das beim Thema Homeoffice? Das ist ja eines der großen Themen der vergangenen Jahre. Vorstände vieler Unternehmen fordern nach Corona eine Rückkehr der Mitarbeitenden ins Büro, teils sehr rigide. Sie wollen gerade nicht die Entscheidung bei den Beschäftigten belassen. Wie bewerten Sie das?

Oliver Sowa: Wir erleben oft, dass solche Diskussionen in Extremen geführt werden – und das macht wenig Sinn. Es gibt Aufgaben, die man hervorragend im Homeoffice erledigen kann, und es gibt solche, bei denen physische Präsenz unabdingbar ist. Bei uns entscheiden die Teams selbst, wie sie sich organisieren. Manche Menschen können auch kein Homeoffice machen, weil sie die räumlichen Voraussetzungen
gar nicht haben. Manche kommen gut allein zu Hause klar, andere kommen gerne fünf Tage ins Büro – so wie ich. Ich hasse Homeoffice. Es ist ein Sowohl-als-auch und man sollte es erwachsenen Menschen nicht vorschreiben, wo sie zu arbeiten haben. Doch ich sage ebenfalls: Wenn jemand immer fünf Tage die Woche zu Hause ist, wird es schwierig.

Wieso? Auch wenn er oder sie Top-Leistungen bringt?

Oliver Sowa: In Ausnahmen mag es solche Jobs geben. Bei uns fällt mir kein solcher Job ein. Es braucht in der Regel das Miteinander und den persönlichen Kontakt. Wenn man inhaltlich was bewegen will, muss auch die Beziehungsebene stimmen. Menschen sind Beziehungswesen. Und diese Beziehungen werden insbesondere informell gestärkt, zum Beispiel in der Kaffeeküche.

Reinhard K. Sprenger: Wir haben Beutlhauser ja explizit als Kooperationsarena definiert. Und wenn Sie ein Unternehmen als Kooperationsarena verstehen – und nicht als bloße Addition von Einzelleistungen –, dann dementiert Homeoffice die Fundamentalidee der Zusammenarbeit, denn die ist auf physische Präsenz angewiesen. Zusammenarbeit lebt vom direkten Austausch, von der Atmosphäre, die nur vor Ort entsteht.

Homeoffice kann eine sinnvolle Ausnahme sein, aber niemals die Regel.

Wer das nicht anerkennt, hat vermutlich schon vor Homeoffice-Zeiten nicht gerne zusammengearbeitet.

Veränderung ist ein ständiger Begleiter in Unternehmen. Es gibt den Begriff „Change Leadership“, der noch mal besonders das Navigieren der Führungskraft durch den Wandel betont. Können Sie beide etwas mit dem Begriff anfangen oder ist das für Sie Unsinn, weil Führen in der Veränderung schlicht zum Kern von Leadership gehört?

Reinhard K. Sprenger: Wie Sie sagen, das klingt nach einem weißen Schimmel. Für mich heißt Führen in allererster Linie, mit dem Blick auf die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zu stören. Es gilt, immer wieder den Status quo infrage zu stellen, eine Nervositätsgemeinschaft zu formen. Sonst brauchen wir keine Führung.

Oliver Sowa: Ich erinnere mich an ein Training, das ich in den 90ern als junger Mann im Rahmen eines Managementprogramms besucht habe: „Führen in Zeiten der Veränderung“. Das war 1999 – und die werden heute noch verkauft.

Und vermutlich kauft sie auch jemand.

Oliver Sowa: Ja, aber damit macht man das ganze Elend nur noch schlimmer.

Ängste und Unsicherheiten sind gerade ein großes Thema. Deutschland steckt wirtschaftlich in einer schwierigen Phase, viele Menschen fürchten um ihre Jobs. Wie begegnet gute Führung dieser Herausforderung Ihrer Meinung nach?

Oliver Sowa: Das Wichtigste ist, die Sorgen und Nöte der Menschen ernst zu nehmen.

Führungskräfte müssen präsent sein, den Dialog suchen und Zusammenhänge erklären.

Nicht in großen Meetings mit PowerPoint, sondern im direkten Austausch.

Aber das allein reicht nicht: Es geht ebenfalls darum, die Ursachen dieser Ängste systemisch anzugehen. Ohne Veränderungen in den Strukturen bleibt das alles oberflächlich. Wenn man also an den Gegebenheiten nichts ändert, dann sind auch die kurzfristigen Gespräche sinnlos, weil sich nichts verändert – und damit bleiben letztlich die Ängste der Mitarbeitenden bestehen.

Herr Sprenger, meine letzte Frage möchte ich Ihnen stellen: Was gibt Ihnen Zuversicht in Bezug auf das Thema Führung in Organisationen?

Reinhard K. Sprenger: Ich finde gut, dass Sie den Begriff der „Zuversicht“ gewählt haben. Denn ich bin durchaus zuversichtlich, aber nicht optimistisch. Optimismus ist naiv; Zuversicht bedeutet, sich von Schwierigkeiten nicht lähmen zu lassen. Ich bin und bleibe zuversichtlich, weil ich immer wieder Führungskräfte erlebe, die nicht nur reden, sondern die eigeninitiativ und unternehmerisch handeln – sehr oft gerade im deutschen Mittelstand. Sie arbeiten an einer gemeinsamen Zukunft und sie meinen es wirklich ernst. Solche Menschen habe ich erheblich häufiger kennengelernt als beispielsweise narzisstische Manager, von denen so oft in den Medien die Rede ist. Das macht mich zuversichtlich. Niemand sollte Deutschland vorschnell abschreiben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jan C. Weilbacher.

 

 

Autoren

Oliver Sowa
ist seit 2006 einer der Geschäftsführer der Beutlhauser-Gruppe mit Hauptsitz in Passau. Beutlhauser ist ein Handels- und Dienstleistungsunternehmen in den Bereichen Verkauf, Vermietung und Service von hochwertigen Investitionsgütern und Produkten sowie digitalen Lösungen. Es hat über 1.500 Beschäftigte an 27 Standorten. Als Autor und Keynote Speaker berichtet Oliver Sowa regelmäßig von seinen Erfahrungen der Transformation.

Dr. Reinhard K. Sprenger
berät Unternehmen in Führungsfragen. Er ist vielfacher Bestsellerautor; zuletzt erschien von ihm „Magie des Konflikts“ (DVA) und „Gehirnwäsche trage ich nicht“ (Campus). Sein Buch „Mythos Motivation“, das erstmals 1991 erschien, gilt als Klassiker.

 

 

 

„Viele der neuen Ansätze sind sehr naiv.“

Warum scheitern große Unternehmen häufig mit der Einführung neuer Organisationsformen? Dieser Frage ist Torsten Groth mit einem Team im Rahmen eines Forschungsprojektes nachgegangen. Im Interview spricht der systemische Berater über die Gründe des Scheiterns, über die Kluft zwischen der „LinkedIn-Welt“ und seinem Erleben, die post-agile Phase hierzulande und woran es liegt, dass Organisationen sich selbst vergessen.

Wie hat sich die Art und Weise, wie Entscheidungen in Organisationen entstehen, verändert in den vergangenen Jahren? Was beobachtest du?

Aktuell erlebe ich, dass ein Großteil der Organisations- und Führungsmodelle hinterfragt wird. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass standardisierte Regeln und bewährte Routinen nicht ausreichen, um die zunehmende Komplexität zu bewältigen. Und sie werden auch den Ansprüchen der Mitarbeitenden – von der Mitwirkung bis hin zur Selbstverwirklichung – nicht gerecht. Die Lösungsidee dafür scheint häufig, die Vielfalt der Entscheidungsfragen in größeren, gleichberechtigteren Gremien zu bearbeiten. Hierarchiefreiheit wird als Motor der Entwicklung betrachtet. Man will die Qualität der Entscheidungen dadurch verbessern, dass mehr Perspektiven eingebracht werden können.

Doch oft beobachte ich keine Verbesserung, im Gegenteil:

Die Verunsicherungslage in vielen Unternehmen nimmt eher zu.

Das Bestehende, die klassische Hierarchie, infrage gestellt, aber nichts Neues an ihre Stelle gesetzt wird, das für Letztentscheidungen sorgt: Man weiß oft, wie man nicht mehr entscheiden will, aber nicht, wie es besser geht. Alle lehnen Hierarchie ab, beschweren sich aber über ermüdende Sitzungen. Unseres Erachtens liegt dies daran, dass die neueren Modelle, die im Trend liegen, meist nicht so einfach funktionieren, wie sie es versprechen.

Wie wichtig ist es eigentlich, dass Führungskräfte ihre Organisation verstehen, in der sie sich bewegen, um Veränderungen anzustoßen?

Sehr wichtig, doch die Sogwirkung der Interaktion ist groß. Damit meine ich, dass Mitarbeitende wie Führungskräfte das persönliche Zusammenspiel in der Organisation intensiv erleben – mal freudig, mal genervt, oft auch als Mikropolitik, also die kleinen strategischen Winkelzüge und Spielchen im Alltag. Dabei verlieren sie das große Ganze aus dem Blick. Niklas Luhmann sagte einmal: „Organisationen vergessen sich selbst.“ Das beantwortet schon zur Hälfte deine Frage. Organisationen und ihre Akteure sind sich nicht bewusst, in welchem Systemkontext sie agieren und erkennen daher nicht angemessen das Ausmaß, wie stark der organisationale Rahmen das Handeln prägt. Deswegen besteht eine meiner wichtigen Interventionen darin, dafür zu sorgen, dass Mitarbeitende und Führungskräfte nachvollziehen können, in welcher Organisation sie agieren.

Dieses Unterfangen ist alles andere als trivial. Die Menschen können meist Geschichten über ihr Leben in der Organisation erzählen, anekdotenhaft. Aber sie haben wenig Bewusstsein für den Typus und die Logik der Organisation. Oft fehlt das Verständnis für die grundlegenden Strukturen und Spannungen, die wir auch als Paradoxien bezeichnen. Ein Beispiel: Jeder Bereich einer Organisation soll eigenständig arbeiten, aber gleichzeitig muss auch das Gesamtziel der Organisation im Blick bleiben. Widersprüche dieser Art sind strukturelle Bestandteile jeder Organisationsform, doch häufig werden sie nicht als solche reflektiert. Hier hilft ein theoretisch fundierter Blick, um diese Paradoxien zu verstehen und dadurch ein tieferes Verständnis für die eigene Organisation zu entwickeln.

Wie groß ist die Bereitschaft der Mitarbeitenden und Führungskräfte, sich auf diesen Prozess einzulassen?

Die Bereitschaft ist am größten, wenn eine Organisation eine schwierige Phase durchlebt, die sie mit den eigenen Bordmitteln nicht bearbeiten kann, oder auch wenn Einzelne in ihren Rollen überfordert sind, dann ist die Offenheit für neue Erklärungsmodelle da. Beratungen haben es insofern leichter, da zu ihnen Kunden fast immer nur kommen, wenn diese ein Problem haben – und nicht, wenn es ihnen gut geht. Und egal, ob es um ein Coaching, die Begleitung von Führungsteams oder Organisationsveränderungsprozesse geht: Der Anlass ist immer, dass die bisherige Praxis nicht mehr funktioniert und die Vorstellung, wie das eigene Unternehmen zu sein hat, nicht mit dem Alltag übereinstimmt. Das heißt, es gibt ein Diskrepanzerleben. Das ist der Startpunkt. Und dann gilt es, deutlich zu machen, wie das konkrete Problem beispielsweise mit Unsicherheitsbearbeitung, strukturellen Konflikten und/oder bestimmten Paradoxien verknüpft ist.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Organisation, den eigenen Verhaltensweisen ist der erste Schritt, Probleme zu lösen und damit auch Veränderungen zu gestalten?

Ja, bevor wir uns mit den Veränderungen beschäftigen, steht die Frage im Raum: Wie schauen wir auf die Organisation? Wir versuchen, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln, wie der aktuelle Zustand entstanden ist, setzen uns also mit dem Status quo auseinander und erklären dessen Zustandekommen. Wichtig ist auch: Wir werten den Status quo bewusst nicht ab – stärker noch – wir praktizieren ein „funktionales Reframing“. Es geht um ein positives Bewerten, im Sinne von: Wozu war es gut, dass wir uns bisher nicht verändert haben? Was müssen wir auch zukünftig erhalten? Erst wenn wir dieses gemacht haben, reflektieren wir mit dem Kunden, „wohin die Reise gehen soll“. Ohne ein „Wozu“, ohne ein Zielbild keine Veränderung. Ins Verhältnis gesetzt, würde ich sagen, es sind 75 Prozent „Arbeit am Status quo“, damit die 25 Prozent „Veränderung“ richtig gut gelingen.

Das ist ein anderer Ansatz als ihn viele klassische Change-Ansätze verfolgen, die die volle Energie in das Neue investieren: Wo müssen wir agiler werden? Wo müssen wir digitalisieren? Was ist unser Purpose? Wohin entwickeln sich andere Unternehmen? In diesem Vorgehen wird der Status quo oft zu wenig bis gar nicht mitgenommen. Damit bleibt auch das Gute, das Gelingende auf der Strecke. Ich bin überzeugt: Organisationen können sich – wie alle evolutionären Systeme – nur vom Status quo aus weiterentwickeln. Deswegen:

Man kann man es sich nicht leisten, den Status Quo zu ignorieren.

Aber ist es nicht möglich, während man das Neue gestaltet, etwas über sich selbst zu erfahren und zu lernen?

Sicher, auch dann lernen alle, das geht wahrscheinlich gar nicht anders. Der Unterschied liegt darin, worauf ich den primären Fokus lenke: Auf das, was „wegsoll“ oder auf das, „was bleiben kann“. Der Fokus auf das, was „wegsoll“, birgt die Gefahr, dass man den Status quo und die Menschen, die diesen hergestellt haben, abwertet und Widerstand erzeugt.

Übrigens, aus dieser Sorge vor dem Widerstand lagern viele Unternehmen Veränderungen in Projekte oder Stabsstellen aus. Doch diese Abkopplung führt nicht selten dazu, dass die Veränderungen keinen echten Einfluss auf die alltägliche Organisation haben. Unsere Erfahrung zeigt, wie gesagt, dass es entscheidend ist, zuerst zu verstehen, wie der Status quo erzeugt wurde und was an den bestehenden
Strukturen bewahrt werden muss, bevor man Veränderungen angeht. So arbeitet man nicht gegen den Widerstand der Organisation, sondern mit ihm.

Du hast mit deinem Team vor einiger Zeit ein Forschungsprojekt mit dem Titel „New Organizing“ initiiert. Worum ging es euch dabei genau?

Der Anlass für dieses Forschungsprojekt war die Beobachtung, dass das, was in der Beratungs- oder „LinkedIn-Welt“ unter den Stichworten Selbstorganisation, Agilität, Holacracy, New Work als moderne Ansätze propagiert wird und dem, was wir in vielen Jahren an Veränderungsprozessen in großen Organisationen erleben haben, sehr weit auseinander lag.

Wo genau lagen die Unterschiede?

In der medialen Rezeption wurden immer wieder bestimmte Modelle gehypt, die stets mit denselben Unternehmen bzw. einem bestimmten Unternehmenstypus verknüpft waren, oft junge Dienstleistungsorganisationen, die nicht mehr als etwa 200 Mitarbeitende haben. Aber in unserer Beratungspraxis haben wir derartige Modelle in größeren Konzerneinheiten oder Familienunternehmen nicht beobachten können.

Wir wollten untersuchen bzw. haben untersucht, wie neue Organisationsformen jeweils eingeführt worden sind – oder auch nicht. Dafür haben wir unsere swf-Alumni angeschrieben und letztlich 45 Forscherinnen und Forscher gefunden, die Lust hatten, bei dem Projekt mitzumachen. In kleineren Gruppen haben sie qualitative empirische Forschung betrieben, viele Interviews geführt und letztlich 14 Fallstudien erstellt. Meine Kollegen Gerhard Krejci, Stefan Günther und ich haben die Fallstudienarbeit begleitet und die einzelnen Studien auf Gemeinsamkeiten hin ausgewertet. Die Frage, die über allen Interviews stand, war: Wie gelingt „New Organizing“?

Unter den „neuen Organisationsformen“ lassen sich ja, wie du erwähnt hast, sehr unterschiedliche Ansätze zusammenfassen. „Agilität“ ist zum Beispiel sehr allgemein, „Scrum“ hingegen ist konkreter; „Holacracy“ ist konkret und sehr komplex und „New Work“ ein sehr diffuser Begriff. Diese Ansätze lassen sich doch eigentlich nicht vergleichen, oder?

Wir haben ganz bewusst diffus gefragt, weil wir auch untersuchen wollten, was die jeweiligen Organisationen konkret machen – unabhängig von der Frage, wie sie es benennen. Ein zentrales Ergebnis war zum Beispiel, dass Unternehmen häufig diffus von Agilität oder New Work sprechen, aber das, was sie letztlich umsetzen, wenig mit den ursprünglichen Konzepten zu tun hat. Beispielsweise wird „Agilität“ sehr unterschiedlich verwendet. Für die einen ist es skaliertes Scrum, für die anderen die Einführung von Homeoffice. Und allein schon, wie solche Begriffe in die Organisation eingeführt werden, ist sehr spannend. Die Konzepte werden häufig als Feigenblatt eingesetzt:

Es wird zwar von neuen Organisationsformen gesprochen, aber in der Praxis bleibt vieles beim Alten.

Oder kleine Initiativen werden aufgebauscht.

Aber warum kommt es zu dieser Kluft? Warum gelingt es meist nicht, diese modernen Ansätze in den größeren Organisationen zum Leben zu bringen?

Wir haben zahlreiche tolle Initiativen gesehen – meistens bottom-up getrieben –, die voller Elan gestartet wurden, aber dann entweder isoliert blieben oder nicht nachhaltig in die Abläufe und den Alltag der Organisationen integriert werden konnten. Die Initiativen erlahmten, obgleich sie zum Teil erfolgreiche Projekte hatten.

Beispielsweise hat eine Forschergruppe einen Turbinenbauer untersucht, bei dem durch die Umstellung auf ein agiles Arbeiten mit der Hälfte der Mannschaft effizienter gearbeitet werden konnte als vorher. Und trotzdem ist das Projekt an der Gesamtorganisation gescheitert, weil es nicht gelang, das agile Arbeiten in die Abläufe der Organisation zu bekommen.

Und woran liegt das? Sind die Abwehrkräfte der Organisation einfach zu stark oder fehlt die Unterstützung des Top-Managements?

Ein Hauptgrund für das Scheitern vieler Initiativen – egal ob top-down oder bottom-up – ist die mangelnde kontinuierliche Unterstützung durch die oberste Führungsebene. Die Initiativen wurden kurzfristig gepusht, aber dann von anderen Initiativen abgelöst. Zudem fehlte die Anbindung der neuen Methoden an die strategische Überlebensfrage der Organisation. Neues muss eine Antwort auf die wettbewerbsrelevanten technologischen und organisationalen Fragen bieten. Das gelingt meist nicht. Viele Ansätze driften in die Sozialdimension des Miteinanders ab, vor allem die Initiativen, die unter „New Work“ laufen. Sie entwerten sich selbst und werden entweder als nettes Projekt betrachtet – solange es der Organisation gut geht – oder aber als Pflicht, weil neue Mitarbeitende danach fragen.

Ein weiteres Problem ist, dass sich viele dieser Ansätze stark auf Teamarbeit und Selbstorganisation fokussieren, dabei aber nicht die Gesamtorganisation mit ihren Organisationslogiken und strategischen Herausforderungen im Blick haben. Sie sind sozusagen antiorganisational konzipiert.

Lassen sich vielleicht Unternehmen ab einer gewissen Größe gar nicht mehr bewegen?

Größere Organisationen verändern sich oft nur durch den externen Druck, der vielleicht auch die Existenz infrage stellt. Diese Veränderungen erfolgen recht spät und sind dann häufig drastisch, wie man gerade bei VW sieht.

Aber bezogen auf die Einführung von neuen Organisationsformen ist die Größe eines Unternehmens ein Problem.

Sicherlich, das Problem bei den von uns untersuchten Fällen, war vor allem, dass die Initiativen nicht die Überzeugungskraft in der Tiefenstruktur der Organisation hatten. Sie konnten keine besseren Alternativen zu den vorhandenen Routinen bieten. Die Verfahren innerhalb der Organisation, die Hierarchieebenen, die Karrierewege, die Entlohnungswege – all das prägt Handeln. Viele der neuen Organisationsmodelle sind diesbezüglich sehr naiv und es werden beispielsweise einfach Zusammenarbeitsaspekte im Team hochgerechnet auf die Organisation.

Was erlebst du nun bei den Unternehmen, die neue Organisationsformen eingeführt haben, aber merken, es funktioniert nicht?

Als Berater werde ich derzeit häufiger von Unternehmen angefragt, die sich in einer post-agilen Phase befinden – auch in unseren Weiterbildungen höre ich das immer häufiger. „Post-agil“ heißt dann leider auch, dass erst mal die Scherben aufgesammelt werden müssen, die durch überzogene Erwartungen an Hierarchiefreiheit entstanden sind – um es mal bildlich auszudrücken. Diese Unternehmen scheinen jetzt – zum Glück – öfter Systemiker zu holen. Aber ich als Systemiker blicke da natürlich nicht neutral drauf.

Vor Kurzem war ich zum Beispiel bei einem Unternehmen, das eine Bereichsleiterebene herausgenommen hat mit dem Ziel, die Selbstorganisationskraft zu erhöhen. In der Logik einer Zirkelorganisation wurden hierarchiefreie Gremien rund um Produkt- und Kundengruppen eingeführt, mit durchaus vorzeigbaren Ergebnissen: vor allem die Kundenzufriedenheit wurde erhöht – leider zu erhöhten Kosten.

Bei der Frage, wie man nun die Kundeninteressen und das Kostendenken zusammenbringt, waren die Gremien massiv überfordert. Es kam, wie mir berichtet wurde, zu endlosen, ergebnislosen Diskussionen, sodass das Engagement in den Gremien erlahmte. De facto konnten in den Zirkeln nur noch die netten kleinen Verbesserungen besprochen werden, harte Entscheidungen wurden nicht getroffen, sondern an den Vorstand delegiert.

Geschichten wie diese erlebe und höre ich recht oft. Unternehmen, die ursprünglich das Ziel hatten, schneller und agiler zu werden, überfordern sich in den Gremien und der Vorstand klagt über eine zu hohe Entscheidungslast.

Was haben Unternehmen wie in deinem Beispiel übersehen bei ihrer Transformation?

Sie haben übersehen, dass es Hierarchisierung in diesen Gremienstrukturen braucht.

Durch die implizite oder auch explizite Einführung von Gleichheitsideen verlieren die Organisationen ihre Entscheidungsfähigkeit.

Fehlt es an Hierarchie oder braucht es nicht mindestens ebenso eine gewisse Reife der Diskussions- und Konfliktkultur?

Mit Reifemodellen kann ich wenig anfangen. Es braucht nicht unbedingt die Hierarchie als Organisationsprinzip, sondern es muss eine Idee von Hierarchisierung geben. Es muss klar sein, was im Zweifelsfall unternehmerisch wichtiger ist. Ist es uns wichtiger, hier lange zu diskutieren oder ist es wichtiger, schnell zu einer Entscheidung zu kommen und sich dafür ein Stück weit zurückzunehmen? Ein geteiltes
Verständnis davon zu haben, dass es besser ist, zu entscheiden, als nicht zu entscheiden, ist beispielsweise auch die Hierarchisierung einer Idee. Wenn du nach Reife fragst, dann würde ich eher von „organisationaler Spielfähigkeit“ sprechen, also die Fähigkeit, trotz erwartbarer Widersprüche Entscheidungen treffen zu können.

Du hast von der post-agilen Phase gesprochen. Würdest du das verallgemeinern?

Ich würde jetzt nicht insgesamt das „Post-agile-Zeitalter“ ausrufen. Wir haben immer Gleichzeitigkeitsphänomene. Für viele der Organisationen, die vor einiger Zeit Agilität eingeführt haben, beginnt nun die post-agile Phase, nicht nur, aber auch, weil sie sehen, dass es nicht das Wundermittel ist, mit dem alle Probleme gelöst sind. Es gibt derzeit allerdings auch viele agile Projekte in Verwaltungen zum Beispiel, die erfolgreich laufen und es gibt viele Unternehmen, die noch nie was mit Agilität zu tun gehabt haben – und wahrscheinlich wird sich das nicht ändern. Interessant ist doch: Die Probleme, die mit Hilfe der Agilität gelöst werden sollten, sind weiterhin sehr gegenwärtig. Zum Beispiel: Wie gelingt es einer Organisation, sich schnell anzupassen?

Egal, ob agiles oder post-agiles Zeitalter: Die Herausforderung für Unternehmen, sich schnell an neue Gegebenheiten anzupassen, bleibt bestehen?

Genau! Wandel- und Lernfähigkeit sind zeitlose Fertigkeiten, die jede Organisation braucht, um langfristig erfolgreich zu sein. Sicher wird es immer wieder Anbieter und Ansätze geben, die die perfekte Lösung versprechen. Sich hiervon nicht beeindrucken zu lassen, ist sicher auch ein Entwicklungsschritt.

Für viele Unternehmen kommt jetzt wahrscheinlich die Phase, in der vieles – was man vorher mit Agilität beantworten wollte – durch KI und Digitalisierung abgelöst wird. Auch hier gibt es ohne Zweifel wirksame und spannende Möglichkeiten. Aber sie werden auf eine gewachsene Organisation mit ihren Prämissen treffen.

Meiner Erfahrung nach ist es für einen gelingenden Veränderungsprozess entscheidend, sich immer wieder mit ein paar sehr grundlegenden Fragen zu beschäftigen. Dazu gehören Fragen nach der Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen zum Beispiel, oder wie die Wahrnehmung der Mitarbeitenden in die Organisationsstrukturen gebracht werden kann.

Organisationen waren schon immer und werden auch zukünftig geprägt sein von Paradoxien.

Das würde ich durchaus verallgemeinern. Sie müssen ständig Ziele und Aufgaben, die gleichzeitig existieren und widersprüchlich sind, in einen produktiven Ausgleich bringen: Stabilität und Veränderung, Innovation und Routine, Innen- und Außenorientierung müssen immer wieder in Einklang gebracht werden. Das ist nicht neu. Sich dieser Paradoxien bewusst zu sein, ist für den Erfolg von Veränderungsprozessen wichtiger als jede Methode und jede Mode.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jan C. Weilbacher.

 

changement! Heft 09/2024

 

Autor

Torsten Groth
ist seit 2021 geschäftsführender Gesellschafter der Organisationsberatung Simon Weber Friends GmbH (swf). Er ist Referent und Trainer zu Anwendungsfragen der Systemtheorie in Management und Beratung sowie systemischer Berater mit den Schwerpunkten „New Organizing“ und Familienunternehmen. Torsten Groth ist zudem Herausgeber der Reihe „Management und Organisationsberatung“. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur systemischen Sicht auf Beratung, Organisation und Führung. Zuletzt ist von ihm (zusammen mit Timm Richter) 2023 im Carl-Auer-Verlag erschienen: „Wirksam werden mit Systemtheorie“.

„Die Unternehmen müssen mitmachen“

Das mittelständische Unternehmen edding befindet sich in der Transformation von einem profitorientierten zu einem sinnökonomischen Unternehmen. Ziel ist es, der Umwelt und Gesellschaft langfristig mehr zurückzugeben als für die Existenz und Weiterentwicklung des Unternehmens an Ressourcen benötigt wird. Im Interview spricht der CEO Per Ledermann über die Beweggründe für den Wandel, die vier Säulen der Nachhaltigkeit sowie die Herausforderungen und wichtigsten Erfolgsfaktoren der Transformation.

Herr Ledermann, im vergangenen Jahr konnte man lesen, dass sich edding von einem profitorientierten hin zu einem sinnökonomischen Unternehmen transformieren möchte. Ein bemerkenswertes Vorhaben. Wie viel Marketing steckt hinter dem Begriff der sinnökonomischen Transformation?

Wir wollen sehr bewusst den Zusammenhang zwischen Ökonomie und Sinn deutlich machen. Wenngleich ich auch sagen kann, dass edding ein Unternehmen ist, das sich schon immer über den reinen Profit hinaus sowie zur Rolle des Unternehmens in der Gesellschaft Gedanken gemacht hat.

Mittlerweile interessiert das Thema aber tatsächlich viele Menschen und wir können weitreichende Wirkung entfalten. Insofern reden wir auch laut über Nachhaltigkeit und Sinnökonomie. Es ist ein wesentlicher Teil unseres Marketings und wir versuchen, vielen Stakeholdern zu zeigen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen ökonomischem Erfolg und unserem sinnökonomischen Weg. Es ist nichts Verwerfliches daran, darüber zu sprechen.

Wir sind gerade dabei, unsere gesamte Kommunikation auf dieses Thema umzustellen. Das gehört dazu und ist Bestandteil der Transformation.

Sie sagen, Nachhaltigkeit war schon immer ein großes Thema bei edding. Aber wie kam es zu der Entscheidung, den primären Zweck des Unternehmens umzustellen? Gab es einen besonderen Anlass?

Es gab nicht diesen einen Moment, in dem wir gesagt haben: Jetzt gießen wir das Ganze in eine Strategie. Es war ein Prozess. Wir haben immer deutlicher gesehen – wir alle sehen das –, dass wir als Gesellschaft vor großen Aufgaben stehen. Wir beschäftigen uns mit dem aktuellen Stand der Forschung und wir wissen: Wenn die Wirtschaft nicht eine entscheidende Rolle hinsichtlich der gesellschaftlichen Transformation einnimmt, dann werden wir sie nicht hinbekommen – weder in Bezug auf die ökologische Dimension noch bezüglich der sozialen. Von daher bin ich davon überzeugt: Es gibt nur diesen einen Weg, um überhaupt als Gesellschaft eine Chance zu haben, sich regenerativ aufzustellen und zukunftsfähig zu sein. Die Unternehmen müssen mitmachen.

Sollten die Unternehmen Ihrer Meinung nach also noch mehr Verantwortung übernehmen, wenn es um die gesellschaftliche Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit geht?

Ja, ohne das wird es nicht gehen. Wir müssen mindestens das tun, was vereinbart wurde, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen und den Anstieg der Erderwärmung nicht zu groß werden zu lassen. Das gelingt jedoch nicht, wenn wir weiter so produzieren, wie wir das heute machen, und nicht den Ressourcen- und Carbon-Bedarf minimieren. Es gibt eine Studie, die besagt, dass es ein Weg wäre, unsere Wirtschaft jedes Jahr um sieben Prozent schrumpfen zu lassen. Ich denke mal, das wollen wir alle nicht. Dann würde uns der Wohlstand verloren gehen und wir hätten wahrscheinlich sehr schnell noch ganz andere Wahlergebnisse und vielleicht Unruhen. Das heißt: Der einzige Weg ist, dass die Unternehmen die Art und Weise, wie sie zum Beispiel Produkte herstellen und sie transportieren, verändern müssen. Sie müssen es mit weniger Ressourcen hinbekommen. Die Innovationen dazu stehen noch am Anfang, aber es ist wichtig, schnell Tempo aufzunehmen.

Ich finde es so wichtig, dass man sich das bewusst macht und das nachhaltige Wirtschaften ins Zentrum der Strategie stellt.

Ansonsten bleibt alles wie immer.

Ihr Unternehmen ist mehrheitlich in Familienbesitz. Inwieweit wäre eine solche Transformation mit einer anderen Eigentumsstruktur möglich?

Wir sind ein börsennotiertes Familienunternehmen. Die Mehrheit der Aktien liegt in den Händen der Familie. Insofern muss man sicherlich ein paar weniger Menschen hinter sich bekommen. Jedoch gab es in unseren Aktionärskreisen – nachdem wir das bekannt gegeben haben – durchaus die eine oder andere kritische Stimme.

Der weitaus größte Teil steht dem Ganzen allerdings positiv gegenüber. Wir haben gerade ein Aktienrückkaufprogramm auf den Weg gebracht, um den Menschen, die den Weg nicht mitgehen wollen, die Gelegenheit zu geben, ihre Aktien zu verkaufen. Das haben nur sehr wenige wahrgenommen.

Auch unsere Banken unterstützen den Weg.

Deshalb würde ich es eher als Ausrede ansehen, wenn jemand sagt, nur als Familienunternehmen könne man eine solche Transformation ernsthaft angehen.

Wie sehen Ihre primären Nachhaltigkeitsziele aus? Können Sie die kurz skizzieren?

Wir setzen unsere Ziele mittels einer Balanced Scorecard um. Und es ist schon länger so, dass da nicht nur Finanzziele drinstehen. Das Thema Nachhaltigkeit bilden wir heute mittels vier Säulen in der Balanced Scorecard ab.

Das eine ist eine ökologische Nachhaltigkeit. Hier ist das Kernziel, dass wir 3.000 Tonnen CO₂-Äquivalente aus unserem Produktionssystem nehmen wollen, bis Ende 2026, also in den nächsten zweieinhalb Jahren.

Die zweite Säule ist die soziale Nachhaltigkeit. Auch die spielt für uns eine wichtige Rolle. Wir sehen unsere Produkte auch als Mittel, um sich auszudrücken. Und es gibt eben gesellschaftliche Gruppen, die sind in ihren Möglichkeiten sich auszudrücken eingeschränkt, zum Beispiel aufgrund von physischen oder rechtlichen Einschränkungen.

Wir arbeiten beispielsweise sehr intensiv mit einer Stiftung zusammen, die unser Gründer Carl-Wilhelm Edding ins Leben gerufen hat, die sich um Rechte von Migrantinnen und Migranten kümmert, auch die sind ja in vielerlei Hinsicht eingeschränkt – sprachlich, aber auch rechtlich. In diesem Bereich haben wir beispielsweise das Ziel, 10.000 Menschen zu helfen. Und dafür gibt es auch ein entsprechendes System, um die Zielerreichung zu messen.

Die dritte Säule ist die interne Nachhaltigkeit. Dahinter verbirgt sich einerseits die Mitarbeitendenzufriedenheit, aber auch das Engagement. Wir haben zum Beispiel das Ziel, dass ein Drittel unserer Mitarbeitenden bis 2026 im Corporate Volunteering aktiv ist.

Und schließlich haben wir die vierte Säule, die ökonomische Nachhaltigkeit. Darin stecken zum einen knallharte Finanzziele, zu Umsatz und Profitabilität zum Beispiel. Zum anderen bilden wir dort ebenfalls die Perspektiven der Kunden ab.

Wir fragen diese unter anderem regelmäßig – Online-Kunden und große Handelspartner –, wie wichtig es ihnen ist, dass edding so nachhaltig wirtschaftet, wie wir es tun. Auch diesbezüglich gibt es Ziele.

Wir haben also insgesamt vier Säulen: die interne, ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit.

Und dazu gibt es jeweils klare, messbare Ziele, die wir erreichen wollen.

Kann man sagen, dass die von Ihnen erwähnte Einsparung der 3.000 Tonnen CO₂-Emissionen der größte Hebel ist, um Ihre ökologischen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen?

Wenn wir über die Reduzierung unserer Treibhausgasemissionen sprechen, verwenden wir übrigens die internationale Abkürzung für CO₂-Äquivalente: CO₂e. Denn wir berücksichtigen bei der Bilanzierung alle Treibhausgasemissionen.

Zu Ihrer Frage: Bezüglich der ökologischen Nachhaltigkeit ist die Dekarbonisierung sicherlich der Kern dessen, was wir messen können.

In Bezug auf die Dekarbonisierung sind die Produkte für ein produzierendes Unternehmen sicherlich der größte Hebel.

Von daher steht das schon im Zentrum. Dahinter verbirgt sich vor allem ein großes Projektportfolio, das kontinuierlich abgearbeitet und weiterentwickelt wird. Da geht es um die Umstellung auf Recyclingmaterialien, die Reduktion von Wanddicken oder Verpackungen. Und jedes Mal bewerten wir genau, was es uns jeweils kostet und wie hoch die CO₂e-Einsparungen sind.

Aber die Dekarbonisierung bedeutet für Sie immer erst einmal, Investitionen zu tätigen. Sie brauchen neue Produktionsverfahren und/oder neue Materialien.

Genau. Auch das berechnen wir. Wir hätten es uns einfach machen können und den Weg der Kompensationen gehen können, wie es viele andere Unternehmen machen. Man bezahlt dann 25 Euro oder so für die Tonne CO₂e, die man ausstößt. Das bedeutet aber auch, dass der Schaden weiter entsteht und nur ein Pflaster draufgeklebt wird, anstatt das System selbst nachhaltiger zu gestalten. Kompensation wäre für uns viel günstiger gewesen als im eigenen System zu arbeiten. Im Moment bearbeiten wir Projekte, die uns in etwa 300 Euro pro Tonne CO₂e kosten.

Das Wichtige ist, dass wir unsere Produktionsverfahren verändern, und das bedeutet erst mal ein Investment. Zum Teil versuchen wir, das auf die Preise umzulegen, aber an vielen Stellen ist das gar nicht möglich. Das heißt für uns, ökonomisch zunächst einen Rückschritt zu machen.

Und dennoch gibt es mehr und mehr Handelskunden, die sagen, dass sie genau mit Unternehmen wie uns zusammenarbeiten wollen, Unternehmen, denen Nachhaltigkeit ehrlich wichtig ist. So einen Zuspruch kann man manchmal nicht direkt umrechnen, aber es hilft in der Kundenbeziehung. Das zeigt sich dann vielleicht daran, dass man nicht umgehend ausgelistet wird vom Handelspartner, wenn dieser mit einer Preiserhöhung eigentlich nicht einverstanden ist.

Dass Unternehmen Kompensationen zahlen, ist der häufigere Weg?

Ja, das ist noch der gängige Weg, aber die Wissenschaft hat eine ganz klare Meinung: Nur Kompensationszahlungen zu tätigen, nützt uns auf Sicht nichts.

So viele Bäume können wir gar nicht pflanzen, um einfach so weitermachen zu können wie bisher.

Was bedeutet die Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit intern, für die Mitarbeitenden, auch zum Beispiel, wenn es in die Verhandlungen mit den Kunden und Lieferanten geht? Ich denke, die Mitarbeitenden müssen selbst erst einmal überzeugt sein von dem Weg, bevor sie in den Austausch mit den Partnern gehen.

Genau. Intern heißt das zunächst, Überzeugung schaffen. Aber diesen Prozess kann man auch unterstützen, zum Beispiel durch Incentive-Systeme. Wir sind gerade dabei, sowohl auf der Einkaufs- als auch auf der Verkaufsseite entsprechende Ziele zu setzen, wenn es darum geht, CO₂e-Reduktionsprojekte umzusetzen.

Das Gleiche gilt für die Handelsseite, hier hat man ebenfalls die Möglichkeit, gemeinsame Projekte umzusetzen, zum Beispiel mit dem Ziel, die Lieferwege zu optimieren und CO₂e aus der Wertschöpfungskette rauszunehmen.

Dafür suchen wir uns Partner oder es gibt langjährige Partnerschaften, mit denen es aufgrund des kooperativen Austausches einfach umzusetzen ist. Es kann jedoch auch vorkommen, dass wir sagen: „Wenn wir weiter zusammenarbeiten wollen, dann muss das der nächste Schritt sein.“

Wie war die Reaktion der Mitarbeitenden, als klar wurde, dass edding konsequent den Weg der Nachhaltigkeit geht? Schließlich ist die Transformation mit klaren Erwartungen an die Beschäftigten verbunden.

Insgesamt war das Feedback schon sehr positiv. Das Hauptthema war vor allem, was jeder Einzelne beitragen kann. Wir haben viel Aufwand betrieben hinsichtlich Erklärungen und Austausch. Wir haben eine Roadshow in allen unseren Tochtergesellschaften durchgeführt und der Vorstand war in jeder Niederlassung. Es fanden halbtägige Workshops statt, um zu überlegen und zu diskutieren, was jeder neben den Leuchtturmprojekten im täglichen Tun unternehmen kann.

Natürlich gab es ebenfalls den ein oder anderen, der gesagt hat: Das ist nicht mein Weg. Ein bisschen Fluktuation lässt sich nicht vermeiden bei einer strategischen Neuausrichtung. Das ist vollkommen okay. Die, die dabeibleiben, sind umso motivierter.

Und achten Sie beim Recruiting ganz besonders darauf, dass neue Mitarbeitende sich mit der Transformation identifizieren können?

Absolut. Das Recruiting war einer der ersten Prozesse, die wir angepasst haben. Wir achten sehr darauf, dass die neuen Mitarbeitenden hinter dem Weg von edding stehen. In unseren Ausschreibungen machen wir sehr deutlich, welche Menschen mit welchem Mindset wir suchen – und zwar nicht nur in irgendeiner spezialisierten Corporate-Sustainability-Abteilung, sondern auch, wenn wir einen neuen Controller oder eine Vertrieblerin suchen. Im Bewerbungsgespräch klopfen wir dann ebenfalls das Thema Haltung ab. Unsere Erwartungen gehen über die rein fachliche Komponente hinaus.

Spiegelt sich diese Transformation auch in den Zielsystemen oder Anreizsystemen gerade für Führungskräfte wider oder setzen Sie vor allem auf intrinsische Motivation und Überzeugung?

Alle unsere Führungskräfte sind an die Balanced Scorecard gekoppelt und damit an die Nachhaltigkeitsziele. Und es gibt kurz- und mittelfristige Ziele, die ausgewogen sind und nicht nur Finanzziele beinhalten. Die Mitarbeitendenzufriedenheit oder die Beteiligungsquoten der Corporate-Volunteering-Programme und natürlich die Projekte zur CO₂e-Reduktion sind unter anderem ebenfalls Teil der Ziele der jeweiligen Führungskraft.

Wie läuft es mit der Beteiligung an den Corporate-Volunteering-Programmen?

Insgesamt läuft es gut, aber wir müssen perspektivisch eine deutliche Steigerung hinbekommen in Bezug auf die Beteiligungsquote. Dafür schafft jetzt unser Corporate Sustainability Management neue Angebote, die nötig sind, um überhaupt hohe Beteiligungen zu bekommen. Und zusätzlich rufen wir dazu auf, selbst Ideen zu entwickeln, die womöglich aus der persönlichen Situation heraus entstehen, weil man sich zum Beispiel ohnehin ehrenamtlich im Umweltschutz engagiert oder man im privaten Bereich von einem tollen sozialen Engagement gehört hat.

Wir haben ebenfalls mehr und mehr Mitarbeitende, die wir dabei unterstützen, wenn sie selbst etwas auf die Beine stellen. Wir nehmen das dann auch mit auf in unser Zielsystem – wenn es zu unseren sozialen oder ökologischen Nachhaltigkeitszielen passt.

Was würden Sie sagen, sind ganz allgemein betrachtet, die wichtigsten Erfolgsfaktoren, damit Ihre Transformation gelingt?

Auf der einen Seite brauchen wir Professionalität hinsichtlich des Produkt- sowie Projekt- und Portfoliomanagements. Wir müssen klare Ziele formulieren und unsere Projekte danach strategisch vorauswählen und ausrichten.

Zum anderen geht es um das richtige Mindset, das nötig ist, um sich als Organisation kontinuierlich weiterzuentwickeln. Das zeigt sich schon im Kleinen, wenn einem Mitarbeitenden zum Beispiel auffällt, dass es bei uns immer noch einzeln verpackte Süßigkeiten gibt oder wir in unserem Obstkorb Sorten haben, die gar nicht zur Jahreszeit passen. Oder: Wir nutzen beispielsweise für unsere internen Workshops Flipchart-Marker, die von Kunden zurückgeschickt werden. Das sind zum Glück nicht viele. Bereits durch solche kleinen Sachen entsteht ein Bewusstsein für nachhaltiges Handeln, dass bei jedem Schritt, jeder Entscheidung so wichtig ist.

Eine Frage zur Struktur. Sie haben eine Abteilung rund um Nachhaltigkeitsmanagement. Welche Aufgabe hat sie? Und braucht man sie nicht vor allem als Übergangsfunktion?

Ich glaube, die Übergangsfunktion haben wir schon hinter uns gelassen. Das war die Zeit, in der alle Projekte dort gelaufen sind. Das haben wir jetzt dezentralisiert. Was nun notwendig ist, ist Koordination. Und es braucht einen Bereich, der den Überblick hat, Transparenz herstellt, bei dem alle Projekte zusammenlaufen und wo auch der Dekarbonisierungsbeitrag bewertet wird oder eine Bewertung mit Blick auf die soziale Dimension stattfindet.

Eine andere wichtige Aufgabe ist das externe Reporting. Es gibt nun immer mehr Regularien. Das finden wir prinzipiell richtig, muss aber auch gestemmt werden. Das übernimmt ebenfalls die Sustainability-Abteilung.

Kriegen Ihre Mitarbeitenden regelmäßig Schulungen zu bestimmten Nachhaltigkeitsthemen?

Ja. Wir nennen das „Deep Dive“. Wir bieten zu den verschiedenen Nachhaltigkeitssäulen interne Formate an. Das sind dann manchmal mehrstündige Online-Formate, die Mitarbeitenden ermöglichen, ein Thema tiefer zu durchdringen. Und dann gibt es zusätzlich individuelle Schulungen für bestimmte Abteilungen, bei denen es um ganz spezielle Themen wie zum Beispiel neue Materialien geht.

Wir müssen uns alle kontinuierlich fortbilden – auch der Vorstand. Das ist im Grunde Risikovorsorge, die jedes Unternehmen betreiben sollte. Wer heute nicht auf die Veränderungen vorbereitet ist, der wird überrollt – entweder von den Anforderungen durch die regulative Seite oder von dem sich verändernden Konsumentenverhalten.

Was denken Sie, was für die Mitarbeitenden ganz besondere Herausforderungen in Sachen Nachhaltigkeit sind?

Wenn das Thema Nachhaltigkeit die Kundenbeziehung betrifft, dann ist das sicherlich meist eine Herausforderung. Wir hatten neulich mit einem Kunden die Diskussion zur Blister-Verpackung, die wir gerne generell loswerden wollen. Es hieß, der Kunde wolle gerne auf Karton umstellen, weil das nachhaltiger sei.

Es ist allerdings mit dem Blick auf den CO₂e-Ausstoß nicht nachhaltiger. Post-Consumer-Recycling- Kunststoff ist besser.

Wir haben dann unserem Key-Accounter aufgebrummt, das klarzustellen und zu verhandeln. Wir machen keine Marketing-Nummer, wenn das Vorhaben nicht wirklich nachhaltiger ist.

Der Key-Account-Manager war nicht gerade begeistert, dem Kunden notfalls abzusagen. Aber wir haben ihm natürlich die notwendige Rückendeckung gegeben. Am Ende hat alles funktioniert und wir haben unsere „Post Consumer Recycling Blister“ umgesetzt.

Was stimmt Sie grundsätzlich zuversichtlich, dass Sie als Unternehmen diese Transformation schaffen? Und was stimmt Sie zuversichtlich, dass wir es als Gesellschaft schaffen?

Gute Frage. Hinsichtlich unseres Unternehmens bin ich zuversichtlich, weil ich sehe, was alles seit August vergangenen Jahres bei uns passiert ist. Ich sehe an vielen Stellen kleinere und größere Dinge. Ich sehe unsere Projektlisten, die wachsen, ich sehe, wie unsere Systeme umgestellt werden und gleichzeitig sehe ich fast wöchentlich irgendwo in unserem Unternehmen ein cooles Beispiel für mehr Nachhaltigkeit, das wir dann auch intern teilen.

Man merkt: Da entsteht eine Bewegung.

Hinsichtlich unserer Gesellschaft ist die Zuversicht sicherlich nicht im gleichen Maße vorhanden. Aber wir sehen eine Menge Bewegung – bei den großen Stakeholdern, auf der regulativen Seite, aber eben vor allen Dingen auch auf der Seite der Konsumentinnen und Konsumenten sowie bei den Händlern. Ob das am Ende reicht? Schwer vorherzusagen. Allein, was bleibt einem anderes übrig, als alles dafür zu tun, dass man seinen Beitrag leistet und zu hoffen, dass es am Ende gut ausgeht.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jan C. Weilbacher

 

changement! Heft 06/2024

 

Autor

Per Ledermann
ist seit 2008 Chief Executive Officer und Vorstandsvorsitzender der edding AG, zuvor verantwortete er drei Jahre als CFO die Finanzbereiche und IT der Gruppe. Vor seiner Zeit bei edding hat Per Ledermann bei diversen Strategieberatungen Erfahrungen in Europa und im Mittleren Osten erworben. Als Sohn eines der beiden Unternehmensgründer Volker Detlef Ledermann führt er das Familienunternehmen in zweiter Generation. 2010 wurde er als Familienunternehmer des Jahres ausgezeichnet.
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Geduldig bleiben und lernen

Nicht wenige Unternehmen orientieren sich bei ihrer agilen Transformation an bestimmten Modellen wie Scrum. Marcus Raitner ist von Scrum fasziniert und hat in unterschiedlichen Rollen schon so manche Transformation einer IT-Organisation mitgemacht. Ein Gespräch darüber, was Frameworks leisten können, die Vorzüge von Scrum und welche Elemente bei jeder agilen Organisation vorhanden sein sollten.

Marcus, angenommen wir haben eine klassische Organisation, die in Abteilungen organisiert und stark hierarchisch geprägt ist. Das Projektmanagement läuft nach dem Wasserfall-Modell. Nun möchte sie sich agiler aufstellen. Hilft dieser Organisation ein Framework, das Leitplanken zum Vorgehen und/oder zu einem Zukunftsbild als Orientierung vorgibt?

Eine solche Situation, wie du sie beschreibst, gibt es häufig. Das Erste, was ich oft erlebe, ist, dass die Struktur nicht hinterfragt wird. Deshalb nimmt man die klassische, funktional organisierte Organisation und sagt: „Abteilung xy versucht jetzt agiler zu werden.“ Und diese Abteilung führt dann beispielsweise Kanban oder Scrum ein. Doch macht es überhaupt einen Unterschied, wenn diese eine Abteilung agiler wird?

Denn wenn man den ganzen Wertstrom und die Wertschöpfung in der Organisation betrachtet, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die eine Abteilung nur ein kleiner Ausschnitt in einer langen Kette von Übergaben ist.

Deshalb ist die spannende Frage: Was soll mit einer agilen Organisation überhaupt erreicht werden? Was ist das „Wozu“? Die Beantwortung dieser Frage sollte am Anfang stehen.

Es gibt einige Merkmale, die eine agile Organisation auszeichnen. Was wären für dich die wichtigsten, die entscheidenden Kernelemente einer agilen IT-Organisation?

Ein entscheidendes Element ist für mich immer die kontinuierliche Entwicklung eines gemeinsamen Produktes. Das kann ein IT-Produkt sein, das kann eine Software sein oder das, was die Organisation als Produkt versteht.

Du hast viele Jahre Erfahrung mit Scrum. Was fasziniert dich ganz allgemein daran?

Mich fasziniert daran das Bestreben, sich auf das Wesentliche zu fokussieren.

ich auf das zu konzentrieren, was Wert erzeugt. Es geht um die Entwicklung von bestmöglicher Software – mit dem genau richtigen Maß an Dokumentation. Es wird alles weggelassen, was nicht wertschöpfend ist: „Einfachheit – die Kunst, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren – ist essenziell“, heißt es deshalb in den Prinzipien des agilen Manifests.

Scrum war ursprünglich in der Softwareentwicklung im Einsatz. Doch sein Einfluss geht weit über den IT-Bereich hinaus.

Der Ursprung von Scrum liegt eigentlich nicht in der Softwareentwicklung. Der Begriff „Scrum“ wurde erstmals 1986 von Hirotaka Takeuchi und Ikujiro Nonaka in einem Artikel der „Harvard Business Review“ erwähnt, in dem sie einen neuen Ansatz für die Produktentwicklung beschrieben, der sich durch schnellere Iterationen, mehr Teamautonomie und  einen flexibleren Umgang mit Änderungen auszeichnete. Dieser Ansatz wurde mit dem Rugby-Begriff „Scrum“ verglichen, der die dynamische und teamorientierte Art der Produktentwicklung widerspiegeln sollte. Erst auf diesen Ideen ist das Scrum-Framework für die Softwareentwicklung entstanden, das 1995 erstmals vorgestellt worden ist.

Aber du hast natürlich auch Recht. Das, was wir heute als Scrum bezeichnen, wird als Softwareprodukt-Entwicklungsmethode gesehen.

Und nach meiner Beobachtung ist Scrum über die Softwareentwicklung hinaus sehr populär geworden. Die Prinzipien, Rollen und Artefakte sind Inspiration für die Gestaltung von Organisationen und Zusammenarbeit geworden. Insbesondere denke ich dabei an das iterative Vorgehen, die Verteilung von Verantwortung auf mehrere Schultern, die selbstorganisierten, interdisziplinären Teams. Scrum hat die Art, wie wir grundsätzlich zusammenarbeiten im Unternehmen, maßgeblich beeinflusst. Oder wie siehst du das?

Ja, das stimmt. Prinzipien aus Scrum haben sicherlich Einfluss gehabt auf die Art, wie Organisationen gebaut werden. Ich denke, das hat damit zu tun, dass die Prinzipien aus Scrum mit vielen Aufgabenstellungen in den Organisationen resonieren. Denn:

Das plangetriebene Vorgehen aus den 80ern und 90ern ist irgendwann zu langsam geworden.

Mittlerweile ist eher das empirische Vorgehen gefragt, was Scrum letztendlich ist. Für einen Sprint oder für einen Release wird eine Hypothese aufgestellt, es wird entwickelt und dann gibt es Feedback. Auf Basis dessen wird angepasst oder gar die Richtung geändert. Das ist Agilität im Kern, ein empirisches Vorgehen.

Und in einer zunehmend komplexen und schnelllebigen Welt macht dieses empirische Vorgehen mehr Sinn als ein klassisches plangetriebenes Vorgehen.

Inwieweit taugt Scrum als Orientierung gebendes Modell oder Framework für eine agile Transformation einer IT-Organisation?

Überall dort, wo ich einen Produktentwicklungscharakter habe – und das ist in der IT definitiv der Fall –, kann man nach Scrum arbeiten. Die Frage ist: Wo passt Scrum nicht?

Und wo passt es nicht?

Dort, wo man eher transaktional tätig ist. Zum Beispiel wenn Kundenanfragen oder Tickets abgearbeitet werden müssen, im Callcenter zum Beispiel.

Aber könnte man nicht umgekehrt sagen, dass es am Ende immer darum geht, Produkte an den Kunden zu liefern? Egal ob es IT- oder andere Produkte sind. Ein Unternehmen muss sich als Ganzes kundenzentriert ausrichten, um die bestmöglichen Produkte überhaupt bauen zu können.

Nehmen wir an, ein Unternehmen entwickelt und produziert Autos. Das kann man sicherlich bis zu einem gewissen Grad agil machen. Bei BMW habe ich das auch schon gesehen, dass das so passiert.

Aber irgendwann ist das Auto verkauft und dann wird After Sales wichtig oder Garantien werden in Anspruch genommen. Das ist dann transaktionales Business. Das kann man nicht im Produktentwicklungsprozess abbilden. Diese Kundenanfragen würde man nie in Sprints abarbeiten. Dafür ist eher Kanban geeignet.

Zu Kanban hast du auch eine große Nähe.

Wenn es um Agilität in der Automobilindustrie geht, kommt man an Kanban nicht vorbei.

Das ist ein klassischer Begriff aus dem Lean Management, wo die Methode herkommt.

Es gibt Menschen, die behaupten sogar, Scrum wäre Agilität mit Stützrädern und Kanban sei die reine Lehre. Denn Scrum bietet im Vergleich zu Kanban sehr viel Struktur: Sprints, bestimmte Rollen, Meetings und so weiter. Kanban hat das nicht, ist aber ebenfalls ein inkrementeller Entwicklungsprozess.

Du hast bezüglich Scrum vor allem von der Produktentwicklung gesprochen. Aber Scrum basiert doch auch auf bestimmten Prinzipien und Werten wie „Fokus“ und „Mut“. Denkst du, diese Werte können ebenfalls hinsichtlich der Zusammenarbeit und Führung in einer Organisation Orientierung geben?

Ja, Scrum basiert auch auf diesen Werten und davon kann man sich sicherlich inspirieren lassen. Dafür ist Scrum jedoch nicht gemacht. Ich finde, man darf es nicht übertreiben. Scrum will eine Produktentwicklungsmethode sein – nicht mehr und nicht weniger. Man kann sich vermutlich mehr aus dem „Agilen Manifest“ rausziehen, das einen breiteren „Scope“ hat.

So gut wie alle Firmen haben ihre IT-Organisation umgebaut oder haben das vor. Woran orientiert man sich bei einem solchen Umbau, bei dem es meist darum geht, agiler zu werden? Lässt man sich von vorhandenen Modellen inspirieren und entwickelt auf dieser Basis ein eigenes Framework?

Ich habe schon verschiedene Ansätze gesehen. Den Ansatz, den wir damals bei BMW verfolgt haben …

… das Programm „100 % Agile“ …

Ja, genau. Bei BMW haben wir unser eigenes Modell entwickelt. Wir hatten überlegt, was unsere Produkte sind und wie wir die IT entsprechend strukturieren sollen. So entstanden die unterschiedlichen Teams. Danach wurde überlegt, wie diese Teams zusammenarbeiten, nach welcher Methode. Im Kern war das sicherlich Scrum. Die spannende Frage war dabei aber vor allem: Wie arbeiten mehrere Teams zusammen, die am selben Produkt arbeiten? Also, wie skaliert das Ganze? Und wie sieht die Zusammenarbeit
im Großen über mehrere Produkte hinweg aus, wenn es Abhängigkeiten gibt? So wurde im Laufe der Zeit ein eigenes Modell entwickelt, was allerdings Geduld erfordert hat. Wenn man diese Geduld nicht hat, versucht man meistens, irgendein bekanntes Modell wie Spotify oder SAFe einzuführen.

Kannst du kurz noch mal sagen, was SAFe ist?

SAFe ist ein „Scaled Agile Framework“, ein allumfassender Werkzeugkasten für agile Skalierung.

Und dann gibt es beispielsweise noch LeSS, also Large-Scale Scrum. Dessen Anhänger behaupten oft, dass es auf Scrum basiert und ein „reines“ Framework bietet.

Wohingegen SAFe ein umfangreiches Corporate-Framework ist, das sehr viel Anklang in traditionellen Unternehmen findet und dort gut anschlussfähig ist. Doch viele „Agilisten“ sagen, mit SAFe springe man bei einer Transformation nicht weit genug. Ich bin dafür, dass man immer sein eigenes Modell entwickelt. Nur dadurch findet Lernen statt.

Was würdest du aber empfehlen, wie man mit solchen Modellen wie von Spotify oder SAFe umgeht als Unternehmen? Macht es Sinn, sich zumindest von diesen Modellen inspirieren zu lassen?

Absolut. Gerade in SAFe gibt es viele einzelne Praktiken, die wichtig und hilfreich sind, zum Beispiel der vierteljährliche Zyklus, in dem man das PI Planning macht, also das „Program Increment Planning“. Es gibt damit oberhalb des Sprintzyklus noch einen Unternehmenszyklus, bei dem man über Abhängigkeiten und Prioritäten spricht. Das ist sinnvoll.

Man kann sich also von solchen Modellen einzelne Methoden rausnehmen. Aber man muss erst einmal zu diesem Punkt kommen, an dem man feststellt, dass in Sachen Koordination von mehreren Teams eine Herausforderung besteht.

Man muss selbst den Schmerz einmal spüren?

Genau. Und dann findet Lernen statt, dann ist es nachhaltig.

Du hast schon die Transformation der IT-Organisation bei BMW erwähnt, das Programm mit dem Namen „100% Agile“. Das Vorhaben war damals auch in den Medien. Was war der Grund für das Vorhaben?

Wir sind weggegangen von diesem klassischen IT-Modell, das darauf beruht, dass die IT eigentlich stabil sein muss. Dieses Paradigma hat früher geherrscht. Aber damit ist man heute zu langsam. Man kann nicht immer, wenn sich etwas verändert, erst einmal ein Projekt aufsetzen. Denn das muss genehmigt werden, dann wird eine Projektorganisation aufgebaut. Das dauert viel zu lang, um eine Veränderung herbeizuführen.

Deswegen haben wir damals gesagt, dass wir gar keine Projekte mehr machen, sondern eine kontinuierliche Entwicklung der IT in Form von IT-Produkten – 100 Prozent agil. Eine Veränderung oder eine neue Anforderung wurde über den Weg des Backlogs und über die Product Owner reingebracht und schnell umgesetzt, ohne ein Projekt machen zu müssen.

Auch wenn es eine Zeitlang gedauert hat, bis wir den Zuschnitt in der IT und die IT-Produktlandkarte finalisiert hatten, war das der richtige Weg. Zudem war es wichtig, sich wirklich Zeit zu lassen, das gemeinsame Arbeitsmodell zu entwickeln. Ich glaube, zwischen der Entscheidung, eine agile Produktorganisation aufzusetzen, und der ersten Version des agilen Arbeitsmodells lagen zwei Jahre.

Und wenn du vom „gemeinsamen Arbeitsmodell“ sprichst, dann meinst du auch die Zusammenarbeit mit den Fachbereichen, mit dem Business?

Ja, genau. Es geht um ein Modell der Zusammenarbeit. Dazu gehören unter anderem die notwendigen Rollen, unterschiedliche Arten von Meetings, Entwicklungsmethoden. Auch das Business ist in diesem Modell berücksichtigt. Zum Beispiel gibt es bei BMW jeweils einen Product Owner aus der IT und einen Product Owner aus dem Business.

Und nach diesem Modell wird heute immer noch gearbeitet bei BMW?

Ja. Diese Art der Zusammenarbeit gibt es heute auch noch und sie ist sehr erfolgreich. Gerade die Nähe von IT und Business macht einen großen Unterschied. Es wurden aber auch Dinge wieder zurückgenommen im Laufe der Zeit, zum Beispiel die Trennung von fachlicher und disziplinarischer Führung, wie es sie auch beim Spotify-Modell gibt. Sie ist in Teilen wieder aufgehoben worden.

Warum?

Soweit ich weiß, wurde die Trennung als richtig angesehen. Aber in der Zusammenarbeit mit dem Rest der Organisation gab es wohl zu viele Herausforderungen. Die geteilte Führung war nicht anschlussfähig.

Angenommen, du müsstest jetzt eine IT-Organisation transformieren in Richtung agile Organisation. Was muss ein Framework liefern, damit es dir Orientierung bietet?

Mir persönlich hilft es, wenn es an klaren Prinzipien orientiert ist. In Scrum gibt es beispielsweise solche Prinzipien.

Was ich nicht gut finde, ist eine detaillierte Blaupause, die jeden Schritt vorgibt.

Das ist nicht hilfreich, weil das Framework dann nur eine Kopie ist.

Wichtig ist meiner Meinung nach, im Großen zu starten und sich mit der Frage zu beschäftigen, was man wirklich erreichen will. Dann sollte man auf die gesamte Organisation blicken oder zumindest auf einen breiten Ausschnitt, sodass man „end-to-end“ denken kann und sich nicht im Kleinen verliert.

Und schließlich muss man sich fragen, wo ein guter Startpunkt ist. Wie könnte vielleicht ein Pilot aussehen, eine Pilotphase, die sich nach den erarbeiteten Prinzipien orientiert? Das Team sollte interdisziplinär, möglichst end-to-end zusammengestellt sein. Und dann macht man eventuell einen zweiten Piloten und versucht beide miteinander zu vernetzen. Anschließend geht es in die Skalierung des Modells, bei dem das Lernen im Zentrum stehen sollte. Dabei hat die psychologische Sicherheit eine enorme Bedeutung: Kann ich mich hier was trauen? Darf hier auch mal was schiefgehen?

In vielen Organisationen hast du dieses Level an Sicherheit gar nicht und deshalb findet dort auch kein wirkliches Ausprobieren statt.

Du sagst, dass jeder sein eigenes Framework oder Vorgehen bei einer Transformation finden muss. Aber gibt es nicht dann doch bestimmte Elemente, die allgemeingültig sind, wenn eine agile Organisation angestrebt wird? In jeder agilen Organisation wird iterativ gearbeitet, arbeiten Teams selbstorganisiert und braucht es psychologische Sicherheit zum Beispiel.

Das stimmt schon. Ausgangspunkt ist die Komplexität, die wir erleben. Und diese Komplexität im Umfeld erfordert ein empirisches Vorgehen. Und sie erfordert ein interdisziplinäres Arbeiten, denn, wenn man es nicht tut, haben wir zu viele „Übergaben“. Die gilt es, zu vermeiden, um nicht Schnelligkeit einzubüßen. Und die psychologische Sicherheit braucht es, sonst traut sich niemand was. Ja, diese Elemente sind durchaus allgemeingültig: Auf diesem Level finde ich Frameworks sehr gut.

Können wir nicht daraus doch eine Blaupause bauen?

Ich würde es aber nicht Blaupause nennen, weil das implizieren würde, dass man es einfach kopieren kann. Und das geht nicht. Aber wir können durchaus von „Leitfaden“ sprechen.

Und die Elemente in diesem Leitfaden wären: iteratives Vorgehen, interdisziplinäres Arbeiten, psychologische Sicherheit?

Ja. Und dann würde ich noch die kontinuierliche Verbesserung der Arbeitsweise dazunehmen. Die Teams verbessern ihr Arbeitsmodell, nicht die Manager, kein Berater, sondern die Teams selbst. Das ist mit Sicherheit auch ein zentrales Prinzip.

Du hast ein neues Buch vor Kurzem veröffentlicht: „Manifest zur menschlichen Führung“. Es ist eine Erweiterung der ersten Veröffentlichung aus dem Jahr 2019. Welche Rolle kann Führung in so einem Framework spielen oder in so einer agilen Transformation? Oder spielt sie eigentlich erst später eine Rolle?

In der agilen Transformation wandelt sich auch die Führungsrolle – von der klassischen Schachmeisterrolle, die die Bauern über das Spielbrett bewegt, hin zur Gärtnerrolle, die die Rahmenbedingungen so gestaltet, dass die Teams gut arbeiten können. Führung zur Selbstführung. Kontext statt Kontrolle, wie das beispielsweise bei Netflix heißt. Diese Veränderung muss in der Transformation ebenfalls stattfinden, sonst ist sie nicht nachhaltig.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jan C. Weilbacher

 

changement! Heft 05/2024

 

Autor

Dr. Marcus Raitner
ist überzeugt, dass Elefanten tanzen können. Darum begleitet er Unternehmen als Agile Coach auf ihrem Weg zu mehr Agilität. Er leitet heute bei der Allianz Consulting die Practice Area „Agile“, die mit ihren Agile Coaches die agile Transformation der Allianz Gruppe weltweit unterstützt. Über die Themen Führung, Digitalisierung, Neue Arbeit, Agilität und vieles mehr schreibt Marcus Raitner seit 2010 in seinem Blog. Zuletzt erschien im Verlag Franz Vahlen sein neues Buch „Manifest für menschliche Führung: 6 Thesen und 14 Prinzipien für eine neue Führung im Zeitalter der Digitalisierung“.
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„Es muss ein Mindset-Change her“

Die Zukunftsmission Bildung mit ihrer Allianz für Future Skills hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Bedingungen für den Erwerb digitaler und weiterer zukünftig relevanter Kompetenzen zu verbessern. Mathias Winde vom Stifterverband erläutert, was sich hinter dem Begriff der „Future Skills“ verbirgt und was passieren muss, um sie flächendeckend in der Gesellschaft zu vermitteln.

Der Stifterverband und McKinsey haben 21 Kompetenzen als sogenannte Future Skills identifiziert. Was zeichnet ganz allgemein eine solche Kompetenz aus, sodass sie für die Zukunft unserer Wirtschaft und Gesellschaft besonders wichtig ist?

Alle Future Skills müssen ganz allgemein dazu beitragen, dass wir Menschen uns in der sich schnell transformierenden Gesellschaft zurechtfinden und mit gesellschaftlichen und globalen Herausforderungen umgehen können. Unter Kompetenzen verstehen wir dabei Fertigkeiten, Wissen, Werthaltungen und eine Bereitschaft, aktiv zu werden und zu handeln.

Für wen sind diese identifizierten Future Skills relevant?

Tatsächlich sind Future Skills für alle Menschen in Deutschland relevant.

Zum einen, um im Arbeitsleben Schritt halten zu können, zum anderen aber auch, um sich in der Gesellschaft einbringen und partizipieren zu können – und zwar lebenslang.

Warum braucht es in Deutschland überhaupt einen Fokus auf den Erwerb von Future Skills?

Weil sich die Arbeitswelt und die Gesellschaft stetig verändern, zum Beispiel aufgrund von neuen Technologien, aber auch aufgrund von globalen Krisen. Einerseits müssen wir in Deutschland wettbewerbsfähig bleiben: Mit zunehmendem Fachkräftemangel ist die kontinuierliche Weiterbildung der Menschen in unserer Gesellschaft umso wichtiger, weil wir Lücken schließen müssen, wo Arbeitskräfte fehlen.

Andererseits ist es wichtig, globale Zusammenhänge zu verstehen und die Auswirkungen unseres eigenen Handelns kritisch zu hinterfragen. Aus Arbeitnehmersicht bzw. aus der Sicht von Lernenden geht es darum, mit neuen Entwicklungen mithalten, aber auch kritisch mit ihnen umgehen zu können. Wir brauchen Menschen mit Zukunftskompetenzen also, um den Herausforderungen der Zukunft und auch schon denen der Gegenwart erfolgreich zu begegnen.

Ihr Framework ist unterteilt in vier Kategorien: Technologische Kompetenzen, Digitale Schlüsselkompetenzen, Klassische Kompetenzen, Transformative Kompetenzen. Könnten Sie jeweils beispielhaft eine Kompetenz aus einer Kategorie kurz erläutern?

Gerne. Unter „Technologische Kompetenzen“ fassen wir insbesondere Kompetenzen für Fachspezialisten, zum Beispiel für Bereiche wie KI, Robotik oder Quantentechnologie. Unter die Kategorie „Digitale Schlüsselkompetenzen“ fällt zum Beispiel die Data Literacy, also die Auseinandersetzung unter anderem mit der Frage, was Daten sind und wie sie verarbeitet oder visualisiert werden, um sie schließlich interpretieren zu können.

Future-Skills-Framework

Abbildung: Future-Skills-Framework

In der Kategorie „Klassische Kompetenzen“, die schon immer wichtig waren, haben insbesondere die Lösungsfähigkeit, die Kreativität und die respektvolle, diskriminierungssensible Kommunikation zwischen Menschen an Bedeutung zugenommen. Unter „Transformative Kompetenzen“ fassen wir Kompetenzen wie Meinungsbildung und Urteilsfähigkeit, bei der gesellschaftliche und globale Zusammenhänge und Krisen berücksichtigt werden – und das gilt genauso für die Entwicklung von Innovationen bzw. wie wir ins Handeln kommen.

Warum gibt es bei Ihrem Framework eine so starke Konzentration auf digitale und technische Kompetenzen? Könnte man nicht sagen, es reicht, wenn die Menschen lernbereit und neugierig sind?

Die Lernbereitschaft der Menschen ist natürlich zentral für die Zukunft unserer Wirtschaft und Gesellschaft.

Und nachdem jahrzehntelang zumindest im formellen Rahmen vorgegeben wurde, was wichtig zu wissen oder zu können ist, befinden wir uns jetzt in einer Zeit, in der jede oder jeder selbst hinterfragen muss, welche Kompetenzen für sie oder ihn relevant sind. Da muss also ein Mindset-Change her.

Aber der tiefgreifende, geradezu revolutionäre Wandel unserer Gesellschaft wird von digitalen Technologien getrieben – im Guten wie im Schlechten. Digitale Medien können Falschnachrichten ebenso transportieren wie die Arbeit erleichtern und soziale Verbesserungen schaffen. Die Reflexion darüber ist neu und ungeübt. Deshalb müssen wir ein grundsätzliches Verständnis von Digitalität und ihren Funktionsweisen schaffen, um positive Veränderungen zu unterstützen.

Wo müssen diese Kompetenzen vor allem vermittelt und gefördert werden? In Schulen und Universitäten?

Ja, unter anderem. Diese Kompetenzen sollten idealerweise in verschiedenen Bildungseinrichtungen, also Schulen, Hochschulen, Volkshochschulen, vermittelt werden. Auch Unternehmen, Behörden oder gemeinnützige Organisationen sollten Weiterbildungsprogramme einrichten oder solch eine Weiterbildung extern ermöglichen, um den Mitarbeitenden die Möglichkeit zu geben, ihre Kompetenzen stetig weiterzuentwickeln. Das sollte im eigenen Interesse der Einrichtungen liegen.

Wir müssen aber auch die Selbstlernfähigkeiten der Menschen in Deutschland stärken und dafür ist zu Beginn wichtig, dass uns allen bewusst wird, dass wir immerzu lernende Individuen sind, die den Lernprozess insbesondere außerhalb der formellen Bildung auch selbst steuern können.

Wie steht Deutschland bei der Förderung der Future Skills im Bildungsbereich Ihrer Einschätzung nach da?

Es gibt sicherlich Luft nach oben, aber wir haben uns auf den Weg gemacht. International gab es 2011 in Irland die erste Strategie für den Hochschulsektor, die sich damit befasste, wie sich die damals identifizierten sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte bewältigen lassen und welche Rolle Hochschulen in Bezug auf das Lehren und Lernen, Forschung, Wissenschaft und Engagement für die Gesellschaft erfüllen müssen.

Da Deutschland föderal organisiert ist, versuchen wir vom Stifterverband, mit unseren Aktivitäten bundesweit Brücken zu schlagen. Wir beschäftigen uns seit 2018 mit dem Thema und sind inzwischen Initiatoren von thematisch fokussierten „Communities of Practice“, die sich für die Verankerung von Future Skills in verschiedenen Bildungseinrichtungen engagieren. Gemeinsam erarbeiten wir zum Beispiel Diskussionspapiere, Handlungsempfehlungen oder eben Frameworks wie das „Future Skills Framework“.

Was wäre beispielhaft eine wesentliche Veränderung an Hochschulen oder Schulen, die dringend notwendig wäre?

Das wäre die Verankerung von Future Skills in Curricula.

Dazu müssen wir Lehrende in der Breite dafür gewinnen, den Erwerb von Future Skills in ihren Veranstaltungen zu ermöglichen.

Das können fachliche Inhalte sein, wie beispielsweise ein Kurs „Big Data in der Medizin“, oder auch neue, beispielsweise digitale, Lernmethoden. Einige Hochschulen haben Zentren für Schlüsselqualifikationen eingerichtet, aber das muss flächendeckender werden. Im Rahmen der „Zukunftsmission Bildung“ bringen wir diejenigen in den Hochschulen, die sich für Future Skills einsetzen, zusammen, tauschen uns über Best Practice aus und entwickeln gemeinsam mit Unternehmen ein Verständnis von Future Skills. Wir werden Hochschulen fördern, die besonders gut Zukunftskompetenzen vermitteln.

Und wie gut gewappnet ist man in den Unternehmen hierzulande bei der Entwicklung von Future Skills?

Das Bewusstsein ist da. Viele Unternehmen haben inzwischen, meist angegliedert an Personalabteilungen, Weiterbildungsangebote mit Mikro-Content. Im angelsächsischen Raum sind aber „Learning & Development“-Abteilungen in Unternehmen bereits viel verbreiteter. Insgesamt muss der Stellenwert von Weiterbildungen gegenüber dem Alltagsgeschäft noch größer werden: Es passiert nicht selten, dass Mitarbeitende doch nicht an einer Weiterbildung teilnehmen, weil ihnen in dem Zeitraum Alltagstermine eingestellt werden.

Können Sie abschließend noch mal zusammenfassen, was die wesentlichen Tätigkeitsfelder des Stifterverbandes sind, um Future Skills in unserer Gesellschaft zu stärken?

Das im Rahmen der „Zukunftsmission Bildung“ geplante Programm „Future Skills an Hochschulen“ zur Verankerung von Future Skills in Hochschulcurricula habe ich bereits erwähnt.

Darüber hinaus haben wir Förderprogramme für Hochschulen, um ausgewählte Future Skills wie „Data Literacy“ oder „Transformative Skills für Nachhaltigkeit“ in Lehrplänen zu verankern. In deren Rahmen können zum Beispiel konkrete Lernangebote für Studierende entwickelt werden.

Und wir betreiben digitale Lernorte wie die „Future Skills Journey“ und den KI-Campus, die beide Future Skills-Lernangebote kostenlos und kuratiert für die breite Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Sie bieten allen Menschen in Deutschland die Möglichkeit, sich selbstinitiativ rund um das Thema Zukunftskompetenzen weiterzubilden. Konzepte zur Integration der Lernangebote in die Lehre an Schule und Hochschule werden (künftig) ebenfalls erarbeitet.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jan C. Weilbacher

 

changement! Heft 04/2024

 

Autor

Dr. Mathias Winde
leitet beim Stifterverband das Handlungsfeld „Bildung und Kompetenz“ und ist Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung. Seine Themengebiete umfassen Future Skills und digitale Kompetenzen, Führung und Governance von Hochschulen sowie Hochschulfinanzierung. Er ist unter anderem Mitglied im „Arbeitskreis Hochschule Wirtschaft“ von BDA, BDI und HRK. Vorher arbeitete er als Researcher in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Innovation beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln und bei der IW Consult.
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„Menschen mit geringen Fähigkeiten profitieren am meisten“

Mit der Veröffentlichung von ChatGPT hat das Thema Künstliche Intelligenz eine enorme Aufmerksamkeit bekommen. Mittlerweile wird KI auch in zahlreichen Unternehmen – im großen und kleinen Stil – eingesetzt. Der Arbeitsforscher und Wirtschaftswissenschaftler Carl Benedikt Frey spricht über den Wandel der Arbeitswelt durch Künstliche Intelligenz und welche Implikationen in den Unternehmen zu erwarten sind.

Herr Professor Frey, im Herbst 2022 hat OpenAI ChatGPT veröffentlicht. Viele haben diese Veröffentlichung als iPhone-Moment bezeichnet. Manche sprechen gar von einer technologischen Revolution, die bedeutender ist als die Entwicklung des Smartphones. Wie bewerten Sie heute mit etwas Abstand die Veröffentlichung von ChatGPT mit Blick auf die Wirtschaftswelt? Ist es der Beginn einer Revolution gewesen?

Was vor mehr als einem Jahr mit der Veröffentlichung von ChatGPT passiert ist, war eine Revolution dahingehend, dass sich damit die allgemeine Wahrnehmung von KI und davon, was diese in der Lage ist zu tun, grundlegend verändert hat. Auch die für die Menschen einfache Art, mit ChatGPT zu interagieren, in den Dialog mit der KI zu gehen, hat der Aufmerksamkeit enorm geholfen und war so etwas wie eine Revolution. Allerdings mit Blick auf die zugrundeliegende Technologie würde ich eher von einem evolutionären Prozess sprechen, der bereits in den 1950er-Jahren begonnen hat. Vor allem profitiert die heutige generative KI von den Innovationen in den 1990ern und den Jahren danach, als mehr Daten verfügbar wurden und die Forschung zum Beispiel zeigen konnte, dass neuronale Netze dank Deep Learning Sprache verstehen können.

Durch ChatGPT hat das Thema KI eine ganz andere Wahrnehmung erhalten, sagen Sie. Gilt das auch für die Führungsetagen in den Unternehmen? Würden Sie sagen, dass mit der Veröffentlichung von ChatGPT gerade die Vorstände und Geschäftsführungen auf KI aufmerksam geworden sind, weshalb jetzt tatsächlich auch mit KI gearbeitet bzw. experimentiert wird?

Das kann man so sagen. Ich sehe Parallelen zur Technologie der Dampfmaschine. Thomas Newcomen hat die erste in den 1710er Jahren entwickelt. Es hat jedoch noch fünf Jahrzehnte gedauert, bis James Watt mit einem separaten Kondensator daherkam. Und erst durch diesen wurden Dampfmaschinen allmählich energieeffizient. Sie benötigten vorher viel zu viel Kohle, um im Transportwesen oder in Fabriken im großen Maßstab eingesetzt zu werden.

Und ich denke, bei der KI könnte man ebenfalls sagen, dass wir so etwas wie eine Art von „separatem Kondensationsmoment“ benötigen.

Auch wenn es noch etwas zu früh ist, eine endgültige Bewertung vorzunehmen, ist doch klar: Dieser Algorithmus ist nach wie vor extrem datenhungrig. Und er ist in Bezug auf den Großteil des Internets trainiert. Es gibt deshalb bei einigen die Sorge, dass uns erstens die Trainingsdaten ausgehen und zweitens es so viele KI-generierte Inhalte im Web geben wird, dass sich die Quelle für Trainingsdaten kontinuierlich verschlechtern wird.

Ich glaube also, dass wir mehr Innovationen brauchen, damit die KI aus kleineren, besser aufbereiteten Datensätzen lernen kann – basierend auf echtem Expertenwissen –, um anhaltende, nachhaltige Fortschritte zu sehen.

Das Erstaunliche ist, dass sich trotz der Datenschutzbedenken ganz viel tut in den Unternehmen. Generative KI wird bereits zum Beispiel eingesetzt im Wissensmanagement oder im Kundenservice. Die Erwartungen hinsichtlich des Nutzens der Technologie scheinen in der Wirtschaft groß zu sein.

Es gibt verschiedene experimentelle Studien, die alle Produktivitätssteigerungen im zweistelligen Prozentbereich für eine Vielzahl von Aufgaben zeigen. Und das ist nur der Anfang.

Es ist völlig klar, dass es für Unternehmen zwingende wirtschaftliche Anreize für den Einsatz dieser Technologie gibt.

Und gleichzeitig bestehen je nach Art des Unternehmens auch gute Gründe, seine Daten zu Geld machen zu wollen.

Wo, denken Sie, wird es durch den Einsatz der generativen KI die größten Veränderungen in der Arbeitswelt geben? Im Kundenkontakt, im Umgang mit Daten oder beim Erstellen von Texten und Konzepten?

Das ist schwer zu beurteilen und hängt davon ab, welche Zeitspanne man betrachtet.

Ich denke, dass wir in den nächsten Jahren vor allem bei der freiberuflichen Arbeit eine starke Automatisierung erleben werden.

Es gibt bereits Studien, die zeigen, dass viele Tätigkeiten, die mit der Bearbeitung von Texten, mit Übersetzungen oder mit Webdesign zu tun haben, stark beeinträchtigt sind. Und wir sehen schon jetzt, dass sowohl die Beschäftigungsangebote als auch die Höhe der Vergütung für diese Tätigkeiten auf den entsprechenden Online-Plattformen zurückgehen.

Schaut man sich jedoch die Arbeit innerhalb der Unternehmen an, ist das Bild etwas komplexer. Man kann die Anwendung der generativen KI als eine zusätzliche Research-Hilfe betrachten. Und je mehr Research-Unterstützung man hat, desto mehr kann man recherchieren, Informationen sammeln, aber desto komplexer wird auch das Arbeiten mit der KI, und desto mehr werden die Beschäftigten selbst zu Managerinnen und Managern. Ich denke also, dass es in vielen Unternehmen in Zukunft Spannungen geben wird, wenn es darum geht, herauszufinden, was der richtige Kompromiss ist, wie viel mehr man mit KI noch tun kann. Damit wird auch eine Art Komplexität geschaffen, wenn es darum geht, abzuwägen, wo KI unterstützen soll – und wo nicht.

Was denken Sie, wie groß die Veränderungen für die Arbeits- und Wirtschaftsgesellschaft im Ganzen sein werden im Vergleich zu früheren technologischen Umbrüchen?

Technologische Veränderungen hatten immer Umverteilungseffekte. Als das Auto erfunden wurde, ist eine ganz neue Industrie entstanden. Ich denke, dass die Künstliche Intelligenz nicht unbedingt so viele Arbeitsplätze und so große Betriebe schafft wie die Automobilindustrie, aber sie zieht sich durch alle Wirtschaftsbereiche. Wenn man zum Beispiel die Erstellung von Inhalten betrachtet, dann ist zu erwarten, dass einige „Superstars“ beispielsweise in den Bereichen Journalismus, Film oder Werbung in der Lage sein werden, mehr zu leisten, und dass sie infolgedessen einen größeren Marktanteil erobern werden.

Gleichzeitig gibt es aber auch verschiedene Studien, die zeigen, dass die Menschen, die am meisten profitieren, eigentlich Anfänger oder Menschen mit geringeren Fähigkeiten sind. Wenn Sie also ein, sagen wir mal, guter Content Creator bzw. Schreiber sind, dann nützt Ihnen ChatGPT nicht so viel. Sie können vielleicht ein bisschen schneller schreiben. Der größte Nutzen entsteht bei denjenigen, die sehr gut oder ziemlich schlecht sind. Vor allem Menschen mit geringen Fähigkeiten sind mit KI in der Lage, bessere Qualität zu liefern. Und das schafft natürlich neue Chancen und Möglichkeiten für diese Leute. Es kann aber auch den Wettbewerb verschärfen, weil eventuell mehr Content Creator in den Markt treten, die mithilfe von KI arbeiten.

Heißt das auch, dass es zu einem Abbau von Arbeitsplätzen kommen wird? Braucht es aufgrund von KI weniger Menschen, zum Beispiel um kreative Inhalte zu produzieren?

KI wird sicherlich für einige Branchen einen perfekten Sturm erzeugen, und die Medien sind eine dieser Branchen. Offensichtlich steht sie schon seit einiger Zeit unter dem Druck anderer Plattformen und Kommunikationsarten, wie etwa der sozialen Medien. KI verändert diese Branche in vielerlei Hinsicht.

Schaut man sich Technologien wie „autonomes Fahren“ an, erkennt man das riesige Potenzial der Automatisierung für die Zukunft. Es gibt viele Arbeitsplätze, die unter erheblichen Druck geraten werden. Und wahrscheinlich wird es zu einem größeren Verlust von Arbeitsplätzen kommen. Denken Sie zum Beispiel an Taxi-, Lkw- oder Busfahrer.

Generell gilt, wenn Sie eine Umgebung haben, die Sie selbst strukturieren, die Sie zielgerichtet auf Roboter ausrichten können, dann wird es mit der Zeit wahrscheinlich auch mehr Automatisierung geben. Das ist im Wesentlichen das, was in den Fabriken und in den Lagerhäusern passiert. In Bezug auf KI bietet die Automatisierung die größten Möglichkeiten hinsichtlich Optimierung, Produktivität und Effizienz. Und sie führt eben auch zu Veränderungen unter anderem in der Transportlogistik und in der Lagerhaltung.

Nun kommt die zunehmende Verlagerung von Arbeitsabläufen ins Internet dazu. Und natürlich wird dieser Prozess ebenfalls zu Veränderungen von Arbeitsplätzen führen, und wahrscheinlich auch zu Verlusten.

„Im Allgemeinen sieht es jetzt so aus, als ob KI menschliche Arbeit in vielen virtuellen Umgebungen ersetzen könnte“, heißt es auch in einem Forschungspapier von Ihnen und Michael A. Osborne …

Im Moment ist die Aufmerksamkeit stark auf der generativen KI. Die ist aber nur ein Teilbereich. Auf diesen bezieht sich die von Ihnen zitierte Aussage.

Generative KI wird immer besser darin, menschliche soziale Interaktionen im virtuellen Raum zu reproduzieren, was den Wert der persönlichen Kommunikation erhöht. In einer Welt, in der jeder seine Liebesbriefe mithilfe von KI schreibt, wird jeder ähnliche Liebesbriefe schreiben. Es gibt also keine Möglichkeit, sich durch das Schreiben großartiger Briefe von anderen abzuheben.

Und das Gleiche gilt unter anderem für den Kundenservice. Wenn alle Unternehmen auf der Welt KI für den Kundenservice einsetzen und man sich auf diese Weise nicht von der Konkurrenz abheben kann, muss man mehr auf die persönliche Kommunikation setzen, die meiner Meinung nach immer noch einen komparativen Vorteil darstellt.

Die generative KI verändert die Arbeitswelt auch insofern, dass mehr Menschen nicht nur Nutzer, sondern auch Gestalter werden. Der Umgang mit Technik ändert sich. Wie sehen Sie die Rolle der Menschen, wenn es um die Arbeit mit KI geht?

Ich glaube, dass sich die Arbeitsteilung zwischen Menschen und Computern in vielerlei Hinsicht ändern wird.

Das andere, was ich gerade erwähnt habe, ist, dass wir mehr Wert auf persönliche Kommunikation legen werden. Und KI wird nach und nach viele der Interaktionen bzw. Arbeitsschritte, die wir im virtuellen Raum durchführen, übernehmen. Ein weiterer Aspekt ist die Kreativität, die meiner Meinung nach in vielen Bereichen entscheidend ist.

Irgendjemand muss die KI immer noch anleiten. Und es überrascht nicht, dass KI bei Tätigkeiten, für die es eine klare Vorgabe gibt, recht gut abschneidet.

Wenn man ChatGPT bittet, einen Brief im Stile Shakespeares oder Schillers zu schreiben, bekommt man durchaus erstaunliche Ergebnisse. Aber der Grund, warum die KI das kann, liegt darin, dass Shakespeare und Schiller wirklich existierten. Wenn man jedoch etwas völlig Neues schaffen will, woran misst man dies? Was ist der Benchmark? Hier kommt dann die menschliche Kreativität ins Spiel.

Was würden Sie Menschen empfehlen zu tun, um in dieser neuen von KI geprägten Arbeitswelt erfolgreich zu sein oder zumindest mithalten zu können?

Ich bin kein Karriere-Coach. Aber:

Ich würde jeden ermutigen, die Möglichkeiten zu nutzen, die die KI bietet.

Mit Künstlicher Intelligenz kann jeder im Grunde seinen persönlichen Tutor an der Seite haben. Und es gibt eine Menge Bildungs- und Entwicklungschancen beispielsweise in Form von Online-Lernkursen, von denen viele kostenlos zur Verfügung stehen. Es gilt, kontinuierlich zu lernen und neugierig zu bleiben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jan C. Weilbacher

 

changement! Heft 03/2024

 

Autor

Carl Benedikt Frey
ist Arbeitsforscher und Wirtschaftshistoriker. Er ist „Dieter-Schwarz“-Professor für KI und Arbeit am Oxford Internet Institute und Fellow des Mansfield College der Universität Oxford. Außerdem ist er Direktor des Future of Work-Programms und Oxford Martin Citi Fellow an der Oxford Martin School.
»Carl Benedikt bei LinkedIn

Permanent Meetings, E-Mails abarbeiten, auf Chat-Nachrichten reagieren: Der Joballtag fühlt sich für viele stressig an, konzentriertes Arbeiten wird zur Seltenheit. Der Neurobiologe Martin Korte erläutert, wie sich Stress auf das Gehirn auswirkt und welche Konsequenzen eine ungesunde Smartphone-Nutzung hat.

Herr Korte, kann man generell sagen, dass unser Leben und unsere Arbeit stressiger geworden sind?

Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Es kommt auf den Beruf an, auf die Firma und auf das Arbeitsklima. Was man sagen kann, ist, dass es mehr unnütze Zeit gibt, die man in Meetings verbringt. Die haben schon in der Pandemie um 17 Prozent zugenommen, sowohl hinsichtlich Länge als auch Häufigkeit. Zudem lässt sich feststellen, dass man mehr Informationen be- und verarbeiten muss als früher. Aber auch das wird letztlich nur stressbehaftet, wenn wir versuchen, Multitasking zu betreiben, was unsere Gehirne nicht richtig können.

Was ist Stress eigentlich und wie wirkt er sich auf den Menschen aus?

Stress ist ein Signal des Gehirns, über Hormone dem Körper mehr Energie zur Verfügung zu stellen. Es ist also ein elementarer und notwendiger Mechanismus unseres Lebens. Er wird erst bedenklich und hat negative gesundheitliche Auswirkungen, wenn er chronisch, also dauerhaft wird. Dann unterdrückt er das Immunsystem, was die Gefahr von Infektionskrankheiten erhöht, die Denkfähigkeit und vor allem die Kreativität einschränkt. Darüber hinaus kann es zu Angststörungen und sogar zu Depressionen kommen.

Ich höre von immer mehr Menschen, dass es ihnen schwerfällt, konzentriert ein Buch zu lesen, weil die Gedanken abschweifen oder permanent zum Handy gegriffen wird. Ist die mangelnde Konzentrationsfähigkeit ein gesellschaftliches Phänomen?

Da zu viele Menschen versuchen, permanent erreichbar zu sein und vergeblich Multitasking betreiben, führt dies zu einer selbstinduzierten Verkürzung der Konzentrationsfähigkeit. Das ist aber reversibel und wir können uns auch antrainieren, On- und Offline-Zeiten wieder stärker voneinander zu trennen.

Das Smartphone und das Internet spielen für uns alle im Privaten und im Job eine große Rolle. Was zeichnet eine Nutzung der digitalen Medien aus, die mehr schadet als nutzt?

Wir zahlen mit unserer Aufmerksamkeit. Die Apps auf den Endgeräten sind so programmiert, dass sie uns unbewusst belohnen, wenn wir diese verwenden. Es geht also um ein hohes Selbstkonditionierungs- und Suchtpotenzial. Das schadet, vor allem, wenn wir ständig versuchen, Multitasking zu betreiben. Und es schadet, wenn eine Monokultur entsteht, wenn aufgrund der Nutzung digitaler Medien zu wenig Zeit für Sport und soziale Kontakte bleibt.

Und wie wirkt sich eine digitale Reizüberflutung auf unser Gehirn und unser Denken aus? Was passiert da?

Es kommt zu einer chronischen Stressbelastung für das Gehirn, die die Fehleranfälligkeit erhöht, mehr Zeit kostet, die Kreativität einschränkt und das Risiko erhöhen kann, an Depressionen zu erkranken – all das nicht durch die Nutzung per se, sondern nur, wenn wir versuchen, Multitasking zu betreiben und die Nutzung zeitlich aus dem Ruder läuft.

Das konzentrierte, fokussierte Arbeiten gilt einerseits als wichtige Kernkompetenz für die Zukunft. Andererseits gibt es im Job auch ständig Ablenkungen durch Kollegen und Kolleginnen, E-Mails oder spontane Meetings. Was kann der Einzelne tun, wenn er merkt, es gelingt ihm kein fokussiertes Arbeiten?

Man braucht eine Arbeitskultur, die „rhythmisiert“ ist. Es sollte einen zeitlichen und auch örtlichen Wechsel zwischen konzentriertem „Unitasking“ sowie Phasen geben, in denen man sich Unterbrechungen durch Kollegen und Nachrichten stellen muss.

Das Paradoxe ist, dass solche Wechsel besonders gut gelingen, wenn man einige Stunden am Tag ohne Unterbrechung arbeiten kann – das gilt auch für Unterbrechungen durch Social-Media-Nachrichten.

Veränderungen der Routinen und Verhaltensmuster sind allerdings nicht einfach. Was können Sie empfehlen, wenn es darum geht, ein neues Verhalten zu erlernen und in den Alltag einzubauen?

Wichtig ist das sogenannte Precommitment: Am Arbeitsplatz liegt nur das, was man zum Arbeiten benötigt. Und zu Hause sollte das Handy in ein anderes Zimmer gelegt werden als in das, in dem man sich befindet. Dann hat man eine kleine Barriere, bevor man zugreift. Auch die ABC-Regel ist hilfreich: A steht für „Attention“, Aufmerksamkeit auf das richten, was man gerade tut; B bedeutet „Breath“. Das heißt, wenn eine digitale Nachricht eintrifft, erst mal durchatmen; C steht für „Choice“, also eine bewusste Entscheidung zu treffen, ob man sich durch Nachrichten unterbrechen lässt oder bei seiner Haupttätigkeit bleibt.

Nach 18 Uhr keine E-Mails mehr lesen, sich eine Zeit im Kalender blocken für konzentriertes Arbeiten, keine Notifications auf dem Smartphone: Das Reduzieren von Ablenkungen hat viel damit zu tun, Erreichbarkeit für andere zu reduzieren. Geht es nicht oft um Abgrenzung und Selbstfürsorge?

Genau das ist der Punkt. Es müssen sich nur alle diesem gemeinsamen Ziel anschließen. Ansonsten werden „heimlich“ bzw. „off the record“ Nachrichten ausgetauscht.

Was kann ein Unternehmen tun, um das fokussierte Arbeiten in einer Organisation zu unterstützen? Welche Rahmenbedingungen sind wichtig?

Zum Beispiel eine Kultur des zeitlich reglementierten On- und Offline-Arbeitens fördern und Bewusstsein dafür schaffen, was Multitasking mit uns macht.

Ich beobachte, dass viele Menschen in Meetings andere Dinge nebenher machen, wenn sie keinen aktiven Part haben. Aber Multitasking ist ja nicht möglich, wie Sie gesagt haben …

Genau, wir sind schlecht darin, es stresst und lenkt ab. Bei Board-Meetings von Apple müssen beispielsweise alle ihr iPhone am Eingang in eine Holzschale legen, bevor sie den Meeting-Raum betreten.

Welche Methode hilft Ihnen persönlich, im Joballtag konzentriert zu arbeiten?

Mein Handy liegt immer woanders. Wenn ich es nutzen möchte, muss ich aufstehen und es holen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jan C. Weilbacher.

 

changement! Heft 02/2024

 

Autor

Prof. Dr. Martin Korte
ist Professor für zelluläre Neurobiologie an der TU Braunschweig und Direktor des Zoologischen Institutes. Er arbeitete für viele Jahre an denen für Hirnforschung (Frankfurt) und Neurobiologie (München-Martinsried) und habilitierte 2001 an der LMU München. Martin Korte erforscht die zellulären Grundlagen von Lernen und Gedächtnis ebenso wie die Vorgänge des Vergessens. Er ist einer der meistzitierten deutschen zellulären Neurobiologen.
Martin Korte ist außerdem unter anderem Fachgutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der EU sowie Buchautor. 2023 ist von ihm erschienen: „Frisch im Kopf: Wie wir uns aus der digitalen Reizüberflutung befreien“.
»Martin bei LinkedIn

„Die Projekte müssen schnell umsetzbar sein“

Die Nutzung von Daten ist heutzutage für den Geschäftserfolg eines Unternehmens von großer Bedeutung. Das gilt erst recht für Versicherungsunternehmen wie die Allianz. Susan Wegner ist bei dem Konzern Head of Group Data and AI. Im Interview spricht sie über die wichtigsten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Einsatz von Datenanalysen, wo die Allianz künstliche Intelligenz einsetzt und warum die Veröffentlichung von ChatGPT so wichtig gewesen ist.

Frau Wegner, „Daten sind das neue Öl”, heißt es oft. Ganz generell gefragt: Sind Daten wirklich so wichtig für den Geschäftserfolg von Unternehmen, wie allgemein angenommen wird?

Ja, absolut. Wobei wichtig ist, beides zu betrachten: die Produktion von Daten und ihre Verwendung. Das heißt: Bevor man als Unternehmen mit Data Analytics oder künstlicher Intelligenz anfängt, braucht man Daten. Wenn man auf diese nicht zugreifen kann, dann braucht man über alles andere nicht zu reden – auch nicht über den Einsatz von künstlicher Intelligenz.

Daten allein sind also noch kein „neues Öl“, wenn damit nichts gemacht wird.

Ja, nur Daten in einer Datenbank sind nicht wertvoll. Zum einen braucht es Technologien, um Erkenntnisse aus den Daten zu generieren. Und zum anderen braucht es das Know-how aus dem Business. Nur der Einsatz von Technologien reicht nicht.

Was würden Sie sagen, sind die wichtigsten Voraussetzungen, damit Daten in einem Unternehmen erfolgreich genutzt werden können?

Meiner Erfahrung nach ist der wichtigste Faktor, dass das Thema vom oberen Management getrieben wird. Denn es ist klar ein Change-Thema. Der zweite wichtige Punkt ist die Datenqualität, und die Daten gut zugreifbar zu machen. Als drittes würde ich die Applikationen nennen. Es muss ein einheitliches Verständnis darüber herrschen, welche Applikationen für das Business wertvoll sind. Und dafür ist eine gute Zusammenarbeit mit den Fachbereichen notwendig. Sie wissen, was benötigt wird, um das Geschäft voranzutreiben.

Und schließlich spielt die Kultur eine wesentliche Rolle. Es muss ein Mindset und eine Unternehmenskultur der Offenheit für das Thema bestehen. Es braucht die Bereitschaft, mit Daten zu arbeiten und die Bedeutung von Data Analytics für den Geschäftserfolg muss allen klar sein.

Die Technologie selbst ist für mich gar nicht mal eine entscheidende Voraussetzung. Daran scheitert in der Regel kein Data-Analytics-Vorhaben.

Und vermutlich muss Data Analytics dem Business auch einen echten Mehrwert bieten, damit die Fachbereiche überhaupt bereit sind, sich darauf einzulassen.

Mit Sicherheit. Deshalb ist es auch keine gute Strategie, gleich eine riesige Datenplattform zu bauen – am besten noch im stillen Kämmerlein.

Es ist keine gute Idee, gleich mit dem komplexesten Anwendungsfall zu beginnen.

Erfolgversprechender ist es, von Beginn an mit dem Business im Austausch zu sein und mit den Datenexperten zusammenzuarbeiten. Gemeinsam evaluiert man ein oder zwei Lösungen, die die Business-Anforderungen unterstützen. Und die Projekte müssen schnell umsetzbar sein und nicht mehrere Jahre dauern.

Ich könnte mir vorstellen, dass es in den Fachbereichen bezüglich des Datenthemas oft Berührungsängste gibt, weil es zu komplex erscheint und zum Beispiel Plattformen nicht intuitiv sind, zu kompliziert in der Anwendung. Nutzerinnen und Nutzer verlieren dann schnell die Lust, sich mit Datenauswertungen auseinanderzusetzen. Wie ist Ihre Erfahrung?

Ich kann sagen, dass wir zum Beispiel gute Erfahrungen gemacht haben mit einem Format, das wir „AI Maker Place“ nennen. Dabei bringen wir jeweils einen Daten-Laien aus dem Business mit einem Data Scientist zusammen und beide tauschen sich zu einem konkreten Thema aus. Es werden Anforderungen aufgenommen und der Data Scientist fängt beim Treffen schon mit der Programmierung einer konkreten Anwendung an, während der Kollege oder die Kollegin ihm über die Schulter schaut. So wird Data Analytics erlebbar.

Häufiger zum Einsatz kommt auch, dass Laien im Rahmen von Lernprogrammen einfache Daten-Werkzeuge selbst ausprobieren, damit sie eventuelle Berührungsängste verlieren.

Können Sie etwas mit dem Begriff „Data Driven Organization“ anfangen? Was heißt das für Sie?

Ich verstehe darunter eine bestimmte Ausrichtung im Unternehmen, nämlich dass man Entscheidungen und die Auswahl von Applikationen auf der Basis von Datenauswertungen trifft. Diese Daten werden sowohl intern als auch extern generiert.

Und würden Sie sagen, die Allianz ist eine datengetriebene Organisation?

Eine Versicherung hat grundsätzlich sehr viele Daten. Nehmen Sie das Beispiel Schadensbereich: Die Einschätzung von Schäden basiert auch auf der Auswertung zahlreicher Daten. Und die Allianz ist da sicherlich sehr gut aufgestellt. Wir können auf sehr viele Daten zurückgreifen und damit ist zumindest ein wichtiger Schritt gemacht. Aber klar ist auch: Es ist noch manches zu tun.

Neben Data Analytics ist der Einsatz von künstlicher Intelligenz ein großes Thema in der Unternehmenswelt. Können Sie ein Beispiel nennen, wie die Technologie bei Ihnen zum Einsatz kommt?

Die KI ist beispielsweise wichtig für die Mitarbeitenden, die bei uns Risiken bewerten müssen.

Die Technologie hilft, die sehr vielen Informationen, die in den Daten bei der Allianz stecken und die für einen speziellen Fall relevant sind, zu generieren und zusammenzufassen.

Ein anderes gutes Beispiel ist die Gestaltung der Customer Experience. Ich musste einmal eine Versicherung für mein Haus abschließen – da war ich noch nicht bei der Allianz – und das war wahnsinnig aufwendig, weil sehr viele Informationen einzugeben
waren. Bei der Allianz sind wir dabei, mithilfe von KI diesen Prozess zu vereinfachen. Die KI-Technologie sucht beispielsweise auf der Basis einer Antwort von mir die nächste relevante Frage raus und lässt automatisch alle nicht relevanten Fragen weg.

Und ein drittes Beispiel vielleicht noch aus dem Bereich Schaden: Jemand hat einen Autounfall, macht vom Schaden an seinem Wagen ein Foto und sendet das Bild an die Allianz. Die KI gibt daraufhin eine Einschätzung ab, ob es sich lohnt, in die Werkstatt zu fahren – und das Bild kann automatisch an die entsprechende Werkstatt weitergeleitet werden.

Mich würde interessieren, wie Sie arbeiten. Werden in der Regel interdisziplinäre Projektteams gebildet, in denen sowohl Leute aus ihrem Team als auch aus dem Business vertreten sind? Oder agieren Sie vor allem als eine Art Beratung?

Das ist unterschiedlich. Es gibt das klassische Projekt, das beispielsweise mehrere Monate läuft. Dabei ist es generell so, dass ein Datenexperte oder eine Datenexpertin immer mit einem Experten aus dem Fachbereich zusammenarbeitet. Aber ebenso werden auch die Kolleginnen und Kollegen, die hinterher den Betrieb für die Lösung betreuen, von Anfang an integriert. Die Entwicklung dauert vielleicht mehrere Monate, die Lösung soll aber fünf oder zehn Jahre laufen. Deshalb ist das frühzeitige Einbinden der Anwender und des Betriebes so wichtig.

Zusätzlich sind wir bei unseren Ländergesellschaften in den Business Units ebenfalls als Berater unterwegs.

Gibt es die Vision, dass Sie als Data-Analytics- Team irgendwann überflüssig werden, weil die Mitarbeitenden in den Fachbereichen alle Datenexperten sind?

(lacht) Ziel ist natürlich, die Fachbereiche zu befähigen und dafür zu sorgen, dass mehr Datenexpertise dort Einzug hält. Allerdings:

Ich kann gar nicht so viele Datenfachkräfte einstellen, wie es nötig wäre, um alle Anfragen aus dem Business zu bearbeiten.

Da gibt es schon eine große Lücke.

Aber wahr ist auch: Je mehr technologische Werkzeuge es gibt, die das Arbeiten vereinfachen, desto mehr kann durch die Fachbereiche entwickelt werden. Die Technologien entwickeln sich weiter. Bis wir jedoch überflüssig werden, ist es noch ein weiter Weg.

Es gibt den Trend bei den Technologien, dass sie auch für Laien immer einfacher nutzbar sind?

Ja, Technologien werden auch für Nicht-Experten und -Expertinnen einfacher handhabbar. Das ist eine Entwicklung, die wir sehen können, auch was künstliche Intelligenz angeht.

Wir bewegen uns in die Richtung einer Demokratisierung der KI.

Und bezogen auf Data Analytics heißt das Schlagwort „Citizen Data Scientist“. Das sind Fachkräfte aus dem Business, die auch eine gewisse Expertise im Bereich Data Science mitbringen, ohne dabei tiefere mathematische oder statistische Kenntnisse aufzuweisen.

Und für die Nutzung der Tools ist es auch immer weniger notwendig, programmieren zu können, oder?

Ja, absolut. Man spricht von No- und Low-Code- Tools bzw. -Plattformen. Trotzdem würde ich schon sagen, dass man eine Affinität zu Technologie und Statistik braucht. Und ohne jegliche Schulung geht es meist auch nicht.

Und gibt es bei der Allianz groß angelegte Schulungen, um Kompetenzen in Bezug auf Data-Analytics bei Nicht-Experten zu fördern?

Ja, aus meinem Bereich ist ein entsprechendes Lernprogramm entstanden, das mittlerweile von HR betreut wird. Die Bandbreite der Inhalte ist groß – bis hin zur Möglichkeit, ein Zertifikat als Data Scientist zu erwerben. Es gibt auch spezielle Schulungen für das Senior Management. Dadurch wird es Führungskräften erleichtert, stärker eine Treiberrolle bei dem Thema einzunehmen. Insgesamt haben wir bereits ungefähr 8000 Mitarbeitende geschult.

Bevor Sie zur Allianz gewechselt sind, waren Sie unter anderem bei der Lufthansa, also in einer anderen Branche tätig. Spielt Branchen- Know-how keine große Rolle im Bereich Datenanalyse und KI?

Ich war genau genommen bei einer IT-Unternehmensberatung tätig, die zur Lufthansa gehört. Und 50 Prozent unserer Kunden waren externe, also andere Unternehmen. Wir haben beraten und implementiert.

Natürlich hilft es, wenn man die Branche kennt. Nichtsdestotrotz sind viele Themen unabhängig von der Branche: der Aufbau einer Daten- und KI-Plattform zum Beispiel, Daten-Governance oder Datenmanagement.

„Generative KI“ ist mit der Veröffentlichung von ChatGPT sehr populär geworden. Sehen Sie es auch so, dass das Thema hinsichtlich des Einsatzes in der Arbeitswelt einen enormen Schub bekommen hat?

Definitiv. Ich habe vorhin gesagt, dass KI und Data Analytics Change-Themen sind, für die es das Commitment der Unternehmensleitung braucht. Und ich sehe, dass mit ChatGPT das Thema künstliche Intelligenz endgültig in den Vorständen und den Senior Managements angekommen ist. Man kann sagen, ChatGPT hat insbesondere als Marketing-Instrument sehr geholfen.

In die Unternehmen kommt Tempo rein in Sachen KI – und in den Change.

Das heißt, das Thema wird nicht nur irgendwo operativ angegangen, sondern es gibt eine Strategie, es bekommt Priorität und entsprechende Lernprogramme werden unterstützt.

Können Sie mir als Laien noch mal den Unterschied erklären zwischen Data Analytics und KI? Ist Data Analytics immer die Basis für den Einsatz von KI?

Data Analytics bezieht sich meist auf die Anwendung von statistischen Methoden, um bestimmte Erkenntnisse aus einer Menge an Daten zu generieren. Und mit KI, sagen wir: generativer KI, können Muster und Beziehungen in Daten bzw. Inhalten erkannt und auf dieser Basis neue Inhalte erstellt oder Vorhersagen getroffen werden. Der Übergang ist natürlich fließend, aber es sind zwei unterschiedliche Bereiche.

Worauf schauen Sie hinsichtlich des Einsatzes von künstlicher Intelligenz bei der Allianz zurzeit vor allem? Wo erhoffen Sie sich einen großen Mehrwert durch die Technologie?

Wir schauen vor allem auf die Schnittstelle zu unseren Kunden und auf die Customer Experience. Ziel ist beispielsweise, unsere Customer Agents mit KI bestmöglich zu unterstützen. Da gibt es eine Menge Potenzial. Wir haben beispielsweise eine Applikation entwickelt, die für die Agents aus zahlreichen Kundendokumenten schnell die wichtigsten Informationen transparent macht. Der oder die Agent kann dann im Gespräch mit dem Kunden oder der Kundin genau sagen, welche Information sich in welchem Dokument befindet. Und es gibt zum jeweiligen Sachverhalt automatisch eine Zusammenfassung der relevanten Dokumente. Mit der Unterstützung der KI kann der Agent also schneller auf Kundenanfragen reagieren.

Die KI wird die Arbeit der Customer Agents in Zukunft sicherlich noch weiter verändern. Wie adressieren Sie eventuelle Ängste und Unsicherheiten der Mitarbeitenden?

Auch deswegen gibt es die großen Schulungsprogramme, um auch wirklich alle Mitarbeitenden bei der Transformation mitzunehmen. Es geht darum, ein Bewusstsein für die Bedeutung der Technologie zu entwickeln, zu verstehen, wie die Applikationen eingesetzt werden und wie sie funktionieren. Und natürlich ist rechtzeitiges Training wichtig, gerade wenn ein Prozess sich für den Agent ändert. Auch das hilft, Unsicherheiten zu reduzieren.

Würden Sie sagen, es gibt bei der Allianz eine Offenheit für das Thema KI?

Auf jeden Fall. Wir bieten auch regelmäßige Sessions und Communitys an, um in den Austausch zu kommen und über neue Projekte zu informieren. Und:

Ich nehme eine große Neugierde bei den Mitarbeitenden zu dem Thema KI wahr.

Welche Herausforderung sehen Sie vor allem rund um den Einsatz von KI im Unternehmen?

Die Herausforderung ist vor allem, mit den schnellen Entwicklungen Schritt halten zu können – sowohl allgemein in Europa als auch im Unternehmen. Das ist eine große Challenge.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Jan C. Weilbacher.

 

changement! Heft 08/2023

 

 

Autorin

Susan Wegner
ist Head of Group Data & AI bei der Allianz. Vor ihrem Wechsel zur Allianz war sie als Geschäftsführerin bei Deloitte Digital tätig, wo sie für die Förderung branchenübergreifender Anwendungen für künstliche Intelligenz und Daten verantwortlich war. Davor arbeitete sie als Vice President of Artificial Intelligence and Data Analytics bei Lufthansa Industry Solutions, wo sie die Entwicklung und Implementierung innovativer KI- und Plattformlösungen leitete.
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Die Führungskraft ist entscheidend

Inga Dransfeld-Haase ist Präsidentin des Bundesverbands der Personalmanager:innen sowie Mitglied des Vorstands der BP Europa SE. Im Interview spricht sie über die Personalarbeit in Bezug auf Frontline-Mitarbeitende, wie man Beschäftigte in Raffinerien, Schmierstofffabriken und Tankstellen erreicht und welche Relevanz die Transformation des Energieunternehmens für die Kompetenzentwicklung hat.

Mit Blick auf die Mitarbeitenden wird häufig zwischen „Blue Collar“ und „White Collar“ unterschieden. Macht eine solche Unterscheidung der Zielgruppen im Rahmen der Personalarbeit aus deiner Sicht überhaupt Sinn?

Ich mag diese Unterscheidung nicht so gerne. Mir ist es lieber, nach den Bedürfnissen zu differenzieren und zu fragen: Was ist notwendig? Die Produktionsmitarbeitenden lassen sich nicht alle in einen Topf packen und sind keine harmonische Gruppe, sondern es sind Mitarbeitendengruppen mit zum Teil unterschiedlichen Bedürfnissen und Erwartungen, wobei sicherlich – wie bei allen anderen Beschäftigten – Respekt, Wertschätzung und Augenhöhe im Miteinander die Basis bilden.

Hinter dem Begriff „Blue Collar“ verbirgt sich für mich eine Vielzahl von unterschiedlichen Gruppen. Ich würde dazu nicht nur die Produktion zählen, sondern auch Service und technische oder handwerkliche Tätigkeiten. Bei BP sprechen wir deshalb auch von Frontline Workern.

Und ja, natürlich gibt es Dinge, die die Arbeit in diesen Bereichen prägt und die es bei klassischen Bürotätigkeiten in der Regel nicht gibt. Ich denke an die Notwendigkeit des Vorortseins, die Schichtdienste und die nicht ständige Erreichbarkeit. In der Regel haben Frontline-Mitarbeitende eine klar geregelte Tätigkeit, der sie acht Stunden nachgehen, und anschließend geht es nach Hause. Die Bedürfnisse sind häufig etwas anders als bei den kaufmännischen Berufen.

So können in Ländern, in denen BP Tankstellen betreibt, Mitarbeitende nicht sagen, dass sie noch mal schnell die E-Mails fertig machen, bevor sie sich um die Kunden kümmern. Und in den großen Raffinerien und Schmierstoffwerken mit sehr vielen Mitarbeitenden arbeiten Menschen mit unterschiedlichen Kulturen und Bildungsniveaus zusammen und dies muss entsprechend berücksichtigt werden.

Insgesamt bringt diese Zielgruppe für die Personalarbeit eine gewisse Komplexität und auch Limitierungen mit sich – beispielsweise in Bezug auf die Kommunikation oder das Change Management –, wenn es darum geht, wirklich alle vor Ort zu erreichen.

Meiner Erfahrung nach wird den Blue-Collar-Mitarbeitenden und ihren Bedürfnissen in der Personalarbeit der Unternehmen immer noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Wie siehst du das?

Es hat sich eine ganze Menge zum Positiven gewandelt. Im Verband haben wir im Zuge der Corona-Pandemie und ihrer Auswirkungen von der „Verletzlichkeit der Ressource Mensch“ gesprochen und dieser Begriff hat sich festgesetzt. Das heißt, der Einzelne ist wichtig.

In der Krise ist deutlicher geworden, wer wirklich systemrelevant ist, um Betriebe am Laufen zu halten.

Es hat ein generelles Umdenken stattgefunden und der Blue-Collar-Bereich hat eine Aufwertung erfahren.

Es mag immer noch sein, dass in manchen Unternehmen die Bedürfnisse der Frontline-Mitarbeitenden nicht adäquat und ausreichend adressiert werden. Das hat aus meiner Sicht viel damit zu tun, dass diejenigen, die in der Personalarbeit Konzepte erstellen, nicht genügend in der Erlebniswelt der Produktionsmitarbeitenden unterwegs sind.

 

Verbandsprofil

BPM

Der Bundesverband der Personalmanager:innen (BPM) ist mit knapp 5.000 Mitgliedern eine berufsständische Vereinigung für Personaler:innen aus Unternehmen, Verbänden und anderen Organisationen. Der Verband fördert den Wissensaustausch und die Vernetzung unter HR-Professionals, leistet aktiv Imagearbeit für Personalmanager:innen und vertritt ihre Interessen gegenüber Politik und Medien.

 

Wie kann man diesem Dilemma begegnen?

Es ist wichtig, dass die Mitarbeitenden in die Konzeption einbezogen werden, dass sie ihre Perspektiven einbringen können oder gar Konzepte codesignen.

Bei BP wissen wir beispielsweise ganz genau – auf Basis des Austauschs mit den Mitarbeitenden –, wie viel Zeit Beschäftigte in Schichtarbeit wirklich haben und über welche Medien sie erreichbar sind – oder eben nicht. Die Instrumente können je nach Zielgruppe sehr unterschiedlich sein.

Du hast gesagt, dass sich einiges gewandelt hat in Bezug auf Blue Collar. Gilt das auch für das Thema Führung und die Führungskräfteentwicklung in dem Bereich? Gerade in der Produktion war es doch lange so, dass vor allem die fachlich Besten in Führungspositionen gekommen sind. Auf soziale Fähigkeiten wurde in den meisten Organisationen lange nicht geschaut.

Die Einschätzung, dass der Produktionsbereich in Sachen Führung nachrangig behandelt wurde, kann ich nicht teilen. Bei Nordzucker, wo ich vor BP tätig war, gab es schon sehr früh selbstorganisierte Teams in der Produktion und einen modernen Führungsansatz. Das Zuckergeschäft ist ein Kampagnengeschäft, das heißt, es wird an circa 120 Tagen rund um die Uhr 24 Stunden lang produziert und im Anschluss folgt die Instandhaltungsphase.

Die Frage, wie die Arbeit in der Instandhaltung organisiert wird, ist also eine ganz entscheidende, um im nächsten Jahr wieder produzieren zu können. Trotzdem – oder genau deswegen – hat man die Verantwortung dafür den Teams gegeben. Damit verbunden waren beispielsweise Themen wie: Wann ist wer in Urlaub? Wann muss die Vorarbeit geleistet sein? Wann wird die Turbine bestellt und geliefert? Welche Tage wird kollektiv freigenommen?

Ein zweites Beispiel, das ich geben will, ist die Werte- und Kulturentwicklung in einem Unternehmen. Es lohnt sich sehr, auch vom Blue-Collar-Bereich zu lernen, ihn einzubeziehen und sich die Art der Kommunikation dort genau anzuschauen. Denn diese ist oft sehr geradeaus, direkt auf den Punkt, nah am Menschen und nicht so „verkopft“.

Unterscheidet ihr bei BP bezüglich der Führungskräfteentwicklung zwischen den Zielgruppen Blue und White Collar?

Wir haben zunächst einmal eine Lernplattform für alle, eine Art „Netflix des Lernens“, mit unterschiedlichen Karrierepfaden, die transparent machen, wie man sich weiterentwickeln kann. Im Rahmen unserer Transformation vom Öl- und Gasunternehmen hin zum integrierten Energieunternehmen liegt ein wesentlicher Schwerpunkt auf dem Lernen. Deshalb spielt diese Plattform in der Transformation eine wichtige Rolle für uns. Und jeder BP-Mitarbeitende bekommt ein Leadership-Training mit dem Namen „Leading myself“ als Basis angeboten. Die Philosophie dahinter ist:

Wenn ich mich selbst nicht gut führen kann, kann ich höchstwahrscheinlich andere auch nicht gut führen.

Daneben gibt es Lerninhalte zu „Leading others“ sowie „Leading organizations“, um das Wesentliche zu nennen.

Zusätzlich haben wir Leadership-Programme mit verschiedenen Modulen. Dazu gehören unter anderem Angebote für Menschen mit erster Führungserfahrung. Dabei unterscheiden wir bewusst nicht zwischen Blue und White Collar.

Wie viele Mitarbeitende hat BP Europa insgesamt und wie hoch ist in etwa der Anteil der Blue Collar?

In den sieben Ländern für die Marken BP, Aral und Castrol sind es circa 9.000 Mitarbeitende und davon ist etwa die Hälfte dem Bereich Frontline zuzurechnen.

Wenn es um die Kommunikation bei Veränderungsvorhaben geht, ist eine bekannte Herausforderung hinsichtlich der Zielgruppe der Produktionsmitarbeitenden die richtige Wahl der Kommunikationsinstrumente und -formate. Wie erreicht man sie am besten? Worauf ist zu achten deiner Erfahrung nach?

Das wesentliche Instrument ist meiner Ansicht nach die Führungskraft. Sie hat eine wichtige Rolle als Kommunikator und Kulturgestalter. Sie muss auch Informationen filtern, bewerten und abfedern, damit nicht sämtlicher Druck nach unten durchschlägt. Sie gibt Orientierung, erklärt den Weg nach vorn und verdeutlicht im besten Falle jedem Einzelnen, welchen Beitrag er leisten kann, um die Unternehmung besser zu machen.

In der Kommunikation ist also vor allem die klassische Kaskade wichtig?

Ja, durchaus. Gerade mit Blick auf die Produktionsbereiche sind jedoch ebenso die Betriebs- und Belegschaftsversammlungen, die Town Halls, von großer Bedeutung. Dort kommen unter anderem Betriebsrat und Führungskräfte mit den Mitarbeitenden zusammen, um beispielsweise die Strategie und die aktuelle Ergebnislage zu erläutern. Auch hier gibt es die Gelegenheit, Botschaften zu setzen, Mitarbeitererlebnisse positiv zu gestalten und Vertrauen zu schaffen – als Ergänzung zur individuellen Führungsbeziehung und den konzernweiten virtuellen Town Halls für alle Mitarbeitenden.

Herausfordernd kann die Kommunikation werden, wenn man sich bestimmte Kontexte anschaut. Nehmen wir als Beispiel eine einzelne Tankstelle und einen Webcast des CEO aus London zur neuen Strategie. Mitarbeitende in diesem Arbeitsumfeld sind dann recht weit von der Konzernzentrale entfernt und haben wenig bis gar nichts mit anderen Geschäftsfeldern in der Welt zu tun. Damit wird die Kommunikation im Change bzw. in Transformationen entsprechend anspruchsvoller.

Im Vergleich dazu ist die Kommunikation in einem Produktionswerk leichter. Dort kann die Geschäftsführung eine Belegschaftsversammlung durchführen und diese aufzeichnen lassen. Und die Mitarbeitenden haben die Möglichkeit, mit ihrer Führungskraft und ihren Kolleginnen und Kollegen über das Erlebte zu sprechen. Auch das ist wichtig.

Welche Formate und Instrumente siehst du noch als wichtig in der Kommunikation, wenn die Zielgruppe Produktionsmitarbeitende sind?

Neben der Führungsbeziehung als wichtigen Kommunikationsweg sollte man sich weitere Kanäle überlegen, die idealerweise jederzeit verfügbar sind. Das können Broschüren sein, Screens, E-Mails und/ oder Intranet-Meldungen.

Das Smartphone ist sicherlich gerade im Blue-Collar-Bereich ein interessantes Kommunikationsmedium.

Wenn ein Betrieb seine Mitarbeitenden allerdings aus Kostengründen nicht mit Geschäftshandys ausstatten kann, ist vielleicht „Bring your own Device“ eine Möglichkeit. Eine wichtige Voraussetzung ist dabei, dass die Auseinandersetzung der Mitarbeitenden mit den Kommunikationsinhalten der Firma auch als Arbeitszeit gewertet wird.

BP befindet sich mitten in der Transformation zum integrierten Energieunternehmen. Spiegelt sich das Transformationsvorhaben schon in der Kompetenzentwicklung wider – beispielsweise im Blue-Collar-Bereich?

Ja, seit einiger Zeit ist unser Ansatz Skills-basiert. Wir schauen nicht mehr, was in der einzelnen Funktion gebraucht wird, sondern clustern bezogen auf Kompetenzen. Es sind vier Schwerpunktbereiche, die wir mit unseren Clustern im Fokus haben: Commercial, Digital, Nachhaltigkeit und Agilität.

Ein Beispiel: Kommerzialität ist für uns sehr wichtig. Ob jemand an unserer Tankstelle Benzin tankt oder sein E-Auto lädt, ist für uns letztlich kein großer Unterschied. Wir bieten die notwendigen Lösungen an. Für die Kundenzufriedenheit spielt jedoch auch der Convenience-Bereich eine ausschlaggebende Rolle. Ein Kunde lädt in 20 Minuten sein Auto und währenddessen trinkt er bei uns einen Kaffee und erledigt seinen Tageseinkauf. Du siehst: Alle Mitarbeitenden im Tankstellengeschäft brauchen Commercial-Skills, um diese Interdependenzen zu erkennen und entsprechende Angebote zu entwickeln.

BP hat in Gelsenkirchen eine sehr große Raffinerie. Was ist für die Mitarbeitenden dort hinsichtlich der Kompetenzentwicklung in den genannten Bereichen überhaupt relevant?

All das Genannte. Unsere Produktionsbetriebe werden digitaler. Und auch im Bereich Commercial sollte man Bescheid wissen, beispielsweise wie sich Einkaufspreise entwickeln und wie der Verkaufspreis zustande kommt – und von welchen Faktoren dieser abhängig ist.

Und Nachhaltigkeit ist die Grundlage unserer Strategie. Mit Blick auf die Dekarbonisierung sollte zum Beispiel klar sein, welchen Beitrag wir je Geschäftsbereich leisten.

Und schließlich: Die Agilität spielt auch in der Raffinerie eine große Rolle, beispielsweise wenn eine Großrevision der Raffinerie ansteht und die ganze Mannschaft gefordert ist.

Müssen die Mitarbeitenden in Gelsenkirchen die Transformationsstory von BP kennen?

Das ist wichtig, absolut. Leadership- und kulturelle Werte, die Identität von BP, was die Strategie ist und wo wir hinwollen – das alles kennt wirklich jeder Mitarbeitende. Wir haben bei unserer jährlichen Mitarbeiterbefragung erfreulicherweise zu alldem hohe Zustimmungsraten.

Für den Frontline-Bereich wurden die Fragen angepasst, einfacher und kürzer gestaltet, damit die Mitarbeitenden wirklich nur das für ihren Bereich Relevante beantworten müssen.

Die Ergebnisse der Befragung werden besprochen und daraus abgeleitete Themen in Workshops bearbeitet. Das Fragenset ist stabil, um die Vergleichbarkeit sicherzustellen.

Und neben der jährlichen Befragung gibt es noch „Pulse Live“, eine monatliche, kürzere Umfrage, bei der wir einzelne, ausgewählte Fragen stellen können, um zu sehen, was die Belegschaft konkret bewegt, und um Veränderungen im Jahresverlauf zu erkennen.

Was wäre bezogen auf die Gruppe der Blue-Collar-Mitarbeitenden ein Ratschlag, den du allgemein als Präsidentin des BPMs geben würdest?

Die Sichtbarkeit des Einzelnen liegt mir am Herzen.

Und Personaler und Personalerinnen sollten – genauso wie Führungskräfte – nahbar bleiben.

Auch mal vor Ort sein, mal eine Runde mitarbeiten und Gespräche führen, in jedem Fall zuhören.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jan C. Weilbacher.

 

changement! Heft 07/2023

 

Autorin

Inga Dransfeld-Haase
ist Vorständin für Arbeit und Soziales bei dem Energieunternehmen BP Europa SE. Sie ist zudem seit 2019 Präsidentin des Bundesverbands der Personalmanager:innen (BPM). Vor ihrem Wechsel zu BP Europa SE im Jahr 2020 war Inga Dransfeld-Haase als Head of Corporate Functions für die Nordzucker AG tätig.
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Im Jahr 2015 startete die Otto Group eine umfassende kulturelle Transformation. Seitdem wird die Unternehmenskultur auch als wichtiger Hebel für den Geschäftserfolg betrachtet. Bianca Lammers, die das Team „Kulturwandel 4.0“ leitet, spricht im
Interview über die Anfänge des Transformationsprozesses und die Herausforderung, zu irritieren, ohne die Anschlussfähigkeit zu verlieren.

Die Otto Group wird stark mit dem Thema „Unternehmenskultur“ und „Kulturwandel“ in Verbindung gebracht. Siehst du das auch so und woran liegt das deiner Ansicht nach?
Wir sind konzernweit 2015 mit unserem bisher größten kulturellen Transformationsprozess gestartet – und er hat richtig etwas ausgelöst in der Organisation.

Dass sich ernsthaft etwas bei uns im Unternehmen veränderte, spürte man, glaube ich, etwa anderthalb Jahre später. So hat beispielsweise die Einladung unseres Vorstands, von allen geduzt zu werden, in der Öffentlichkeit für Aufmerksamkeit gesorgt. Das war damals für ein Traditionsunternehmen doch ungewöhnlich. Für uns war das eigentlich überhaupt kein Meilenstein, sondern eher das Ergebnis eines guten Prozesses. Heute gehört das „Du“ zu unserer Kultur.

Wir machen Kulturwandel nicht, damit wir uns wohler fühlen. Sondern um unser Business nach vorne zu bringen. Nur um einige Beispiele zu nennen: Wir haben AboutYou erfolgreich an den Markt gebracht; wir sind in das Retail-Media-Geschäft eingestiegen und seit Kurzem sind wir im Digital-Health-Markt unterwegs. Kulturwandel ermöglicht demnach Räume für Ideen, Innovationen und Transformation unserer Geschäftsmodelle und ist damit Teil unserer Strategie und Haltung.

Du warst schon 2015 beim Start der Transformation dabei?
Ja, ich habe 2015 im Strategiebereich gearbeitet und war im Initiierungsteam mit zwei anderen Kolleg:innen.

Was war damals der Auslöser, sich überhaupt mit der Kultur der Otto Group zu beschäftigen? Welche Probleme wolltet ihr lösen?
Das Problem war unsere wirtschaftliche Performance, die bei der rasenden Veränderungsgeschwindigkeit der Digitalisierung nicht mehr mithalten konnte. Die Erkenntnis, dass langjährig erprobte Mechanismen im Unternehmen nicht mehr reichten, führte dazu, dass wir nicht unsere Geschäftsfelder, sondern unsere Art der Zusammenarbeit, unsere Unternehmenskultur infrage gestellt haben. Aus dem Strategiebereich heraus haben wir dann Mitarbeitende und Führungskräfte befragt, wo ihrer Ansicht nach die Schmerzpunkte liegen.

Und welche Antworten habt ihr bekommen?
Die Antworten waren alle sehr ähnlich:

Es gab „Fürstentümer“ und Silobildung, kein Empowerment – die ganzen Klassiker, die man wahrscheinlich in allen Konzernen findet, kamen direkt zum Vorschein.

Was ist dann mit den Interviewergebnissen passiert?
Die Ergebnisse waren nicht überraschend. Jeder wusste es eigentlich auch, sprach es aber nicht an.

Wir machten allerdings die Ergebnisse sichtbar, sodass man darüber sprechen konnte. Das war der erste wichtige Schritt.

Bei einer großen Strategietagung mit dem Vorstand hat unser Bereich im Rahmen seiner Präsentation nicht nur gezeigt, wie wir als Unternehmen im Markt stehen, sondern eben auch das Kernergebnis der Interviews erläutert: dass wir uns selbst im Weg stehen und wir uns verändern müssen. Unser Aufsichtsratsvorsitzender Michael Otto stimmte sofort zu. Man kann sagen, dass direkt aus dieser Sitzung der Auftrag an den Strategiebereich kam, sich um die Herausforderungen zu kümmern.

Was waren eure ersten Schritte?
Wir haben am Anfang ganz klassisch gehandelt und erst einmal ein Projekt aufgesetzt sowie nach Unternehmensberatungen geschaut, die Transformation und Organisationsentwicklung können. Doch relativ schnell war uns klar, dass wir mit den üblichen Ansätzen, mit denen wir immer losgehen, die Kultur nicht verändern werden.

Während wir den Prozess gestalteten, haben wir uns häufig selbst hinterfragt. Denn wir waren ja Teil des Systems. Wir entschieden uns deshalb zu Beginn, eine systemische Beratung als externe Unterstützung dazuzuholen. Das war für uns als Strategiebereich zu diesem Zeitpunkt neu.

War euer Vorhaben zu diesem Zeitpunkt im Unternehmen schon bekannt?
Nein, das Thema wurde an dem Punkt nur im Strategiebereich behandelt. Losgelegt im Team, mit dem Vorstand und dem systemischen Coach haben wir im Februar 2015, der offizielle Kick-off für das gesamte Unternehmen war im Dezember 2015.

Worauf habt ihr am Anfang besonders Wert gelegt?
Anfangs waren wir aus dem Strategiebereich jeden Monat bei der Vorstandssitzung dabei und wir haben mit den sechs Vorstandsmitgliedern bilaterale Gespräche geführt.

Denn irgendwann würden wir auf Themen stoßen, die sich nur bearbeiten lassen, wenn der Vorstand eine zentrale Weichenstellung ermöglicht. Wenn die Vorstandsmitglieder nicht an Bord sind, wenn sie Veränderungen nicht selbst mittragen und authentisch vorleben, wird es schwierig.

Worauf wir auch viel Zeit verwendeten, war die Rollenklärung: Unsere Rolle sollte sein, den Prozess der Veränderung zu begleiten, der Vorstand war in der Verantwortung. Das machte ein Umdenken nötig. Wir haben auch geschaut: Welches Vorstandsmitglied kann für ein Thema, das aus der Organisation zurückgemeldet wurde, authentisch stehen und es vorantreiben? Die Gesellschafter Michael und Benjamin Otto haben wir eng einbezogen. Denn uns war es wichtig, dass Aufsichtsrat und Vorstände hinter dem Prozess stehen und thematische Verantwortung übernehmen. Um dieses Commitment zu schaffen, haben wir uns ein bisschen Zeit gelassen.

Hattet ihr 2015 schon ein Zielbild oder habt ihr euch erst einmal auf den Weg gemacht und für Austauschmöglichkeiten gesorgt?
Wir hätten natürlich als Strategie-Mitarbeitende liebend gerne Zielbilder gemalt. Das wäre das klassische Vorgehen gewesen. Diesem Reflex haben wir widerstanden und stattdessen die Problemfelder aufgemacht. Wir sind auch ohne Zielbild in die Vorstandssitzungen. Wir wussten nur, wir wollen an die Probleme ran und wir wollen unsere bisherigen Arbeitsweisen verändern, um die Zukunft der Otto Group weiterhin zu gestalten. Das war die zentrale Botschaft im Kick-off: dass gemeinsam an den Herausforderungen gearbeitet werden soll. Wie das gehen sollte, wussten wir aber damals selbst nicht.

Gestartet sind wir mit Workshops zu identifizierten Themen wie „Empowerment“, Customer & Data“ oder „Speed“. Dazu haben die Vorstände hierarchieübergreifend Freiwillige gesucht, die bereit waren, mitzugestalten. Auszubildende und Vorstände in einem Workshop, die gemeinsam an kniffeligen Themen arbeiten, das war 2015 absolut neu und bahnbrechend.

Am Anfang unseres Kulturwandels haben wir uns an der Theory U von Otto Scharmer orientiert. Wir mussten also zunächst „durch den Schmerz durch“. Wir haben die Vorstände mit der Organisation zusammengebracht und man hat sich gegenseitig zugehört. Es ging zu Beginn darum, wirklich das Problem zu verstehen und nicht – wie sonst üblich – sehr schnell auf eine Lösung zu springen.

Allerdings war das nicht einfach. 2015 konnte man in der Otto Group sicher noch nicht einen hierarchieübergreifenden
Workshop mit Vorständen machen und erwarten, dass da das „sprudelnde Leben“ passiert.

Ist das ein „Geheimnis“, um Kulturwandel voranzubringen? Einen Raum zu schaffen, damit Menschen hierarchieübergreifend zusammenkommen, um auf Augenhöhe vertrauensvoll über Probleme sprechen zu können?
Es ist ein Faktor. Wenn aber danach nichts passiert, dann kommt man in so eine reine „Auskotz-Schleife“. Es muss dann auch in Richtung Zukunft gehen.

War am Anfang allen klar, dass Kultur ein wichtiger Stellhebel für die Transformation ist? Oder musstet ihr bei den Führungskräften erst enorme Überzeugungsarbeit leisten?
Ja, sicherlich. Nicht alle haben „Hurra“ geschrien. In der ganzen Belegschaft – auch im Vorstand – gab es Gruppen, die sehr zurückhaltend waren, Kultur als strategischen Erfolgsfaktor zu sehen. Viele irritierte, dass gerade der Strategiebereich das Kulturthema anbrachte. Manche vermuteten sogar das nächste Restrukturierungsprojekt hinter der Initiative. Und was ebenfalls irritierte, war der hierarchieübergreifende Ansatz. Das war ein Novum und hat bei einigen Führungskräften für Unverständnis
gesorgt.

Lass uns einen Zeitsprung in das Heute machen. Es gibt immer noch eine Initiative bei der Otto Group mit dem Namen „Kulturwandel 4.0“. Habt ihr die Philosophie, dass man immer an der Kultur arbeiten muss und Kulturwandel kontinuierlich stattfindet?
Ja, das kann man so sagen.

Und dass der Kulturwandel ein Prozess ohne definiertes Ende ist.

Warum gibt es bei der Otto Group noch das Team „Kulturwandel 4.0“? Was ist der Auftrag?
Wie gesagt, Kulturwandel ist ein permanenter Prozess. Sich von bekannten Mustern zu verabschieden, fällt den Menschen per se schwer. Zu verstehen und zu reflektieren, welches Verhalten gerade sinnvoll ist und zum Erfolg des Unternehmens beiträgt, ist auch nicht immer einfach. Es gibt natürlicherweise Rückfälle in alte Verhaltensweisen. Unsere Aufgabe als Kultur-Team ist es, zu schauen, welche Verhaltensweisen und welche Muster uns nicht mehr zum Ziel bringen. Wir fragen: Was sollten wir reflektieren? Was sollten wir ins Bewusstsein holen? Wir schauen auf Verhalten.

Besteht dabei nicht die Gefahr, als Kultur-Sheriff wahrgenommen zu werden?
Es ist auf jeden Fall eine schwierige Rolle. Natürlich besteht das Risiko, als „Bad Guy“ oder „Bad Lady“ gesehen zu werden, wenn man unangenehme Sachen thematisiert. Man wird auch schnell zur Projektionsfläche für jedes individuelle Problem. Manchmal macht es deshalb Sinn, einen externen Blick dazuzunehmen, wenn es darum geht, uns allen einen Spiegel vorzuhalten. Die Umsetzung der Veränderung muss aber immer mit einem Teil des Systems passieren.

Sich ein Kernteam „Kultur“ zu leisten, ist deshalb wichtig, weil die Beharrungskräfte grundsätzlich stärker als die Veränderungskräfte sind. Unser Team hat die Aufgabe, zu beobachten, Verhaltensmuster zu spiegeln und Veränderungen anzustoßen, wenn es nötig ist. Klar ist jedoch auch: Es ist ein schmaler Grat.

Mittlerweile sind wir nicht allein. Neben den sogenannten lokalen Kulturwandelteams, die in den Konzerngesellschaften ganz individuell die Kulturwandelprozesse gestalten, haben wir auch Fachbereiche ausgebaut bzw. gegründet. Beispielsweise gibt es in einigen Konzerngesellschaften Agile Center, die Veränderungsprozesse begleiten. Außerdem haben wir viele neue Kolleg:innen, die professionell Organisationsentwicklung in den Gesellschaften und Teams vorantreiben.

Wir als Nukleus-Team schauen, bei welchem Thema der Konzern in Summe einen Anschwung braucht. Wo steht uns die Macht der Gewohnheit im Weg? Was müssen wir trainieren?

Was beschäftigt euch konkret in diesem Jahr?
Wir haben die Organisation gefragt. In diesem herausfordernden Jahr beschäftigt uns die Frage, wie wir fokussiertes Verhalten trainieren können. Fokussierung hat sowohl eine individuelle als auch eine organisationale Dimension. Individuell geht es zum Beispiel um die Fähigkeit, „Nein“ zu sagen. Organisational arbeiten wir aktuell an unserer Reporting-Kultur.

Gerade die organisationale Perspektive in Form von Strukturen und Prozessen dürfte doch bezüglich Fokussierung besonders wichtig sein, oder?
Ja. Als Erstes wird als entscheidender Hebel oft ein transparentes Zielsystem genannt. Damit verbunden ist ebenso die Frage: Was ist der Beitrag eines jeden Einzelnen zum großen Ganzen? Das hat eine starke strukturelle und prozessuale Komponente. Doch wenn man diesbezüglich eine Weiche anders stellt, muss auch der Umgang mit dem Neuen trainiert werden. Zum Beispiel kann ein Team nicht einfach eine OKR-Logik einführen, ohne das dazugehörige Verhalten zu üben. Die alten Muster passen nicht zu einem agilen Framework. Wie wendet man es also an, damit es wirklich die Performance steigert? Und was muss auf der Verhaltensebene umgestellt werden?

Zusammengefasst gesagt: Im ersten Schritt werden Dinge sichtbar, die uns auf der Prozessseite fehlen. Oder ein Prozess wird nicht richtig gelebt. Im zweiten Schritt ist es unsere Aufgabe, eine Reflexion anzustoßen und eine gute Dialoggrundlage zu schaffen, damit das jeweilige Thema offen und ehrlich diskutiert werden kann, beispielsweise zu der Frage: Was müssen wir noch lernen?

Und wo steht ihr bei dem Thema „Fokus“? Seid ihr noch in der Analysephase?
Wir gehen die Analyse und „das Machen“ parallel an.

Wir stehen noch ganz am Anfang und merken an verschiedenen Stellen, warum es so wichtig ist, „Fokussieren“ zu trainieren. Es ist eine harte Nuss.

Was ich bei dem Thema Kultur beobachte, ist, dass in den Unternehmen zwar keine langfristigen Zielbilder ausgegeben werden, es aber doch den Anspruch gibt, eine Kultur zu schaffen, die von Lern- und Veränderungsbereitschaft geprägt ist, die resilient und agil ist. So soll die Organisation in der Lage sein, sich an ein veränderndes Umfeld schnell anzupassen. Ist die flexible Organisation auch für euch ein Ziel?
Veränderungs- und zukunftsfähig zu sein, ist unser Kernziel. Und um das zu erreichen, setzen wir immer wieder auf unterschiedliche Themen, wie zum Beispiel Resilienz oder eben agile Zielsysteme.

Was wir als Kultur-Team machen, ist Anschubhilfe zur Reflexion: Welches Verhalten hilft gerade, um als Organisation veränderungsfähig zu bleiben, und welches nicht?

Wo steht die Otto Group mit Blick auf eine veränderungsbereite Kultur insgesamt?
Das kommt darauf an, wen du in der Organisation fragst. Die Perspektiven sind sehr unterschiedlich. Von „Toll, was uns der Kulturwandel bisher gebracht hat“ bis „Ich wünschte, der Kulturwandel würde endlich mal anfangen“. In der Summe sind wir aber sicherlich auf einem anderen Niveau als noch vor einigen Jahren. Das merkt man auch an der Anspruchshaltung – beispielsweise, wenn es um die partizipative Entwicklung von Themen geht.

Was, denkst du, ist die größte Herausforderung in deiner Rolle?
Diesen Spagat hinzubekommen: einerseits die Leute zu irritieren und sie mit Interventionen aus ihren Gewohnheiten zu holen und gleichzeitig anschlussfähig zu bleiben. Die Irritation muss von der Organisation annehmbar und schließlich umsetzbar sein.

Das kann beispielsweise bedeuten, dass man in einem Workshop dafür sorgt, dass ein Teil Altbekanntes ist und einen hohen Wiedererkennungswert hat und ein anderer Teil komplett neu ist. Also, neben einer PowerPoint-Unterlage gibt es dann zum Beispiel für das Top-Management eine dynamische Agenda, die am Tag vorher per digitaler Abstimmung entsteht.

Du bist in der Division „Kulturwandel 4.0“. Seid ihr auch Kulturveränderer?
Kultur ist nicht veränderbar. Sie ist einfach da. Wir als „Kulturwandel 4.0“-Team schauen auf die Verhaltensmuster und Werte. Wir können auch das Verhalten nicht direkt verändern, aber wir wissen, welche Hebel wir in Gang setzen müssen, damit Verhaltensänderung möglich wird. Und in der Analysephase sprechen wir vor allem mit denjenigen, die an den Hebeln für Veränderungen sitzen.

Kannst du etwas mit dem Begriff der „agilen Kultur“ anfangen? Gibt es die überhaupt?
Ich kann mit den Grundsätzen der Agilität viel anfangen, weil sie ähnlich zu den Prinzipien der systemischen Beratung sind und wir uns an den Agilitätsprinzipien orientieren. Und ich denke, unsere Agile Coaches beispielsweise leisten einen enormen Beitrag, um unsere Zusammenarbeit besser zu machen. „Agile Kultur“ klingt ein bisschen nach Buzzword. Damit kann ich nicht so viel anfangen.

„Kulturwandel 4.0“ klingt aber auch ein bisschen nach Buzzword.
Das kommt aus der Zeit, als „Industrie 4.0“ so hoch im Kurs stand und man damit Begriffe verbunden hat wie „Vernetzung“, „Empowerment“, „Transparenz“, „Digitalisierung“.

Wir haben uns als Kultur-Team damals ein wenig gesträubt, so einen „Branding-Begriff“ zu nutzen. Statt viel Zeit darauf zu verwenden, ein Zielbild oder Slogan auf dem Papier festzuschreiben, bin ich der Meinung, schnell ins Machen zu kommen und Dinge auszuprobieren, bringen einen schneller zum Ziel als die Diskussion darüber.

Was würdest du sagen, wo der Kulturwandel in der Otto Group am besten erlebbar wird?
Ich würde sagen, am ehesten wird er an der Diskussionskultur sichtbar. Beispielsweise herrschte vor zehn Jahren in der „Teppichetage“, in der Etage des Vorstands, viel Stille und kein Hinterfragen.

Auch in unseren Town-Hall-Meetings kommen wir heute viel schneller zu den relevanten und strittigen Themen.

Oder ich denke ebenso an das Thema Transparenz. Früher musste man sich darum bemühen, an Informationen zu kommen. Heute gilt Transparenz als Standard. Das heißt, wenn eine Information im Unternehmen nicht transparent gemacht werden soll, muss es dafür eine Begründung geben. Früher war die Nicht-Transparenz das Normale.

Und unsere konzernweite Kollaboration hat ein neues Level erreicht. Dies sollten wir nicht als gegeben ansehen. Die Welt dreht sich weiter und wir müssen uns kontinuierlich mit unserer Art der Zusammenarbeit auseinandersetzen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, Kulturwandel ist nie vorbei.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Jan C. Weilbacher.

 

changement! Heft 05/2023

 

Autorin

Bianca Lammers
leitet das „Kulturwandel 4.0“-Team der Otto Group. Sie ist Master of Science in Betriebswirtschaftslehre und ausgebildete systemische Organisationsberaterin. 2013 ist Bianca Lammers als Beraterin im Strategiebereich in die Otto Group eingetreten. Seit 2018 ist sie als Projektleiterin im „Kulturwandel 4.0“-Team tätig. Sie verantwortet den Bereich seit 2021.
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Die meisten Unternehmen streben nach kontinuierlicher Veränderung. Sie suchen nach innovativen Organisationsformen, die höchste Flexibilität ermöglichen – ein Schlüsselfaktor für langfristigen Erfolg. Dabei geht es nicht nur um schnelle Reaktion, sondern auch um proaktives Antizipieren, Gestalten und Neudenken sämtlicher Unternehmensdimensionen. Maren Hauptmann und Tanja Waldner über „Die Super-Responsive-Organisation“.