Mal ehrlich, Sven Rebbert! changement! 03/2022

Mal ehrlich, Sven Rebbert, Axel Springer News Media National!

Für die einen Allheilmittel, für die anderen völlig überbewertet: Tools und Methoden im Change. Wir fühlen Praktikern und Expertinnenauf den Zahn und wollen ihre Sicht der Dinge sowie einige Tipps erfahren. Diesmal fragen wir Sven Rebbert. Er ist verantwortlich für die Organisationsentwicklung von Axel Springer News Media National.

Mal ehrlich, Tools und Methoden werden im Rahmen von Veränderungen überschätzt! Richtig?

Nein, das würde ich pauschal so nicht sagen. Die Nutzung von Tools und Methoden muss natürlich gut abgewogen werden und zur Organisation und der Veränderung passen. Bei gezieltem Einsatz können sie dabei unterstützen, den Zielzustand der Veränderung iterativ zu erreichen.

Was allerdings klar ist: Tools und Methoden können nicht alles lösen. Sie können aber sehr wohl hilfreich sein, um die Reflexion in Bezug auf bestehende Systeme, Arbeitsprozesse oder Verhalten zu fördern. Oder auch um neue Verhaltensmuster (kollektiv) zu erlernen, für ein gemeinsames Zielbild zu motivieren und dabei viele mitzunehmen. Das geht theoretisch oder auch sehr praktisch und spielerisch.

Grundsätzlich ist auch zu unterscheiden, von welchen Tools und Methoden wir sprechen. Ob in der Prozessanalyse, im Projektmanagement, im Coaching, in der digitalen Zusammenarbeit oder der Moderation: Für mich steckt die Magie in der Kombination zwischen unterschiedlichen Tools, Methoden und Frameworks. Es geht darum, für die Organisation die passenden Elemente auszuwählen, um so neue, individuelle Ansätze zu schaffen und eine hohe Akzeptanz für die Anwendungen der Methode zu erreichen.

Man lernt ja doch hin und wieder die ein oder andere neue Methode oder einen neuen Ansatz in Bezug auf Organisationsentwicklung kennen. Wann hatten Sie diesbezüglich das letzte Mal ein Aha-Erlebnis?

Das Aha-Erlebnis der letzten Zeit ist die Erkenntnis, dass das Verlernen von Hierarchien in Organisationen wohl eine der größten Herausforderungen ist. Das habe ich gemerkt, als wir unsere Organisationsentwicklung, bestehend aus mehr als 20 Expertinnen und Experten sowie Coaches, auf ein rollen- und kreisbasiertes Arbeiten umgestellt haben. Dieses Experiment läuft aktuell noch und macht mir immer wieder deutlich, wie gewinnbringend, wirksam aber auch fordernd es ist, sich von der klassischen Aufbauorganisation und traditionell-hierarchischen Positionen zu trennen.

Und bei der Anwendung welcher Methode waren Sie zuletzt ganz besonders wirksam?

Die Nutzung unseres a_work Pokers, ein Kartenspiel, um hybrides Arbeiten im Team zu reflektieren und Entscheidungen für die Zusammenarbeit zu treffen, war besonders wirksam. Wie in jeder Organisation sind unsere Ressourcen begrenzt. Wichtig ist für uns aber, eine Vielzahl von Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichsten Abteilungen und Teams in diversen Organisationen bei Axel Springer gleichzeitig bei den Veränderungen zu begleiten.

Dabei ist es unabdinglich, Produkte zu entwickeln und anzuwenden, die wir in der Organisation skalieren können, wobei gleichzeitig die Individualität der Abteilungen und Teams berücksichtigen werden muss. Neben spielerischen Ansätzen wie „a_work Poker“ setzen wir auch komplexe Reifegradmodelle zugeschnitten auf den jeweiligen Veränderungsprozess ein. Diese Produkte stellen wir dann über Multiplikatoren zur Verfügung und befähigen und ermöglichen so den individuellen Einsatz innerhalb der Teams. Partizipation und Gestaltungsräume spielen hier eine sehr große Rolle.

So entstehen Kreativität, Verantwortungsbewusstsein und Teilhabe an dem Veränderungsprozess.

Welche Tools, Methoden oder Plattformen mögen Sie, wenn es um ihr eigenes (digitales) Lernen geht?

Da bin ich trotz meines Alters wohl eher etwas klassisch unterwegs. Ich liebe die Magazinwelt. Ob „brand eins“, „Neue Narrative“, „Psychologie Heute“ oder auch die „Vogue“ – so schaffe ich mir einen guten Ausgleich zu der digitalen Welt, in der wir uns täglich viele Stunden bewegen.

Kann man mit dem Einsatz von Methoden bzw. Formaten Kulturen beeinflussen?

Nein, aber Veränderungen begleiten, die dann wiederum die Kultur beeinflussen. Der Einsatz von Methoden und Formaten ist ein wichtiger Bestandteil, um ein Bewusstsein für notwendige Veränderungen zu schaffen und Herausforderungen sowie Ängste zu erkennen und zu adressieren – kurzum: den Weg zum gewünschten Zielzustand zu begleiten.

Welche Methode können Sie eigentlich empfehlen, um lang etablierte Verhaltensroutinen zu durchbrechen?

Ich beobachte, dass viele Unternehmen teils nur an der Oberfläche kratzen und der Mut sowie die Bereitschaft fehlen, radikalen Gedanken, Ideen und Maßnahmen Raum zu geben. Mutige Ansätze bringen oft viele unvorhersehbare Aspekte mit sich und gefallen auch nicht der ganzen Organisation. Damit dabei Orientierung ermöglicht wird, sollten im ersten Schritt Hypothesen oder Richtungsaussagen für Handlungsfelder formuliert werden. Darauf aufbauend, bietet es sich an, Wirksamkeitsstufen zu definieren, um unkonventionelle Ideen für das Durchbrechen von lang etablierten Sozialisierungen und Verhaltensroutinen abzuleiten – auch wenn es mal schmerzhaft ist. Wirksamkeitsstufen könnten sein:

  • Erste Stufe: Kaum sichtbar und (hoffentlich) mittelfristig eine Wirksamkeit
  • Zweite Stufe: Sichtbar nach innen und mittelfristig eine Wirksamkeit
  • Dritte Stufe: Sehr hohe Sichtbarkeit nach innen und außen mit unmittelbarer Wirksamkeit

Ein mögliches Beispiel für die dritte Stufe wäre die Transparenz über sämtliche E-Mails für alle in der gesamten Organisation. Würden sich dadurch moderne Kollaborationswerkzeuge endgültig durchsetzen? Würde die Konzernpolitik und eine CC-Mail-Kultur sich unmittelbar verändern?

Was ist das ultimative Buch oder Blog, wenn es um Methoden und Tools im Change geht?

Durch unser aktuelles Experiment des rollen- und kreisbasierten Arbeitens kann ich das Buch „Agile Organisationsentwicklung“ von Bernd Oestereich und Claudia Schröder empfehlen. Theoretische Tiefe und praktische Anwendung sind darin in einer sehr guten Balance.

Was ist eine gute Warm-up-Methode in einem digitalen Workshop?

Jede Form von spielerischer Interaktion, die im besten Fall mit der Anwendung der digitalen Tools verbunden wird, um nicht nur in der Gruppe, sondern auch hinsichtlich der Anwendung der Tools warm zu werden. Dazu gehören zum Beispiel: Tiere bauen mit Post-its auf digitalen Whiteboards oder Gifs mit unterschiedlichsten Check-in-Fragen.

 

 

Autor

Sven Rebbert
ist People & Culture Professional und Unternehmer mit einer Leidenschaft für New Work. Er ist verantwortlich für die Organisationsentwicklung von Axel Springer News Media National. Daneben ist er CEO & Co-Founder von gertrud digital.
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