Mal ehrlich: Netzwerken im Unternehmen
Für die einen Allheilmittel, für die anderen völlig überbewertet: Tools und Methoden im Change. Wir fühlen Expertinnen und Experten auf den Zahn und wollen ihre Sicht der Dinge sowie einige Tipps erfahren. Diesmal fragen wir Harald Schirmer.
Mal ehrlich, Tools und Methoden werden im Rahmen von Veränderungen überschätzt! Richtig?
Meine These wäre: Wenn Veränderung als sinnvoll, relevant, wirksam und wertvoll erlebt wird, braucht es nur wenig Begleitung. Tools und Methoden sind Werkzeuge, die uns helfen sollen, ein gewünschtes Ergebnis zu erreichen. Ihre Wirksamkeit hängt von der Auswahl und der Kompetenz der Anwender:innen ab. In Veränderungsprozessen wird oft zu schnell nach Tools gegriffen, bevor das gewünschte Ergebnis klar ist.
Aus kulturwirksamer Perspektive erlebe ich „einfache Werkzeuge“ gepaart mit positivem Menschenbild als besonders wirksam. Vorbildwirkung, Neugier erzeugen, Umgang mit Komplexität und „Selbstwirksamkeitserleben“ werden bei Veränderungsthemen unterschätzt. Die größte Aufgabe sehe ich jedoch im nachhaltigen Umgestalten der Regeln, Rollen und Prozesse in Richtung moderne Organisationsformen.
Du sagst oft, wenn es um das Gestalten von Veränderungen geht, ist „Change Management“ nicht der richtige Begriff. Du sprichst lieber von „Leading Change“. Was verstehst du darunter?
„Management“ wirkt bei strukturierter, geplanter Umsetzung klarer Ziele. „Leadership“ hingegen beschreibt den Umgang mit Komplexität, Dynamik und Vielfalt. Während Management „emotionslos“ Werkzeuge nutzen kann, erfordert Leadership eine positive Haltung gegenüber Leben, Menschen und Natur. Viele traditionelle Tools fokussieren sich auf hierarchisch, sequenziell zu erreichende Ziele. „Leading Change“ betont die Orchestrierung des gemeinsamen Weges unter Respektierung individueller Bedürfnisse. Die dadurch frei werdende Neugier und Selbstwirksamkeitserfahrung eröffnet einen großen Möglichkeitsraum. Am Ende geht es um Verhaltensänderungen, die ein fluides, vielschichtiges Vorgehen mit Transparenz und Beteiligung ermöglichen.
Welche beispielhafte Methode oder welches Tool verbindest du ganz besonders mit „Leading Change“?
Mir geht es mehr um die Vielfalt und Flexibilität der eingesetzten Methoden.
Es gibt kein „Best Practice“ im Komplexen.
Wichtig ist, viele Möglichkeiten zu kennen, um Hilfe zu bitten, intensiv zuzuhören und gemeinsam zu explorieren. Bewährte Mittel dafür sind beispielsweise Netzwerke, Hackathons, Moocathons, Microlearning, Open Calls, Knowledge Broker, Rule-Breaker-Workshops oder auch Working out Loud.
Du weist seit Jahren auf die Kraft von Netzwerken und Communitys in Organisationen hin. Wie steht es um das „vernetzte, bereichsübergreifende Arbeiten“ in Unternehmen im Vergleich zu früher?
Netzwerke und Communitys haben sich in vielen verschiedenen Projekten bewährt. Sie können Risiken und Kosten senken und Qualität, Innovationskraft und Arbeitgeberattraktivität steigern. Trotz dieser Erfolge ist die Zahl der verfügbaren Plattformen für echte „Social Collaboration“ gesunken. Viele Anbieter unterstützen heute eher Kleingruppen-Zusammenarbeit und „Social Communication“ – also statt gemeinsam an Themen zu arbeiten, wird über die Themen geredet. Die Corona-Pandemie hat zwar dezentrales, digitales und asynchrones Arbeiten gefördert, aber es besteht wieder oft der Wunsch, zum traditionellen Vor-Ort-Arbeiten zurückzukehren.
Flexibilität und Dynamik führen zu Komplexität. Wir sind als komplexe Lebewesen gut geeignet damit umzugehen, Netzwerke und „Leading Change“ helfen dabei. Das „maschinistisch“ geprägte Weltbild kann das nicht leisten.
Was, würdest du sagen, ist der wichtigste Erfolgsfaktor, damit sich kollektive Intelligenz in einer Organisation entfalten kann?
Dass die kollektive Intelligenz wirksam werden „darf“. Dazu braucht es mehr Transparenz, mehr Beteiligung und die Möglichkeit, mit Netzwerken oder „allen“ co-kreativ zusammenzuarbeiten. Diese Form der Beteiligung kann in vier Stufen erklärt werden:
0: Fragebogen – kaum Einfluss, keine Verantwortung
1: Crowdsourcing – Vielfalt nutzen für Ideen, Problemlösung, Innovation, Risikoreduzierung
2: Co-Kreation – gemeinsam Entscheidungen vorbereiten
3: Augenhöhe – gemeinsam entscheiden und umsetzen
Die letzte Stufe führt zu einem Feuerwerk an passenden Lösungen, zu schnellem gemeinsamem Lernen und nachhaltigem Engagement.
Du beschäftigst dich auch viel mit der digitalen Transformation. Kann die Künstliche Intelligenz Netzwerken in Unternehmen einen Schub geben?
KI wird derzeit hauptsächlich zur individuellen Effizienzsteigerung in bestehenden Arbeitsprozessen eingesetzt. Mit generativer KI beginnen wir, Prozesse zu verändern, aber es gibt noch Verbesserungsbedarf bei der Qualität. KI könnte „Begegnungsräume“ schaffen, in denen sprachenunabhängig gearbeitet wird, und beim Verstehen von Verhalten sowie der Verbesserung von Methoden helfen.
Allerdings stehen wir vor Compliance- und Datenschutz- Herausforderungen sowie dem globalen Wettbewerb um Technologievorherrschaft. „Bring Your Own AI“ hat dabei großes Potenzial, birgt aber auch Risiken für Organisationen.
Man lernt ja doch hin und wieder die ein oder andere neue Methode, ein Vorgehen oder einen neuen Ansatz in Bezug auf Change und Transformation kennen. Wann hattest du diesbezüglich das letzte Mal ein Aha-Erlebnis?
Vor zwei Wochen erlebte ich als Teilnehmer eines „Prompt-Battles“, wie transparentes, gemeinsames Prompten mit einer generativen Bild-KI für alle Beteiligten sehr lehrreich und energetisierend sein kann. Ich bin kein Freund von Wettkämpfen im Arbeitsumfeld, da das meist mehr Verlierer als Gewinner erzeugt. Hier wurden jedoch in kurzer Zeit beeindruckend positive Ergebnisse erzielt. Grundsätzlich halte ich eine aktive, direkte Beschäftigung mit dem Thema unter Einbeziehung möglichst vieler Beteiligter für erstrebenswert.
Autor
Harald Schirmer
ist Organisationsentwickler mit Fokus auf kollaborative Netzwerke. Als „VUCArocker“ inspiriert er andere, mit Komplexität und Dynamik möglichst menschlich und respektvoll umzugehen. Zudem engagiert er sich für mehr Diversität, Transparenz und Beteiligung in unterschiedlichen Kontexten.
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