Porträt von Christian Müller, Inhaber der Unternehmensberatung proagile.de

Mal ehrlich: Change und Agilität

Für die einen Allheilmittel, für die anderen völlig überbewertet: Tools und Methoden im Change. Wir fühlen Expertinnen und Experten auf den Zahn und wollen ihre Sicht der Dinge sowie einige Tipps erfahren. Diesmal fragen wir Christian Müller.

Mal ehrlich, Tools und Methoden werden im Rahmen von Veränderungen überschätzt! Richtig?

Tools und Methoden bieten Hilfestellung und können Veränderungsvorhaben erleichtern. Ist jedoch das „Warum“ und „Wozu“ einer Veränderung nicht geklärt, bleiben Tools stumpfe Werkzeuge.

Man lernt ja doch hin und wieder die ein oder andere neue Methode, ein Vorgehen oder einen neuen Ansatz in Bezug auf Change und Transformation kennen. Wann hattest du diesbezüglich das letzte Mal ein Aha-Erlebnis?

Der Gießener Psychologie-Professor Dietrich Dörner führte in den 70er-Jahren ein Experiment durch. Er beauftragte seine Studierenden, die Lebensbedingungen der Stämme im fiktiven Tanaland durch Entwicklungshilfe zu verbessern. Trotz ihrer Intelligenz und guten Absichten scheiterten die jungen Entwicklungshelfer aufgrund ihrer eindimensionalen Denkweise und der mangelnden Fähigkeit, komplexe Systeme zu verstehen.

Das computerbasierte Experiment machte sichtbar, dass sich die Testpersonen auf isolierte Projekte konzentrierten, die sich später verselbstständigten und zu unerwünschten Ergebnissen führten (Lösungsprobleme). Das Experiment wies auf die Schwierigkeiten hin, Probleme in komplexen sozialen und ökologischen Systemen zu lösen.

Vermutlich würden die Ergebnisse heute nicht wesentlich anders ausfallen. Wir planen Veränderungen oft immer noch linear und monokausal, und ignorieren dabei die Eigenarten komplexer Systeme.

Was ist für Sie „Agilität“ in erster Linie? Eine Haltung? Ein Werteset? Ein Framework? Prinzipien der Zusammenarbeit?

Agilität ist ein Klammerbegriff für eine Vielzahl an Frameworks und Methoden, die bestimmte Grundprinzipien verbindet. Diese Prinzipien orientieren sich unter anderem am Agilen Manifest von 2001.

Für mich persönlich ist Agilität ein Vehikel für erfolgreiche Zusammenarbeit unter komplexen Rahmenbedingungen.

Experimente, Iterationen, Transparenz, Freiwilligkeit und Empirie schaffen die Grundlage für mehr Daten und unterstützen damit bessere Entscheidungen. Das kann helfen, nicht die Fehler zu wiederholen, die zum Untergang von Dietrich Dörners Tanaland führten.

Gibt es für Unternehmen überhaupt eine Alternative zum adaptiven bzw. agilen Arbeiten?

Die gibt es natürlich. Sie hängen vom individuellen Kontext ab. Wo die Rahmenbedingungen stabil sind, und wenig Veränderung geschieht, funktionieren formale Hierarchien, umfangreiche Planung und serielle Arbeitsschritte weiterhin. Fahrlässig wäre es, auf pauschale Lösungen zu setzen und einzelne Vorgehensweisen zum alleinigen Standard zu machen.

Unternehmen neigen dazu, ihre Handlungsoptionen zu limitieren. Ross Ashby hat schon 1956 festgestellt: „Je größer die Variabilität, die einem Kontrollsystem zur Verfügung steht, desto größer ist die Vielfalt der Störungen, die es kompensieren kann.“ Für mich gilt daher kein „Entweder-oder“, sondern ein „Sowohl-als-auch“ und vieles mehr.

Hinsichtlich der Begleitung von Veränderungsvorhaben arbeiten Sie unter anderem mit einer „Change Canvas“. Welchen Zweck hat sie und wie wird sie eingesetzt?

Die Change Canvas habe ich entwickelt, um den Beginn von Veränderungsinitiativen zu erleichtern. Dazu habe ich konkrete Fragen formuliert und in einer Canvas hinterlegt. Die Fragen sollen in erster Linie dazu anregen, sich mehr über das „Warum“ und „Wozu“ einer Veränderung Gedanken zu machen. Die „Change Canvas“ ist hervorgegangen aus den vielen Transformationen, die ich in den zurückliegenden Jahren begleiten durfte. Sie zeigt eine Essenz von Fragen, die meiner Erfahrung nach am Anfang zu besprechen sind.

Am Ende einer „Change Canvas“ steht immer ein konkreter erster Schritt. Der Schritt kann auch bedeuten, die Veränderung nicht zu beginnen und die initiale Idee wieder zu verwerfen.

Agile Leadership, Agile Transformation, Agiles Coaching: Denken Sie, der Begriff der Agilität ist irgendwann verbraucht?

Besonders aufgeladene Begriffe provozieren leicht zu hohe Erwartungen, was zwangsläufig zu Enttäuschungen führt. Der Begriff „Agilität“ ist inzwischen viel zu aufgeladen. Andere Modewörter werden ihn mit der Zeit ersetzen.

Die Grundprinzipien – nämlich vor allem Iteration, Adaption, Transparenz, Reflexion, Kollaboration, Empirie – werden bleiben und noch viel stärker in die Organisationen eindringen.

Ich beschäftige mich seit über einem Jahr intensiv mit den Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz in der Arbeitsorganisation. Da rollt eine Lawine auf uns zu, die das Potenzial hat, vieles von dem zu verändern, was uns bis heute in der Zusammenarbeit vertraut ist. Ich habe mir mehrere Szenarien angeschaut und konnte nicht erkennen, dass unsere streng hierarchischen und „siloartig“ aufgebauten Alpha-Organisationen auf die Bewältigung dieser kommenden Herausforderungen vorbereitet sind.

Man hört oft, Agilität sei eine Geisteshaltung, eine Frage des Mindsets. Wie trainiert man so was?

Die Gedankenwelt wird geprägt durch positive und schlechte Erfahrungen.

Wenn ich ein anderes Setting im Unternehmen schaffe und entsprechende Rahmenbedingungen kreiere, können neue Erfahrungen entstehen, die zu nachhaltigen Veränderungen führen. Freiwilligkeit, Respekt, Notwendigkeit und permanente Reflexion sind die Schlüsselbegriffe, um positive Erfahrungen zu ermöglichen. Zwang und Fremdbestimmung werden eher das Gegenteil provozieren.

Welche Personen inspirieren dich in Bezug auf deine Arbeit?

Mich inspirieren immer wieder die vielen unterschiedlichen Menschen in den Organisationen, die ich begleiten konnte. An der Seitenlinie stehend zu erleben, wie Menschen Selbstwirksamkeit entwickeln, ist ausgesprochen inspirierend und erfüllend zugleich.

 

 

Autor

Christian Müller
ist Inhaber der Unternehmensberatung proagile.de und hat sich darauf spezialisiert, Organisationen einen Spiegel vorzuhalten und auch jene Dinge auszusprechen, die klassische Beratungen gerne verschweigen. Wirksamkeit vor Gefälligkeit ist seine Maxime.
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