Porträt von Jan Foelsing

Mal ehrlich: Tools & Methoden im Change?

Mal ehrlich, Jan Foelsing!

Für die einen Allheilmittel, für die anderen völlig überbewertet: Tools und Methoden im Change. Wir fühlen Praktikern und Expertinnen auf den Zahn und wollen ihre Sicht der Dinge sowie einige Tipps erfahren. Diesmal fragen wir den Lernexperten Jan Foelsing.

Mal ehrlich, Tools und Methoden werden im Rahmen von Veränderungen überschätzt! Richtig?

Wie hat es die Hip-Hop-Band Fettes Brot einmal gesungen: „Ja, nein, vielleicht, ich mein’ jein.“

Ein Tool ist ein Tool ist ein Tool. Sie können sicherlich dabei helfen, sich sinnvolle Verhaltensmuster bzw. Abläufe anzugewöhnen. Zudem können sie Orientierung bieten und in einem sich immer schneller wandelnden Kontext dabei helfen, in eine Handlung zu kommen.

Tools und Methoden können aber genauso dazu führen, dass diese einfach „stur“ abgearbeitet werden oder von einigen als „Allheilsbringer“ für die Lösung aller Probleme „eingeführt“ werden, wie dies teilweise bei Design Thinking, Scrum oder Working Out Loud passiert. Oftmals wird so versucht, ein Problem zu lösen, ohne sich mit dessen Ursachen zu beschäftigen. Davon möchte ich dringend abraten.

Mit welcher Methode können Mitarbeitende die neuen Lern- und Arbeitswelten am besten aktiv erkunden?

Die mit Abstand beste Methode und im Prinzip der Geheimtipp überhaupt, den ich geben kann, ist ziemlich unspektakulär und lautet: Neugier „in Action“. Die eine Methode gibt es hierbei nicht.

Wenn es konkreter sein soll, würde ich – mit  der Pistole auf der Brust – eine Kombination aus einem Barcamp und einem begleitenden Learning Circle als hilfreich empfinden, um die neue Lernund Arbeitswelt zu erkunden. Die Learning Circles können dabei beispielsweise durch Learning Out Loud, LernOS oder den Iterative Learning Cycle unterstützt werden.

Man lernt ja doch hin und wieder die ein oder andere neue Methode oder einen neuen Ansatz in Bezug auf Organisationsentwicklung kennen. Wann hatten Sie diesbezüglich das letzte Mal ein Aha-Erlebnis?

Daran kann ich mich tatsächlich noch ganz klar erinnern, da es meine Sichtweise auf Komplexität stark erweitert hat. Es war auf dem „Metaforum 2019“ in Italien, wo ich das Warm Data Lab kennengelernt habe. Dabei handelt es sich um eine Großgruppenmethode, ähnlich einem Open Space, bei der Komplexität explizit zugelassen wird, was diese „erfahrbar“ macht. Dazu passt der Satz von Wolf Lotter gut: „Die alte Welt wollte Komplexität immer reduzieren. Die neue erschließt sie.“

Change-Methodeninfo Warm Data Lab

Normalerweise gehen wir ja bei der Lösungsfindung sehr direkt und linear vor. Oftmals heißt es: „Das ist das Problem, was wir durch das Sammeln von Daten verifiziert haben.“ Daraufhin werden dann eine Lösung und Maßnahmen definiert. Das ist in komplexen Kontexten aber nicht mehr hinreichend, da Lösungen für komplexe Probleme oftmals zwischen multiplen Kontexten und deren Interdependenzen liegen.

Immer öfter werden jedoch punktuell gemessene und interpretierte Daten (Cold Data) zur Lösungsfindung herangezogen. Genau wie mit dem Zitat von Wolf Lotter ausgedrückt, wird es jedoch in Zukunft wichtiger werden, auch die Zusammenhänge zwischen multiplen Kontexten besser zu erschließen, wofür sich ein Warm Data Lab sehr gut nutzen lässt.

Für mich persönlich war die Erfahrung beim „Metaforum 2019“ so wertvoll, weil ich klar erkannt habe, wie eine Fragestellung durch multiple Kontexte wie zum Beispiel Familie, Politik, Wirtschaft und Technologie beeinflusst wird bzw. wie die Kontexte sich wechselseitig beeinflussen. Ein absoluter Aha-Moment für mich.

Bei der Anwendung welcher Methode waren Sie zuletzt ganz besonders wirksam?

Ergebnisse, die ich als besonders wertvoll empfand, entstanden oftmals bei der Anwendung von Lego Serious Play – insbesondere im Rahmen der Entwicklung einer Lernstrategie bzw. einem strategischen Zielbild des Lernens. Vor allem in Kombination mit der Starfish-Methode kann daraus eine wirkungsstarke Aufbruchsenergie entstehen.

Welche Rolle spielt Lernen im Rahmen von Transformationen?

Lernen stellt das Fundament einer erfolgreichen Transformation dar.

Diese bedingt für viele von uns ein kleines bis großes Up- oder Reskilling – und das in so vielen Bereichen, dass ohne einen konkreten Fokus auf Lernen in der Organisation wenige Transformationsbemühungen erfolgreich sein werden. Die gegenwärtigen Strömungen in den Märkten verändern die Art und Weise wie wir „Business machen“ von Grund auf. Und wer nicht begreifen will, dass eine wirkungsvolle Lernkultur unabdingbar ist, um diese Herausforderungen zu meistern, den wird der Markt eines Besseren belehren.

Welche Methode können Sie eigentlich empfehlen, um lang etablierte Verhaltensroutinen zu durchbrechen?

Dies kommt stark auf die Zielgruppe und den Kontext an. Interessant finde ich eine Art Gallery Walk in Bezug auf die eigene Arbeit durch die Zielgruppe erstellen zu lassen. Manchmal muss man nur einmal darauf schauen, was sich in den vergangenen 10 bis 20 Jahren beispielsweise bezüglich des eigenen Jobs bereits verändert hat. Danach könnte eine co-kreierte Zielbilderstellung hilfreich sein, um eine gemeinsame Aufbruchsenergie zu erzeugen.

Aber leider muss ich auch ganz ehrlich sagen, dass sich stark eingefahrene Verhaltensroutinen oftmals am schnellsten aufbrechen lassen, wenn der Handlungsdruck (Sense of Urgency) groß genug ist.

Und was ist ein gutes Warm-up für einen Team-Workshop?

Das hängt von der Zielgruppe ab. Grundsätzlich mag ich Methoden, die positiv in den Termin hineinstarten, etwa zur Eröffnung die Frage „Was hat dich heute zum Lächeln gebracht?“. Oder jeder bekommt eine Minute Zeit, um seine noch anstehenden „To-dos“ aufzuschreiben, damit der Kopf für das Meeting frei wird. Auch das funktioniert gut.

 

 

Autor

Jan Foelsing
ist Learning und New Work Designer. Sein Ziel ist, die wirkungsstarke Verbindung von Arbeiten mit Lernen und Innovation, eingebettet in eine sinnvolle digitale Unterstützung, voranzubringen. Gemeinsam mit Anja Schmitz veröffentlichte Jan Foelsing 2021 das Buch „New Work braucht New Learning: Eine Perspektivreise durch die Transformation unserer Organisations- und Lernwelten“ (Springer Gabler)
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