Menschenzentrierte KI
Eine KI, die dem Menschen dient
Die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz hat in den vergangenen Jahren einen enormen Schub bekommen – mit gravierenden Auswirkungen für Wirtschaft und Gesellschaft. Wichtiger denn je ist deshalb eine klare Strategie für den Übergang in die neue KI-gestützte Arbeitswelt und es gilt, den Fokus zu verschieben: von einer Rationalisierungslogik hin zu einer menschenzentrierten KI. Anderenfalls drohen Frustration, Entfremdung und soziale Unsicherheit.
Das Thema Künstliche Intelligenz (KI) hat in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Entwicklung durchlaufen und ist längst aus der Science-Fiction in unseren Alltag übergegangen. Was einst 1936 mit der Turing-Maschine als visionäre Technologie begann, hat heute nahezu alle Branchen erreicht: Fertigungsstraßen steuern autonom Produktionsmaschinen und -prozesse, Chatbots beantworten Serviceanfragen in hoher Geschwindigkeit, und Handelsalgorithmen führen eigenständig Transaktionen an den globalen Finanzmärkten durch.
Klassische KI zielte darauf ab, Prozesse effizienter zu gestalten, Kosten zu senken und menschliche Fehler zu eliminieren. Diese Ziele sind prinzipiell sinnvoll, haben jedoch oft zu einem Ansatz geführt, bei dem Effizienzgewinne und Kostensenkungen mit der Rationalisierung menschlicher Arbeitskraft gleichgesetzt wurden: Maschinen erledigen die Arbeit – der Mensch schaut, wenn überhaupt, nur noch zu oder übernimmt eine Kontrollfunktion. Eine solche Denkweise birgt langfristig Risiken sowohl für Unternehmen als auch für die Gesellschaft.
Wenn der Mensch zunehmend durch Algorithmen und Maschinen ersetzt wird, geraten nicht nur Arbeitsplätze in Gefahr, sondern auch wertvolle Fähigkeiten.
Fähigkeiten, die Maschinen nicht leisten können: Empathie, soziale Interaktion und komplexes Problemlösungsdenken. Zudem bliebe das menschliche Bedürfnis nach sinnstiftender Arbeit zunehmend auf der Strecke, was zu einer allgemeinen Entwertung von Arbeit führen könnte.
Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt
Eine Arbeitswelt, in der Menschen nur noch repetitive oder überwachende Aufgaben ausführen, während Maschinen die wesentliche Arbeit übernehmen, kann zu Frustration und Entfremdung führen. Die Folgen könnten gravierend sein: Eine Generation von Mitarbeitenden, die keine intrinsische Motivation in ihrer Arbeit findet, ist für Unternehmen ebenso problematisch wie eine Gesellschaft, die Arbeit nicht mehr als sinnstiftend wahrnimmt. Das Resultat könnte eine Zunahme sozialer Unsicherheit sein, was den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdet.
Ohne eine klare Strategie für den Übergang in diese neue KI-gestützte Arbeitswelt, die den Menschen ins Zentrum stellt, droht möglicherweise eine Gesellschaft, in der ein Großteil der Bevölkerung entweder in prekären Beschäftigungsverhältnissen arbeitet oder ganz aus dem Arbeitsmarkt gedrängt wird. Daher ist es entscheidend, den Fokus von einer Rationalisierungslogik hin zu einer menschenzentrierten KI zu verschieben. Eine solch gestaltete KI ergänzt menschliche Fähigkeiten, fördert kreative und soziale Kompetenzen und bedingt eine Arbeitsumgebung, die Menschen in neue, wertschöpfende Tätigkeiten einbindet und gleichzeitig ihre Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit wahrt, wenn nicht sogar stärkt.
Beispielsweise analysieren KI-basierte Assistenzsysteme in der Medizin große Datenmengen und unterstützen Ärztinnen und Ärzte bei der Diagnose, ohne deren Entscheidungshoheit zu ersetzen. Adaptive Lernplattformen ermöglichen personalisierte Lernpfade, die den Lernprozess unterstützen und fördern, während Lehrkräfte weiterhin die zentrale Rolle spielen. Es existieren auch KI-basierte Spracherkennungssoftwares, die gesprochene Sprache in Echtzeit in Text umwandeln, um beispielsweise Menschen mit Hörbeeinträchtigungen zu unterstützen und ihre Teilhabe zu erleichtern.
Solche Beispiele zeigen deutlich, dass technologisches und menschliches Potenzial gemeinsam Fortschritte erzielen können, wenn sie Hand in Hand gehen.
Ethische Leitlinien und rechtliche Regelungen
Damit menschenzentrierte KI erfolgreich entwickelt und umgesetzt werden kann, sind klare Rahmenbedingungen notwendig. Es braucht eine gemeinsame Strategie, die von allen Seiten im Unternehmen unterstützt wird.
Erstens sind ethische Leitlinien und rechtliche Regelungen notwendig, die den verantwortungsvollen Einsatz von KI sicherstellen. Hierzu gehören Datenschutz, Transparenz und faire Entscheidungsprozesse, um Diskriminierung und Missbrauch zu verhindern. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist der „AI Act“ der EU, der verbindliche Standards für den Einsatz von KI festlegt und sicherstellen soll, dass KI-basierte Systeme transparent und sicher gestaltet werden und die Grundrechte schützen.
Zweitens ist die frühzeitige Einbindung von Interessenvertretungen und der Mitarbeitenden in die Entwicklung und Implementierung von KI-basierten Systemen entscheidend. Nur wenn die Bedürfnisse und Bedenken derjenigen berücksichtigt werden, die direkt mit der KI arbeiten, kann diese Technologie ihre volle Wirkung entfalten.
Drittens:
Unternehmen müssen kontinuierlich in die Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden investieren.
Damit diese die neuen Technologien nicht nur bedienen, sondern auch aktiv mitgestalten können. Dies bedeutet nicht, dass alle Mitarbeitenden technologische Expertise beispielsweise im Bereich neuronaler Netze aufbauen müssen, sondern eher, dass sie die Grundkonzepte kennen und dadurch eine sinnvolle Einbettung KI-basierter Systeme in alltägliche Nutzungspraktiken gestalten können.
Es gilt, generell zu erwähnen, dass KI-basierte Automatisierung nicht per se verteufelt werden sollte. Sie kann sogar einen wertvollen Beitrag zur Bewältigung des Fachkräftemangels leisten – sollte allerdings aus einer menschenzentrierten Perspektive heraus entwickelt werden. Letztlich kann eine menschenzentrierte KI nur in einem Umfeld langfristige Vorteile schaffen, in dem technologische Innovationen als Mittel zur Förderung von Wohlstand und sozialem Fortschritt betrachtet werden.
Der Übergang zu einer menschenzentrierten Perspektive auf KI erfordert daher nicht nur technologische Investitionen, sondern auch einen kulturellen Wandel in Unternehmen und Gesellschaft. Es geht darum, eine Zukunft zu gestalten, in der die KI dem Menschen dient – und nicht umgekehrt.
Autor
Thomas Ludwig
ist Professor für „Bildungstechnologien für die digitale Transformation“ an der FernUniversität in Hagen. Er leitet dort den interdisziplinären Forschungsschwerpunkt „Arbeit – Bildung – Digitalisierung“ und verantwortet die wissenschaftlich-technische Arbeitsgruppe des Zukunftszentrums KI NRW (Kontakt: thomas.ludwig@fernuni-hagen.de).
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