Wie Künstliche Intelligenz Führungskräfte besser macht
Verändert Künstliche Intelligenz die Art und Weise, wie in Zukunft Menschen und Unternehmen geführt werden? Ganz sicher. Können wir heute schon absehen, wie diese Veränderung im Detail aussehen wird? Keineswegs. Dennoch lassen sich durchaus bereits Erfolgsfaktoren bestimmen, wie gute Führung im KI-Zeitalter gelingt.
KI verändert unsere Welt. Seit Jahren schon steckt sie in mehr oder weniger jedem technischen Gerät, jeder App auf dem Handy; aber erst seitdem Schüler ihre Hausaufgaben von ChatGPT erledigen lassen und „Midjourney“ aus jeder noch so abstrusen Beschreibung in Sekundenschnelle ein täuschend realistisches Bild erstellt, ist KI ins kollektive Bewusstsein gerückt.
Besonders krass ist die (wahrgenommene) Veränderung überall dort, wo künstliche auf natürliche Intelligenz trifft, wo KI und Mensch direkt miteinander arbeiten. Für Führungskräfte bedeutet das, wie bei jeder neuen Technologie: Sie müssen das enorme – und enorm aufgabenabhängige – Produktivitätspotenzial nutzen, ohne dabei ihre Mitarbeitenden zu verlieren oder abzuhängen. Sie müssen den Wandel begleiten und im Zweifel auch anschieben.
Die Basis für gute Führung verändert sich nicht
Die gute Nachricht trotz aller Veränderungen: Die Basis für gute Führung verändert sich nicht. Führung sorgt dafür, dass Unternehmen gesund bleiben – vor allem finanziell. Dass sie sich weiterentwickeln, und idealerweise einen gesellschaftlichen Auftrag erfüllen. Gute Führung schafft ein Umfeld, in dem Menschen sich beruflich und persönlich entwickeln können, ohne dabei ihre physische oder psychische Gesundheit zu gefährden. KI macht keine dieser Anforderungen an Führung falsch oder überflüssig, im Gegenteil. Die „schlechte“ Nachricht:
Führung wird durch KI noch komplexer.
Und erhöht die Erwartungen an Führungskräfte stetig.
Die Frage ist also: Wie gelingt Führung im KI-Zeitalter? Fünf Thesen können bei der Suche nach einer Antwort helfen.
1. Die Kernaufgaben von Führung bleiben unverändert – nur der Zeitaufwand verschiebt sich
Führung hat zwei Ebenen: Einerseits treibt sie das Unternehmen voran – mit innovativen Produkten, strategischen Geschäften, soliden Finanzen, effektivem Vertrieb und der Fähigkeit, Veränderungen zu steuern. Andererseits führt sie Menschen – vom Recruiting neuer Kollegen und Kolleginnen, über die Motivation und Förderung von Talenten bis hin zum Konfliktmanagement.
KI verändert den Zeitaufwand zwischen den beiden Ebenen: Während viele operative Aufgaben zunehmend automatisiert werden, steigt der Bedarf an echter menschlicher Führung. Mitarbeitende – gerade in den jüngeren Generationen – erwarten eine persönliche Betreuung, individuelles Coaching und eine klare Karriereperspektive. Hinzu kommen „weiche“ Faktoren: Führungskräfte müssen eine inspirierende Unternehmenskultur schaffen, Sinn und Purpose vermitteln und sich glaubwürdig für Nachhaltigkeit engagieren.
Wenn die KI den besseren Business-Plan erstellt, wird die Fähigkeit, Talente zu entdecken, zu fördern und sie langfristig zu binden, zum entscheidenden Erfolgsfaktor für Führungskräfte. Sie müssen mehr Zeit und Energie in Menschen investieren und gleichzeitig offen sein, sich diese Zeit bei anderen Aufgaben durch KI „einsparen zu lassen“.
2. Führungskräfte werden zu Qualitätsmanagern
Vielleicht klingt in ein paar Jahren der Begriff „Führungskraft“ merkwürdig verstaubt, weil wir uns längst an Qualitätsmanager gewöhnt haben.
Mitarbeitende brauchen klare Führung und Richtlinien für den Umgang mit KI im Arbeitsalltag. Es gilt, ein Gleichgewicht zu finden zwischen der Nutzung der Technologie und dem Aufbau und Erhalt eigener menschlicher Expertise. Führungskräfte müssen Leitplanken setzen, die Innovation ermöglichen und zugleich ethische Standards und Datenschutz gewährleisten. Welche KI-Tools wählen sie aus? Und in welchen konkreten Business Cases des Unternehmens können sie profitabel eingesetzt werden?
Paradoxerweise wird mit zunehmender KI-Integration die Qualität menschlicher Arbeit wichtiger. Der anfängliche KI-Hype weicht der Erkenntnis, dass die Technologie zwar mächtig ist, aber weder ganze Prozesse noch kreatives Denken vollständig ersetzen kann. Führungskräfte agieren hier als Qualitätsmanager: Sie müssen KI-generierte Ergebnisse kritisch hinterfragen und verfeinern.
Kritisches Denken und Kreativität zählen nicht umsonst laut World Economic Forum zu den Top-Ten-Kompetenzen der Zukunft. Führungskräfte müssen eine Kultur des kreativen und kritischen Denkens fordern und fördern und den Mehrwert menschlicher Intelligenz in einer künstlich intelligenten Welt betonen. Tun sie das nicht, rutschen Unternehmen in übermäßige Technologieabhängigkeit und verlieren ihre Innovationskraft.
3. Führungskräfte müssen beim Re- und Upskilling mit gutem Beispiel vorangehen
Fast täglich erscheinen neue, leistungsfähigere KI-Modelle und -Anwendungen. Aufgaben, die gestern noch Stunden dauerten, lassen sich morgen womöglich in Minuten erledigen. Führungskräfte müssen ihre Mitarbeitenden auf die enorme Veränderung ihres Arbeitsalltags vorbereiten, auch wenn sie oft nur ahnen können, wie sich die Aufgaben konkret durch KI verändern werden.
Eine Lösung für dieses Problem: konstantes Re- und Upskilling (Fähigkeiten erneuern und erweitern). Es reicht nicht mehr, Mitarbeitende einmal im Jahr für ein paar Tage auf eine Fortbildung zu schicken; Unternehmen müssen eine kontinuierliche Lernkultur etablieren, besonders im Bereich KI. Führungskräfte sollten klug entscheiden, wer in ihren Teams Zeit und Ressourcen für kontinuierliche Weiterbildung in KI bekommt. Diese Entscheidung kann die Zukunftsfähigkeit ganzer Abteilungen sichern – oder riskieren.
Dabei müssen Führungskräfte selbst mit gutem Beispiel vorangehen: Sie sollten Neugierde, Offenheit für Veränderungen und die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen verkörpern.
Wer gut führen will, muss sich hinterfragen und dazulernen, immer wieder aufs Neue.
Kontinuierliche Führungskräfteentwicklung ist unerlässlich. Im Fokus stehen dabei menschliche Qualitäten wie Empathie, emotionale Intelligenz und adaptives Denken.
Führungskräfte müssen die Fähigkeit entwickeln, eine lernende Organisation zu schaffen und zu leiten. Im besten Fall schaffen sie nicht nur wettbewerbsfähige Unternehmen, sondern auch resiliente und zukunftsfähige Teams, die mit den rasanten Entwicklungen der KI-Welt Schritt halten.
4. Je mehr Technologie es gibt, desto wichtiger werden menschliche Qualitäten
Unser Arbeitsalltag wird von Technologie beherrscht; umso mehr schätzen Menschen Führungskräfte, die Menschlichkeit zeigen. Dazu gehören Empathie, emotionale Intelligenz und Resilienz – nur wer diese Eigenschaften besitzt, kann nachhaltige Beziehungen zu Mitarbeitenden aufbauen und pflegen.
In hybriden und Remote-Arbeitsumgebungen sind menschliche Führungskräfte besonders wichtig. Wo persönliche Begegnungen am Kaffeeautomaten selten sind, wachsen Beziehungen nicht von allein. Führungskräfte müssen trotz räumlicher Distanz Nähe schaffen und ein Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln.
Die menschlichen und sozialen Aspekte im Miteinander werden wichtiger.
Sie sind es, die für Teamspirit sorgen, die mentale Gesundheit fördern und letztlich Produktivität und Verbundenheit mit dem
Unternehmen steigern. Die Fähigkeit von Führungskräften, ein gesundes und motivierendes Arbeitsumfeld zu schaffen, wird zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor – besonders in Zeiten zunehmender Burn-out-Erkrankungen und mentaler Belastungen.
Auch wenn es „kalkulierend“ klingen mag: Führungskräfte müssen bewusst Zeit für den Austausch und das Miteinander einplanen. Das können persönliche Gespräche sein, die über das rein Fachliche hinausgehen; ein sinnstiftendes Teamevent beim Wandern; oder generell Aktivitäten, die einen Ausgleich zur allgegenwärtigen Technologienutzung schaffen.
Erfolgreiche Führung muss eine Balance finden: Einerseits gilt es, die Potenziale von KI und Technologie voll auszuschöpfen. Andererseits – und das ist entscheidend – müssen Führungskräfte als Mentoren, Coaches und emotionale Anker fungieren. Sie sollten die Brücke zwischen der digitalen und der menschlichen Welt schlagen, um Unternehmen nicht nur effizient, sondern auch menschlich und nachhaltig in die Zukunft zu führen – High-Tech mit High-Touch.
5. Wer keine Communitys baut, hat schon verloren
Für Unternehmen, Führungskräfte und Mitarbeitende sind Netzwerke überlebenswichtig. Besonders beim Austausch über KI – eine Technologie, in der selbst Experten und Expertinnen oft nur einzelne Bereiche oder Anwendungen beherrschen. Wissen aus verschiedenen Silos zusammenzubringen, von anderen innovativen Produkten zu lernen und Erfahrungen zu teilen, ist der Schlüssel für ein effektives KI-Management im Unternehmen. Hier kommt der Führungskraft die Rolle des Initiators und Förderers solcher Netzwerke zu.
Die moderne Arbeitswelt – geprägt von virtuellen Teamstrukturen und agilen Projekten – verlangt ein flexibles und anpassungsfähigeres Führungsverhalten.
Führungskräfte müssen schnell zwischen verschiedenen Kommunikationsformen und Führungsstilen wechseln, um ihren Teams gerecht zu werden. Sie müssen Verbindungen zwischen physischen und virtuellen Räumen schaffen, damit kein Teammitglied – ob vor Ort oder remote – von wichtigen Informationen abgeschnitten wird.
Ein besonders interessanter Trend sind die zunehmenden Communitys of Practice innerhalb von Firmen, besonders beim Thema KI. Diese unternehmensübergreifenden Peer Groups, die sich speziell zum Thema KI austauschen, sind wichtige Innovationstreiber.
Oft entstehen diese Communitys organisch durch den zufälligen Austausch von Expertinnen und Experten. Dann liegt es an der Führungskraft, diese Strukturen zu erkennen, zu unterstützen und strategisch zu nutzen. Das ist ein Balanceakt: Communitys brauchen Plattformen und Gelegenheiten zum Austausch – dürfen aber nicht zu stark formalisiert werden, um ihre Dynamik nicht zu gefährden.
Autorin
Julia Menninga
ist Leiterin der Organisations- und Personalentwicklung bei Hubert Burda Media. Sie verfügt über rund 20 Jahre Führungserfahrung in Deutschland und Großbritannien. Ihre fachlichen Schwerpunkte liegen in den Bereichen „Learning & Development“, der Führungskräfteentwicklung, dem Einsatz von innovativen Lerntechnologien sowie der Etablierung und Pflege von Lernkultur und internen Netzwerken.
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