Der Wandel der Arbeitswelt durch Künstliche Intelligenz
„Menschen mit geringen Fähigkeiten profitieren am meisten“
Mit der Veröffentlichung von ChatGPT hat das Thema Künstliche Intelligenz eine enorme Aufmerksamkeit bekommen. Mittlerweile wird KI auch in zahlreichen Unternehmen – im großen und kleinen Stil – eingesetzt. Der Arbeitsforscher und Wirtschaftswissenschaftler Carl Benedikt Frey spricht über den Wandel der Arbeitswelt durch Künstliche Intelligenz und welche Implikationen in den Unternehmen zu erwarten sind.
Herr Professor Frey, im Herbst 2022 hat OpenAI ChatGPT veröffentlicht. Viele haben diese Veröffentlichung als iPhone-Moment bezeichnet. Manche sprechen gar von einer technologischen Revolution, die bedeutender ist als die Entwicklung des Smartphones. Wie bewerten Sie heute mit etwas Abstand die Veröffentlichung von ChatGPT mit Blick auf die Wirtschaftswelt? Ist es der Beginn einer Revolution gewesen?
Was vor mehr als einem Jahr mit der Veröffentlichung von ChatGPT passiert ist, war eine Revolution dahingehend, dass sich damit die allgemeine Wahrnehmung von KI und davon, was diese in der Lage ist zu tun, grundlegend verändert hat. Auch die für die Menschen einfache Art, mit ChatGPT zu interagieren, in den Dialog mit der KI zu gehen, hat der Aufmerksamkeit enorm geholfen und war so etwas wie eine Revolution. Allerdings mit Blick auf die zugrundeliegende Technologie würde ich eher von einem evolutionären Prozess sprechen, der bereits in den 1950er-Jahren begonnen hat. Vor allem profitiert die heutige generative KI von den Innovationen in den 1990ern und den Jahren danach, als mehr Daten verfügbar wurden und die Forschung zum Beispiel zeigen konnte, dass neuronale Netze dank Deep Learning Sprache verstehen können.
Durch ChatGPT hat das Thema KI eine ganz andere Wahrnehmung erhalten, sagen Sie. Gilt das auch für die Führungsetagen in den Unternehmen? Würden Sie sagen, dass mit der Veröffentlichung von ChatGPT gerade die Vorstände und Geschäftsführungen auf KI aufmerksam geworden sind, weshalb jetzt tatsächlich auch mit KI gearbeitet bzw. experimentiert wird?
Das kann man so sagen. Ich sehe Parallelen zur Technologie der Dampfmaschine. Thomas Newcomen hat die erste in den 1710er Jahren entwickelt. Es hat jedoch noch fünf Jahrzehnte gedauert, bis James Watt mit einem separaten Kondensator daherkam. Und erst durch diesen wurden Dampfmaschinen allmählich energieeffizient. Sie benötigten vorher viel zu viel Kohle, um im Transportwesen oder in Fabriken im großen Maßstab eingesetzt zu werden.
Und ich denke, bei der KI könnte man ebenfalls sagen, dass wir so etwas wie eine Art von „separatem Kondensationsmoment“ benötigen.
Auch wenn es noch etwas zu früh ist, eine endgültige Bewertung vorzunehmen, ist doch klar: Dieser Algorithmus ist nach wie vor extrem datenhungrig. Und er ist in Bezug auf den Großteil des Internets trainiert. Es gibt deshalb bei einigen die Sorge, dass uns erstens die Trainingsdaten ausgehen und zweitens es so viele KI-generierte Inhalte im Web geben wird, dass sich die Quelle für Trainingsdaten kontinuierlich verschlechtern wird.
Ich glaube also, dass wir mehr Innovationen brauchen, damit die KI aus kleineren, besser aufbereiteten Datensätzen lernen kann – basierend auf echtem Expertenwissen –, um anhaltende, nachhaltige Fortschritte zu sehen.
Das Erstaunliche ist, dass sich trotz der Datenschutzbedenken ganz viel tut in den Unternehmen. Generative KI wird bereits zum Beispiel eingesetzt im Wissensmanagement oder im Kundenservice. Die Erwartungen hinsichtlich des Nutzens der Technologie scheinen in der Wirtschaft groß zu sein.
Es gibt verschiedene experimentelle Studien, die alle Produktivitätssteigerungen im zweistelligen Prozentbereich für eine Vielzahl von Aufgaben zeigen. Und das ist nur der Anfang.
Es ist völlig klar, dass es für Unternehmen zwingende wirtschaftliche Anreize für den Einsatz dieser Technologie gibt.
Und gleichzeitig bestehen je nach Art des Unternehmens auch gute Gründe, seine Daten zu Geld machen zu wollen.
Wo, denken Sie, wird es durch den Einsatz der generativen KI die größten Veränderungen in der Arbeitswelt geben? Im Kundenkontakt, im Umgang mit Daten oder beim Erstellen von Texten und Konzepten?
Das ist schwer zu beurteilen und hängt davon ab, welche Zeitspanne man betrachtet.
Ich denke, dass wir in den nächsten Jahren vor allem bei der freiberuflichen Arbeit eine starke Automatisierung erleben werden.
Es gibt bereits Studien, die zeigen, dass viele Tätigkeiten, die mit der Bearbeitung von Texten, mit Übersetzungen oder mit Webdesign zu tun haben, stark beeinträchtigt sind. Und wir sehen schon jetzt, dass sowohl die Beschäftigungsangebote als auch die Höhe der Vergütung für diese Tätigkeiten auf den entsprechenden Online-Plattformen zurückgehen.
Schaut man sich jedoch die Arbeit innerhalb der Unternehmen an, ist das Bild etwas komplexer. Man kann die Anwendung der generativen KI als eine zusätzliche Research-Hilfe betrachten. Und je mehr Research-Unterstützung man hat, desto mehr kann man recherchieren, Informationen sammeln, aber desto komplexer wird auch das Arbeiten mit der KI, und desto mehr werden die Beschäftigten selbst zu Managerinnen und Managern. Ich denke also, dass es in vielen Unternehmen in Zukunft Spannungen geben wird, wenn es darum geht, herauszufinden, was der richtige Kompromiss ist, wie viel mehr man mit KI noch tun kann. Damit wird auch eine Art Komplexität geschaffen, wenn es darum geht, abzuwägen, wo KI unterstützen soll – und wo nicht.
Was denken Sie, wie groß die Veränderungen für die Arbeits- und Wirtschaftsgesellschaft im Ganzen sein werden im Vergleich zu früheren technologischen Umbrüchen?
Technologische Veränderungen hatten immer Umverteilungseffekte. Als das Auto erfunden wurde, ist eine ganz neue Industrie entstanden. Ich denke, dass die Künstliche Intelligenz nicht unbedingt so viele Arbeitsplätze und so große Betriebe schafft wie die Automobilindustrie, aber sie zieht sich durch alle Wirtschaftsbereiche. Wenn man zum Beispiel die Erstellung von Inhalten betrachtet, dann ist zu erwarten, dass einige „Superstars“ beispielsweise in den Bereichen Journalismus, Film oder Werbung in der Lage sein werden, mehr zu leisten, und dass sie infolgedessen einen größeren Marktanteil erobern werden.
Gleichzeitig gibt es aber auch verschiedene Studien, die zeigen, dass die Menschen, die am meisten profitieren, eigentlich Anfänger oder Menschen mit geringeren Fähigkeiten sind. Wenn Sie also ein, sagen wir mal, guter Content Creator bzw. Schreiber sind, dann nützt Ihnen ChatGPT nicht so viel. Sie können vielleicht ein bisschen schneller schreiben. Der größte Nutzen entsteht bei denjenigen, die sehr gut oder ziemlich schlecht sind. Vor allem Menschen mit geringen Fähigkeiten sind mit KI in der Lage, bessere Qualität zu liefern. Und das schafft natürlich neue Chancen und Möglichkeiten für diese Leute. Es kann aber auch den Wettbewerb verschärfen, weil eventuell mehr Content Creator in den Markt treten, die mithilfe von KI arbeiten.
Heißt das auch, dass es zu einem Abbau von Arbeitsplätzen kommen wird? Braucht es aufgrund von KI weniger Menschen, zum Beispiel um kreative Inhalte zu produzieren?
KI wird sicherlich für einige Branchen einen perfekten Sturm erzeugen, und die Medien sind eine dieser Branchen. Offensichtlich steht sie schon seit einiger Zeit unter dem Druck anderer Plattformen und Kommunikationsarten, wie etwa der sozialen Medien. KI verändert diese Branche in vielerlei Hinsicht.
Schaut man sich Technologien wie „autonomes Fahren“ an, erkennt man das riesige Potenzial der Automatisierung für die Zukunft. Es gibt viele Arbeitsplätze, die unter erheblichen Druck geraten werden. Und wahrscheinlich wird es zu einem größeren Verlust von Arbeitsplätzen kommen. Denken Sie zum Beispiel an Taxi-, Lkw- oder Busfahrer.
Generell gilt, wenn Sie eine Umgebung haben, die Sie selbst strukturieren, die Sie zielgerichtet auf Roboter ausrichten können, dann wird es mit der Zeit wahrscheinlich auch mehr Automatisierung geben. Das ist im Wesentlichen das, was in den Fabriken und in den Lagerhäusern passiert. In Bezug auf KI bietet die Automatisierung die größten Möglichkeiten hinsichtlich Optimierung, Produktivität und Effizienz. Und sie führt eben auch zu Veränderungen unter anderem in der Transportlogistik und in der Lagerhaltung.
Nun kommt die zunehmende Verlagerung von Arbeitsabläufen ins Internet dazu. Und natürlich wird dieser Prozess ebenfalls zu Veränderungen von Arbeitsplätzen führen, und wahrscheinlich auch zu Verlusten.
„Im Allgemeinen sieht es jetzt so aus, als ob KI menschliche Arbeit in vielen virtuellen Umgebungen ersetzen könnte“, heißt es auch in einem Forschungspapier von Ihnen und Michael A. Osborne …
Im Moment ist die Aufmerksamkeit stark auf der generativen KI. Die ist aber nur ein Teilbereich. Auf diesen bezieht sich die von Ihnen zitierte Aussage.
Generative KI wird immer besser darin, menschliche soziale Interaktionen im virtuellen Raum zu reproduzieren, was den Wert der persönlichen Kommunikation erhöht. In einer Welt, in der jeder seine Liebesbriefe mithilfe von KI schreibt, wird jeder ähnliche Liebesbriefe schreiben. Es gibt also keine Möglichkeit, sich durch das Schreiben großartiger Briefe von anderen abzuheben.
Und das Gleiche gilt unter anderem für den Kundenservice. Wenn alle Unternehmen auf der Welt KI für den Kundenservice einsetzen und man sich auf diese Weise nicht von der Konkurrenz abheben kann, muss man mehr auf die persönliche Kommunikation setzen, die meiner Meinung nach immer noch einen komparativen Vorteil darstellt.
Die generative KI verändert die Arbeitswelt auch insofern, dass mehr Menschen nicht nur Nutzer, sondern auch Gestalter werden. Der Umgang mit Technik ändert sich. Wie sehen Sie die Rolle der Menschen, wenn es um die Arbeit mit KI geht?
Ich glaube, dass sich die Arbeitsteilung zwischen Menschen und Computern in vielerlei Hinsicht ändern wird.
Das andere, was ich gerade erwähnt habe, ist, dass wir mehr Wert auf persönliche Kommunikation legen werden. Und KI wird nach und nach viele der Interaktionen bzw. Arbeitsschritte, die wir im virtuellen Raum durchführen, übernehmen. Ein weiterer Aspekt ist die Kreativität, die meiner Meinung nach in vielen Bereichen entscheidend ist.
Irgendjemand muss die KI immer noch anleiten. Und es überrascht nicht, dass KI bei Tätigkeiten, für die es eine klare Vorgabe gibt, recht gut abschneidet.
Wenn man ChatGPT bittet, einen Brief im Stile Shakespeares oder Schillers zu schreiben, bekommt man durchaus erstaunliche Ergebnisse. Aber der Grund, warum die KI das kann, liegt darin, dass Shakespeare und Schiller wirklich existierten. Wenn man jedoch etwas völlig Neues schaffen will, woran misst man dies? Was ist der Benchmark? Hier kommt dann die menschliche Kreativität ins Spiel.
Was würden Sie Menschen empfehlen zu tun, um in dieser neuen von KI geprägten Arbeitswelt erfolgreich zu sein oder zumindest mithalten zu können?
Ich bin kein Karriere-Coach. Aber:
Ich würde jeden ermutigen, die Möglichkeiten zu nutzen, die die KI bietet.
Mit Künstlicher Intelligenz kann jeder im Grunde seinen persönlichen Tutor an der Seite haben. Und es gibt eine Menge Bildungs- und Entwicklungschancen beispielsweise in Form von Online-Lernkursen, von denen viele kostenlos zur Verfügung stehen. Es gilt, kontinuierlich zu lernen und neugierig zu bleiben.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Jan C. Weilbacher
Autor
Carl Benedikt Frey
ist Arbeitsforscher und Wirtschaftshistoriker. Er ist „Dieter-Schwarz“-Professor für KI und Arbeit am Oxford Internet Institute und Fellow des Mansfield College der Universität Oxford. Außerdem ist er Direktor des Future of Work-Programms und Oxford Martin Citi Fellow an der Oxford Martin School.
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