Mal ehrlich, Jan Foelsing!

Für die einen Allheilmittel, für die anderen völlig überbewertet: Tools und Methoden im Change. Wir fühlen Praktikern und Expertinnen auf den Zahn und wollen ihre Sicht der Dinge sowie einige Tipps erfahren. Diesmal fragen wir den Lernexperten Jan Foelsing.

Mal ehrlich, Tools und Methoden werden im Rahmen von Veränderungen überschätzt! Richtig?

Wie hat es die Hip-Hop-Band Fettes Brot einmal gesungen: „Ja, nein, vielleicht, ich mein’ jein.“

Ein Tool ist ein Tool ist ein Tool. Sie können sicherlich dabei helfen, sich sinnvolle Verhaltensmuster bzw. Abläufe anzugewöhnen. Zudem können sie Orientierung bieten und in einem sich immer schneller wandelnden Kontext dabei helfen, in eine Handlung zu kommen.

Tools und Methoden können aber genauso dazu führen, dass diese einfach „stur“ abgearbeitet werden oder von einigen als „Allheilsbringer“ für die Lösung aller Probleme „eingeführt“ werden, wie dies teilweise bei Design Thinking, Scrum oder Working Out Loud passiert. Oftmals wird so versucht, ein Problem zu lösen, ohne sich mit dessen Ursachen zu beschäftigen. Davon möchte ich dringend abraten.

Mit welcher Methode können Mitarbeitende die neuen Lern- und Arbeitswelten am besten aktiv erkunden?

Die mit Abstand beste Methode und im Prinzip der Geheimtipp überhaupt, den ich geben kann, ist ziemlich unspektakulär und lautet: Neugier „in Action“. Die eine Methode gibt es hierbei nicht.

Wenn es konkreter sein soll, würde ich – mit  der Pistole auf der Brust – eine Kombination aus einem Barcamp und einem begleitenden Learning Circle als hilfreich empfinden, um die neue Lernund Arbeitswelt zu erkunden. Die Learning Circles können dabei beispielsweise durch Learning Out Loud, LernOS oder den Iterative Learning Cycle unterstützt werden.

Man lernt ja doch hin und wieder die ein oder andere neue Methode oder einen neuen Ansatz in Bezug auf Organisationsentwicklung kennen. Wann hatten Sie diesbezüglich das letzte Mal ein Aha-Erlebnis?

Daran kann ich mich tatsächlich noch ganz klar erinnern, da es meine Sichtweise auf Komplexität stark erweitert hat. Es war auf dem „Metaforum 2019“ in Italien, wo ich das Warm Data Lab kennengelernt habe. Dabei handelt es sich um eine Großgruppenmethode, ähnlich einem Open Space, bei der Komplexität explizit zugelassen wird, was diese „erfahrbar“ macht. Dazu passt der Satz von Wolf Lotter gut: „Die alte Welt wollte Komplexität immer reduzieren. Die neue erschließt sie.“

Change-Methodeninfo Warm Data Lab

Normalerweise gehen wir ja bei der Lösungsfindung sehr direkt und linear vor. Oftmals heißt es: „Das ist das Problem, was wir durch das Sammeln von Daten verifiziert haben.“ Daraufhin werden dann eine Lösung und Maßnahmen definiert. Das ist in komplexen Kontexten aber nicht mehr hinreichend, da Lösungen für komplexe Probleme oftmals zwischen multiplen Kontexten und deren Interdependenzen liegen.

Immer öfter werden jedoch punktuell gemessene und interpretierte Daten (Cold Data) zur Lösungsfindung herangezogen. Genau wie mit dem Zitat von Wolf Lotter ausgedrückt, wird es jedoch in Zukunft wichtiger werden, auch die Zusammenhänge zwischen multiplen Kontexten besser zu erschließen, wofür sich ein Warm Data Lab sehr gut nutzen lässt.

Für mich persönlich war die Erfahrung beim „Metaforum 2019“ so wertvoll, weil ich klar erkannt habe, wie eine Fragestellung durch multiple Kontexte wie zum Beispiel Familie, Politik, Wirtschaft und Technologie beeinflusst wird bzw. wie die Kontexte sich wechselseitig beeinflussen. Ein absoluter Aha-Moment für mich.

Bei der Anwendung welcher Methode waren Sie zuletzt ganz besonders wirksam?

Ergebnisse, die ich als besonders wertvoll empfand, entstanden oftmals bei der Anwendung von Lego Serious Play – insbesondere im Rahmen der Entwicklung einer Lernstrategie bzw. einem strategischen Zielbild des Lernens. Vor allem in Kombination mit der Starfish-Methode kann daraus eine wirkungsstarke Aufbruchsenergie entstehen.

Welche Rolle spielt Lernen im Rahmen von Transformationen?

Lernen stellt das Fundament einer erfolgreichen Transformation dar.

Diese bedingt für viele von uns ein kleines bis großes Up- oder Reskilling – und das in so vielen Bereichen, dass ohne einen konkreten Fokus auf Lernen in der Organisation wenige Transformationsbemühungen erfolgreich sein werden. Die gegenwärtigen Strömungen in den Märkten verändern die Art und Weise wie wir „Business machen“ von Grund auf. Und wer nicht begreifen will, dass eine wirkungsvolle Lernkultur unabdingbar ist, um diese Herausforderungen zu meistern, den wird der Markt eines Besseren belehren.

Welche Methode können Sie eigentlich empfehlen, um lang etablierte Verhaltensroutinen zu durchbrechen?

Dies kommt stark auf die Zielgruppe und den Kontext an. Interessant finde ich eine Art Gallery Walk in Bezug auf die eigene Arbeit durch die Zielgruppe erstellen zu lassen. Manchmal muss man nur einmal darauf schauen, was sich in den vergangenen 10 bis 20 Jahren beispielsweise bezüglich des eigenen Jobs bereits verändert hat. Danach könnte eine co-kreierte Zielbilderstellung hilfreich sein, um eine gemeinsame Aufbruchsenergie zu erzeugen.

Aber leider muss ich auch ganz ehrlich sagen, dass sich stark eingefahrene Verhaltensroutinen oftmals am schnellsten aufbrechen lassen, wenn der Handlungsdruck (Sense of Urgency) groß genug ist.

Und was ist ein gutes Warm-up für einen Team-Workshop?

Das hängt von der Zielgruppe ab. Grundsätzlich mag ich Methoden, die positiv in den Termin hineinstarten, etwa zur Eröffnung die Frage „Was hat dich heute zum Lächeln gebracht?“. Oder jeder bekommt eine Minute Zeit, um seine noch anstehenden „To-dos“ aufzuschreiben, damit der Kopf für das Meeting frei wird. Auch das funktioniert gut.

 

 

Autor

Jan Foelsing
ist Learning und New Work Designer. Sein Ziel ist, die wirkungsstarke Verbindung von Arbeiten mit Lernen und Innovation, eingebettet in eine sinnvolle digitale Unterstützung, voranzubringen. Gemeinsam mit Anja Schmitz veröffentlichte Jan Foelsing 2021 das Buch „New Work braucht New Learning: Eine Perspektivreise durch die Transformation unserer Organisations- und Lernwelten“ (Springer Gabler)
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Ihnen hat das Format „Tools und Methoden im Change“ gefallen? Hier finden Sie einen weiteren Beitrag dazu: „Tools und Methoden im Change“.

Das Geheimnis wandlungsfähiger Unternehmen

Größer, schneller, digitaler: Transformation ist das Wort der Stunde und ist zum Zauberwort der Unternehmensveränderung geworden. Große Summen werden in die Digitalisierung investiert, doch etwas Entscheidendes wird vergessen: das menschliche Element. Dabei ist die People-Transformation die wichtigste wirtschaftliche Herausforderung unserer Zeit. Ein dreistufiger Ansatz für die Workforce Transformation, der iterativ umgesetzt wird, kann dabei ein Schlüssel zum Erfolg sein.

Es reicht nicht, dass die Transformationsbewegung hierzulande immer neue Geschäftsmodelle entwickelt. Entscheider und Entscheiderinnen müssen sich jetzt die wichtigsten Personalfragen stellen: Welche Qualifikationen werden gebraucht? Wie fördern wir die nötigen Talente? Es geht wirklich ums Ganze, nämlich das Gelingen der Transformation gesamter Wirtschaftszweige. Und das ist nur möglich, wenn Unternehmen konsequent die People-Transformation pushen und nicht nur ihre Geschäftsmodelle verändern. Einfache Tätigkeiten können schon jetzt automatisiert werden. Gleichzeitig braucht es neue, sinnvolle Skills, die das Business innovieren. Es ist eine Neuausrichtung in Milliardenhöhe, die den meisten Unternehmen bevorsteht.

Große und schnelle Veränderung der Arbeitswelt

Wenn wir den Blick nur auf die 30 im Deutschen Aktienindex gelisteten Unternehmen verengen, so befindet sich inzwischen mehr als die Hälfe davon in radikaler Neuorientierung, quer über die Branchen Energie, Banken und Versicherungen, Automobil und andere Industrien hinweg. Die Veränderungsintensität ist immens und der Überlebenskampf für manche hart – auch ohne die noch gar nicht eingepreiste Corona-Pandemie.

Die Transformation wird Jobs kosten. Aber gleichzeitig entstehen auch neue in den meisten Unternehmen. Allerdings mit völlig anderen Qualifikationsanforderungen. Dieser Skill-Shift wird Millionen Menschen in Deutschland betreffen und es wird gleichzeitig in vielen Fällen ein Skill-Mismatch sein.

Jede vierte Frau und jeder dritte Mann muss bis 2030 in neue Berufsfelder eingearbeitet werden oder sich weiterbilden, wie es eine Studie des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft aus dem Jahre 2018 voraussieht. Zudem ergänzt Technologie menschliche Arbeit oder ersetzt sie in immer mehr Bereichen sogar komplett. Neun Millionen bestehender Jobs können bis 2030 aufgrund von Automatisierung wegfallen, gleichzeitig bis zu zehn Millionen Jobs aufgrund des technologischen Fortschritts und des damit einhergehenden Wachstums und demografischer Faktoren neu entstehen, wie das McKinsey Global Institute prognostiziert.

Es ist nicht nur eine der größten Veränderungen industrieller Wertschöpfung, sondern auch die größte und schnellste Veränderung der Arbeitswelt.

Wie gehen Unternehmen damit um? Stehen wir vor Massenentlassungen oder sind Personalstrukturen am Ende adaptiver, als wir glauben? Wie analysieren Unternehmen, welche Veränderungen sie wann treffen? Und mit welchen Maßnahmen?

Workforce Transformation in drei Stufen

HUMAN hat einen dreistufigen Ansatz in Bezug auf die Workforce Transformation entwickelt, der iterativ und nicht linear umgesetzt wird:

  • Planen
  • Bauen
  • Mobilisieren

1. Planen

Wo wollen wir hin und wen brauchen wir dafür?

Dazu müssen zunächst drei wesentliche Einflussfaktoren in der Tiefe verstanden werden, die auf die zukünftige Personalstruktur wirken:

  1. Unternehmensziele und -strategie, also wie sich zum Beispiel Produktportfolio, Wertschöpfung, Leistungserbringung, Märkte entlang des strategischen Zeithorizonts wandeln werden.
  2. Technologien, die einerseits das Geschäftsmodell und die Produkte verändern und andererseits die Unternehmensprozesse und das Betriebsmodell.
  3. Die Rahmenbedingungen wie beispielsweise gesellschaftliche Entwicklungen und der rechtliche Rahmen.

Im nächsten Schritt wird geschaut, was das konkret für die aktuelle und zukünftige Workforce bedeutet:

  • Status quo analysieren: Wen haben wir heute an Bord? Mit welchen Kompetenzen, in welcher Kapazität, zu welchen Kosten und in welcher Komposition? Das nennen wir die 4K.
  • Strategieauswirkungen ableiten: Wie wirken die einzelnen strategischen Initiativen auf Bereiche und Funktionscluster? Welche Bereiche müssen wachsen? Wo brauchen wir neue Skills? Wo haben wir Lücken, wo Überkapazitäten?
  • Substituierbarkeitspotenzial definieren: Welche Tätigkeiten und Funktionen werden zukünftig durch Technologie ergänzt oder ersetzt? In welchem Umfang? Ab wann? Zu welchen Kosten? Was sind mögliche Marksteine in der Umsetzung?

Ein differenziertes Bild der Zukunft

Das Instrument, das diese Analysen erstellt, nennt sich Strategic Workforce Planning (Strategische Personalplanung). Ein erprobter Ansatz, der heute allerdings agil-iterativ, szenariobasiert und tool-unterstützt umgesetzt werden muss, um den vollen Wertbeitrag zu realisieren.

Getrieben wird diese Analyse gemeinsam von HR, Strategie, Finanzverantwortlichen und operativem Management. Am Ende entsteht ein differenziertes Bild der „Future Workforce“. Wir wissen, welche Anzahl an Mitarbeitenden in welchen Bereichen gebraucht wird (Kapazität), welche Fähigkeiten und Skills sie mitbringen müssen (Kompetenzen), in welcher Zusammensetzung, zum Beispiel an welchem Standort, in welchem Geschlechter- und Altersmix, aber auch mit welchem Anteil an Freelancern (Komposition) und wie sich das Ganze auf den Personalaufwand auswirken wird (Kosten). Im Ergebnis wird ein gemeinsames Bild davon erzeugt, welche Menschen das Unternehmen in den kommenden fünf bis zehn Jahren braucht, um die Unternehmensziele zu erreichen.

2. Bauen

Die Erkenntnis ist das eine, die Umsetzung das andere, das alles Entscheidende.

Was passiert jetzt mit dem guten Plan? Wie kommt man vom Status quo zur „Future Workforce“? Wie schließt man die Lücke in der Workforce und hebt das Automatisierungspotenzial?

Um im Bild des „Bauens“ zu bleiben, sprechen wir von drei Instrumenten zur Future Workforce: dem Aufbau, dem Umbau und dem Abbau.

Im Aufbau wird nach neuen Arbeitskräften und neuen Kompetenzen gesucht, die nur von außen ins Unternehmen geholt werden können. Wir machen das nach einem Grundsatz, den wir „4B“ nennen. Wir fragen uns bei jedem Aufbau:

  • Können wir ihn aus den eigenen Reihen stemmen (Build)?
  • Falls nicht, müssen wir ihn extern rekrutieren (Buy)?
  • Ist der Aufbau dauerhaft oder temporär (Borrow)?
  • Oder kann eine Technologie diese Tätigkeit übernehmen (Bot)?

Es wird für Unternehmen darum gehen, „TalentÖkosysteme“ zu bauen, die aus klassischen Festanstellungen bestehen und aus freieren Beschäftigungsformen. Warum? Weil sich Top-Talente häufig nicht in feste Hierarchiegefüge pressen lassen und weil sich benötigte Tätigkeiten immer schneller ändern.

Umbau der Personalstruktur als große Herausforderung

Im erforderlichen Umbau der Personalstruktur steckt sicher die noch größere Herausforderung und Chance zugleich. Im Kern geht es um die Frage: Wen müssen wir „reskillen“, umqualifizieren oder „upskillen“, also bei wem müssen Kompetenzen ergänzt werden? Die Floskel vom „lebenslangen Lernen“ geistert schon seit vielen Jahren durch die öffentlichen Bekundungen, wie notwendig das geworden sei. Aber:

Wie schnell und nachhaltig Unternehmen neue Fähigkeiten aufzubauen in der Lage sind, ist entscheidend für ihre Adaptionsfähigkeit und damit Wettbewerbsfähigkeit, wenn nicht gar Überlebensfähigkeit.

Autokonzerne bauen Institute und Akademien auf, um ITler intern auszubilden oder auf Verbrennungsmotoren spezialisierte Ingenieure zu Ingenieuren für die Elektromobilität umzuqualifizieren.

Für den Abbau haben die HR-Abteilungen spätestens in der Finanzkrise 2009 einen inzwischen etablierten Instrumentenkasten entwickelt. In erster Linie durch das Einfrieren nicht mehr benötigter frei werdender Stellen, die vor allem durch den Wechsel von Beschäftigten in den Ruhestand entstehen.

Nicht nur tiefgreifende Krisen, auch Transformationsprozesse werden sich nicht ganz ohne den Abbau von Beschäftigten meistern lassen.

Wie auch immer ein Unternehmen den Umbau oder Abbau bewerkstelligen will, am wichtigsten ist die frühzeitige Kooperation mit den Sozialpartnern, also Betriebs- und Personalräten. Ihnen kommen zwei wesentliche Rollen zu: erstens als Sparringspartner für den Transformationsplan und zweitens als Multiplikatoren in die Organisation hinein.

Verhältnisse ändern Verhalten

3. Mobilisieren

Verhältnisse ändern Verhalten! Eine erfolgreiche Workforce Transformation gelingt nur dann, wenn sie sowohl äußere als auch innere Veränderungen bewirkt. Die aus der Vergangenheit sattsam bekannten „Change-Programme“ haben erfahrungsgemäß kaum nennenswerte Resultate gezeigt, sondern Organisationen durcheinandergewirbelt und bei den Beschäftigten schon fast allergische Reaktionen ausgelöst. Vielmehr gilt es, den Grundsatz zu beherzigen, dass erst veränderte Verhältnisse verändertes Verhalten ermöglichen. Oder anders: Erst kommt das Wollen, dann das Können, dann das Sollen, dann das Dürfen.

Die äußeren Transformationsbeschleuniger beinhalten ein neues Arbeitsumfeld, das automatisch mit neuen Jobs einhergeht, häufig zeitlich und örtlich flexibel, und das – wo möglich – mit neuen Tools unterstützt wird, die das Leben der Mitarbeitenden erleichtern. Zudem muss sich der HR-Instrumentenkasten enorm anpassen – von der Rekrutierung über Anreizsysteme, Performance Management und neue Organisationsstrukturen bis hin zur Governance und neuen Führungsqualitäten.

Als innere Transformationsbeschleuniger wirken nicht nur die neuen Fähigkeiten, die Mitarbeitende erwerben, sondern allen voran auch ein eindeutiges „Warum“ der Transformation. Daran bemisst sich neue Führungsqualität. Mitarbeitende auf neue Wege mitzunehmen, verlangt zum Beispiel Aussagen dieser Art:

„Wir haben ein Problem …, das uns alle betrifft, weil…, wir müssen jetzt handeln, sonst …, aber wir können … gewinnen, ganz konkret profitieren die Mitarbeiter von …, wir machen es nur gemeinsam, das heißt auch und insbesondere unter Beteiligung der Sozialpartner …, als Nächstes werden wir …“

Führung muss also empathischer, unmittelbarer werden und so jedem Einzelnen im Unternehmen Orientierung und Perspektive geben.

Menschen wollen ein Teil des großen Ganzen werden, wollen gesehen und gehört werden. Deshalb ist eine Zwei-Wege-Kommunikation essenziell. Nicht zuletzt ist es eine unerschütterliche Konsequenz, unbeeinflusst von den weitverbreiteten unternehmenspolitischen Ränkespielen, die über das Gelingen der Workforce Transformation entscheidet.

Konsequenz heißt in erster Linie, dass der oder die Vorstandsvorsitzende diesen Transformationswillen geradezu verkörpert, vorlebt und beständig kommuniziert.

Dass Veränderungsprozesse „von oben“ rückhaltlos vorgelebt werden müssen, ist nach dem Grundwissen der Managementlehre schon ein alter Hut. Aber dieser vermeintlich alte Hut war noch nie so „en vogue“ wie in diesen disruptiven Zeiten, in denen alle Signale auf Transformation stehen. Und last but not least braucht es ein sehr diszipliniertes, messbares Programm-Management sowie Manager und Managerinnen mit Schulterklappen, die es operativ treiben. „So läuft doch jedes unserer Projekte“, werden die meisten sagen. Unsere Erfahrung zeigt: „Das wäre schön.“

 

Workforce Transformation in 3 Stufen

Ein Appell zum Schluss

Wenn Unternehmenslenker und Spitzenmanagerinnen ihre Workforce jetzt nicht transformieren, transformiert sich auch nicht das Unternehmen – und sie erleben im Zweifel auch dessen Zukunft nicht mehr. Wir hören das seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie ständig von Politikern oder von Virologen: Es sei fünf vor zwölf, wir müssten noch mehr unternehmen, um die Gefahr weiterer Ansteckungen einzudämmen. Aber das gilt nicht nur für die Bekämpfung eines Virus, sondern auch für die Bekämpfung einer gefährlichen Nachlässigkeit in vielen Unternehmen, wenn es darum geht, die Überlebensfähigkeit in Zeiten der Disruption zu sichern. Auch diesbezüglich steht die Uhr bei vielen auf mindestens fünf vor zwölf, wenn nicht schon später. Doch klar sollte inzwischen geworden sein, dass keine Transformationsstrategie eines Unternehmens ohne begleitende Workforce Transformation gelingen kann. Genau jetzt ist die Zeit gekommen, und genau jetzt eröffnen sich unzählige neue Chancen, sich durch eine auf die Zukunft ausgerichtete Personalstruktur Wettbewerbsvorteile zu sichern. Für viele Unternehmen gilt eben, was der Rennfahrer Ayrton Senna einmal sagte: „You cannot overtake 15 cars in sunny weather … but you can when it’s raining.“

Dieser Beitrag erschien in changement! Heft 03/2021.

Personalstrukturen für die Zukunft

Der Druck zur Veränderung von Personalstrukturen ist so hoch wie nie – besonders vor dem Hintergrund der aktuellen Krisen. Wir erleben eine globale Reskilling-Revolution, den Vormarsch von Job-Automatisierung, Mangel an Fachkräften und den demografischen Wandel.

Wie kann es Unternehmen in diesen Zeiten gelingen anpassungsfähig zu bleiben? Welche Herausforderungen ergeben sich in der strategischen Personalplanung und welche Automatisierungspotenziale funktionieren in der Realität?

Der Workforce Transformation Summit in Frankfurt am Main liefert Ihnen am 21. September 2022 Antworten, Best Practices, hochkarätige Panels und Vernetzung mit denen, die ihre Workforce Transformation bereits auf den Weg gebracht haben. Profitieren Sie von wertvollen Handlungsimpulsen hochkarätiger Vorständ:innen und Expert:innen von Unternehmen wie wie Bayer, BMW, Deutsche Bank, Henkel, Infineon, MVV, Software AG, Thyssenkrupp und VW Nutzfahrtzeuge.

Workforce Transformation Summit 2022

 

Autor

Benedikt von Kettler
ist Managing Partner von HUMAN. Das Unternehmen begleitet Transformations- und Strategieprozesse und ist spezialisiert auf Workforce Transformation und New Work. Zu den Kunden zählen über 50 Unternehmen. Benedikt von Kettler ist Autor des Standardwerks „Strategische Personalplanung“.
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Wir fragen Menschen nach ihren Quellen der Inspiration und bitten sie, fünf davon mit uns zu teilen. Nico Rose begeistert sich für tiefgehende Forschungsarbeiten zur Organisationspsychologie, gutes Storytelling und Twitter. Energie geben ihm die rockigen Klänge des Heavy Metal.

1 Original-Forschung

Am meisten werde ich durch wissenschaftliche Paper inspiriert. Viele Menschen hören nach der Hochschule auf, so etwas zu lesen, weil es zugegeben mühselig ist. Ich habe das schon immer genossen, auch, als ich noch Manager war. Am liebsten lese ich Review-Artikel zu organisationspsychologischen Themen. Da bohrt man ein dickes Brett. Aber wenn man sich durch so ein Monstrum durchgearbeitet hat, kennt man zu dem Thema den aktuellen Stand der Forschung, zumindest auf einer aggregierten Ebene. Diese fachliche Tiefe ist mir wichtig, auch und vor allem in meiner Arbeit als Speaker.

2 Sachbücher

Neben Originalforschung lese ich viele Sachbücher aus Organisationspsychologie und Verhaltensökonomie. Meistens sind das US-amerikanische Autoren, weil an den dortigen Universitäten die beste Forschung geleistet wird, aber auch, weil die Bücher oft etwas flotter geschrieben sind als deutsche Werke. Es inspiriert mich, wenn erstklassige Forschung mit gutem Storytelling verknüpft wird. Das jüngste Buch, was mich begeistert hat, war „How to Change“ von Katy Milkman.

3 Twitter

Ich folge nicht vielen Accounts auf Twitter, aber trotzdem – oder vielleicht deswegen – ist es für mich eine regelmäßige Quelle der Inspiration. Ich bin verbunden mit vielen Forscherinnen und Forschern, die regelmäßig Links zu interessanten Studien posten. Häufig lasse ich mich auch durch Headlines aus der Wirtschaftspresse anmuten, nutze das als Aufhänger, um selbst etwas zu schreiben. Twitter ist für mich ebenfalls ein Ort für gehobenen Quatsch: beispielsweise Wortspiele, Ironie, Memes. Auch hieraus können durchaus Ideen für Fachbeiträge und Kolumnen entstehen.

4 Coaching-Klienten und Gespräche nach Vorträgen

Insbesondere seit ich Hochschullehrer bin und nicht mehr selbst in einem Unternehmen arbeite, sind die Gespräche mit meinen Coaching-Klienten und -Klientinnen, aber auch der Austausch mit Menschen nach Vorträgen, so etwas wie mein „Ohr im Markt“. Die Baustellen und Herausforderungen dieser Personen inspirieren mich zu meiner eigenen Forschungsarbeit sowie ebenfalls unter anderem zu Kolumnen und Kommentaren.

5 Heavy Metal

Neben der Forschung und meiner Familie ist Heavy Metal die große Leidenschaft in meinem Leben. Wenn möglich, habe ich immer Musik im Ohr – und so begleitet mich Metal auch während ich schreibe. Die Musik spendet mir Energie, inspiriert mich aber ebenso inhaltlich. So habe ich mehrfach die Gründer des Wacken Open Air interviewt: Wie managen die ihren Laden? Auf welchen Wegen gestalten sie bewusst ihre Marke? Und was können „normale Unternehmen“ davon lernen?

 

changement! Heft 09/2021

 

Autor

Nico Rose
ist Autor, Keynote Speaker, Coach sowie Professor für Wirtschaftspsychologie an der International School of Management in Dortmund. Er ist außerdem Experte für Positive Psychologie. In Kürze erscheint sein neues Buch „Management-Coaching und Positive Psychologie: Stärken stärken, sinnvoll wachsen“.
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Business-Ökosysteme erschaffen sich nicht von selbst. Die Akteure eines solchen Systems verbinden sich nicht automatisch und fangen einfach an, radikal zusammenzuarbeiten. Zur Erreichung eines Minimum Viable Ecosystems muss genau verstanden werden, wer potenzielle Ökosystempartner sind, welche Rollen sie einnehmen und welche Fähigkeiten sie einbringen können.

Das Design von Business-Ökosystemen hat sich in den letzten Jahren zu einer eigenen Disziplin entwickelt. Ausgangspunkt für die Business-Ökosystem-Überlegungen ist meist der Kunde oder Nutzer mit seinen Bedürfnissen. Durch Design Thinking und die Lean-Start-up-Werkzeuge wurden im besten Fall bereits vorgängig die Kundenbedürfnisse und die Value Proposition validiert. Die Gestaltung eines passenden Business-Ökosystems erfolgt in verschiedenen Schritten, die sich auf den „Virtuous Design Loop“, den „Validation Loop“, den „Realization Loop“ und den „Experiment Loop“ verteilen.

: Design Loops für Gestaltung von Business-Ökosystemen

Es handelt sich hierbei jedoch nicht um eine Blaupause, sondern vielmehr um einen Vorschlag, der die wichtigsten Elemente zur Erreichung eines Minimum Viable Ecosystem (MVE) abbildet. Das finale MVE bildet das erste funktionierende System in seiner effizientesten Ausprägung.

Den Beitrag der Akteure definieren

Ein wichtiger Bestandteil in der Gestaltung, im Virtuous Design Loop ist die Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen, Fähigkeiten und dem potenziellen Beitrag der jeweiligen Business-Ökosystem-Akteure an der Value Proposition. Hierfür ist es zum einen wichtig zu verstehen, welche Fähigkeiten, Services und Produkte von den jeweiligen Akteuren eingebracht werden können, als auch wie das aktuelle und zukünftig neue Geschäftsmodell der Akteure zum Business-Ökosystem passen. Basierend auf diesen Erkenntnissen und Beschreibungen der Akteure helfen Rollenspiele, die Sichten der jeweiligen Akteure besser zu verstehen und sie in den Kontext der zu erzielenden Value Proposition oder zum gesamten Zielbild eines Business-Ökosystems zu stellen. Die Distanz eines Akteurs zur Erbringung der Value Proposition und zu anderen Akteuren drückt aus, wie systemrelevant diese jeweils sind. In solchen Systemaufstellungen – in Form von Rollenspielen – können schnell Befindlichkeiten, Gewinnbringer und die Relevanz des potenziellen Akteurs diskutiert werden. Im Rahmen eines Co-Creation-Workshops kann zum Beispiel jedes Teammitglied ein bis zwei Akteure im Rahmen des Rollenspiels vorstellen und deren Sichtweise einnehmen.

Das Rollenspiel und die Systemaufstellung helfen dem Business-Ökosystem-Design-Team:

  • alle Akteure (im Rahmen des Rollenspiels) mit den Annahmen oder validierten Aussagen zu ihren Positionen zu hören;
  • Wissen über die Akteure im Team zu teilen und eine Diskussion zu starten;
  • zu hinterfragen, ob der jeweilige Akteur zum Ökosystem passt;
  • eine gefühlte Nähe oder Distanz von Akteuren zur Value Proposition zu eruieren;
  • fehlende Fähigkeiten bzw. Akteure zu identifizieren.

Vorgehen:

  1. Jedes Teammitglied nimmt eine Rolle der definierten Akteure ein. In die Mitte vom Raum wird die Value Proposition aufgeschrieben. Die Akteure gruppieren sich nach ihrer Wichtigkeit und direkten oder indirekten Beziehungen zu anderen Akteuren im Raum und zur Value Proposition.
  2. Jedes Teammitglied (=Akteur) ist aufgefordert, seine Rolle, Vorteile und Nachteile zu erläutern und wieso es an der eingenommenen Position steht. Aus der Diskussion können die Positionen der Akteure zur Value Proposition verändert werden, neue Akteure oder Rollen hinzugefügt oder der Abstand verändert werden.
  3. Die Erkenntnisse fließen in die Beschreibung der jeweiligen Akteure ein und helfen besonders im nächsten Schritt, in der die initiale Ökosystem-Landkarte erstellt oder iterativ weiterentwickelt wird.

Die Beschreibungen der aktuellen und potenziellen Akteure und im Ökosystem-Design-Team durchgeführte Rollenspiele helfen, diese auf der Business-Ökosystem-Landkarte zu verorten.

Für die meisten Business-Ökosystem-Initiativen ist ein konsequentes Denken aus Sicht des Kunden und der damit verbundenen Value Proposition der passende Ansatz.

Zentral ist somit der Kunde. Die jeweiligen Kreise zeigen die Distanz der Akteure zum Kunden und die Wichtigkeit, etwas direkt zur Erstellung der Value Proposition beizutragen. Die Anzahl der Kreise, auf denen die Akteure des Ökosystems verortet werden, hängt von der Komplexität der Systeme ab. Für erste Überlegungen reichen meist zwei bis drei Kreise, welche die Akteure, Orchestratoren und Lieferanten eines potenziellen Ökosystems schnell verorten lassen.

Die Business-Ökosystem-Landkarte bietet die Basis für die Definition der Wertströme. In der Definition der Wertströme liegt der Grundgedanke, dass aufgrund ihrer Beschaffenheit und ihrer nachhaltigen Existenz Business-Ökosysteme als Ganzes mehr Wert erzeugen als die Summe der einzelnen Akteure, die unabhängig voneinander handeln. In einer traditionellen Sichtweise der Wertströme ist die Wertschöpfung inkrementell, d. h., dass die jeweiligen Akteure in der Regel „cost plus“ eine gewisse Kapitalrendite decken. In Business-Ökosystemen schaffen die Akteure Wert durch ihr Engagement innerhalb des Systems als Ganzes. Der Kunde/Nutzer interagiert mit dem Ökosystem oder mit einzelnen Akteuren im System (je nach Konfiguration).

Erfolgsfaktoren für die Gestaltung

Das Rollenspiel und die Systemaufstellung haben einen transformativen Charakter, da eine verstärkte Auseinandersetzung mit den anderen Akteuren, bis hin zu den Wettbewerbern, im zu gestaltenden Business-Ökosystem entsteht. Diese Fähigkeit ist sehr wichtig, da meist ebenso Vorschläge für die möglichen Geschäftsmodelle der beteiligten Akteure im System gemacht werden müssen. Schließlich kann Business-Ökosystem-Kapital nur durch die Verbindung zu den Akteuren und ihren wertschöpfenden Aktivitäten entstehen. Letztendlich ist es das Ziel im Business-Ökosystem-Design, eine Win-win-Situation für alle am Ökosystem beteiligten Akteure zu erzeugen. Für die Anwendung eines Rollenspiels und einer Systemaufstellung in der Gestaltung von Business-Ökosystemen sind die folgenden Punkte erfolgsentscheidend:

  1. Offenheit der Teammitglieder, eine neue Rolle einzunehmen und aus Sicht des jeweiligen Akteurs zu denken
  2. Durchführung von Iterationen, in denen bewusst bestehende Strukturen und Verbindungen aufgelöst werden
  3. Begleitung durch einen Workshop-Facilitator, der neutral die jeweiligen Standpunkte, Stimmungen und Aussagen aufnimmt und das Rollenspiel moderiert
  4. Fokussierung auf einen Perspektivwechsel von „Ja, aber“ zu „Ja! Und …“, der es erlaubt in Wertströmen statt in Risiken zu denken
  5. Dokumentation der jeweiligen Systemaufstellungen, Reflexion und schrittweise Überprüfung der getroffenen Annahmen mit den jeweiligen potenziellen Akteuren im System

 

changement! Heft 08/2021

 

Autor

Michael Lewrick PHD | MBA

ist Bestseller-Autor, Speaker und Experte für Wachstums- und Business-Ökosystem-Strategien. Mit seiner Hilfe haben zahlreiche Unternehmen Ökosysteme gestaltet, umgesetzt und skaliert. Er ist u. a. Autor des Buchs „Business Ökosystem Design“, das im Vahlen Verlag erschienen ist.

Remote-Zusammenarbeit in Unternehmen erfordert mehr als nur Videokonferenzen. Es ist entscheidend, die richtigen Rahmenbedingungen für virtuelle Zusammenarbeit zu schaffen. Nadine Soyez, Management Consultant bei Virtual Team Heroes erläutert die wichtigen Aspekte in ihrem Beitrag „Tipps zur erfolgreichen virtuellen Zusammenarbeit“.

Sofort anfangen! Jeder Schritt zählt

Micro-Learning-Cycles unterstützen das lebenslange Lernen. Ihre sofortige Umsetzbarkeit und die flexible Anwendung gehören zu den größten Vorteilen. Sie können sogar in Verbindung mit einem übergeordneten Reflexionszyklus einen Beitrag zur lernenden Organisation leisten.

Auf dem Weg zur lernenden Organisation steht manch einer vor der Frage: Wann soll das denn noch passieren?
Nicht nur, dass der Tag gefüllt ist mit „täglicher Arbeit“ und der Erwartung, erfolgreich im Zeit- und Budgetrahmen zu performen. Nun kommt auch noch die Aufforderung hinzu, „lebenslang zu lernen“ und sich weiterzubilden. Da liegt es nahe, dass so manch einer den Kopf in den Sand steckt und im Überlebensmodus das weglässt, was nicht unmittelbar benötigt wird.

Leider gehören dazu eben oft auch das Weiterbilden und das Lernen für die Zukunft. Zumal sich die Community der Lernbegleiterinnen und -begleiter (zum Beispiel Trainer und Coaches) einig ist, dass insbesondere die Kompetenz zu lernen und sich selbst zu steuern in den nächsten Jahren zunehmen wird. Nicht umsonst: „Selbstführung wird als Schlüsselkompetenz angesehen.“

Jeden Tag neue Dinge ausprobieren

Und genau hier setzen Micro-Learning-Cycles an. Micro-Learning-Cycles (MLCs) sind ein smartes Tool, das, wenn es eingesetzt wird, sowohl aus Sicht des Lernbegleiters als auch aus Sicht des Lernenden mehrere Fliegen mit einer Klappe schlägt.

Denn MLCs unterstützen als Micro-Lerneinheit das lebenslange Lernen, sie fungieren durch ihre Einfachheit als „sofort umsetzbares Tool“ und sie können gleichzeitig – wenn durch eine Challenge eingerahmt – als Trainingselement der Veränderung eingesetzt werden, indem sie anregen, jeden Tag – und sei es nur kurz – etwas Neues zu tun.

Durch dieses „jeden Tag etwas Neues tun“ wird der Lernende trainiert, neue Dinge auszuprobieren. Und nachdem wir wissen, dass unser Gehirn eine Hochleistungsmaschine ist und Skalierung versteht, wird so Veränderung im Großen leichter, einfach weil im Kleinen kontinuierlich trainiert wurde.

Die notwendige Zeit aufbringen

MLCs sind eine minimale Lerneinheit, die so konzipiert wurde, dass auch Menschen, die sehr viel zu tun haben, die notwendige Zeit aufbringen und für sich sinnvoll nutzen können. Ein MLC ist typischerweise zwischen fünf und 15 Minuten lang und stellt eine Art Container dar, etwas Neues zu tun. Dabei ist der Startpunkt durch folgende Kriterien festgelegt:

  1. Es geht darum, etwas zu tun, was man niemals zuvor getan hat (und vielleicht auch nie wieder tun wird).
  2. Es darf etwas sein, was bei dem oder der Lernenden eine gewisse Neugierde auslöst. Sollte dies nicht der Fall sein, so gilt ja zum Glück: Nach spätestens 15 Minuten ist es vorbei.
  3. Zur Themenwahl: Die meisten Menschen haben eine Liste mit Dingen im Stile von „Werde ich tun, wenn ich mal Zeit habe“. Solche Listen sind ideal für MLCs.

Der Trick bei den MLCs ist neben der Einfachheit auch, dass man sofort, nachdem man es sich vorgestellt hat, mit der Umsetzung beginnt.

Je weiter wir Umsetzung nach hinten verschieben, desto unwahrscheinlicher wird die Umsetzung überhaupt.

Die sofortige Umsetzbarkeit ist einer der größten Vorteile der MLCs – auch wenn „keine Zeit“ und/ oder man überarbeitet ist: fünf bis 15 Minuten hat jeder. Notfalls werden diese im Rahmen des nächsten Meetings mit auf die Agenda genommen.

Auf die Perspektive kommt es an

Lesen Sie diesen Artikel aus der Perspektive desjenigen, der lernen will und (normalerweise) keine Zeit hat? Dann darf ich Ihnen gratulieren: Allein die Tatsache, dass Sie diesen Beitrag lesen, bedeutet ja schon, dass Sie es schaffen, sich Zeit zum Lernen zu nehmen.

Oder lesen Sie diesen Artikel aus der Perspektive desjenigen, der in seinem Umfeld Menschen hat, von denen er meint, diese sollten sich mehr Zeit zum Lernen nehmen? Nun, dann sei an eine Aussage erinnert, die Galileo Galilei zugeschrieben wird: „Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“

Dies mag zunächst frustrieren, was Sie jedoch aber sehr wohl gestalten können, ist die Umgebung zum Lernen und den (Zeit-)Raum. Und hier offenbart sich die zweite Stärke der MLCs: Lernen hat auch mit der Etablierung einer sogenannten Erfolgsroutine des Lernens zu tun. Eine Routine zu etablieren, braucht je nach wissenschaftlicher Studie 21 bis 100 Wiederholungen.

Und nachdem die MLCs nur eine kleine Zeiteinheit benötigen, bin ich mir sicher, dass es Ihnen möglich sein wird, für die Menschen, an deren Lernerfolg ihnen etwas liegt, eben diesen Freiraum zu kreieren. Etablieren Sie zum Beispiel im Rahmen ihres Jour fixe ein MLC als Lerneinheit und vor allem: Finden Sie den für Sie und Ihr Team passenden Rahmen, um einen einzelnen MLC herum.

Dabei gibt es verschiedene Varianten. Das könnten sein:

  • das Ausrufen einer Challenge (zum Beispiel eines „Adventskalenders“ vom 1.–24. Dezember).
  • die Aneinanderreihung von MLCs, um ein größeres Ziel zu erreichen (zum Beispiel sich 30 Tage mit Sketchnotes zu beschäftigen und jeden Tag ein neues Symbol zu lernen).

Dabei sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Manchmal hilft es auch, eine Überraschung für alle Dranbleiberinnen und Durchhalter oder – bei freiwilliger Teilnahme – Mitmacher am Ende auszusprechen. Die Überraschung sollte klein, aber nett sein. Der ideelle Wert steht im Vordergrund. Ich lasse die Teilnehmenden übrigens ausschließlich an Themen arbeiten, die sie gerade individuell interessieren. Und Teams bzw. Gruppen, die gemeinsame Interessen teilen, kann man auch ein gemeinsames Thema wählen lassen.

 

Beispiele für MLCs (Wie Micro-Learning-Cycles das lebenslange Lernen unterstützen)

 

Ziele setzen, anfangen, Spaß haben

Die MLCs sind so erfolgreich, weil sie die entscheidenden Faktoren einer erfolgreichen Umsetzung berücksichtigen und diese mit Leichtigkeit und mit einem fast schon spielerischen Ansatz anleiten. Diese Faktoren sind: Ziel setzen, anfangen umzusetzen, weitermachen, Spaß haben, weitermachen, bis das Ziel erreicht ist.

„Die Flexibilität, eventuell auch nur fünf Minuten aufzuwenden, führt zu hoher Akzeptanz.“

Allein durch die Tatsache, dass selbst eine als „unbeliebt“ angesehene Aufgabe nur für bis zu 15 Minuten gemacht wird, nimmt schon erheblichen Druck heraus, der oft entsteht, wenn Menschen in Veränderungsprozessen angeleitet werden. Ein weiterer erfolgskritischer Punkt ist die Freiheit der Themenwahl und im Rahmen von Challenges die permanente Möglichkeit, das Thema zu wechseln.

Selbst da, wo MLCs nicht strukturiert als Challenge oder Ähnliches genutzt werden, sondern nur im Rahmen von Mitarbeiterinitiativen hier und da zur Anwendung kommen, verbreitet sich dieser Ansatz oft weiter, da es die berühmte „Low Hanging Fruit“ der Anwendung hervorragend abbildet und eben so wenig Zeit benötigt. Und nicht zuletzt ist es die Flexibilität, eventuell auch nur fünf Minuten aufzuwenden, die zu hoher Akzeptanz führt.

Die Organisation lernt mit

Zum Abschluss möchte ich noch eine weitere Ebene aufzeigen, die beispielsweise um Lern-Challenges und MLCs herumgelegt werden kann, und die meiner Meinung nach ein, wenn nicht sogar der Schlüssel für die Weiterentwicklung von Organisationen ist: das Teilen der jeweiligen Projekte mit anderen sowie die Reflexion als Schlüssel zum organisationalem Lernen.

Wenn die Teilnehmenden in regelmäßigen Abständen zusammenkommen und über ihre Erkenntnisse aus den MLCs aber auch beispielsweise aus den Challenges berichten sowie gemeinsam reflektieren und dabei sowohl auf inhaltlicher Ebene (Was habe ich im MLC gemacht?) als auch auf struktureller Ebene (Wie funktionierte das Lernen für mich?) ihre Erfahrungen austauschen, kann über die Zeit eine Entwicklung in Richtung lernende Organisation entstehen.

Zusammenspiel von MLC, Challenge, Reflexions (Wie Micro-Learning-Cycles das lebenslange Lernen unterstützen)

Die Abbildung illustriert das Zusammenspiel von MLC, Challenge und Reflexionszyklus. Spätestens mit der Anwendung eines übergeordneten Reflexionszyklus wird der MLC Bestandteil der lernenden Organisation. Dies gilt selbst dann, wenn der Inhalt des einen oder anderen MLCs (oder sogar alle) nichts mit der Arbeit zu tun hat. Die Organisation profitiert spätestens jetzt von der hinzugewonnenen Kompetenz der Mitarbeitenden, obwohl – oder gerade weil – diese vordergründig nicht in Bezug auf vorgegebene Pflichtthemen des Arbeitsalltags erarbeitet oder erlernt wurden.

Liebe Lesende, was ist jetzt das eine Thema, dem Sie sich in Ihrem ersten MLC widmen? Fangen Sie an. Jetzt sofort. Denn so geht Umsetzung.

Autorin:

Anne Hoffmann ist Expertin für Selbstführung und Umsetzung. Getreu ihrem Motto „einfach.leicht.performance“ ist die Führungskraft aus der IT-Branche stets auf der Suche nach Wegen, Lernen und Weiterentwicklung so zu gestalten, dass Lernen für jeden möglich ist. Derzeit schreibt sie an einem Buch über Agile Games. Sie bloggt außerdem zu Themen rund um Führung, Veränderung und Lernen. (www.anne-hoffmann.com)

In Zeiten der digitalen Transformation muss die Rolle der Lernbegleitung und Kompetenzentwicklung hervorgehoben werden, während Zertifikate lediglich eine ergänzende Rolle beim Weiter- und Umschulen spielen sollten. Dies wird im folgendem Beitrag thematisiert: „New Learning – Lernen im Wandel“.

Mal ehrlich, Sevda Helpap!

Für die einen Allheilmittel, für die anderen völlig überbewertet: Tools und Methoden im Change. Wir fühlen Praktikern und Expertinnen auf den Zahn und wollen ihre Sicht der Dinge sowie einige Tipps erfahren. Diesmal fragen wir Sevda Helpap. Sie begleitet die Transformation der Hamburger Hochbahn.

➜ Mal ehrlich, Tools und Methoden werden im Rahmen von Veränderungen überschätzt! Richtig?

Es kommt darauf an. In manchen Fällen werden sie gar unterschätzt. Wenn es darum geht, für die Veränderungen eine Struktur zu wählen oder ein Vorgehen zu bestimmen, können Methoden sehr nützlich sein. Der Lean-Change-Ansatz zum Beispiel hat mir geholfen, in der Gestaltung eines agile Veränderungsprozesses einen Anfangspunkt zu finden und durch den Verlauf zu navigieren. Dabei muss man auch aushalten, dass zu Beginn nicht alles klappt. Das Gleiche gilt für den Einsatz von agilen Methoden wie Design Thinking. Ich habe Projekte begleitet, bei denen wir bewusst über eine Methode in die Veränderung gestartet sind, was sehr hilfreich war, um einen Aufbruch erlebbar zu machen. Auf der anderen Seite kann der Einsatz von Methoden wie ein Tropfen auf den heißen Stein wirken. Zum Beispiel, wenn mit dem Einsatz von Working Out Loud zwar die Netzwerkkompetenzen gestärkt, jedoch damit keine Silos abgebaut oder
hierarchische Strukturen aufgelöst werden. Mit einem Tool bzw. einer Methode allein kann keine Organisation umgekrempelt werden. Der Einsatz verebbt, wenn keine echten strukturellen Veränderungen damit einhergehen.

Sie arbeiten bei der Hamburger Hochbahn im Bereich Wandel und Innovation. Welches Tool bzw. welche Methode darf beim Gestalten der digitalen Transformation auf keinen Fall fehlen?

Ich bin ein großer Fan der Sprint-Logik. Gerade in komplexen Transformationsprozessen passiert es oft, dass man zu viel auf einmal mit zu hohen Erwartungen bewältigen muss. Um eine nachhaltige Transformation zu gestalten, ist es daher umso wichtiger, sich Strukturen zu geben, die dabei helfen, den Fokus zu wahren und Transparenz für alle herzustellen. Daher sind feste Sprint-Phasen mit Planning, Reviews und Retros sehr hilfreich. Jedoch gilt wie für alle anderen Methoden auch hier „Dance with the System“: Passe es so an, dass es
für dich und dein Anliegen ideal ist. Was bei der Gestaltung der digitalen Transformation ebenfalls nicht fehlen darf, ist die Einbindung
möglichst vieler Menschen. Daher finde ich Partizipationsmethoden wie Meetups oder die Arbeit in verschiedenen Workstreams sehr entscheidend für die Gestaltung von Transformationen.

Sie haben auch mehrere Jahre in einer Unternehmensberatung gearbeitet. Wo gibt’s die besseren Tools: in Beratungen oder Corporates?

Die Tools gibt es auf beiden Seiten und sie unterscheiden sich nicht stark voneinander. Lediglich die Zielsetzung der Anwendung ist anders. Während Methoden und Tools der Beratung als Mehrwert in Bezug auf die Dienstleistung gelten sowie Kompetenz und Struktur vermitteln, wollen Unternehme vor allem neue Methoden ausprobieren und Erfahrungen sammeln. Das Ergebnis bzw. die Problemlösung ist dabei zunächst zweitrangig – bis sich erfolgreiche Methoden in den Strukturen etablieren.

Man lernt ja doch hin und wieder die ein oder andere neue Methode oder einen neuen Ansatz in Bezug auf Organisationsentwicklung kennen. Wann hatten Sie diesbezüglich das letzte Mal ein Aha-Erlebnis?

Wir arbeiten in der Selbstorganisation und haben damit wenig formale Strukturen und Berichtslinien. Jeder ist eigenverantwortlich und wir legen im Team gemeinsam Prozesse, Entscheidungen und die strategische Ausrichtung fest. Die immense Bedeutung von Retrospektiven und Feedbacks in dieser Form der Zusammenarbeit war für mich zuletzt ein Aha-Erlebnis. Dabei ist das Thema Feedback nicht neu, im Kontext der Selbstorganisation hat es jedoch eine andere Gewichtung. Je selbstorganisierter das Arbeiten, desto wichtiger sind Feedback und Reflexion – gerade in der virtuellen Zusammenarbeit.

Und bei der Anwendung welcher Methode waren Sie zuletzt ganz besonders wirksam?

Es klingt banal, aber zuletzt war die Visualisierung von Diskussionsergebnissen und Prozessen auf einem digitalen Whiteboard sehr wirksam. Die Arbeit im virtuellen Raum bekommt etwas Konkretes und Anfassbares, wenn wir gemeinsam Post-its schreiben und durch ein gut designtes Board geführt werden.

Welche Methode können Sie eigentlich empfehlen, um lang etablierte Verhaltensroutinen zu durchbrechen?

Solange wir nicht aufgefordert sind, unsere Routinen zu hinterfragen und eine Alternative erkennen, wird sich so schnell nichts ändern. Daher finde ich im ersten Schritt Diskurs-Formate wichtig, in denen Verhaltensweisen reflektiert und hinterfragt werden. So hatte ich in einem Führungskräfte-Workshop das Ergebnis einer Befragung gezeigt in Bezug darauf, wie die Mitarbeitenden geführt werden wollen. Das war ein guter Startpunkt, um das eigene Führen zu reflektieren und in den Austausch zu gehen. Neben Erkenntnissen sind jedoch auch konkrete Veränderungen wichtig. Dafür finde ich den Ansatz des Hackings super. Hacks sind kleine, leicht umsetzbare Maßnahmen. Auch das haben wir mit den Führungskräften diskutiert und Ideen gesammelt, wie sie ihr eigenes Führungsverhalten hacken können.

Was ist das ultimative Buch, der beste Blog oder Podcast, wenn es um Methoden und Tools im Change geht?

Ich bin ein Fan von Torsten Schellers Buch „Auf dem Weg zur agilen Organisation“, da er den Kontext zu den Methoden super erklärt. Außerdem mag ich das Buch „Agile Organisationsentwicklung“ von Bernd Oestereich und Claudia Schröder.

Haben Sie eine Lieblingsmethode für ein Warm-up oder Check-in in Workshops?

In Zeiten von Remote Work und wenig informellem Austausch zwischen Kollegen und Kolleginnen finde ich Check-ins oder Warm-ups umso wichtiger. Eines meiner Lieblings-Warm-ups ist das GIF-Turnier. Jeder postet im Chat das GIF zu einer bestimmten Fragestellung, zum Beispiel „Wie bist du heute ins erste Meeting gestartet?“. Das GIF mit den meisten Reaktionen gewinnt das Turnier.
Dabei geht’s natürlich um Spaß und einen lockeren Einstieg. Ansonsten finde ich Warm-ups, in denen man den Menschen besser kennenlernt, wertvoll. Hierzu eignen sich remote die Breakout-Räume sehr gut, in denen man zum Beispiel ein Speeddating veranstalten kann.

Interviewpartnerin:

Dr. Sevda Helpap ist Innovationsmanagerin und Organisationsentwicklerin bei der Hamburger Hochbahn. Sie begleitet die digitale Transformation und treibt in einem selbstorganisierten Team das Thema New Work voran.

 

In Unternehmen auf Distanz zusammenzuarbeiten, bedeutet mehr als eine funktionierende Video-Konferenz. Für die virtuelle Zusammenarbeit in Organisationen müssen weitere Rahmenbedingungen richtig gestaltet werden. Nadine Soyez beschreibt, auf welche Punkte man achten muss, damit Remote-Teams erfolgreich sein können.

 

Unternehmen wurden im März 2020 sozusagen über Nacht in die digitale Transformation und virtuelle Zusammenarbeit gezwungen. Erste gute Schritte zur Veränderung und Digitalisierung in der Arbeitswelt sind passiert. Wichtig ist, die Erkenntnisse daraus zu reflektieren, durchgeführte Maßnahmen zu analysieren und für Nachhaltigkeit zu sorgen.

Viele Unternehmen gingen am Anfang der Corona-Krise davon aus, dass das Einführen von Kollaborations-Tools oder das Verlagern von Meetings in die Online-Welt für die Digitalisierung ausreicht. Tools sind aber immer nur ein Werkzeug. Damit virtuelle Organisation und Zusammenarbeit gelingen, müssen weitere Rahmenbedingungen richtig gestaltet werden, was immer noch viele Organisationen vernachlässigen. Dies betrifft: die Kommunikation, Workflows, Prozesse, Kultur, Führung, Team-Zusammenarbeit und Wissenstransfer.

Veränderung des Mindsets

Die Gestaltung positiver Mitarbeitererlebnisse ist dabei ein entscheidender Erfolgsfaktor: „Employee first“ ist die Devise. Insgesamt muss eine Teamkultur geschaffen werden, die Transparenz und Problemlösung fördert. Vertrauen stellt dabei die Basis dar. Führungskräften sollte klar sein, was sie tun können, um Vertrauen aufzubauen.

Das Messen der Produktivität nicht über Anwesenheit, sondern über Ergebnisse, ist dabei der größte Mindset-Shift für Führungskräfte. Sie sollten stets den Überblick über alles behalten und Transparenz schaffen, ohne ins Mikromanagement zu verfallen. Mikromanagement zerstört das Vertrauen und das Engagement. Vertrauen ist aber die fundamentale Basis für ein produktives Remote-Team.

Führungskräfte müssen ihre neue Rolle in der virtuellen Organisation besser verstehen. Eine gute Führungskraft eines virtuellen Teams setzt Ziele, macht Performance-Kriterien transparent, klärt Rollen und Verantwortlichkeiten, fördert den Team-Spirit, organisiert Ressourcen, gibt Feedback und zeigt Wertschätzung. Das klingt nicht neu. Jedoch wird alles, was in der analogen Büroumgebung manchmal kaschiert werden konnte bzw. beiläufig geschah, im virtuellen Team unerlässlich.

Tipps zur virtuellen Zusammenarbeit

Die folgenden Punkte zeigen, auf was es zu achten gilt, damit virtuelle Zusammenarbeit gelingt und das Unternehmen auch dann erfolgreich bleibt, wenn alle Mitarbeitenden im Homeoffice sind.

1) Erwartungen klären

Mitarbeitende sollten nicht einfach ins Homeoffice oder in die Remote-Arbeit geschickt werden. Im Vorfeld sind gemeinsam Erwartungen zu klären, wie die virtuelle Zusammenarbeit organisiert wird, wie zum Beispiel:

  1. Welche Meetings fest stattfinden
  2. Was man bei plötzlich auftretenden Problemen tun kann
  3. Wie der Informationsaustausch abläuft
  4. Wie Arbeitsergebnisse dokumentiert und transparent gemacht werden

Sehr hilfreich ist das Aufstellen eines Team Agreements, um diese Fragen zu beantworten. Wenn ein solches Team Agreement vom gesamten Team verabschiedet wird, besteht in der Regel ein weitaus höheres Engagement.

2) Klare Ziele setzen und Rollen definieren

Jeder und jede Mitarbeitende muss die Ziele des Unternehmens kennen und wissen, wie er oder sie zu den Unternehmenszielen beitragen kann. Das ist nichts Neues. Auch in einem Team das gemeinsam im Büro arbeitet, sind klare Ziele für die Orientierung jedes Einzelnen unerlässlich.

In einem virtuellen Team arbeitet allerdings jeder mehr im eigenen Kontext. Aber ein gemeinsamer Kontext ist wichtig, um in eine Richtung zu gehen und gemeinsam Ziele zu erreichen. Deshalb sollten Ziele so definiert werden, dass die Teammitglieder miteinander interagieren müssen, um ihre Ziele zu erreichen. So werden eine bessere Kommunikation, Abstimmung und Transparenz geschaffen. Und es wird vermieden, dass jeder als Einzelkämpfer isoliert für sich arbeitet. Die Mitarbeitenden sollten den Überblick über ihre Aufgaben und auch die des gesamten Teams behalten können.

Flexible Arbeitszeiten und mehr Autonomie bedeuten nicht, dass die Arbeit strukturlos wird. Struktur und Guidelines sind für Remote-Teams absolut notwendig, um eine enge und transparente Zusammenarbeit auch in einem verteilten Setup zu ermöglichen. Klare Verantwortlichkeiten und Transparenz darüber, wer über was Entscheidungen trifft und wer wann informiert werden muss, tragen dazu wesentlich bei. Dazu muss jeder im Team die eigene Rolle verstehen.

3) Lernen, effizient zu kommunizieren

Die Kommunikation auf Distanz kann verstärkt das Problem mitbringen, dass Nachrichten unterschiedlich interpretiert werden oder dass es wenig bis keine Rückmeldung gibt. Missverständnisse entstehen schnell, da die non-verbalen Informationen in einem virtuellen Team verloren gehen.

Virtuelle Zusammenarbeit besteht zu einem größeren Teil aus asynchroner Kommunikation. Schriftliche Kommunikation bildet somit die Grundlage für den Informationsaustausch untereinander. In Textnachrichten ist es viel schwieriger, Emotionen und eine klare Absicht auszudrücken. Es kommt oft vor, dass die Erwartungen in einer Nachricht falsch oder negativ interpretiert werden. Dann entstehen Missverständnisse und Konflikte.

Neben einer guten schriftlichen Kommunikation ist es entscheidend, die passenden Kommunikationskanäle auszuwählen. E-Mail ist immer noch das am meisten verwendete Kommunikationsmittel. Aber sie ist nicht immer die richtige Wahl. Vor allem nicht in schwierigen Situationen oder Konflikten. Daher ist es wichtig, das Konzept von Rich Media zu kennen und einen richtigen Medienmix anzuwenden. Rich Media meint eine Kommunikation, die nicht nur aus Text und Bild besteht, sondern zum Beispiel auch Animationen, Bewegtbild- oder Audio-Inhalte beinhaltet.

4) Vorteile synchroner und asynchroner Organisation kennen und einsetzen

Sowohl asynchrone als auch synchrone Kommunikation haben Vor- und Nachteile: Asynchrone Kommunikation erlaubt ein konzentriertes, störungsfreies Erledigen von Aufgaben und gibt jedem eine hohe Flexibilität.

Synchrone Online-Zusammenarbeit ist hingegen wichtig, um gemeinsam im Team Ideen zu generieren und Probleme zu lösen. Je mehr asynchron sich ein Team organisiert, desto mehr Aufwand und Opportunitätskosten für Dokumentation und Koordination entstehen, da der persönliche Wissensaustausch fehlt. Aber Mitarbeitende sind am produktivsten, wenn sie asynchron arbeiten und sich auf ihre Arbeit ohne Ablenkung konzentrieren können. Deshalb ist eine ausgewogene Balance auf Basis der Anforderungen des jeweiligen Business-Prozesses notwendig.

5) Informelle Kommunikation für Teambuilding einsetzen

Informelle Kommunikation ist für den Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen notwendig. Menschen brauchen das Gefühl, dass sie miteinander verbunden sind. Und gute Beziehungen untereinander sind die Voraussetzung für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Im Büro geschieht dies selbstverständlich. Die Einbindung von Remote-Mitarbeitenden ist eine Herausforderung. Das Herstellen von Verbundenheit und Konnektivität – was in der Büroumgebung automatisch geschieht – ist im virtuellen Team sowohl für Führungskräfte als auch Mitarbeitende mit mehr Planung verbunden. Isolation stellt ein großes Problem in virtuellen Teams dar.

Führungskräfte sollten aktives „Managing by walking around“ in der digitalen Arbeitsumgebung betreiben und regelmäßige Check-ins mit dem gesamten Team und einzelnen Mitarbeitenden vornehmen, um verbunden zu bleiben – was leider viele Führungskräfte auf Distanz vergessen. Remote-Mitarbeitende wünschen sich die gleiche Aufmerksamkeit wie alle anderen Mitarbeitenden im Büro.

Deshalb sollte auch virtuell genügend Freiraum für die informelle Kommunikation eingeräumt werden. Zum Beispiel könnten regelmäßige digitale Kaffee-Treffen stattfinden oder bei Online-Meetings die ersten zehn Minuten dem informellen Austausch dienen.

6) Feedback und Wertschätzung gezielt einsetzen

Das richtige Geben von Feedback ist ein integraler Bestandteil jeder guten Teamarbeit – egal ob im Büro oder remote. Im virtuellen Team nimmt das Feedback jedoch einen besonderen Stellenwert ein. Es gleicht aus, was wir im Remote-Team in der persönlichen menschlichen Interaktion verlieren. Feedback sollte nicht nur nach Erledigung der Aufgabe erfolgen, sondern auch während des Arbeitsprozesses. Dies schafft mehr Transparenz, es können Zwischenergebnisse besprochen und Probleme geklärt werden. Denn gerade auf Distanz trauen sich viele Mitarbeitende nicht, bei auftretenden Problemen Kollegen oder die Führungskraft zu kontaktieren. Zudem motiviert ein wertschätzendes Feedback zwischendurch die Mitarbeitenden enorm. Es reicht aus, einfach regelmäßig „Danke“ zu sagen. Das „Danke sagen“ wird im virtuellen Team leider oft vergessen.

7) Tools richtig einführen und nutzen

Nicht zuletzt braucht eine virtuelle Organisation die passenden Tools. Tools sollten nicht einfach eingeführt werden. Die Mitarbeitenden werden diese kaum akzeptieren oder richtig nutzen. Das machen die meisten Unternehmen falsch. Zuerst gilt es, die Prozesse und Workflows zu analysieren, um dann zu entscheiden, welche Tools und Features diese unterstützen sowie welche Vorteile die Mitarbeitenden in der täglichen Arbeit durch sie haben.

Man denkt oft, je mehr Werkzeuge man hat, desto produktiver ist man. Es geht jedoch immer zuerst um Prozesse und Arbeitsabläufe und darum, diese mit den richtigen Tools zu verbessern. Klare Richtlinien und Regeln sorgen für Klarheit, wie die Tools in den verschiedenen Szenarien der Zusammenarbeit zu nutzen sind und wo welches Wissen zu finden ist.

Unternehmen sollten Chancen und Möglichkeiten nutzen, die Digitalisierung der Arbeitswelt weiter voranzutreiben und auf die gewonnenen Erkenntnisse aus den vergangenen Monaten zurückgreifen. Bei aller Flexibilität benötigen virtuelle Teams klare Strukturen und Regeln, um effektiv und effizient wirken zu können.

Autorin:

Nadine Soyez ist seit 2005 Management Consultant bei Virtual Team Heroes und hat langjährige Erfahrung aus Projekten in namhaften Management-Beratungen, IT-Beratungen und im Konzernumfeld. Sie ist spezialisiert auf die Zusammenarbeit und Führung auf Distanz. In diesem Kontext unterstützt sie Unternehmen bei der Gestaltung von Organisation, Team-Prozessen sowie bei der richtigen Nutzung von Tools.

 

Nicht allen Führungskräften ist bewusst, dass der beste Weg zu begeisterten Kunden, begeisterte Mitarbeiter sind. Dabei ist die Gestaltung positiver Mitarbeitererlebnisse mithilfe von Employee Experience Design ein entscheidender Erfolgsfaktor für ein Unternehmen. Der Beitrag „Employee Experience Design bewirkt positive Mitarbeitererlebnisse“ thematisiert dies.

Mitarbeiterinitiativen, die sich eigenständig – ohne Auftrag der Unternehmensleitung – formen, um Missstände in der Organisation anzuprangern oder nicht erkannte Potenziale zu heben, sind in den vergangenen Jahren sichtbarer geworden. Nicht selten bilden diese Graswurzelinitiativen die Grundlage für einen breiten Wandel in Organisationen. Sabine und Alexander Kluge haben zu diesem Phänomen viele Gespräche geführt und interessante Erkenntnisse dazu gewonnen.

Im Jahr 2018 sieht sich der erfolgsverwöhnte Internet-Gigant Google mit einer neuen Herausforderung konfrontiert. Diesmal ist es nicht eine Datenschutzinitiative der EU oder ein aggressiver Wettbewerber, es ist keine Bedrohung von außen, sondern es handelt sich um eine Initiative aus der Mitte der Organisation. Google hatte im Jahr zuvor begonnen, am Projekt Maven des US-Verteidigungsministeriums mitzuarbeiten. Dabei ging es um die Entwicklung von Algorithmen für die Kampfdrohnen-Steuerung – natürlich nur „zu Verteidigungszwecken“.

Vielen Google-Mitarbeitenden schmeckte diese Entwicklung nicht. Erste Einwände wurden schnell beiseitegeschoben mit dem Argument, dass auch andere Konzerne wie Microsoft oder Amazon an dem Projekt mitwirkten. Aber die Google-Mitarbeitenden ließen sich nicht abwimmeln. Während die ersten bereits mit Verweis auf das Projekt gekündigt hatten, taten sich tausende der verbleibenden Kollegen und Kolleginnen zusammen, um ihrem Widerspruch Nachdruck zu verleihen. Auf diese Weise traten sie intern eine Empörungswelle los, die ihren Höhepunkt mit der Veröffentlichung eines Brandbriefes an den CEO Sundar Pichai und Google-Gründer Larry Page erreichte. Es bedurfte wohl genau dieser sichtbaren Erinnerung an das alte Google-Motto Don´t be evil, um ihr Ziel zu erreichen: den Abschied von Google aus diesem Projekt.

Abseits der Formalstruktur

Abseits der formalen Hierarchie – unabhängig von Kästchen im Organigramm – gab und gibt es schon immer informelle Strukturen und Kommunikation. Sie zeigen sich auf den Fluren und in Kaffeeküchen. Das kennzeichnet menschliches Miteinander und ist für Identifikation und Informationsfluss der Organisationen überlebenswichtig.

Bildeten sich aber in der Vergangenheit Interessengemeinschaften abseits der Formalstruktur, hatte dies in den wenigsten Fällen Effekte auf die herrschende Ordnung. So tauschen sich Menschen in Organisationen zwanglos über Wohl und Weh aus, schließen Freundschaften oder helfen sich gegenseitig auf dem kleinen, nicht offiziell vorgesehenen Dienstweg, während das Management davon unberührt bleibt. Der organisationssoziologische Fachbegriff dafür: Entlastungscliquen.

Doch die seit einigen Jahren bestehende Möglichkeit der sozialen (digitalen) Vernetzung scheint diesem Phänomen nun eine neue Relevanz zu verleihen. In dem Maß, wie Entscheider und Entscheiderinnen höchstpersönlich immer öfter auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren, und kritische Einflüsse von außen eine zunehmend wichtigere Rolle bei der Ausrichtung der Organisation spielen, gewinnen in der Beobachtung auch Bewegungen aus der Mitte von Organisationen an Bedeutung.

Mut und technologische Entwicklungen

Die Suche nach möglichen Ursachen dafür führt zu einer Reihe von Erklärungsmodellen. Zum einen scheint die gesellschaftliche Entwicklung, eine zunehmende Individualisierung einerseits und ein größerer demokratische Reifegrad andererseits, dazu zu führen, dass immer mehr Mitarbeitende den Mut haben, jenseits der Dienstvorschrift zu agieren. Sie sind immer weniger bereit, ein Berufsleben lang ein Rädchen im Unternehmensgetriebe zu sein oder haben im Vergleich zu früheren Generationen ganz und gar abweichende Vorstellungen von Organisation, Struktur und dem Sinn ihrer Arbeit.

Auf der anderen Seite stehen technologische Entwicklungen, die einerseits im Rahmen einer „digitalen Transformation“ ganze Branchen umkrempeln, anderseits aber durch die Vernetzungsmöglichkeiten de facto neue Machtverhältnisse schaffen können. Denn den alten, gut vernetzten Eliten in den Hinterzimmern der Macht stehen nun mächtige Konsumenten und Mitarbeitende gegenüber. Gut vernetzt, oft mit nicht mehr als einem Smartphone ausgestattet, scharen sich Follower um Menschen, die ihrem Anliegen auf digitalen Plattformen glaubhaft Ausdruck verleihen. Mit der zunehmenden Verfügbarkeit solcher Plattformen auch in Organisationen, einem wachsenden digitalen Reifegrad und einer Belegschaft, die mehr und mehr mitgestalten will und nicht mehr gestaltet werden möchte, baut sich hier eine spürbare Gegenmacht zur klassischen Hierarchie auf.

Engagement für ein besseres Zusammenleben

Was aber bewegt die Menschen in Organisationen konkret? Warum engagieren sich Mitarbeitende neben ihrem Job für ein anderes, besseres Zusammenleben in ihrer Organisation?

Wir haben bei unseren Recherchen ein breites Spektrum an Ideen gefunden, für die sich Mitarbeitende neben ihrem Job engagieren. Da sind auf der einen Seite die Streiter für mehr Augenhöhe beim Autobauer Daimler, die – im Windschatten der konzerninternen Transformationsinitiative – dafür sorgen wollen, dass mehr Kollegen und Kolleginnen in der Kommunikation das förmliche, als hierarchisch empfundene „Sie“ gegen das kollegiale „Du“ tauschen.

Mit ihrem Hashtag #gerneperDu – sichtbar in E-Mail-Signaturen, im Social Intranet und offline an vielen Handgelenken aufgrund von selbstgedruckten Armbändern – erobern sie die Sympathien und freuen sich, wenn sogar ein Vorstand das Armband erbittet oder der Gesamtbetriebsrat den Hashtag in seine E-Mail-Signatur aufnimmt. Ein Anliegen, das nicht weh tut, aber Tausende Kollegen eint und spürbar das Miteinander verändert.

Ganz anders die Zukunftsschwärmer bei Bosch, eine Community kritischer Ingenieure, die sich zusammenfindet, um die Folgen ihres eigenen Verhaltens und das Handeln ihres Arbeitgebers zu hinterfragen. Sie machen ethische Konflikte in Bezug auf das Leistungsspektrum besprechbar und schaffen eine Plattform für ein sehr kritisches Thema: die Mitverantwortung am Dieselskandal.

Die Initiatoren der Gruppe suchen den Austausch mit den Entscheidern und debattieren – zumal ihr Unternehmen als Zulieferer mittelbar von der Thematik betroffen ist –, wo ihre gesellschaftliche oder auch ökologische Verantwortung als Ingenieure liegt, und das insbesondere auch mit dem Blick auf die wirtschaftlichen Interessen eines Herstellers. Ein kontroverses Handlungsfeld, das auch Einfluss auf persönliche Schicksale der Beteiligten hatte.

Viel Liebe für das eigene Unternehmen

Zwischen diesen beiden Polen, zwischen erkannten Potenzialen und angeprangerten Missständen, bewegen sich viele der von uns befragten Akteure. Es finden sich Menschen zusammen, die Lösungen für diejenigen Herausforderungen suchen, die sie als relevant ansehen, die von den bestehenden Institutionen aber ignoriert werden. Dabei stellen sie den Status Quo infrage, werben für neue Formen der Zusammenarbeit, der Kommunikation oder gar des Zusammenlebens. Und sie tun dies freiwillig, neben dem eigentlichen Job und mit viel Liebe und Leidenschaft für ihr Unternehmen.

Wir haben die #WirSindAudi-Protagonisten getroffen, gewerbliche Kollegen aus der Fertigung in Ingolstadt, die den angeknacksten Ruf ihres Unternehmens auf eigene Faust in den sozialen Medien reparieren wollen und Tausende Kollegen und Kolleginnen erreichen. Wir haben mit Telekom-Mitarbeitenden gesprochen, die schneller als ihre Entscheider erkannt hatten, dass neue, niedrigschwellige, partizipative und selbstorganisierte

Lernformate ein Gewinn für ihr Unternehmen sind – jenseits der ausgefeilt strukturierten Programme der hauseigenen Akademie. Es etablierte sich aus der Initiative einiger weniger Kollegen das Netzwerk LeX – Lernen von Experten, ein selbst entwickeltes, soziales Lernformat – und dies auf einer digitalen Plattform.

LeX hat mittlerweile etwa 18.000 Wissensarbeiter miteinander und untereinander vernetzt und den Weg zu Lernthemen frei gemacht, die – anders als in der klassischen Weiterbildung – plötzlich allen Mitarbeitenden zugänglich sind.

Auch das soziale Lernformat Working Out Loud findet in den meisten Unternehmen seinen Weg aus der Mitte der Organisation. Es sind begeisterte, neugierige Enthusiasten und nicht die Corporate Learning-Experten, die das Programm in das Unternehmen tragen. Sie sammeln Gleichgesinnte, berichten über Erfahrungen, vernetzen sich über Organisationsgrenzen hinaus, organisieren Informations-Veranstaltungen und werden oft erst dann sichtbar, wenn das Programm nicht mehr wegzudenken ist aus der Organisation.

Humus für Veränderungen

Solcherlei Initiativen – auch das kann man konstatieren – sind dann inhaltlich nachhaltig, wenn sie ab einem kritischen Punkt Zuspruch durch einen Entscheider bzw. eine Entscheiderin erhalten, der oder die die Chancen der Bewegung erkennt und sie schützt. Sie erhalten damit einen formalen Auftrag und treten aus der Phase der brauchbaren Illegalität heraus. Andere Initiativen lösen sich auf oder verlieren sich in Inaktivität, säen aber dennoch oft Sporen der Inspiration für neue Graswurzeln im Unternehmen.

Der Organisationsgestalter mag fragen: Sind solcherlei Bewegungen „nice to have“ und allenfalls zu erdulden? Oder tragen sie zur Entwicklung der Organisation Entscheidendes bei, sodass sie in den Kontext des Change-Modells eingebettet werden müssen, ja vielleicht sogar eine entscheidende Rolle zugewiesen bekommen sollten?

„Die Graswurzel ist“, so antwortet Thomas Sattelberger, ehemaliger Personalvorstand bei Lufthansa, Continental und Telekom, in unserem Podcast auf diese Frage, „eine der Ingredienzien für den notwendigen Wandel. Sie bildet den Humus für Veränderungen in Unternehmen“. Diese Erkenntnis scheint bei vielen Entscheidern in Unternehmen zu reifen, die auf die zunehmende Komplexität des Umfelds, eine abnehmende Vorhersehbarkeit von Marktentwicklungen und sich rasch wandelnden Werten von Kunden und Mitarbeitenden reagieren müssen.

Erläuterung: Eigenschaften einer Graswurzelbewegung

  1. Sie entsteht in der Informalität und hat keine Entsprechung in der Formalstruktur.
  2. Ihre Mitglieder erkennen Defizite oder mögliche Potenziale, um die sich sonst niemand in der Organisation kümmert.
  3. Sie übernehmen Verantwortung für Themen, die von keinem anderen adressiert werden.
  4. Die Akteure handeln ohne Auftrag, nutzen Lücken in der Regelorganisation und handeln nicht selten auch gegen formale Regeln.
  5. Die Graswurzelorganisation kommt sehr lange ohne Struktur und Hierarchie aus.
  6. Sie verfügt meist weder über Budget noch Zeit, findet aber Wege, bestehende Kräfte „umzulenken“.
  7. Die Akteure nehmen sich ausreichend Zeit, sich intern zu vernetzen – erst wenn sie gut verwurzelt sind, kommen sie aus der Deckung.
  8. Die Lebenszeit der Graswurzel ist begrenzt: Sie löst sich irgendwann auf oder wird Teil der Formalstruktur.

Graswurzelinitiativen machen damit Dinge besprechbar und sichtbar. Sie schaffen einen einigermaßen sicheren Raum für Experimente und entfalten so im Erfolgsfall Wirkung auf die Organisation.

Graswurzelinitiativen, die zunächst im Stillen gedeihen, Wurzeln schlagen und, wenn sie Sicherheit verspüren, ans Licht kommen, können erst ein Nukleus und schließlich die Basis für Veränderung aus der Mitte sein. So lautet auch die Empfehlung der Wirtschaftswissenschaftler und Autoren Gary Hamel und Michele Zanini: „Build a change platform, not a change program!“ Das umfasst geradezu die Einbindung aller Kräfte, die Ermöglichung von Vernetzung sowie den Fokus auf Partizipation. Und es unterstreicht unsere Forderung, sich auch im Führungsprozess auf den Kontrollverlust einzulassen. Schließlich korrigiert diese Erfahrung den auch heute noch weit verbreiteten Irrglauben, dass Veränderungen stets durch Entscheider initiiert sind, man derlei Prozesse wie ein Software-Update einführt und der Wandel mit logischen Instrumenten designt, geplant und umgesetzt werden kann.

Wir glauben: Veränderung ist heute in erster Linie ein Experimentierraum, in dem der Wandel aus der Mitte heraus – ohne die Metriken der alten Kontrollmechanismen – mitgestaltet werden kann und muss. Unsere Analyse der Graswurzelbewegungen bestätigt unsere Forderung und zeigt die Notwendigkeit, die Zukunft des Unternehmens partizipativ zu gestalten. Wenn Organisationen überleben wollen, kommen sie um ein Loslassen, die Preisgabe vertrauter, Sicherheit simulierender Kontrollmechanismen nicht herum. Schaffen wir also Raum, in dem Initiativen gedeihen können.

AutorInnen:

Sabine Kluge hat ihre Wurzeln in der Unternehmensstrategie für Technologiethemen und brennt heute für das Themenfeld „New Work in Organisationen“. Für das Personalmagazin gehörte sie 2019 zu den 40 führenden HR-Köpfen und im Jahr 2020 zu den Top 20 HR-Influencern. Mit ihrem Unternehmen Kluge + Konsorten begleitet sie Unternehmen auf dem Weg durch die digitale und kulturelle Transformation.
Alexander Kluge ist als Gründer und technologiebegeisterter Berater und Begleiter seit mehr als 25 Jahren mit seinen Kunden auf der Suche nach neuen zeitgemäßen Antworten auf die Frage: Wie wollen wir morgen besser zusammenarbeiten, besser führen und bessere Entscheidungen treffen? Mit seinem Unternehmen Kluge + Konsorten begleitet er Unternehmen auf dem Weg durch die digitale und kulturelle Transformation.

 

Veränderungen sind unvermeidlich, erfordern jedoch positives Menschenbild und Empathie der Treiber. Dabei ist die Kommunikation von großer Bedeutung. Im Beitrag „Der Widerstand gegen Veränderungen in Organisationen“ wird genau dies thematisiert..

Erleben Menschen eine Tätigkeit als sinnstiftend, ist die intrinsische Motivation in der Regel besonders hoch. Neuerdings sprechen aber auch Firmenlenker zunehmend vom Unternehmens-Purpose. Sind das zwei Seiten derselben Medaille – oder geht das gar nicht zusammen?

Es ist ja schon ein besonderer Luxus, dass viele von uns in unserer hochentwickelten und wohlhabenden westlichen Welt nach intrinsischer Motivation, Selbstverwirklichung und sinnvoller Arbeit streben. In meinem Umfeld antworten immer mehr Menschen auf die Frage „Was ist ein Unternehmen?“ in etwa so: Ein Unternehmen ist ein Zusammenschluss von Menschen, die nach dem gleichen Sinn streben. Dieser Trend ist in vielen Studien der vergangenen Jahre deutlich erkennbar. Immer mehr Absolventen und (nicht nur) jüngere Mitarbeiter suchen im Beruf nach Berufung, Selbstbestimmung und Purpose.

Welche Wirkung möchte ich erzielen?

Allerdings hat der Trend noch lange nicht alle erreicht. Viele Menschen haben sich noch keine konkreten Gedanken gemacht, was genau ihr beruflicher Purpose ist. Die typischen Klienten in meinen Individual- oder Team-Coachings sind gestandene Manager und Managerinnen jenseits der 40, die sich häufig in stressigen „Sandwich“-Positionen mit Druck von oben und unten befinden. Wenn ich sie nach ihrem beruflichen Purpose befrage, bekomme ich oft Antworten wie „überleben“, „Familie ernähren“ oder „erfolgreich sein“.

Ich hake dann nach und stelle präzisere Fragen:

  1. Was treibt Dich an, was motiviert Dich?
  2. Was siehst Du als Deine Berufung, wann bist Du in Deinem Element?
  3. Welche Wirkung möchtest Du erzielen, wozu möchtest Du beitragen?
  4. Was sollen die Chefs anlässlich Deiner Verabschiedung in den Ruhestand später mal sagen?

 

Viele schauen mich dann mit großen Augen an: Darüber hätten sie noch gar nicht nachgedacht, heißt es häufig. Und wenn sie anfangen darüber nachzudenken, wird es spannend und diese Fragen lassen sie meist nicht mehr los. Insbesondere angestellte Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen realisieren häufig, dass sie meist „Dienst nach Vorschrift“ machen und aufgehört haben, über wichtige Fragen des (Arbeits-)Lebens nachzudenken. Entsprechend sensibilisiert finden die Sinnsucher schnell ein reichhaltiges Angebot an Coaching, Seminaren und Fachbüchern zu intrinsischer Motivation und individuellem Purpose.

Konzerne auf Selbstfindungstrip

In Unternehmen läuft es ganz ähnlich. Die deutsche Konzernwelt scheint derzeit auf Selbstfindungstrip zu sein. Denn in einer globalisierten, komplexen und immer krisengeschüttelteren Welt ist vielen Unternehmen der eigene Purpose und ihr strategisches Narrativ nicht klar. Aber sowohl Shareholder als auch Stakeholder stellen vermehrt Fragen:

  1. Warum existieren wir als Unternehmen?
  2. Was tun wir, um die Welt besser zu machen?
  3. Wie nachhaltig und klimaschonend wirtschaften wir?
  4. Was treibt uns an jenseits von Geld verdienen und Profit maximieren?

 

Purpose-Berater schießen intern wie extern aus dem Boden, um mitzuhelfen, diese Fragen zu beantworten. Viele große und kleinere Unternehmen suchen ihren Purpose und sind erleichtert, wenn sie glauben, ihn gefunden zu haben. Wenn der Purpose und das restliche strategische Narrativ stimmig sind, können Fragen von Bewerbern nach dem „Cultural Fit“ besser beantwortet werden – und Fragen von Mitarbeitern und Stakeholdern zu Nachhaltigkeit, gesellschaftlicher Verantwortung und Klimafreundlichkeit ebenso.

In einem konstruktiven Austausch bleiben

Unternehmen können den Purpose-Trend für sich nutzen, zum Beispiel im Recruiting-Prozess mit Bewerbern und mit neuen Mitarbeitenden während des Onboardings. So hat mich die Kulturwandel-Beratung Senn Delaney, für die ich als freier Berater arbeite, zu Beginn unserer Zusammenarbeit mit anderen neuen Kollegen zu einem Workshop eingeladen. An zwei Tagen wurden unter anderem folgende Fragen reflektiert und diskutiert:

  1. Wie ist unser Purpose-Statement als Unternehmen?
  2. Wie ist es entstanden?
  3. Was könnte es für Dich bedeuten?
  4. Was möchtest Du bei uns bewirken?
  5. Wie würdest Du Dein persönliches Purpose-Statement beschreiben?
  6. Wie passen die beiden Purpose-Statements (Organisation/Person) zusammen, wo gibt es Schnittmengen?
  7. Was motiviert Dich, für und mit uns zu arbeiten?

Es war ein gelungener und „sinn-voller“ Einstieg in die gemeinsame Arbeit.

Das Arbeiten am strategischen Narrativ bietet noch weitere Chancen. Es ermöglicht Unternehmen wie Mitarbeitern, kontinuierlich in einem konstruktiven und sinnvollen Austausch zu bleiben über den Zustand und die Weiterentwicklung des Unternehmens. Purpose-Statements oder auch neue Werte einfach „auszurollen“, hat noch nie funktioniert. Aber Zeit und Rahmen zu geben, diese im jeweiligen Kontext zu reflektieren, weiterzuentwickeln, anzuwenden und mit eigenem Inhalt zu füllen, kann für Organisationen und deren Menschen sehr kraftvoll sein. Purpose wird so zum Treiber und Richtungsgeber und fördert sowohl die intrinsische Motivation des Mitarbeiters als auch die strategische Weiterentwicklung des Unternehmens.

Kritiker dieses Trends nach mehr Purpose wenden ein, dass mit zu hohen Ansprüchen verwöhnter Mitarbeitender die Wandlungsfähigkeit der Unternehmen abnehmen kann: „Für Mitarbeiter ist es schwer einzusehen, weswegen sie Veränderungen akzeptieren sollten, die nicht ihren Vorstellungen des Zwecks entsprechen“, schrieb der Organisationssoziologe Stefan Kühl in einer der vergangenen changement-Ausgaben.

Das ist ein valides Argument, denn eine (Mit-)Arbeit in einem Unternehmen ist natürlich kein Wunschkonzert. Es gehört aufseiten der Mitarbeitenden und der Unternehmen eine konstruktive und realistische Grundhaltung dazu. Und es braucht für die beschriebenen Prozesse Selbstreflektion, Neugier, Eigenverantwortung sowie einen guten Schuss Kompromissfähigkeit. An einer entsprechenden Haltung und Unternehmenskultur sollten Unternehmen und ihre Mitarbeitenden mit Geduld und Engagement arbeiten. Denn: Von nix kommt nix.

Autor:

Axel Kersten hat seinen Purpose darin gefunden, seine Kunden zur effektiven und „sinn-vollen“ Zusammenarbeit anzustiften. Er arbeitet seit 2013 als Coach, Berater und Facilitator mit immer agiler werdenden internationalen Teams und Organisationen. Zuvor war er in leitenden Funktionen unter anderem bei SAP und der Deutschen Telekom beschäftigt. (www.axel-kersten.de)

 

Vielerorts herrscht bei den Mitarbeitern eine große Veränderungsmüdigkeit und man kann es ihnen nicht verübeln. Es wird zu viel „mitgenommen“, statt auf das dem Menschen innewohnende Bedürfnis nach Autonomie-Erleben einzugehen. Ein erster Schritt wäre, die Erkenntnisse der Selbstbestimmungstheorie zu berücksichtigen.

Die Menschen in deutschen Unternehmen sind change-müde, das Gros aller Projekte erreicht nach Ansicht der verantwortlichen Manager seine Ziele nicht. Spricht man Mitarbeiter in Unternehmen unterhalb des Top-Managements auf laufende Projekte an, so verdrehen viele von ihnen die Augen und winken ab, zumindest hinter verschlossenen Türen. All das erklärt sicherlich den Erfolg von Sachbüchern mit Titeln wie „Change mich am Arsch“. Dies geschieht, obwohl Change-Wissen reichlich vorhanden ist – oder zumindest sein sollte. Es gibt Berge an Literatur und Seminare, auch die stetig wachsende Blogosphäre quillt über mit guten Ratschlägen, wie man die „Menschen dort abholt, wo sie stehen“ und dann auch wirklich „alle mitnimmt“. Leider scheint es so, als ob dies am Ende des Tages vielerorts ein bloßes Lippenbekenntnis bleibt:

  1. Da werden Veränderungsziele, ausgehend vom Top-Management, auf die verschiedenen Abteilungen „heruntergebrochen“ (welch schöne Metaphorik tut sich auf, wenn man sich dies einmal bildlich vorstellt).
  2. Da werden Personen abgeholt, wo sie stehen, obwohl diesen nicht klar ist, warum es am Zielort schöner sein sollte als dort, wo sie sich aktuell befinden.
  3. Da wird nicht gefragt, ob die Menschen vielleicht selber gehen möchten, anstatt „mitgenommen“ zu werden.

Und dann, wenn auch der x-te Meilenstein nicht erreicht wurde und die übergreifenden Ziele in Gefahr sind, holt man einen externen Experten, der die Menschen motivieren soll. „Unsere Belegschaft ist im Widerstand“, heißt es dann in der Vorbesprechung. „Können Sie denen mal so richtig Feuer unterm Hintern machen?“ Derweil sind die besten und engagiertesten Mitarbeiter auf Xing oder LinkedIn und schauen sich nach einem neuen Job um.

Ich bin der Käpt’n meiner Seel’

Für ein besseres Verständnis der oben – zugegeben etwas polemisch beschriebenen Umstände – hilft ein Blick auf die sogenannte Selbstbestimmungstheorie (Self-Determination Theory, SDT), das einflussreichste Theoriegebäude der vergangenen 40 Jahre in der psychologischen Forschung rund um die Frage, was Menschen nachhaltig motiviert. Die Begründer Edward Deci und Richard Ryan gehen von der Idee aus, dass es nicht nur eine Form von Motivation gibt, von der man quantitativ mehr oder weniger verspüren kann. Sie postulieren, dass Menschen ein Kontinuum verschiedener Qualitäten von Motivation erleben können, die mit verschiedenen Konsequenzen einhergehen (siehe Abbildung).

Zentrales Kriterium für die Einordnung auf dem Kontinuum ist der Grad dessen, was die Forscher autonome Regulation nennen. Je mehr Selbstbestimmtheit – quasi Urheberschaft unseres Han delns – wir verspüren, desto motivierter sind wir; je fremdbestimmter, desto mehr schwindet die Antriebskraft. Abgesehen von seltenen Momenten der Amotivation, in denen wir keinerlei Drang verspüren, irgendetwas zu tun, lassen sich vier Stufen der Motivation unterscheiden:

  1. External reguliertes Verhalten bezeichnet Situationen, in denen wir keinerlei Selbstbestimmtheit erleben. Wir handeln dann aufgrund von externem Zwang. Im Extremfall tun wir etwas, weil Leib und Leben bedroht sind (zum Beispiel geben wir jemandem unsere Geldbörse, wenn diese Person uns mit einer Waffe bedroht). Aber es leuchtet ein, dass wir das entsprechende Verhalten unmittelbar einstellen, wenn der externe Reiz verschwindet. Streng genommen gehören Belohnung und Bestrafung (und damit: Anreiz- und Bonussysteme) auch zu diesem Teil des Spektrums.
  2. Introjiziert reguliertes Verhalten ist immer noch von einem hohen Grad an Fremdbestimmung gekennzeichnet. In solchen Situationen handeln wir jedoch nicht aufgrund eines externen, sondern eines inneren Zwangs. Hier geht es beispielsweise um Dinge, die wir tun, um Schuldgefühle zu vermeiden, Ängste zu mindern oder unseren Selbstwert zu stärken.
  3. Bei identifiziert reguliertem Verhalten handelt es sich immer noch um einen Fall von extrinsischer Motivation. Allerdings haben wir die externen Gründe für unser Verhalten weitgehend verinnerlicht; das heißt, wir verstehen die Gründe und bewerten sie positiv. Beispiel: Wir erledigen eine Aufgabe, die wir ursprünglich als wenig spannend erachtet haben, mit einem hohen Grad an Motivation, nachdem unser Vorgesetzter uns plausibel erläutert hat, wie wichtig diese für den Erfolg eines bestimmten Projektes ist.
  4. Bei integriert reguliertem Verhalten handelt es sich streng genommen immer noch um eine Form von extrinsischer Motivation. Allerdings ist sie an jenem Punkt im Erleben kaum noch von intrinsischer Motivation zu unterscheiden. Wie der Begriff andeutet, sind die ursprünglich externen Gründe für unser Verhalten zu einem solch starken Grad internalisiert und schließlich integriert worden, dass sie sich wie ein Teil von uns anfühlen. An diesem Punkt erleben wir uns, wie bei intrinsischer Motivation, vollständig als Quelle und Urheber unseres Tuns. Das zeigt sich vor allem dadurch, dass wir das Verhalten unbedingt zeigen wollen und auch nur schwer davon abzubringen sind.

Es sollte an dieser Stelle deutlich werden, dass viele Aspekte von Arbeit in hierarchischen Organisationen dem Autonomie-Erleben der Mitarbeiter per se abträglich sind – nicht nur im Rahmen von Change-Projekten, sondern ganz allgemein. In eine Konstellation einzutreten, in der man einen bzw. mehrere Vorgesetzte hat, bedingt notwendigerweise, einen Teil der Autonomie aufzugeben. Zudem unterwirft man sich nicht nur hierarchisch höhergestellten Personen, sondern auch Regeln, Bestimmungen und Prozessen.

Hilf mir, es selbst zu tun

Abhilfe schafft, was Deci und Ryan Autonomie-Support nennen. Darunter lassen sich sämtliche Maßnahmen zusammenfassen, die Mitarbeitern helfen, eigenverantwortlich zu agieren und sich selbst als Autoren ihres Handelns zu erleben. Erwerbsarbeit wird immer einen Anteil an Fremdbestimmung mit sich bringen. Aufgabe erstklassiger Führungskräfte ist es, diesen möglichst auf ein Minimum zu begrenzen. Autonomie-Support geht laut Studien nachweislich mit mehr Engagement, erhöhter Performance sowie weniger Wechselmotivation, aber auch mit mehr psychologischem Wohlbefinden bzw. weniger Erschöpfung und Burnout-Symptomen einher.

Autonomie-Support im Change

Ein gewichtiger Teil des Autonomie-Supports bestünde erstens darin, Menschen zu informierten Entscheidungen zu verhelfen. Ist das Anliegen etwas, was ich von ganzem Herzen unterstützen kann und möchte? Will ich wirklich auf diese Reise mitgehen? Menschen interessieren sich allerdings meist wenig für die Reise selbst und umso mehr für die (subjektive) Attraktivität des Ziels. Schon an dieser Stelle scheitern viele Change-Projekte. In diesen Zeiten geht es häufig um Digitalisierung

und die zugehörigen Prozessveränderungen. Digitalisierung ist allerdings kein Ziel, sondern ein Mittel zum Zweck. Genauso wenig dürften die meisten Mitarbeiter unterhalb der ersten Führungsebene irgendwelche Renditeziele oder sonstige abstrakte Finanzkennzahlen interessieren. All das trägt nicht. Stattdessen müssen Führungskräfte plausibel und authentisch erklären können, was der Sinn (hinter dem Ziel) des Change-Projektes ist. Einfach gesagt: Warum sollte es die Kunden und die Welt an sich überhaupt kümmern, ob die Organisation in zehn oder zwanzig Jahren noch existiert? Das erfordert allerdings eine sehr tiefe Auseinandersetzung mit sich selbst – und der „Seele“ der Organisation. So etwas macht man nicht mal eben in einem Halbtagesworkshop. Vermutlich passiert es deswegen so selten.

Zweitens könnte man sich etwas bei Starbucks abschauen – und die Wahlmöglichkeiten rund um das Change-Projekt erhöhen. Welche Espresso-Bohne? Single oder Double Shot? Normale, Halbfett- oder Soja-Milch? Die Cafés aus Seattle sind unter anderem deswegen so erfolgreich, weil sie den Menschen – innerhalb eines weit abgesteckten Rahmens – ein Höchstmaß an gefühlter Autonomie bieten. Vieles von dieser Vorgehensweise ließe sich auf Change-Projekte übertragen. Muss ich (als Abteilung) beispielsweise sofort mitmachen oder kann ich mir den Zeitpunkt aussuchen? Kann ich mir die Dosis aussuchen? Kann ich frei über Mittel und Wege entscheiden? Kann ich zwischen verschiedenen Implementierungsgraden wählen?

Drittens könnte eine – zugegeben etwas radikalere Form des Autonomie-Supports – darin bestehen, Change-Projekte seitens der Geschäftsführung komplett oder in Teilen aus der Hand zu geben. Wohlgemerkt: Es ginge hier ums Loslassen, nicht um Delegation; das sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Loslassen könnte so aussehen, dass ein Projekt inklusive entsprechender Ausstattung mit Ressourcen in die Hände eines Mitarbeiterkonsortiums gegeben wird. Statt aber nun engmaschig KPIs und Milestones zu kontrollieren, würde man geloben, beispielsweise erst nach Ablauf einer Jahresfrist zum ersten Mal Bilanz zu ziehen. Freilich würde dies ein sehr hohes Maß an Vertrauen in den guten Willen und die Selbststeuerungsfähigkeiten der Mitarbeiter verlangen. Doch etwas bissig ausgedrückt: Viel höher als gegenwärtig könnte die Misserfolgsquote kaum ausfallen. Warum nicht einmal eine Zeit lang die Hände ganz vom Steuer nehmen – und schauen, ob man trotzdem ankommt?

Autor:

Dr. Nico Rose ist seit April 2019 Hochschullehrer an der International School of Management (ISM) in Dortmund. Zuvor arbeitete er als Vice President im Stab des Personalvorstands von Bertelsmann. Sein Buch „Arbeit besser machen: Positive Psychologie für Personalarbeit und Führung“ erschien im Juni im Haufe-Verlag. Es erläutert Theorie und Anwendung der Positiven Psychologie in Organisationen. Zusätzlich enthält es viele Tipps und Tricks für die Praxis sowie 33 Experten-Interviews, unter anderem mit Adam Grant, Professor an der Wharton Business School, und dem FDP-Vorsitzenden Christian Lindner.

 

Veränderungen sind unvermeindlich, erfordern jedoch positives Menschenbild und Empathie der Treiber. Dabei ist die Kommunikation von großer Bedeutung. Dies wird im Beitrag „Der Widerstand gegen Veränderungen in Organisationen“ thematisiert.